Ein Homonym (griechisch „gleichnamig“) ist ein Ausdruck aus einer Gruppe von Ausdrücken, die äußerlich gleich sind, aber für verschiedene Begriffe stehen. Ein Beispiel ist „Tau“, das ein Seil, den morgendlichen Niederschlag oder einen Buchstaben des griechischen Alphabets bedeuten kann. Wie diese Beispiele zeigen, können grammatisches Geschlecht („das Tau“ / „der Tau“) und Wortformen (Plural „die Taue“ nur für die erste Variante) sich dennoch unterscheiden. Bei Homonymen handelt es sich also trotz einer (partiellen) äußerlichen Gleichheit um verschiedene Wörter (im Sinne von Lexemen).Vgl. Helmut Glück, Michael Rödel (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 5. Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02641-5. Lemma: „Homonymie“ S. 273.
Die erstmalige Verwendung des Wortes homonym findet sich am Anfang der Kategorienschrift von Aristoteles: „Homonym heißt, was nur dem Wort nach gleich ist, dem Wesen nach aber verschieden.“Aristoteles, Kategorien 1, 1–2a).
Der Begriff Homonymie ist ein Gegenbegriff zum Begriff der Synonymie: Bei der Homonymie werden zwei verschiedene Begriffe durch gleichlautende Ausdrücke bezeichnet, bei der Synonymie stehen verschiedene sprachliche Ausdrücke für denselben Begriff. Vor allem in der Philosophie spricht man auch von Äquivokation.
Das Homonym ist nicht zu verwechseln mit dem Homöonym.
Begriff Etymologie Zu Homonym gehört das Adjektiv homonym. Etymologie: , aus „gleich“ und „Name“. Zu Äquivokation gehört das Adjektiv äquivok; Etymologie: spätlateinisch „gleichlautend, mehrdeutig“, aus „gleich“ und „nennen, lauten“.
Mehrdeutigkeit Klassisch spricht man von Homonymie in lexikalischer Hinsicht.Bauer, Knape, Koch, Winkler: Dimensionen der Ambiguität. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. 158, 2010, S. 7 (47). Mitunter spricht man auch von Homonymie in morphematisch-grammatikalischer Hinsicht. Im Folgenden geht es nur um die lexikalische Homonymie.
Der Ausdruck Homonymie ist selbst mehrdeutig. Zum einen hängt seine Bedeutung von der Bestimmung seines Verhältnisses zum Begriff der Polysemie ab, zum anderen von den Verhältnissen zu Homophonie und Homographie.
Abgrenzung zur Polysemie Die Begriffe Homonymie und Polysemie werden verschieden voneinander abgegrenzt. Klassisch wird die Homonymie der Polysemie entgegengesetzt. Ob überhaupt eine Abgrenzung sinnvoll ist, ist umstritten. Die Kritik an der Trennung führt terminologisch dazu, entweder von Homonymie als Oberbegriff für Polysemie und für die Homonymie im klassischen Sinn auszugehen oder dazu, in der Homonymie einen Sonderfall der Polysemie zu sehen. Es gibt daher insofern drei Bedeutungen des Ausdrucks:
Homonymie als Gegenbegriff zu Polysemie; Homonymie als Oberbegriff für Polysemie und Homonymie im Sinne von ; Homonymie als Sonderfall bzw. Unterbegriff der Polysemie.
Die wohl noch vorherrschende Entgegensetzung von Homonymie und Polysemie sieht in der Homonymie einen Fall zufälliger lexikalischer Mehrdeutigkeit,Vgl. Piroska Kocsány: Grundkurs Linguistik: ein Arbeitsbuch für Anfänger. Fink, Paderborn 2010, S. 61: zufällig. den Fall der Polysemie als Fall motivierter Mehrdeutigkeit. Für die Polysemie wird dann zumeist eine etymologische Verwandtschaft der verschiedenen Bedeutungen verlangt.Z. B. bei Helmut Rehbock: Homonymie. In: Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 4. Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2010. Nicht unbedingt in einem anderen, aber auch nicht zwingend im gleichen Sinn stellen andere auf einen „inneren Zusammenhang“ abMichael Bogdal: BA-Studium Germanistik: ein Lehrbuch. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008, S. 126: „Homonyme lassen sich also als Wörter bestimmen, bei denen zwei (oder mehr) Bedeutungen mit derselben Laut- oder Schriftgestalt keinen inneren Zusammenhang haben, bei denen also kein inhaltliches Merkmal der einen Bedeutung mit einem der anderen übereinstimmt.“ oder referieren als Erfordernis eine „inhaltliche Ähnlichkeit“ der Bedeutungen.Reiner Arntz, Heribert Picht, Felix Mayer: Einführung in die Terminologiearbeit. 6. Auflage. Olms, Hildesheim / Zürich / New York 2009, ISBN 978-3-487-11553-5, S. 130 f. Es ist unklar beziehungsweise kann unterschiedlich gehandhabt werden, ob man dabei eine synchrone oder diachrone Sicht, eine objektive oder nur eine subjektive oder übliche Sicht zugrunde legt, ob man also das Expertenwissen des Linguisten über etymologische Zusammenhänge oder die des üblichen Sprachverwenders zugrunde legt. Teilweise wird gefordert, für die Unterscheidung Polysemie – Homonymie „strikt auf das in einem bestimmten Zeitabschnitt (typischerweise einer Generation) zur Verfügung stehende Alltagswissen von Sprechern“ abzustellen. Das heißt, was gestern Polysemie war, kann heute oder morgen Homonymie sein.Volker Harm: Einführung in die Lexikologie. WBG, Darmstadt 2015 (Einführung Germanistik), ISBN 978-3-534-26384-4, S. 22.
