mini|Südindische Langhalslaute Sarasvati vina Vina (Hindi: वीणा, , englische Schreibweise veena) bezeichnet eine Gruppe aus altindischer Zeit stammender gezupfter Saiteninstrumente, von denen heute vor allem zwei Arten in der indischen Musik gespielt werden: die Stabzither Rudra vina im Norden und die Langhalslaute Sarasvati vina im Süden.

Einteilung mini|hochkant|Möglicherweise Narada, der mythische Erfinder der vina im 1. Jahrtausend v. Chr. Die Miniatur vom Anfang des 19. Jahrhunderts zeigt eine Stabzither. mini|hochkant|Göttin Sarasvati mit einer Langhalslaute. Gemälde von Raja Ravi Varma 1896 Die vina sind heute überwiegend Lauteninstrumente der klassischen indischen Musik. Die Sarasvati vina gilt als das edelste indische Instrument. Sie hat Bünde und wird von allen vina am häufigsten gespielt. Ihr Name rührt von der hinduistischen Göttin Sarasvati her. Sie ist die Göttin der Gelehrsamkeit, der Musik und allgemein der Künste. Dargestellt wird sie mit ihrem Attribut, einer vina. Zu den in Südindien gespielten weiteren vina-Arten gehören die bundlose gottuvadyam vina, die auch chitra vina genannt wird und im Norden die noch seltener als die Rudra vina gespielte, bundlose vichitra vina. Die Mohana vina hat mit einer vina nichts zu tun. Es ist eine von Vishwa Mohan Bhatt umgebaute und mit Resonanzsaiten ausgestattete akustische Gitarre, deren Klang an eine sitar erinnert.

Eine vina hat – mit Ausnahme der gottuvadyam – im Unterschied zur sitar keine Resonanzsaiten. Die sitar hat als Bünde Metallbügel, die mit Abstand über dem Griffbrett liegen, um im Zwischenraum Platz für die Resonanzsaiten zu bieten. Vina sind entweder bundlos, oder haben direkt aufgeklebte Bünde. Die Bünde der sitar sind verschiebbar, die der vina sind fest. Vina haben einen volleren und länger anhaltenden Ton als die etwas klirrende sitar, ihr Spiel ist dafür erheblich schwieriger zu erlernen. Ein gelungener Versuch, den langen Ton der vina auf einer Art sitar zu erzielen, führte vermutlich um 1825 zur Entwicklung der surbahar, einer tiefer gestimmten und größeren sitar. Dagegen ist die im 19. Jahrhundert entwickelte Kombination aus dem etwas rau klingenden dhrupad rabāb (die sich von der Kabuli rubāb unterscheidet) und der Rudra vina, die zur zarten Laute sursingar mit Metallsaiten führte, um die Mitte des 20. Jahrhunderts praktisch verschwunden und heute selten.

Herkunft mini|hochkant|Shunga-zeitliche Terrakottatafel mit einer Tänzerin und einem Bogenharfe spielenden Musiker. Nordindien, 1. Jahrhundert v. Chr. Die ersten Saiteninstrumente waren Musikbögen und Stabzithern. Vina war der allgemeine Begriff für Saiteninstrumente in den auf Sanskrit verfassten, altindischen Veden, er taucht bereits in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. auf. Noch früher im Rigveda und Atharvaveda erwähnte Namen wie gargara und karkari könnten sich ebenfalls auf Saiteninstrumente bezogen haben. Möglicherweise bezeichnete picchoravina die einfachste Form eines Musikbogens, dessen Saite mit dem Mund verstärkt wird (Mundbogen), während kandavina vielleicht eine mehrsaitige, aus mehreren parallelen Bambusröhren zusammengesetzte Floßzither war. In den Brahmanas (um 800–500 v. Chr.) werden mehrfach Bogenharfen beschrieben. An einer Stelle im Jaiminya-Brahmana besitzt die vina sieben Saiten (tantri), einen mit Tierhaut bespannten Korpus (suna) mit einem Hals (danda) und einem Tragegurt (upavana). Der Beschreibung nach ist eine Bogenharfe gemeint. In der alttamilischen Literatur bedeutet yazh allgemein „Musik“ und zugleich „Harfe“. Es gab für namentlich unterschiedene Tonskalen (später Ragas) jeweils eine entsprechende Harfe, mit der sie gespielt wurden.T.S. Parthasarathy: Music and Dance in Tamil Literature. In: Indian Literature, Band 21, Nr. 4, Juli–August 1978, S. 137–148, hier S. 138f In mittelalterlichen Sanskrittexten trägt der Schöpfergott Shiva den Beinamen Pinaki, wenn er mit seinem mächtigen Jagdbogen pinaki erscheint. Im 18. Jahrhundert zeigen indische Miniaturen einen mit einem Rosshaarbogen gestrichenen Musikbogen pinak in Nordindien, der wie die Stabzither Rudra vina durch zwei Kalebassen verstärkt wird.

