Das Geheime Deutschland ist ein Schlagwort, das dem George-Kreis entstammt, wo es mit verschiedenen Bedeutungen verwendet wurde: Der Historiker Eckhart Grünewald definiert ihn als „eine Gruppe von Personen, die dieses [d. i. das Geheime Deutschland] verkörpern oder verheißen, zugleich als Vision eines Deutschland, das eine ‚innerliche Einheit‘ nach Vorstellungen Stefan Georges darstellt; schließlich wird dieser Begriff synonym gebraucht für den George-Kreis“.Eckhart Grünewald: Ernst Kantorowicz und Stefan George. Beiträge zur Biographie des Historikers bis zum Jahre 1938 und zu seinem Jugendwerk Kaiser Friedrich der Zweite. Wiesbaden 1982, S. 76.
Begriffsgeschichte Vorgeschichte bei Lagarde und Langbehn Ernst Kantorowicz wies 1933 darauf hin, dass die Idee des geheimen Deutschlands bereits eine Vorgeschichte bei Paul de Lagarde und Julius Langbehn habe.Ernst Kantorowicz: Das Geheime Deutschland. In: Robert Benson, Johannes Fried: Ernst Kantorowicz. Erträge der Doppeltagung. Stuttgart 1997, S. 77–93, hier S. 78. Dort heißt es sogar, Lagarde habe den Begriff „geprägt“, was aber bisher nicht bestätigt werden konnte. Bei Lagarde, einem erfolgreichen und vielgelesenen deutschnationalen Kulturphilosophen, findet sich zwar der Begriff selbst nicht. Die Verbindung des Geheimen mit dem Nationalen wird hier aber bereits gezogen, etwa in der Schrift Über die gegenwärtige Lage des Deutschen Reichs von 1875: „Gäbe es wenigstens Verschworene unter uns, einen heimlich offenen Bund, der für das große Morgen sänne und schaffte, und an den, wenn ihn auch in diesen umgekehrten Pfingsttagen die Menge nicht verstehn würde, alle sich anschließen könnten, deren unausgesprochenem Sehnen er das Wort böte“.Paul de Lagarde: Über die gegenwärtige Lage des Deutschen Reichs. Ein Bericht . In: Paul de Lagarde: Schriften für das deutsche Volk. 2 Bände, München 1924, Band 1, S. 114–194, S. 145, hier zitiert nach Eckhart Grünewald: Ernst Kantorowicz und Stefan George. Beiträge zur Biographie des Historikers bis zum Jahre 1938 und zu seinem Jugendwerk „Kaiser Friedrich der Zweite“. Wiesbaden 1982, S. 78. George kommentierte diese sehnsüchtigen Vorstellungen später bei einer gemeinsamen Lagarde-Lesung mit den Worten: „Jetzt gibt es Verschworene. Und am schönsten ist so eine Verschwörung ganz am Anfang“.Edith Landmann: Gespräche mit Stefan George. Helmut Küpper vormals Georg Bondi, Düsseldorf/München 1963, S. 50. An einer anderen Stelle nimmt Lagarde ebenfalls spätere Gedanken von George und Kantorowicz vorweg: „Das Deutschland welches wir lieben und zu sehen begehren, hat nie existiert, und wird vielleicht nie existieren. Das Ideal ist eben etwas, das zugleich ist und nicht ist […]. Die Menschen gedeihen nur an der geheimnisvollen Wärme eines nie gesehenen Sternes […]. Deutschland würde gegründet werden, indem wir gegen die jetzt gültigen Laster ersichtlich undeutsch beeinflußter Zeit uns verneinend verhielten, indem wir zur Abwehr und Bekämpfung dieser Laster einen offenen Bund schlössen, welcher der äußerlichen Kennzeichen und Symbole so wenig entbehren dürfte wie der strengsten Zucht […]“.Paul de Lagarde: Die Religion der Zukunft . In: Paul de Lagarde: Schriften für das deutsche Volk. Band 1, München 1924, S. 251–286, hier S. 279 f. Hier zitiert nach Eckhart Grünewald: Ernst Kantorowicz und Stefan George. Beiträge zur Biographie des Historikers bis zum Jahre 1938 und zu seinem Jugendwerk „Kaiser Friedrich der Zweite“. Wiesbaden 1982, S. 78, vgl. auch dort, Anm. 95.
