mini|Papyrus Baden 4.59, Verso (fünftes Jahrhundert n. Chr.): Vermutete Teilabschrift der Epitome, basierend auf den Aegyptiaca

Aegyptiaca () ist der übliche lateinische Titel einer von Manetho verfassten Chronik zur altägyptischen Politik, Religion und Geschichte. Der Autor Manetho war wohl ein Priester aus Sebennytos in Unterägypten, der wahrscheinlich unter den Pharaonen Ptolemaios I., Ptolemaios II. und Ptolemaios III. lebte. Georgios Synkellos setzte Manethos Wirken gleichzeitig mit oder etwas später als Berossos in die Regierungszeit von Ptolemaios II. (285–246 v. Chr.), unter welchem er die Aegyptiaca verfasst haben soll. Manethos Motive dürften einerseits in der ptolemäischen Unkenntnis der altägyptischen Sprache und andererseits im Widerlegen von Herodots Berichten über die altägyptische Geschichte begründet sein.Folker Siegert: Flavius Josephus: Über die Ursprünglichkeit des Judentums (Contra Apionem)… Göttingen 2008, S. 34.

Die Aegyptiaca bestanden ursprünglich aus drei Büchern, die von spätantiken Gelehrten und Historikern in Teilen abgeschrieben und übersetzt wurden. Das Fehlen der Originalschriften Manethos veranlasste unter anderem auch die Ägyptologie zu kritischen Untersuchungen der vorliegenden Abschriften, da ohne eine genaue Analyse ein falsches Bild über die tatsächlichen Inhalte entsteht. Unter Berücksichtigung dieser gebotenen Vorsicht werden Manethos Berichte als Grundpfeiler hinsichtlich der altägyptischen Geschichte angesehen, da Manetho die durchgehende Herrscherabfolge in 30 Dynastieabschnitte aufteilte, die in der Ägyptologie das chronologische Gerüst bilden.

Hintergründe Die Abschriften Da Manethos Werke frühzeitig verschollen sind, stellt sich die Frage, welche Teile der manethonischen Verzeichnisse, die auf der überlieferten Version eines unbekannten Verfassers des ersten Jahrhunderts v. Chr. basieren, historisch korrekt wiedergegeben wurden. Die so übernommenen Auszüge (Epitomen), Herrschernamen und Fragmente fanden in den Werken der Geschichtsschreiber Flavius Josephus, Iulius Africanus und Eusebius Berücksichtigung, wobei zweifelsfrei größere Passagen der Aufzeichnungen nicht von Manetho selbst stammen. Georgios Synkellos übersetzte im achten Jahrhundert n. Chr. einige der erhalten gebliebenen „Abschriften der Abschriften“. Über Eusebius’ Fragmente hinaus existiert zusätzlich noch eine armenische Übersetzung, die jedoch zusätzlich weitere frei erfundene Aussagen enthält. Epitomen der Geschichte Manethos wurden zu einem früheren Zeitpunkt verfasst – aber nicht durch Manetho selbst, auch wenn es in Form von Listen der Dynastien und der herausragenden Könige oder besonderen Ereignisse denkbare Gründe für diese Annahme gibt.

Das Hauptanliegen der jüdischen Historiker, wie beispielsweise Flavius Josephus, und der christlichen Chronisten bestand darin, Inhalte der Bibel mit der altägyptischen Geschichte zu harmonisieren, um „historische Beweise“ hinsichtlich der Authentizität des Alten Testamentes zu erhalten. Die manethonisch überlieferten Epitomen waren daher eine willkommene Grundlage, Aussagen hinzuzufügen oder zu verfälschen. So berichten die Aegyptiaca beispielsweise sehr ausführlich von der Schreckensherrschaft der Hyksos. Biblische Vergleichsversuche schlagen sich besonders in der Erzählung der Moses-Geschichte nieder. Aber auch andere legendenhafte Erzählungen scheinen die Autoren interessiert zu haben, so zum Beispiel die Legende vom Pharao Bocchoris, der von seinem Nachfolger oder Gegenkönig Schabaka lebendig verbrannt worden sein soll. Das Weglassen bestimmter historischer Begebenheiten hingegen ist tatsächlich nur im Buch der Sothis nachweisbar.

Der Begründer der christlichen Chronologie, Julius Africanus, dessen Werk Historiae (griechisch Κεστοί) kurz nach 221 n. Chr. verfasst wurde, überliefert die Epitome in einer akkurateren Form, während Eusebius, dessen Werk aus der Zeit um 325 n. Chr. datiert, verantwortlich für größere unberechtigte Änderungen der ursprünglichen Vorlage ist. Selbst aus der schlüssigen Erklärung der Übertragungen von Manethos Texten wird ersichtlich, dass weiterhin viele Probleme bestehen und dass es extrem schwierig ist, Sicherheit in Bezug auf das zu erlangen, was wirklich manethonisch und was unecht oder unvollständig ist.W. G. Waddell: Manetho (= The Loeb classical library. Band 350). S. 14–21.

