mini|Die Südkirche von Norden Die evangelische Südkirche steht in der Pliensauvorstadt der Kreisstadt Esslingen in Baden-Württemberg. Ihre Stadtkirchengemeinde Esslingen gehört zum Kirchenbezirk Esslingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die 1925/26 nach Plänen von Martin Elsaesser errichtete Kirche ist ein Gebäude der ReformarchitekturElisabeth Spitzbart: Einleitung. In: Südkirche Esslingen 1926. Bauheft 06 [...], Hamburg 2015, S. 2. mit expressionistischen Gestaltungselementen. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Es gilt als eines der interessantesten Bauwerke des 20. Jahrhunderts in Esslingen am Neckar.
Geschichte Vorgeschichte Mit der Entwicklung zur Industriestadt und mit dadurch steigenden Einwohnerzahlen begann die Besiedlung der Flächen „über der Brück“ südlich des Neckars, die bislang hauptsächlich für Garten- und Weinbau genutzt worden waren. Die Bebauung bestand aus gründerzeitlichen Villen von Fabrikbesitzern und mehrstöckigen Arbeiterwohnhäusern. 1880 wurde die erste „Kleinkinderpflege“ in der Pliensauvorstadt eingerichtet, die schnell großen Zuspruch fand. Im Domizil dieser Einrichtung, „Steck's Säle“ genannt, wurde an Pfingsten 1901 ein erster Gottesdienst gefeiert. Ein weiterer Versammlungsraum für evangelische Einwohner befand sich seit 1892 in der Uhlandstraße 14. 1909 wurde dort die Eröffnung einer provisorischen Pfarrstelle gefeiert, 1919 wurde eine ordentliche Pfarrei eingerichtet. Der erste Pfarrer der Gemeinde war Otto Riethmüller, dem in den ersten schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, bereits vor dem Bau der späteren Südkirche die Aufgabe gestellt war, in der Arbeitergemeinde eine Kirchengemeinde aufzubauen.Frauke Velden-Hohrath, Bernd Weißenborn: Otto Rietmüller (1889–1938). In: Südkirche Esslingen 1926. Bauheft 06 [...], Hamburg 2015, S. 23–26. Zu dieser Zeit existierte bereits ein Kirchenbauverein in der mehrere Tausend Menschen zählenden Gemeinde.
1914 wurde ein Baugrundstück an der Spitalsteige angekauft, doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte zunächst eine Fortführung des Bauprojekts. 1919 erstellte Martin Elsaesser zwei Entwürfe für eine große und eine kleine „Volkskirche“. Die große Version hätte 3000 Personen gefasst und wäre zugleich eine Kriegergedächtniskirche gewesen, die kleine Version, die dann ausgeführt wurde, bot Platz für 927 Besucher. Beide Konzepte enthielten „zwei Gottesdiensträume unter einem gemeinsamen Dach, einer für die Wortverkündigung und einer für die Feier der Sakramente sowie die Andacht“Reinhard Lambert Auer: Beobachtungen, Hintergründe, Deutungen - zur architektonischen Gestaltung, zum Raumprogramm und zur künstlerischen Ausstattung. In: Südkirche Esslingen 1926. Bauheft 06 [...], Hamburg 2015, S. 27–42 – ein Novum in der bisherigen Kirchbaugeschichte, wobei jedoch Otto Bartning zeitgleich in dieselbe Richtung plante. ElsaesserMartin Elsaesser: Neue Gedanken zum evangelischen Kirchenbau. In: Christliches Kunstblatt, Jan./Febr. 1919, H. 1/2, S. 6–12 mit Abb. S. 13–19. hatte sich „seit mindestens 1918 mit dieser innovativen Differenzierung des Kirchengebäudes in zwei Teilräume intensiv beschäftigt,“R. L. Auer: Beobachtungen [...]. Hamburg 2015, S. 28. wobei zur Gottesdienstorientierung von Anfang an auch die Begegnung, die kirchliche Unterweisung und die Chorarbeit in den Gemeinderäumen des Hanggeschosses eingeplant wurde.