Im populären Buch Rembrandt als Erzieher des nach diesem Buch „Rembrandtdeutscher“ genannten Kulturkritikers Julius Langbehn tritt dann 1890 die Figur des „heimlichen Kaisers“ der Deutschen auf.
Frühe Verwendung im George-Kreis Zum ersten Mal wurde der Begriff 1910 von Karl Wolfskehl in einem Beitrag für das erste Jahrbuch für die geistige Bewegung benutzt. Ebenso wie einen anderen Zentralbegriff des George-Kreises, den Wolfskehl prägte, den des „Neuen Reiches“,Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 149 sah Wolfskehl ihn zugleich als Anspruch und Wirklichkeit. An dichterische und ihre jeweilige Zeitgenossenschaft prägende Persönlichkeiten gebunden, war das Geheime Deutschland für Wolfskehl ebenso überzeitlich und eschatologisch.Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 167–183 Zur kulturgeschichtlichen Genealogie des Geheimen Deutschland gehörten die von George und seinen Anhängern verehrten Dichter, die George und Wolfskehl in einer gemeinsamen, dreibändig angelegten Anthologie Deutsche Dichtung würdigten, hierzu zählten insbesondere Goethe und Hölderlin, daneben u. a. auch Clemens Brentano, Eichendorff, Jean Paul, Conrad Ferdinand Meyer, Mörike, Novalis und Platen.Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 165 Gemeinsam mit Friedrich v.d. Leyen hatte der mediävistisch ausgebildete Wolfskehl 1909 in der Sammlung Älteste Deutsche Dichtung auch wirkungsmächtige mittelalterliche Autoren wie Wolfram v. Eschenbach, Walther v.d. Vogelweide und den Archipoeta in die Vorgeschichte des Geheimen Deutschland aufgenommen.Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 166 Das Geheime Deutschland wurde jedoch von Wolfskehl und manchen anderen Georgeanern darüber hinaus in einer europäischen Dimension wahrgenommen; zu seinen geistigen „Ahnherren“ im weiteren Sinn rechnete man Homer, Plato, Pindar und Alexander d. Großen, sodann ausgewählte römische Kaiser, sowie mittelalterliche Kaiser aus dem Geschlecht der Karolinger, Ottonen und Staufer, aber etwa auch Dante. Wolfskehl sprach davon, dass es in der Gegenwart gelte, mittels des Geheimen Deutschland eine Reihe alter europäischer Tugenden, „Zucht und Tucht, den Inbegriff römischer virtus, hellenischer Kalokagathie, und Arete“ zu regenerieren.Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 170 Noch in seiner im neuseeländischen Exil entstandenen Spätlyrik nahm Wolfskehl wiederholt auf die diskursive Geschichte des Geheimen Deutschland Bezug, u. a. in seinem Gedicht 'Lebenslied. An die Deutschen', in dem er auch auf die jüdische Bedeutung für die Entfaltung deutscher dichterischer und politischer Kultur einging. In diesem Zusammenhang konnte er sich auf die Genealogie seiner eigenen Familie beziehen; Wolfskehl entstammte der bedeutenden jüdischen Kalonymus-Familie, die von den mittelalterlichen Kaisern aus Italien nach Mainz gerufen worden war. Einer seiner Vorfahren, der Ritter Raw Kalonymus hatte dem römisch-deutschen Kaiser Otto II. in der Schlacht am Kap Colonna bei Crotone sein eigenes Pferd überlassen, nachdem der Kaiser sein Pferd verloren hatte, und so das Leben des Kaisers und die Sukzession der Kaiserherrschaft und des Reiches gerettet.Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 369–411
In seinem Aufsatz in Die Blätter für die Kunst und die neueste Literatur nutzte Wolfskehl den Begriff auch für die Dichtung und Weltanschauung Stefan Georges, den er damit vom „offiziellen“ Deutschland des damaligen Kaiserreiches absetzte.Karl Wolfskehl: Die Blätter für die Kunst und die neuste Literatur. In: Jahrbuch für die geistige Bewegung. Band 1, Berlin 1910, S. 1–18, hier S. 14f. In der Folgezeit wurde der Begriff im George-Kreis vielfach verwendet, so in einer Rede Norbert von Hellingraths, eines Freundes Wolfskehls und Georges, über Hölderlin und die Deutschen aus dem Jahr 1915.Norbert von Hellingrath: Hölderlin und die Deutschen. Vortrag. In: Norbert von Hellingrath: Hölderlin-Vermächtnis. München 1936, S. 123–153, hier S. 124f. Dazu Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. Blessing, München 2007, S. 409. George selbst wählte ihn in den 1920er Jahren als Titel für eines seiner Gedichte (entstanden frühestens im Sommer 1922), das mit den Zeilen „Reiss mich an deinen rand / Abgrund – doch wirre mich nicht!“ beginnt. 1928 wurde es in seinem letzten Gedichtband Das neue Reich veröffentlicht.Stefan George: Geheimes Deutschland, hier zitiert nach: Stefan George: Die Gedichte. Tage und Taten. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, S. 797–801, hier S. 798. Zum biographischen Hintergrund des Gedichts vgl. etwa Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. Blessing, München 2007, S. 555f. George wurde von vielen seiner „Jünger“ als verborgener geistiger Anführer des Geheimen Deutschland verehrt. Die Georgeaner waren in diesem Sinne eine moderne Geheimgesellschaft. So wurde der Begriff kreis-intern auch verwendet, wenn es darum ging, versteckte Botschaften an eingeweihte Kreismitglieder zu übermitteln.