Dies macht die Unterscheidung zwischen Homonymie und Polysemie „unsicher“Reiner Arntz, Heribert Picht, Felix Mayer: Einführung in die Terminologiearbeit. 6. Auflage. Olms, Hildesheim / Zürich / New York 2009, S. 131. und zufällig. Daher wird vorgeschlagen, die Homonymie als einen Sonderfall der Polysemie zu definieren, oder es wird unter Aufgabe der Unterscheidung der Ausdruck „Homonymie“ als Oberbegriff von Polysemie und Homonymie (im traditionellen) Sinn vorgeschlagen.So DIN 2330 (in der Fassung 1992), referiert in Arntz, Picht, Mayer: Terminologiearbeit. 6. A. 2009, S. 130.
Uneigentliche Homonymie, Homographie, Homophonie Uneigentliche Homonymie Im Fall der eigentlichen Homonymie stimmen neben der Schreibung und der lautlichen Gestalt auch Flexion und Genus des Wortes überein. Davon zu unterscheiden ist die sogenannte partielle oder uneigentliche Homonymie, bei der eine Identität der Schreibweise und der Lautung, nicht aber der Flexion (Bsp.: Bank, Plural Bänke/Banken) oder des Genus (Bsp.: der/die Kiefer) besteht.Vgl. Volker Harm: Einführung in die Lexikologie. WBG, Darmstadt 2015 (Einführung Germanistik), ISBN 978-3-534-26384-4, S. 48 f.
Homographie Gleich geschriebene Wörter, die verschieden gesprochen werden, heißen Homographe; das entsprechende Phänomen wird Homographie genannt.
Beispiel: sie rasten (ruhen) – sie rasten (fuhren schnell)
(Weitere Beispiele siehe unten.)
Homophonie Gleich gesprochene, jedoch verschieden geschriebene Ausdrücke nennt man Homophone, das Phänomen Homophonie.
Beispiel: malen – mahlenNach Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 5. Auflage. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2004, S. 160.
(Weitere Beispiele siehe unten.)
Terminologie Schreibung Aussprache gleich unterschiedlich gleich 20px 20px 20px 20px 20px unterschiedlich 20px 20px 10px Homonym 10px Homophon 10px Homograph
Ob man Homographen oder Homophone zu den Homonymen zählt, ist eine Frage terminologischer Festsetzung, die unterschiedlich gehandhabt wird.
Zählt man sie dazu, sind es Sonderfälle der Homonymie. Da es auch den (Normal-)Fall der Homonymie ohne gleichzeitiges Vorliegen einer Homophonie oder Homographie gibt, empfiehlt es sich, für den Normalfall eine eigene Benennung einzuführen. Vorgeschlagen wird dafür der Ausdruck volle Homonymie.So DIN 2330, nach Arntz, Picht, Mayer: Terminologiearbeit, 6. A. 2009, S. 130.
Zur Veranschaulichung dieser terminologischen Position mag die rechtsstehende Grafik dienen:
Heute wird vielfach aber nur dann von einem Homonym gesprochen, wenn sowohl gleiche Schreibweise als auch gleiche Aussprache vorliegt.z. B.: Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft (= Kröners Taschenausgabe. Band 452). 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 1990, ISBN 3-520-45202-2, S. 314; oder Metzler Lexikon der Sprache. 2. Auflage. 2000, S. 280, wo Homonymie definiert wird als „die Bedeutungsbeziehung zweier sprachlicher Zeichen, die bei Nichtübereinstimmung ihres Inhalts ausdrucksseitig, und zwar phon. und graph. identisch sind“. Der Gegenbeleg für eine Synonymie von Homonymie mit Homophonie, der sich in Duden Band 5. Fremdwörterbuch. 2. Auflage. Bibliographisches Institut, Mannheim 1966, S. 278 fände, wird jedenfalls aufgehoben durch Duden – Das große Fremdwörterbuch, 4. Auflage. Mannheim 2007 [CD-ROM]: „1.b) (früher) Wort, das ebenso wie ein anderes lautet u. geschrieben wird, aber einen deutlich anderen Inhalt [u. eine andere Herkunft] hat“. Das angegebene Beispiel Schloss (Türschloss und Gebäude) ist allerdings irreführend, da eindeutig nicht von anderer Herkunft (Adelung, Grimm, Kluge, Pfeifer).
