Der Zoologische Garten Berlin ist der älteste bestehende Zoo Deutschlands und einer der artenreichsten Zoos der Welt. Er liegt am Hardenbergplatz im Ortsteil Tiergarten des Berliner Bezirks Mitte an der Grenze zu Charlottenburg.
Im Zoologischen Garten sind auf einer 33 Hektar großen Fläche rund 20.000 Tiere aus etwa 1000 Arten zu sehen. Mit dem angeschlossenen Aquarium gehört der Zoo zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Berlins. Mit 3,6 Millionen Besuchern im Jahr 2024 war die Einrichtung der meistbesuchte Zoo in Europa.
Der Zoo ist Namensgeber des Bahnhofs Zoologischer Garten, der sich am Hardenbergplatz gegenüber dem Zoo-Verwaltungsgebäude und dem Löwentor befindet.
Geschichte
1844–1900 mini|hochkant|Zooanlagen, um 1880
Der Zoologe der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, Martin Hinrich Lichtenstein, hatte 1841 den Preußischen König Friedrich Wilhelm IV. überredet, nicht nur ein Darlehen, sondern auch einen Teil des Geländes seiner Fasanerie am Berliner Tiergarten für die Errichtung eines Zoos unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Dazu verfasste Lichtenstein bereits im Jahr 1840 ein Memorandum an den König. Der Text dieser Denkschrift ist seit 1877 verloren. Sicher ist aber, dass Alexander von Humboldt sie König Friedrich Wilhelm IV. vorlegte, der mit der „Allerhöchsten Kabinettsordre vom 31. Januar 1841“ die Gründung des Zoologischen Gartens ermöglichte.
Als neunter Zoo in Europa wurde der Zoologische Garten Berlin am 1. August 1844 eröffnet. Martin Hinrich Lichtenstein war der erste Direktor. Nach Lichtensteins Tod im Jahr 1857 wurde Wilhelm Carl Hartwig Peters zum Direktor bestellt.Klös et al.: Arche Noah. 1994, S. 65 ff.
Auf Peters folgte am 3. August 1870 der Humanmediziner und Gründungsdirektor des Kölner Zoos, Heinrich Bodinus, als Zoodirektor.Klös et al.: Arche Noah. 1994, S. 73. Er ließ 1871 ein Antilopenhaus errichten, das vor allem wegen seines exotischen Stils zu einer Sehenswürdigkeit wurde. In der darauf folgenden Zeit wurden ein Elefantenhaus, ein Straußenhaus, ein Stelzvogelhaus und das Elefantentor gebaut. Zusätzlich entstanden auf dem Gelände des Zoos Pavillons und Restaurants.
Ein frühes Beispiel für die Erhaltungszucht im Berliner Zoo ist die Haltung von Davidshirschen. Am 26. August 1876 kamen ein Hirsch und zwei Hirschkühe in Berlin an. Zu dieser Zeit gab es im Herkunftsland China nur noch wenige Exemplare dieser Art. Am 2. Mai 1878 gelang die erste Nachzucht von Davidshirschen außerhalb von China. In den folgenden Jahren gab es weitere Zuchterfolge, die die Grundlage für die Erhaltung dieser in der Natur ausgestorbenen Hirschart in zoologischen Einrichtungen legten.
mini|links|Eingang, um 1900
Im Jahr 1885 wurde der Veterinärmediziner Max Schmidt, der zuvor den Zoo Frankfurt geleitet hatte, der Nachfolger von Bodinus.Klös et al.: Arche Noah. 1994, S. 95. Er führte ein Tierinventar und eine geordnete Buchhaltung ein.
Nach Schmidts Tod im Jahr 1888 übernahm Ludwig Heck die Leitung des Zoos und ließ den Tierbestand erweitern, der daraufhin mit dem Bestand des Londoner Zoos vergleichbar war.
1900–1945 mini|Aquarium Berlin, errichtet 1913
Anfangs war der Zoologische Garten mit einem Bretterzaun umgeben. Stattdessen wurde im Jahr 1905 eine einfache Mauer errichtet, die nebst einem Farbanstrich mittels aufgesprühtem feinem Sand das Aussehen einer Sandsteinmauer erhielt.Eine neue Umzäunung (rechte Spalte). In: Berliner Volkszeitung, 19. August 1905.
Im Jahr 1905 wurde auch darüber berichtet, dass der Zoo eine Ausstellungshalle nach Bauplänen des Baurats Gause erhalten solle. Das Projekt wurde der Zoo-Aktiengesellschaft vorgestellt und sollte nach der Fertigstellung der AG zur langjährigen Pacht überlassen werden. Aus Bevölkerungskreisen gab es jedoch massive Kritik daran, dass mit einem solchen Objekt der Garten-Charakter des Zoos verloren, ginge und vom nutzbaren Terrain für die Tiergehege damit weiteres einem artfremden Zweck zugeführt werde.Der Hallenplan im Zoo. In: Berliner Tageblatt, 27. September 1905. Wie festzustellen ist, kam es nicht zum Bau einer Ausstellungshalle.