Vina bildeten den wesentlichen Bestandteil der altindischen Ritualmusik gandharva, deren theoretische Grundlagen als gandharva-veda zusammengefasst werden. Im Hauptwerk dieser in weiterentwickelter Form bis heute gültigen Musiktheorie, dem um die Zeitenwende entstandenen Natyashastra von Bharata Muni, werden Saiteninstrumente genauer behandelt. Bharata unterscheidet vier Arten von vina, die aus Holz hergestellt sind. Die neunsaitige Bogenharfe vipanci-vina wurde mit einem Plektrum und die siebensaitige citra(-vina) mit den Fingern gezupft. Nur eine untergeordnete Bedeutung – vielleicht als Borduninstrumente – scheinen die kacchapi und die ghoshaka besessen zu haben.Walter Kaufmann, 1981, S. 35f.

Die ältesten Darstellungen von Saiteninstrumenten zeigen ebenfalls Bogenharfen, die zunächst im buddhistischen Umfeld vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. in Steinreliefs an indischen Kultstätten auftauchen. Harfenspieler innerhalb von Orchestern fanden sich in Reliefs, die frühbuddhistische Tanzszenen darstellen, auf den Steinzäunen der Stupas von Bharhut (2. Jahrhundert v. Chr.), Sanchi (1. Jahrhundert n. Chr.) und Amaravati (2. Jahrhundert n. Chr.). In der Biografie Ashvaghoshas über Buddha, Buddhacarita, aus dem Anfang des 2. Jahrhunderts wird neben einer vina genannten Bogenharfe mit sieben Saiten eine Bambusflöte venu und eine von Frauen gespielte Trommel pushkara erwähnt.Emmie Te Nijenhuis: Indien. II. Musik der älteren Zeit. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil 4, 1996, Sp. 660. Eine Goldmünze aus dem 4. Jahrhundert zeigt König Samudragupta beim Harfenspiel.Abgebildet in: Emmie Te Nijenhuis: Indien. II. Musik der älteren Zeit. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil 4, 1996, Sp. 666. Der berühmte himmlische Musiker Pancasikha, einer der Gandharvas, wird stets mit einer Bogenharfe abgebildet. Die Musiktextsammlung Sangita Ratnakara von Sarangadeva aus dem 13. Jahrhundert erwähnt als Hauptinstrument eine große Harfe mit 21 Saiten.Emmie Te Nijenhuis: Indien. II. Musik der älteren Zeit. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil 4, 1996, S. 663. Winkelharfen wie die arabisch-persische tschang kamen in Indien nicht vor. Von allen Bogenharfen Indiens und Asiens insgesamt hat nur die saung gauk als Nationalinstrument von Myanmar in der klassischen Musik überlebt. Die Karen in Myanmar und Thailand spielen die einfachere Bogenharfe tünak in ihrer Volksmusik. In Rückzugsgebieten existieren noch wenige Exemplare der einfachen Bogenharfen waji im Osten Afghanistans, während von der einzigen, bis Ende des 20. Jahrhunderts verbliebenen Harfe in Indien, der von den Parhan in Madhya Pradesh gespielten bin-baja, nichts mehr bekannt ist. Die auf zahlreichen Reliefs an Khmer-Tempeln in Angkor dargestellte Bogenharfe pin geht auf den indischen Kultureinfluss in Südostasien ab Anfang des 1. Jahrtausends zurück. Nach dem 13. Jahrhundert verschwand sie vollständig.

Auf den Reliefs von Amaravati und Nagarjunakonda sind auch lautenförmige vina abgebildet mit drei bis fünf Saiten, einem langen Hals und birnenförmigem Korpus. Ein zweiter Lautentyp in der historischen Kulturregion Gandhara, deren Zentrum im heutigen Pakistan lag, besaß zwei bis drei Saiten und gehörte zu den Kurzhalslauten vom Typ des barbat. Dieser Typ ist auf Höhlenmalereien von Ajanta (5. Jahrhundert) abgebildet und entspricht der chinesischen pipa. Bei einer weiteren, in Gandhara abgebildete Lautenform ist der Korpus seitlich nach innen gekrümmt. Zu deren Nachfahren gehören heute sarangi, sarinda und dilruba.

