mini|Wilamowitz-Moellendorff (1902?) Enno Friedrich Wichard Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, auch Emmo Friedrich Wichard Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (* 22. Dezember 1848 auf Gut Markowitz, Kujawien, Provinz Posen; † 25. September 1931 in Berlin), war ein deutscher Klassischer Philologe. Er lehrte und forschte als Professor in Greifswald (1876–1883), Göttingen (1883–1897) und Berlin (1897–1921). Mit seinen Editionsprojekten, seiner Erneuerung der Textkritik und der Textinterpretation, seiner Einflussnahme auf die preußische Berufungspolitik und seiner Tätigkeit als Wissenschaftsorganisator war er einer der führenden Vertreter seines Faches und prägte die Klassische Philologie des 20. Jahrhunderts im internationalen Raum nachhaltig. Durch seine Arbeiten zu vielen Bereichen der griechischen Literatur, seine Neudefinition des Faches und nicht zuletzt durch seine zahlreichen Schüler übte er großen Einfluss auf die Klassische Philologie aus. Als Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften brachte er mehrere Forschungsprojekte auf den Weg, besonders die Inscriptiones Graecae, die bis heute alle in Griechenland entdeckten antiken Inschriften verzeichnen und herausgeben.
Familie Die Wilamowitz-Moellendorffs haben den zweiten Bestandteil ihres Doppelnamens von Generalfeldmarschall Wichard von Möllendorff (1724–1816), der selbst kinderlos war und im hohen Alter den preußischen Major Theodor von Wilamowitz (1768–1837) und damit indirekt dessen drei Söhne adoptierte. Hugo, Ottokar und Arnold trugen ab 1815 mit königlicher Erlaubnis den Doppelnamen von Wilamowitz-Moellendorff.
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff war das vierte von fünf Kindern und der dritte Sohn des Gutsbesitzers Arnold von Wilamowitz-Moellendorff (1813–1888) und dessen Ehefrau Ulrike, geborene von Calbo (1820–1874). Seine Geschwister waren der spätere Oberpräsident der Provinz Posen und Kommendator des Johanniterordens, Hugo von Wilamowitz-Moellendorff (1840–1905), der Husar Tello von Wilamowitz-Moellendorff (1843–1903) und der spätere Major Georg Wichard von Wilamowitz-Moellendorff (1852–1910). Er hatte noch eine Schwester Maria, die jedoch früh verstarb (16.–24. November 1847).
Leben mini|Gut Markowitz um 1860, Sammlung Alexander Duncker Wilamowitz verbrachte seine Kindheit auf dem väterlichen Gut Markowitz in Kujawien.Paul Dräger: An der Geburtsstätte und am Grabe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorffs. Eine Dokumentation zu seinem 150. Geburtstag. In: Gymnasium 106, 1999, S. 97–151. Włodzimierz Appel (Hrsg.): „Origine Cujavus“. Beiträge zur Tagung anläßlich des 150. Geburtstags Ulrich von Wilamowitz-Moellendorffs (1848–1931) (= Xenia Toruniensia. 4). Toruń 1999. Zunächst von einem Hauslehrer unterrichtet, bezog er 1862 als Tertianer die traditionsreiche Landesschule Pforta. Dort traf Wilamowitz auch den älteren Friedrich Nietzsche und wurde wie dieser ein Spitzenschüler.Siehe: Die Großen Deutschen, Band 5, S. 416. Am 28. Februar 1864 wurde Wilamowitz konfirmiert, war aber zeit seines Lebens eher Agnostiker.
Der Direktor der Landesschule, Karl Ludwig Peter, bei dem Wilamowitz als ExtraneerDeutsches Fremdwörterbuch von Hans Schulz und Otto Basler, Band 5 (Externer) wohnte, und der Lehrer Wilhelm Paul Corssen weckten in dem Schüler Begeisterung für die Altertumswissenschaften. Wilamowitz las lateinische und griechische Autoren; besonders die griechischen Tragiker zogen ihn an. Carl Ludwig Peter empfahl seinem Schüler auch die Lektüre der Römischen Geschichte von Theodor Mommsen, obwohl er sie selbst mit einer kritischen Replik bedacht hatte.