Im Jahr 1913 wurde das unter der Planung des Verhaltensforschers Oskar Heinroth entstandene Aquarium eröffnet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Anlagen zu Außengehegen nach dem Vorbild des Tierparks Hagenbeck in Hamburg ausgebaut.
Von 1910 bis 1912 wurde der Marmorsaal erbaut, der seinerzeit einer der größten Säle Berlins war. Er befand sich im Mittelbau des Gaststättenkomplexes am südöstlichen Rand des ZoogeländesDie neuen Restaurations- und Saalbauten im Zoologischen Garten zu Berlin. In: Deutsche Bauzeitung, 1912, Band 46, S. 1–6, 29–34, kobv.de/opus4-btu (PDF; 60 MB). und wurde als Wirtshaus und Kino genutzt. Der Film Nosferatu hatte dort 1922 Premiere. Außerdem fand in den 1930er Jahren im Saal mehrmals der Reichspresseball statt.Zoologischer Garten Berlin. In: kauperts.de. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Saal zerstört und nicht neu eingerichtet.
Ludwig Hecks Sohn Lutz Heck folgte 1932 als Direktor. Unter seiner Leitung wurde im Jahr 1939 Juden der Zutritt zum Zoo verboten. Während der deutschen Besetzung Polens war das SS-Fördermitglied Lutz Heck maßgeblich an der systematischen Verschleppung von Zootieren ins Deutsche Reich, insbesondere aus dem Warschauer in den Berliner Zoo, beteiligt.
Im Zweiten Weltkrieg wurde durch alliierte Luftangriffe ein Großteil des Zoos zerstört. Nach mehrtägigen Bombenangriffen Ende November 1943, bei denen auch der Zoo schwer getroffen worden war, genoss dessen Instandsetzung politische Priorität: Reichsminister Speer ordnete Räumungsarbeiten an und ließ 750 Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit im Zoo abstellen. Von insgesamt 3715 Tieren überlebten nur 91, unter ihnen zwei Löwen, zwei Hyänen, der asiatische Elefantenbulle Siam, der Flusspferdbulle Knautschke, zehn Mantelpaviane, die Schimpansin Suse, ein Schwarzschnabelstorch und ein Schuhschnabel.
1945–1990 mini|Fütterung eines See-Elefanten, um 1980
Von 1945 bis Ende 1956 wurde der Zoo von Katharina Heinroth, der Ehefrau Oskar Heinroths und damals einzigen Zoodirektorin Deutschlands, geleitet. Sie organisierte den Wiederaufbau des Zoos, ließ das Antilopenhaus renovieren und ein Elefantenhaus sowie ein Flusspferdhaus neu bauen.
Heinz-Georg Klös übernahm 1956 die Leitung des Zoos und führte weitere Wiederauf- und Ausbauten durch. Er ließ unter anderem Affenhäuser, ein Vogelhaus, Bärenanlagen und ein Raubtierhaus mit Nachttierabteilung errichten und das Aquarium ausbauen. Man begann mit der Zucht seltener oder vom Aussterben bedrohter Tiere, wie Spitzmaulnashörnern oder Przewalski-Pferden. Außerdem ließ Klös auf dem Gelände des Zoos Tierskulpturen aufstellen und zooarchitektonisch bedeutende Bauten der Vergangenheit rekonstruieren und renovieren (wie das Elefantentor, Löwentor und Giraffenhaus). Er gründete eine Zooschule und sorgte für die Wiederherstellung vieler der alten Gebäude.
Seit 1990 Nach der deutschen Wiedervereinigung konnte die Kooperation mit dem Tierpark in Berlin-Friedrichsfelde intensiviert werden, der als größter Landschaftstiergarten Europas gilt. Von 1991 bis 2002 leitete Hans Frädrich den Zoo. Am 5. Mai 1994 gab die Deutsche Bundespost einen Sondermarken-Block zum 150-jährigen Bestehen des Berliner Zoos und zum 150. Geburtstag von Carl Hagenbeck heraus.
In die Kritik geriet der Zoo im Frühjahr 2007, als bekannt wurde, dass Journalisten nur Zugang zum Pressebereich auf der Website erhalten, wenn diese sich verpflichten, nicht negativ über den Zoo zu berichten.Berliner Zoo zwingt Journalisten zu positiver Berichterstattung. In: Spiegel Online, 11. April 2007. Nach dem Bekanntwerden wurde die Regelung geändert.