Ab dem 6. Jahrhundert werden einfache Stabzithern mit einer Saite und einem Bambusstab als Saitenträger und die ersten Lauten mit einem Resonanzkörper, dessen Decke parallel zu den Saiten verläuft, abgebildet. Über die Spielweise der schräg vor der Brust gehaltenen Stabzithern mit einer Kalebassenhalbschale als Resonator gibt die in ländlichen Regionen von Odisha bekannte tuila Auskunft, die als eine der wenigen überlebenden der ansonsten heute in Indien verschwundenen einfachsten Saiteninstrumente gilt. Zu einer mutmaßlich anderen Entwicklungslinie gehören die idiochorden Bambusröhrenzithern wie die bis heute in der Volksmusik von Nordostindien gespielte gintang und chigring, die keinen separaten Resonanzkörper besitzen.

Die älteste vina hieß nach dem Sanskrit-Text Sangita Makaranda, der vielleicht aus dem 11. Jahrhundert stammt und dem mythischen Weisen Narada zugeschrieben wird, kinnari vina. Die Kinnaris sind weibliche Vogelmischwesen und gehören zu den niederen indischen Gottheiten. Der Name stammt wohl aus dem Altgriechischen kinyra, Altarabisch kinnare und wird mit der biblischen Leier kinnor in Verbindung gebracht.Jaap Kunst: The origin of the kemanak. In: Bijdragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde. 116, Nr. 2, Leiden 1960, S. 264 Der zusammengesetzte Begriff bedeutet „Saiteninstrument der Kentauren“. Kinnari ist das älteste, namentlich genannte, vermutlich gezupfte Saiteninstrument. Mitte des 12. Jahrhunderts wird in Gujarat als anderer Name für ein Saiteninstrument saranga vina angegeben. Aus der Bezeichnung saranga leitet sich die spätere Gruppe der gestrichenen Saiteninstrumente sarangi her.

Der nur in der dörflichen Tempelmusik im südindischen Bundesstaat Kerala gebrauchten zweisaitigen Langhalslaute nanduni wird eine besondere religiöse Bedeutung und ein hohes Alter zugesprochen. Malayalam-Quellen erwähnen den Namen seit dem 14. Jahrhundert. Ein Museumsexemplar brachte Curt Sachs (1923) dazu, die nanduni zu einem jüngeren Relikt der altindischen Lauten, wie sie in Ajanta abgebildet sind, zu erklärenCurt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. 2. Auflage, Berlin und Leipzig 1923. Nachdruck: Georg Holms, Hildesheim 1983, S. 117f und B. C. Deva (1978) hält sie für eine mögliche Vorläuferin der Sarasvati vina.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India. Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kalkutta 1978, S. 165

mini|Eine Kinnara spielt eine einsaitige Stabzither alapini vina mit einem Kalebassen-Resonator vor der Brust. Felsrelief in Mamallapuram, 7. Jahrhundert Die Entwicklung von Stabzithern, Langhals- und Kurzhalslauten vollzog sich parallel. An einem Säulenrelief in Kanchipuram aus dem 7. Jahrhundert spielt die Göttin Sarasvati eine liegende vina, ein Relief am Nataraja-Tempel von Chidambaram zeigt eine stehende Frau mit einer Langhalslaute. Im Sangitaratnakara, einer Musiktheorie des Sarngadeva aus dem 13. Jahrhundert, werden drei Arten von Stabzithern unterschieden:R. Satyanarayana: In: Indian Journal of History of Science, Band 39, Nr. 1, 2004, S. 1–10. die alapini vina mit einem Resonator. Dieser Resonator bestand aus einer halben Kalebasse und wurde gegen den Brustkorb gedrückt, sodass die Öffnung ganz oder teilweise verschlossen wurde, um Klangunterschiede zu erzeugen. Neben der tuila werden heute unter anderem die vom Aussterben bedrohte einsaitige Stabzither kse diev in Kambodscha und die mehrsaitige Stabzither phin phia in Nordthailand mit dieser Technik gespielt. Durch leichtes Berühren der Saite mit einem Finger und gleichzeitiges Zupfen mit einem anderen Finger der rechten Hand konnten Flageoletttöne erzeugt werden. die bundlose ektantri vinaLalmani Misra: Bharatiya Sangeet Vadya – Ektantri Veena. omenad.net mit einem Resonator am oberen Ende, der über der Schulter des Spielers nach hinten ragt,Lars-Christian Koch: Klang und Kultur: Musikethnologische Erkenntnisse als Grundlagen für musikarchäologisches Arbeiten. In: Archäologie in Deutschland (Sonderheft: Musikarchäologie Klänge der Vergangenheit), Theiss 2015, S. 12–21, hier S. 14 Ihre Saite wurde mit einem Gleitstab verkürzt