Kirchenbau Am 28. Mai 1925 begann der Kirchenbau. Neben finanziellen Schwierigkeiten infolge der Inflation stellte vor allem die Bodenbeschaffenheit – Sandstein auf einer Mergelschicht – und das steil abfallende Gelände die Kirchenbauer vor Probleme. Durch die erforderliche Fundamentsicherung beliefen sich die Baukosten schließlich nicht, wie ursprünglich geplant, auf 140.000 bis 160.000, sondern auf 610.970 Reichsmark. Martin Elsaesser, der neben seiner Tätigkeit in Württemberg zugleich von 1920 bis 1925 Direktor der Kölner Kunstgewerbeschule (ab 1926 Kölner Werkschulen genannt) war und 1925 die Leitung des Hochbauamts in Frankfurt am Main übernahm, musste die Bauaufsicht abgeben und verzichtete nach langen Streitigkeiten auf sein Architektenhonorar. Aus finanziellen Gründen mussten seine ursprünglichen Pläne etwas geändert, „abgespeckt“ werden. Die Kirche wurde 2,40 Meter niedriger, das Dach wurde mit Ziegeln statt mit Kupfer gedeckt und das Gemeindehaus wurde überhaupt nicht errichtet. Während die Höhe des Gebäudes später nicht mehr geändert werden konnte, wurden die Pläne für Dacheindeckung und Gemeindehaus in den 1980er Jahren nachträglich verwirklicht.
Am 14. November 1926 wurde die sich durch eine exzellente Akustik auszeichnende Südkirche eingeweiht. Otto Riethmüller wurde dann der erste Pfarrer der Südkirchengemeinde, wegen Berufung nach Berlin jedoch lediglich bis 1928. Symbol seines theologischen Verständnisses war das Kreuz auf der Weltkugel, das unter anderem den Altar der Südkirche, aber auch Riethmüllers Grabstein auf dem Cannstatter Uff-Friedhof schmückt.
Die Südkirche im „Dritten Reich“ Otto Riethmüllers Nachfolger, Pfarrer Paul Schmidt, betreute die Südkirchengemeinde von 1928 bis 1959. Er gehörte der Evangelischen Bekenntnisgemeinschaft in Württemberg an, die er zeitweilig auch leitete. Pfarrer Schmidt und seine Frau versteckten als Mitglieder der Württembergischen Pfarrhauskette während der Naziherrschaft jüdische Mitbürger in einem versteckten Raum in der Südkirche.Knoll / Velden-Hohrath 2006, S. 16
Gestaltung Funktionale Trennung Die „Volkskirche“ (so die vom Architekten gewählte Beschreibung), die sowohl die Liturgie als auch die Sakramente nahebringen will, ist in Predigt- und Feierkirche unterteilt.Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche - Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, S. 148, 260, 280, ISBN 978-3-95505-592-9. Elsaesser erklärte 1924, sakrale Handlungen im engeren Sinn nähmen nur in Ausnahmefällen einen großen Raum in Anspruchzitiert nach: Andreas Knoll, Frauke Velden-Hohrath u. a.: Die Südkirche in Esslingen (= DKV-Kunstführer, Nr. 638.') München/Berlin 2006, ISBN 978-3-422-02041-2, S. 18. und sollten daher in einem kleineren, der Konzentration förderlicheren Raum gefeiert werden. Die Feierkirche der Südkirche ist kreisrund, während die Predigtkirche einen rechteckigen Grundriss aufweist. Ähnliche Pläne hatte schon 1819 Karl Friedrich Schinkel für die Kirche am Spittelmarkt in Berlin gehegt.Horst Schwebel: Liturgie als Bauherr. Wandlungen im protestantischen Kirchenbau zwischen 1900 und 1950. In: Jean Wolfgang Stock (Hrsg.): Europäischer Kirchenbau 1900–1950. Berlin u. a. 2006, S. 150.
Reformarchitektur Die Esslinger Südkirche ist ein Sakralbau der Reformarchitektur zwischen dem Ende des Jugendstils und dem Beginn der klassischen Moderne und zeigt neben runden und geschwungenen Formen auch gezackte, in die Höhe weisende Elemente, die an die Tradition der Gotik erinnern. Das Äußere der Kirche erinnert aber auch an romanische Kirchen in Frankreich oder Italien. Der Baukörper mit betont handwerklicher Verarbeitung (plastische Horizontalverfugung) des Backsteinmauerwerks verbirgt – außer in den Untergeschoss-Gemeinderäumen – fast vollständig den durchaus auch notwendigen Beton, das Innere zeigt weitere Naturmaterialien wie Holz, Terrakotta, Block- und Plattenkalk für Altar, Taufstein und Bodenbelag; Schmiedeeisen und Messing sind ebenfalls handwerklich veredelt – traditionelle Baumaterialien und Bauweisen also, bei denen in Kunst und Design selbst Stilelemente des Expressionismus einfließen konnten. Darin unterschied sich diese Architektur wesentlich von der Richtung des Neuen Bauens, das sachliche und schlichte Formen bevorzugte und neue Bauweisen entwickelte.