Zum 1. Juli 2006 wurde Bernhard Blaszkiewitz zum weiteren ordentlichen Vorstandsmitglied der Zoo Berlin AG berufen. Die Aufgabe des Zoodirektors wurde ihm mit Wirkung zum 31. Januar 2007 übertragen, nachdem der bisherige Amtsinhaber, der Vorstandsvorsitzende Jürgen Lange, altersbedingt Ende Januar 2007 ausgeschieden war. Blaszkiewitz war auch Geschäftsführer und Direktor der Tierpark Berlin-Friedrichsfelde GmbH.
Am 19. September 2013 gab der Aufsichtsrat der Zoologischer Garten Berlin AG bekannt, dass Andreas Knieriem, der bisherige Direktor des Münchner Tierparks Hellabrunn, zum Nachfolger des scheidenden Direktors Blaszkiewitz benannt worden ist und somit als alleiniger Direktor beide Einrichtungen leitet. Im Jahr 2014 trat Knieriem sein Amt an.Fatina Keilani, Christoph Stollowsky: Der mit den Elefanten tanzt. In: Der Tagesspiegel, 19. September 2013, abgerufen am 1. März 2014.
Das Archiv der Zoologischen Gärten Berlin wurde 2015 gegründet.
Am 18. November 2022 wurde der Zoo vorübergehend für den Publikumsverkehr geschlossen. Grund für die Schließung war ein Fall von Vogelgrippe H5N1, der bei einem verendeten Wasservogel der Art Hammerkopf festgestellt worden war. Es war der erste Fall von Vogelgrippe im Berliner Zoo. Am 30. November erfolgte ein Statusbericht des Zoos. Bei den Ergebnissen der Tests aller im Zoo lebender Vögel habe es keinen weiteren Fall gegeben. Am 24. Dezember 2022 wurde der Zoo wiedereröffnet. Es gab keine weiteren positiven Testergebnisse.
Im Jahr 2022 wurde ein Masterplan zur Entwicklung des Zoos und des Tierparks Berlin erarbeitet, der geplante Bauprojekte bis 2035 vorstellt. Von den geplanten Neu- oder Umbauten wurden die Nashorn-Pagode und die Anlagen für Braunbären und Wölfe 2023 fertiggestellt. Mit der teilweisen Modernisierung des Aquariums wurde 2023 begonnen, mit dem Bau einer neuen Außenanlage für Großkatzen 2024. Außerdem sind der Neubau einer Anlage für Gorillas auf dem Erweiterungsgelände, eine Sanierung des Affenhauses und die Erweiterung der Anlagen für Okapis und Bongos geplant.
Nach dem lokal begrenzten Ausbruch der Maul- und Klauenseuche auf einem Viehbetrieb in Brandenburg schlossen Zoo und Tierpark ab dem 11. Januar 2025 vorübergehend für den Publikumsbetrieb. Der Zoo wurde am 24. Januar 2025 wieder geöffnet, der Tierpark erst sechs Tage später.
Völkerschauen 1878–1932 mini|150px|Im Zoologischen Garten entstandene Fotoserie der Kawesqar, 1881
Seit Mitte der 1870er Jahre wurden in den meisten Zoos des Deutschen Reichs indigene Menschen auf sogenannten Völkerschauen (heutiger Sprachgebrauch: Menschenzoos) zur Schau gestellt. Insgesamt fanden im Berliner Zoo 25 Völkerschauen statt.Ursula Klös: Völkerschauen im Zoo Berlin zwischen 1878 und 1952. (PDF; 2,1 MB) In: Bongo 30/2000, S. 33–82, und Anja Sokolow: Die dunklen Seiten des Berliner Zoos. Online unter: Märkische Allgemeine, 1. Dezember 2016, abgerufen am 18. Februar 2024.
1878 wurde die erste Völkerschau im Berliner Zoo gezeigt, die Nubier-Karawane von Carl Hagenbeck. 1880 folgte die „Eskimo“-Völkerschau und 1881 Hagenbecks Völkerschau der „Feuerländer“. Die Gruppe der nach Europa verschleppten Kawesqar wurde für etwa fünf Wochen im Straußenhaus zur Schau gestellt. Aufgrund des enormen Besucherandrangs sind beispielsweise vom Sonntag, den 6. November 1881, Ausschreitungen überliefert:
links|mini|Im April 1931 kam eine Gruppe von Sara-Kaba begleitet vom Berliner Zoodirektor Direktor Ludwig Heck am Anhalter Bahnhof an. Die Frauen haben ihre Lippenteller mit Schals verdeckt. (Foto von 1931)