Studium in Bonn und Berlin mini|350px|Wilamowitz (Mitte, mit Hut) im Kreis seiner Mitstudenten (Bonn, Sommersemester 1869) Im September 1867 verließ Wilamowitz Schulpforta mit dem Reifezeugnis und ging an die Universität Bonn, um Klassische Altertumswissenschaften zu studieren. Hier wurde er stark von den Vertretern der sogenannten Bonner Schule der Klassischen Philologie Otto Jahn und Hermann Usener geprägt. Daneben besuchte Wilamowitz die Lehrveranstaltungen des Kunsthistorikers Anton Springer und beschäftigte sich drei Semester lang bei Johann Gildemeister mit Sanskrit. Zum Privatdozenten Johannes Schmidt äußerte er in seinen 1928 verfassten Erinnerungen 1848–1914 anerkennende Worte. Auch die Veranstaltungen bei den Philologen Jacob Bernays und Friedrich Gottlieb Welcker besuchte er. Er äußerte sich auch mit lobenden Worten über den Althistoriker Heinrich Nissen, damals gerade Privatdozent, nach dem Besuch eines einzigen seiner Seminare.
In seiner Bonner Studienzeit freundete sich Wilamowitz mit dem gleichaltrigen Hermann Diels an und lernte die jüngeren Kommilitonen Georg Kaibel und Carl Robert kennen, mit denen ihn später eine feste Freundschaft verband. Mit Diels, Robert und den späteren Gymnasiallehrern Walther Engel und August Fritzsche traf sich Wilamowitz regelmäßig in seiner Bonner Wohnung; ihre studentische Gemeinschaft nannten sie in Anlehnung an die römischen Legionen contubernium („Zeltgemeinschaft“).Otto Kern: Hermann Diels und Carl Robert. Leipzig 1927, S. 33.
Die zunehmende Polarisierung zwischen den Bonner Professoren Otto Jahn und Friedrich Ritschl, die im sogenannten Bonner Philologenkrieg (1865) gipfelte, hatte einen großen Teil der Bonner Philologiestudenten in zwei Lager gespalten. Viele Bonner Studenten waren mit Ritschl an die Universität Leipzig gezogen, darunter auch Nietzsche und Erwin Rohde. Nach Jahns Tod im September 1869 wechselte Wilamowitz zum Wintersemester 1869/1870 gemeinsam mit Diels an die ebenfalls traditionsreiche Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, wo ihn der Philologe Moriz Haupt, ein Pionier der modernen Textkritik, anzog. Hier wurde Wilamowitz im folgenden Semester mit der Dissertation Observationes criticae in comoediam Graecam selectae („Ausgewählte textkritische Beobachtungen zur griechischen Komödie“) promoviert (20. Juli 1870), deren Hauptgutachter Haupt war; sein Rigorosum hatte er am 14. Juli abgelegt.
Kriegseinsatz, Reisen und Streit mit Nietzsche mini|Titelblatt der Schrift Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik mini|Von rechts nach links: Friedrich Nietzsche, Carl von Gersdorff und Erwin Rohde im Oktober 1871 Noch im selben Monat trat Wilamowitz als Einjährig-Freiwilliger den Dienst im preußischen Militär an. Im wenige Tage zuvor ausgebrochenen Deutsch-Französischen Krieg wurde er als Gardegrenadier des Ersatzbataillons des 2. Garderegiments eingesetzt. Zu seiner großen Enttäuschung bekam er keine Gelegenheit, sich im Gefecht zu beweisen.Siehe das Kapitel in seiner Autobiografie Erinnerungen 1848–1914. IV. Krieg, Berlin 1928, S. 105–126. Am 20. Juli 1871, wenige Monate nach Kriegsschluss, endete Wilamowitz’ einjähriger Militärdienst und er kehrte nach Berlin zurück. Zu dieser Zeit kam er zum ersten Mal persönlich mit dem berühmten Historiker Theodor Mommsen in Kontakt, der Gefallen an Wilamowitz’ Arbeit fand und ihn einige Jahre später mit der Herausgabe der Kleinen Schriften des verstorbenen Moriz Haupt beauftragte. Ab August 1872 unternahm Wilamowitz, begleitet von Georg Kaibel, eine eineinhalbjährige Studienreise durch Italien und Griechenland, während der er zahlreiche Handschriften kopierte.