Beispiele
Polyseme abgebrüht (mit heißem Wasser behandelt), abgebrüht (abgestumpft, gefühllos) die Erde (Blumenerde), die Erde (Planet) der Geist (übernatürliches Wesen, Gespenst), der Geist (Intellekt), der Geist (Gesinnung), der Geist (Weingeist, Destillate mazerisierter Früchte) der Heide (Person, die dem Heidentum angehört), die Heide (Landschaft) der Himmel (astronomischer Ort), der Himmel (religiöser Ort, das Jenseits), Himmel (Baldachin, z. B. innenseitiger Bezug des Daches beim Kraftfahrzeug) die Länge (räumlich ausgedehnt), Länge (zeitlich ausgedehnt) die Lehre (Berufsausbildung), die Lehre (wissenschaftliche Erkenntnisse oder ein Dogma), die Lehre (Technik) (Prüfinstrument) die Leiter (Steighilfe), der Leiter (Chef), der Leiter (physikalischer Leiter) die Mutter (eines Kindes), die Mutter (Hohlschraube) das Schild (Zeichen), der Schild (Schutzwaffe) die Steuer (Abgabe an den Staat), das Steuer (Lenkvorrichtung) die Stimme (Sprachfähigkeit), die Stimme (Wahlstimme, Votum), stimme (Form des Verbs stimmen) der Strom (Gewässerart), der Strom (elektrische Größe) der Verdienst (Einkommen), das Verdienst (anerkennenswerte Leistung)
Homonyme mit gleicher Schreibweise und Aussprache Eigentliche Homonyme mit gleicher Schreibweise und Aussprache der Ball (kugelförmiges Spielgerät), der Ball (Tanzveranstaltung) die Birne (Obst), die Birne (Glühbirne) die Decke (Stoffstück zum Bedecken eines Tisches oder Bettes), die Decke (obere Begrenzung eines Raumes) das Gericht (als Mahlzeit zubereitete Speise), das Gericht (öffentliche Institution) der Hahn (Wasserhahn), der Hahn (männliches Huhn) der Strauß (Laufvogel), der Strauß (Blumengebinde) das Schloss (Türschloss), das Schloss (Bauwerk) die Weide (Baum, Strauch), die Weide (landwirtschaftliche Fläche für Nutztiere)
Eigentliche Homonyme mit gleicher Schreibweise und Aussprache und gegenteiliger Bedeutung Autoantonyme (auch Janusworte genannt) sind eigentliche Homonyme mit gleicher Schreibweise und Aussprache und gegenteiliger Bedeutung. abdecken (mit einer Bedeckung versehen), abdecken (die Bedeckung entfernen) anhalten (einen Vorgang fortsetzen), anhalten (einen Vorgang beenden) Untiefe (geringe Tiefe), Untiefe (große Tiefe)
Uneigentliche Homonyme mit gleicher Schreibweise und Aussprache Substantive mit unterschiedlichem Genus der Bauer (Landwirt), das Bauer (Vogelkäfig) die Kiefer (Nadelbaum), der Kiefer (Teil des Gesichtsschädels) das Laster, der Laster (umgangssprachlich für Lastkraftwagen) der Otter (Unterfamilie der Marder), die Otter (Viper) der Tau (Niederschlag), das Tau (Seil), das Tau (griechischer Buchstabe) das Tor (breite Tür, Einfahrt, Fußballtor, Zugang im übertragenen Sinne etc.), der Tor (törichter Mensch)
Substantive mit unterschiedlichem Numerus die Bank (Möbel) (Sitzbank), Bank (Untiefe im Meer) → Plural: die Bänke; die Bank (Geldinstitut) → Plural: die Banken die Mutter (eines Kindes) → Plural: die Mütter, die Mutter (einer Schraube) → Plural: die Muttern der Reif (Ring) → Plural: die Reife; der Reif (Eiskristalle) → Plural: nicht existent das Tau (Seil) → Plural: die Taue, das Tau (griechischer Buchstabe) → Plural: die Taus die Schotten (Bewohner Schottlands) → Singular: der Schotte; die Schotten (Trennwand eines Fahrzeugs) → Singular: das Schott
Substantive mit Übereinstimmung in nur einem Kasus dem Plane (Dativ zu der Plan), die Plane (Nominativ zu die Plane)