Von außen ist die Einteilung in Predigt- und Feierkirche nicht zu erkennen, wenn man einmal von den kleinen rechteckigen Fenstern absieht, die zu dem seitenschiffartigen Gang gehören, der die Feierkirche umgibt. Überhaupt ist die Fenstergestaltung der einzige von außen sichtbare Hinweis auf die Untergliederung des Gebäudes. Im Erdgeschoss, das nur zur Talseite hin überhaupt mit Fenstern ausgestattet ist, befinden sich große Rundbogenfenster, die zu Gemeinde- und Konfirmandensaal gehören. Die schmalen Rundbogenfenster gehören zum Konfirmanden-, die breiten zum Gemeindesaal. Die hohen, schmalen und in Zweiergruppen angeordneten Fenster der Predigtkirche setzen sich deutlich von den fast quadratischen des Feierkirchen-Umgangs ab. Das Mittelschiff besitzt außerdem oben eine weitere Reihe größerer, rechteckiger Fenster.
An der südöstlichen Ecke zwischen Predigt- und Feierkirche erhebt sich bergseitig ein vierstöckiger Turm auf quadratischem Grundriss. Strebepfeiler zwischen den Fenstern und am Turm sind Elemente, die schon in der Gotik verwendet wurden. Die gotischen Elemente wiederholen sich am Pfarrhaus der Südkirche, das z. B. spitzbogige Treppenhausfenster besitzt.
Aufgrund der Hanglage des Bauwerks befinden sich die Gemeinderäume im unteren Geschoss und die Feierkirche liegt niedriger als die Predigtkirche. Auf der West- und der Hangseite besitzt die Kirche Emporen.kirchbau.de
Künstlerische Einflüsse Genuin württembergische Kunsteinflüsse sind in der Südkirche zunächst nicht zu entdecken, da Martin Elsaesser bereits ab 1920 bis zu seiner Berufung nach Frankfurt am Main 1925 „mit einem Bein in Köln stand“: als Leitender Direktor der Kölner Kunstgewerbeschule (ab 1926 neue Bezeichnung „Kölner Werkschulen“). Nach Esslingen hatte er 1924 versichert, dass er trotz seiner Kölner Beanspruchung das Bauvorhaben Südkirche ausführen könne. Nach dem Wechsel im Direktorat wurden der Kirchenbaumeister Dominikus Böhm und der niederländische Glasmaler Johan Thorn Prikker von Elsaessers Nachfolger als Professoren dorthin berufen. Beide wollten in Köln – Zentrum des westdeutschen Katholizismus – der kirchlichen Reformbewegung sichtbaren Ausdruck verleihen. Hier laufen die Fäden zusammen bzw. von hier gehen sie auch in die süddeutsche evangelische Kirche in Esslingen aus: Martin Elsaesser hatte Dorkas Reinacher-Härlin, die Schwester seiner bewährten Kirchenmalerin Käte Schaller-Härlin, als Leiterin an seine Kölner Keramikklasse berufen. Maria Eulenbruch war deren stark katholisch geprägte Schülerin. Und Johan Thorn Prikkers Hand entstammen eindeutig die Entwürfe (Kartons) für die Farbglasfenster der Feierkirche, die in der Stuttgarter Glaswerkstatt Saile dann ausgeführt wurden.R. L. Auer: Beobachtungen [...]. Hamburg 2015, S. 42.
Predigtkirche Die Predigtkirche ist von einer flachen Holzbalkendecke abgeschlossen und in sachlichem Stil gehalten. Auf der Süd-, der Hangseite ist sie durch ein Seitenschiff mit ansteigenden Rängen erweitert. Dieses Seitenschiff besitzt Nischen mit Tonnengewölben, die an spätgotische und barocke Kirchenbauten erinnern. Die Wände des Mittelschiffs sind unverputzt und zeigen roten Backstein mit grauen Zementfugen, die in dem hellen Raum für interessante Schattenwirkungen sorgen. Die Wände des Seitenschiffs dagegen sind verputzt und nach Originalbefund und Restaurierung wie die Umgangswände der Feierkirche mit verschieden großen, einander überlappenden rechteckigen und in fünf bis sieben verschiedenen Tönen zwischen Grün, Grau und Lehmfarben abgestuften Farbfeldern in Schablonenmalerei gestaltet. Die von Martin Elsaesser selbst vorgenommene Farbgestaltung „[dürfte] wohl weithin ohne Vergleich sein. [...] Das Ergebnis läßt in seinem Farbenspiel zwar noch Anklänge an expressionistische Farbgebungen erkennen, trägt aber konstruktivistische ruhigere Züge.“Norbert Bongartz: Die Südkirche in Esslingen. Rekonstruktion der ursprünglichen Farbigkeit im Kircheninneren. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 8. Jahrgang 1979, Heft 1, S. 41.