Im Jahr 1872 kam es auch zum Konflikt mit Friedrich Nietzsche. Nietzsche, seit 1869 Professor in Basel, hatte im Mai 1872 die Schrift Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik veröffentlicht und damit eine öffentliche Kontroverse ausgelöst. Dabei ging es um die Abwertung des Euripides, dem Nietzsche die Zerstörung der Tragödie vorwarf. Er setzte gegen den klassizistischen oder historistischen Ansatz der damaligen philologischen Wissenschaft ein intuitives, irrationales Element. Die etablierten Philologen Deutschlands ignorierten Nietzsches Angriff, weil sie seine Arbeit nicht ernst nahmen; auch der von Nietzsche verehrte Professor Ritschl distanzierte sich von der Schrift. Der einzige öffentliche Tadel aus den Reihen der Philologen kam vom jungen Wilamowitz, der im Mai 1872 in der von Rudolf Schöll angeregten Streitschrift Zukunftsphilologie! äußerte:Deutsche Biographische Enzyklopädie, Band 10 (1999), S. 494. „herr Nietzsche tritt ja nicht als wissenschaftlicher forscher auf: auf dem wege der intuition erlangte weisheit wird teils im kanzelstil, teils in einem raisonnement dargeboten, welches dem journalisten […] nur zu verwandt ist.“ Auf die Polemik, mit der Wilamowitz Nietzsches aus Sicht der Philologie unsaubere wissenschaftliche Arbeitsweise kritisierte, ohne inhaltlich auf dessen Thesen einzugehen, reagierte Nietzsche nicht. Sein Freund Erwin Rohde jedoch verfasste eine Gegenschrift mit dem Titel Afterphilologie, in der er ebenfalls gegen Wilamowitz nur polemisierte, und Richard Wagner schrieb einen offenen Brief. Im Februar 1873 reagierte Wilamowitz mit einer Replik: Zukunftsphilologie!, zweites Stück. Eine erwidrung auf die rettungsversuche für Fr. Nietzsches ‚Geburt der Tragoedie‘. Damit endete der Streit ohne Einigung. Die Fachwelt hatte die Kontroverse mit Schweigen und Kopfschütteln verfolgt. Die eifernden gegenseitigen Anschuldigungen, größtenteils von Seiten Wilamowitz’ und Rohdes, waren von Aneinander-vorbei-Reden und Vermeidung der Kernthemen durch Polemik geprägt.Der Streit um Nietzsches „Geburt der Tragödie“. Die Schriften von E. Rohde, R. Wagner, U. v. Wilamowitz-Möllendorff [sic]. Zusammengestellt und eingeleitet von Karlfried Gründer, Hildesheim 1969; Joachim Latacz, Fruchtbares Ärgernis: Nietzsches ‚Geburt der Tragödie’ und die gräzistische Tragödienforschung (= Basler Universitätsreden. 94. Heft). Basel 1998.
Nietzsche wandte sich seiner Neigung folgend endgültig von der Klassischen Philologie ab, was Wilamowitz begrüßte. Erst Jahrzehnte später sollte sich Nietzsches Wirkung fachübergreifend manifestieren, während Wilamowitz’ antiklassizistische Sicht seit den 1920er Jahren durch den „Dritten Humanismus“ verdrängt wurde. In seinen 50 Jahre später verfassten Erinnerungen motiviert Wilamowitz die Abfassung seiner Gegenschrift besonders mit dem Bedürfnis, die aus Sicht der Philologie unlautere Herangehensweise Nietzsches darzustellen, sowie unter anderem mit der scharfen Polemik Nietzsches gegen den von Wilamowitz verehrten Otto Jahn wegen seiner kritischen Besprechung Richard Wagners.
Im April 1873 wurde Wilamowitz in Rom korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts. Hier festigte er seine Kontakte zu Kaibel und Robert und schloss Freundschaft mit seinem späteren Göttinger Kollegen Friedrich Leo. Außerdem begann hier sein regelmäßiger Kontakt mit Theodor Mommsen, mit dem er zeitlebens ein vertrautes, wenn auch spannungsreiches Verhältnis pflegte. Die Aufregung, welche der Laie Heinrich Schliemann zu dieser Zeit durch die Entdeckung des von ihm so genannten „Schatzes des Priamos“ verursachte, fand auch in Rom Widerhall. Besonders die Geschichte von Schliemanns Frau, die den Schatz in ihrem Umschlagtuch an den Wachen vorbeigeschmuggelt haben soll, beflügelte die Phantasie und den Spott der Fachwelt. Zur Weihnachtsfeier des Deutschen Archäologischen Instituts verkleidete sich Wilamowitz als Schliemanns Frau und stellte die Szene zur allgemeinen Erheiterung nach.Erinnerungen 1848–1914, S. 148. In späteren Jahren bereute er diese „würdelose Travestie“.Detaillierte Darstellung bei William M. Calder III: Wilamowitz on Schliemann. In: Philologus 124 (1980), S. 146–151.
Akademische Lehre Nach den Reisen widmete sich Wilamowitz in Berlin seiner Habilitation, die er am 30. Juli 1875 mit den Theodor Mommsen gewidmeten Analecta Euripidea erreichte. Am 7. August hielt er seine Antrittsvorlesung.
Greifswald mini|Wilamowitz in Greifswald (1878) Einen Ruf an die Universität Breslau als außerordentlicher Professor lehnte Wilamowitz ab. Stattdessen ging er zu Ostern 1876 als Nachfolger Eduard Hillers an die Universität Greifswald auf eine Stelle, die eigentlich für Friedrich Nietzsche vorgesehen gewesen war. In Greifswald blieb er bis 1883.