Geheimes Deutschland und Staufer-Verehrung im George-Kreis Wohl 1924 legte einer der Kreismitglieder – vielleicht Erika Wolters, die Frau von Friedrich Wolters – am Grab des Stauferkaisers Friedrich II., der im Kreis eine besondere Verehrung erfuhr, in Palermo einen Kranz nieder, der auf das Geheime Deutschland verwies.Dazu Karlauf, Stefan George, S. 557f. mit der Vermutung, Erika Wolters habe den Kranz niedergelegt. Auf diesen Kranz spielte der Mediävist Ernst Kantorowicz, ein enger Vertrauter Georges, in der Vorbemerkung zu seinem 1927 erschienenen großen Werk über den Stauferkaiser Friedrich II. an: „Als im Mai 1924 das Königreich Italien die Siebenhundertjahrfeier der Universität Neapel beging, einer Stiftung des Hohenstaufen Friedrich II., lag an des Kaisers Sarkophag im Dom zu Palermo ein Kranz mit der Inschrift: SEINEN KAISERN UND HELDEN / DAS GEHEIME DEUTSCHLAND“.Ernst Kantorowicz: Kaiser Friedrich der Zweite. Georg Bondi Verlag, Berlin 1927, Vorbemerkung (unpaginiert). Später nutzte der jüdischstämmige Kantorowicz den Begriff als Titel seiner letzten, am 14. November 1933 in Frankfurt am Main gehaltenen Vorlesung, in der er sich noch einmal zu George und seiner Ideenwelt bekannte.Gedruckt in: Ernst Kantorowicz: Das Geheime Deutschland, herausgegeben von Eckhart Grünewald. In: Robert L. Benson, Johannes Fried (Hrsg.): Ernst Kantorowicz. Erträge der Doppeltagung Institute for Advanced Study, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt. Steiner, Stuttgart 1997, S. 77–93 (auch in: George-Jahrbuch, Band 3, 2000, S. 156–175). Vgl. dazu Eckhart Grünewald: „Übt an uns mord und reicher blüht was blüht!“ Ernst Kantorowicz spricht am 14. November 1933 über das „Geheime Deutschland“. In: Benson, Fried (Hrsg.): Ernst Kantorowicz. S. 57–76 (auch in: George-Jahrbuch. Band 3, 2000, S. 131–155). Er wies dabei ausdrücklich auf die Rolle Wolfskehls zur Entwicklung des Begriffs im George-Kreis hin.Norman Franke, ‘Divina Commedia teutsch’? Ernst H. Kantorowicz: der Historiker als Politiker. In: Historische Zeitschrift (291, 2/2010), S. 297–330
Um 1930 wurde der Begriff auch außerhalb des George-Kreises gelegentlich verwendet, so etwa in einer Schrift Friedrich Glums.Friedrich Glum: Das geheime Deutschland: Die Aristokratie der demokratischen Gesinnung. G. Stilke, Berlin 1930. Wie andere suggestive Begriffe aus national-romantischen und national-konservativen Diskursen wurde er 1933 auch von nationalsozialistischen Ideologen und Politikern trivialisiert und usurpiert.
Das Geheime Deutschland während des Nationalsozialismus