Wenn also heute in der Ägyptologie gegebenenfalls von Manetho (Josephus), Manetho (Africanus) oder Manetho (Eusebius) die Rede ist, dann ist mit dem jeweiligen zweiten Namen in der Klammer der zitierende Autor der eigentlichen Aussage des ägyptischen Priesters Manetho gemeint.

Mögliche Quellen Im Zusammenhang der Aussagen Manethos, die von großem Interesse für Ägyptologen und Historikern sind, bleibt die Frage, woher Manetho seine Informationen bezog. Die vergöttlichte und mystifizierte Vorgeschichte, die er teilweise erdachte und verfasste, ist zweifellos auf für Manethos Epoche typische politisch-religiöse Weltanschauungen zurückzuführen.

Schwierig wird es jedoch im Falle der sogenannten Königsliste. Manetho weiß in seinen Erzählungen bei bestimmten Königen von ganz besonderen Vorkommnissen zu berichten, bei denen, sofern sie auf Wahrheiten beruhen, deutlich wird, dass es sich um Detailwissen handelt, zu dem einfache Schreiber und Beamte keinen Zugriff hatten. Manetho hatte offensichtlich damals unschätzbare Vorteile, um eine exzellente Geschichte Ägyptens verfassen zu können. Er muss Zugang zu allen nur erdenklichen Aufzeichnungen gehabt haben – Papyri aus den Tempel-Archiven, hieroglyphische Tafeln, Wandskulpturen und unzählige Reliefinschriften. Zu diesen Aufzeichnungen hatten im alten Ägypten nur Hohepriester Zugang und diese Tatsache lässt daher den Schluss zu, dass Manetho ein solcher Hohepriester war. Insgesamt scheint das Werk vollkommen in der Tradition altägyptischer Annalen zu stehen, die Ereignisse auflisten, ohne sie weiter kritisch zu analysieren. Mehrmals kommt der Verdacht auf, dass auch volkstümliche Erzählungen, ohne großen historischen Wert, in die Darstellungen eingeflossen sind.Naguib Kanawati: Conspiracies in the Egyptian Palace: Unis to Pepy I. London 2002, ISBN 0-415-27107-X, S. 11–12.

Die drei Bücher Manethos Der Aufbau der „Königslisten“ ist von der Strukturierung und vom Satzbau her stets gleich: Jede Dynastie wird mit der Benennung des neuen Königshauses eingeleitet, darauf folgen Name und Regierungsdauer eines jeden Herrschers. Im Anschluss folgt bei manchen Regenten, beispielsweise Necherophes, eine Anekdote zu einem besonderen Ereignis, das unter dem jeweiligen König stattgefunden haben soll. Bei einigen Dynastien wurde auf eine Namensauflistung verzichtet und stattdessen die gesamte Dynastie in einem Satz zusammengefasst. Die Namen der Könige werden stark gräzisiert wiedergegeben und sind daher oft nur schwer zuzuordnen.

Buch 1 (Ära der Götter und Totengeister sowie Könige bis zur 11. Dynastie) mini|Der griechische Gott Typhon als Gleichsetzung mit dem altägyptischen Gott Seth (Detailansicht von einer schwarzfigurigen chalkidischen Hydria um 550 v. Chr.).

Im ersten Buch beschreibt Manetho zunächst die Zeit der Götter und Totengeister. Dazu verwendete er die griechischen Entsprechungen der altägyptischen Götter. Insbesondere nahm Manetho Rückgriff auf jene altägyptische Mythologie, die sich erst im Verlauf der altägyptischen Geschichte herausbildete. Besonderes Interesse zeigte Manetho einerseits hinsichtlich der mystisch-göttlichen Frühgeschichte sowie andererseits für die „heldenhaften Abenteuer“ von Osiris und Horus.Gerald P. Verbrugghe, John M. Wickersham: Berossos and Manetho …. Ann Arbor (Michigan) 2000, S. 99.

mini|Die „Souphis-Pyramide“ (Cheops-Pyramide)

Im Anschluss beginnt die für Ägyptologen und Historiker so wichtige und vielzitierte Königsliste, die in den Abschreibevarianten sämtlicher antiker Autoren einhellig mit einem König namens „Menes“ beginnt. Manetho berichtet im ersten Buch über den Zeitraum von der königlichen 1. bis zur 11. Dynastie und versucht, alle Herrscher Ägyptens zu erfassen. Die „Souphis-Pyramide“ datierte Manetho als „große Pyramide“ 4.300 Jahre vor Kambyses (529–522 v. Chr.) in die Regierungszeit von Cheops (4. Dynastie).Gerald P. Verbrugghe, John M. Wickersham: Berossos and Manetho …. Ann Arbor (Michigan) 2000, S. 101 und 134.

Für das Alte Reich gelang die Zuordnung der Könige noch sehr gut. Auffallend sind dagegen die teils gravierenden Unterschiede in den jeweiligen Abschriften zu den Angaben über die Regierungszeit bestimmter Könige. Eusebius beispielsweise schreibt König „Uenephes“ 42 Jahre zu, in der Version von Africanus ist von 23 Jahren die Rede. Mit der ersten Zwischenzeit begann für Manetho erschwerend eine Zeit der Wirren, die ihn vor große chronologische Probleme stellte. So bleibt er eine eindeutige Zuordnung der Herrscher aufgrund der ihm wohl nur bruchstückhaft vorliegenden Quellen schuldig. Das Mittlere Reich zeigte schließlich wieder eine Beruhigung und neue Stabilität, die Manetho dazu veranlasste, von einer Kohärenz der Königslinie auszugehen.

Die Fassung von Africanus nennt für die ersten elf Dynastien „130 Könige mit einer gesamten Regierungslänge von 2.261 Jahren“; zusätzliche 70 Könige wurden zwar für die 7. Dynastie angegeben, doch ist die dazugehörige Gesamtregierungslänge von 70 Tagen nur symbolisch als Interregnum zu verstehen, das die Unsicherheiten hinsichtlich der Königszuordnungen kenntlich macht. Auffällig sind außerdem jene Angaben von Africanus, die von den tatsächlich genannten Dynastie-Einzeldaten abweichen. So werden beispielsweise für die 5. Dynastie in der einleitenden Bemerkung „die acht Könige aus Elephantine dieser Dynastie“ erwähnt; die Liste der 5. Dynastie führt dagegen neun Könige auf, die eine Gesamtregierungslänge von 218 Jahren aufweisen. Die in der Schlussbemerkung für die 5. Dynastie berichteten summarischen 248 Jahre schließen die 30 Regierungsjahre von König „Othoes“ der 6. Dynastie mit ein, die dort anschließend mit ihm als „Begründer der 6. Dynastie aus Memphis“ nochmals mitgezählt werden.William Gillian Waddell: Manetho (= The Loeb classical library. Band 350). S. 51, 53, 57, 63–65.

Buch 2 (Könige von der 12. bis zur 19. Dynastie) mini|Statue von Amenemhet III. (Ägyptisches Museum, Berlin).

Manetho berichtet im zweiten Buch von den Königen der 12. bis zur 19. Dynastie. Er beschreibt die sich an die 11. Dynastie anschließende Phase als „Stärkung der Stabilität“. König Amenemhet III. („Lamares/Lampares“) soll sein Grab als „Labyrinth im arsenoītischen Gau“In der armenischen Version wurde nicht der Begriff „Labyrinth“ verwendet, sondern: das Höhlenwendelgangförmige; gemäß Übersetzung Karst. am Moeris-See erbaut haben. Ob Manetho sich hierbei auf die Erwähnungen von Herodot stützte, bleibt unklar, da Herodot in diesem Zusammenhang eine Verbindung zu einem König „Moeris“ als Begründer des Labyrinths herstellte.Gerald P. Verbrugghe, John M. Wickersham: Berossos and Manetho …. Ann Arbor (Michigan) 2000, S. 138.

Mit dem Niedergang des Mittleren Reiches folgte die unübersichtliche Zweite Zwischenzeit, die Manetho erneut vor die Probleme stellte, die Könige den jeweiligen Dynastien zuzuordnen. Aus diesen Gründen entfällt wohl auch eine namentliche Nennung von Herrschern der Dynastien 13, 14, 16 und 17, denen er insgesamt nur eine Gesamtzahl von Regierungsjahren zuweist. Die 15. Dynastie der „großen Hyksos“ ist in den manethonischen Fassungen wahlweise als 15. oder 17. Dynastie aufgeführt, ein Beleg für die verwirrende Quellenlage jener Epoche. Insbesondere die begleitenden Erklärungen zu den Hyksos zeigen eine Zunahme von griechischen, jüdischen und christlichen Nachbearbeitungen der manethonischen Fassungen, weshalb die Historiker große Schwierigkeiten haben, die tatsächlichen Aussagen Manethos herauszufiltern.Folker Siegert: Flavius Josephus: Über die Ursprünglichkeit des Judentums (Contra Apionem). … Göttingen 2008, S. 113.