Die Tierbefreiungs- oder Tierrechtsbewegung ist eine soziale Bewegung, die sich ihrem Selbstverständnis gemäß für die Befreiung der Tiere aus „Ausbeutungsverhältnissen“ bzw. für Tierrechte einsetzt.

Theoretische Grundhaltungen Hauptartikel: Tierrechte

Gemeinsam ist fast allen Aktivisten eine vegetarische und in vielen Fällen eine vegane Ernährungs- und Lebensweise.Scott Plous: (PDF; 562 kB), 1998, Department of Psychology, Wesleyan University. Ein breiter Konsens besteht darüber hinaus in der Ablehnung des traditionellen Tierschutzes. Während Tierschützer gewöhnlich davon ausgehen, dass der Mensch Tiere in einem gewissen Rahmen benutzen darf, lehnen Tierrechtler diese Ungleichbehandlung zwischen Menschen und anderen Spezies prinzipiell ab, ebenso die Kategorisierung als Nutztier oder Haustier.Peter Köpf: Ein Herz für Tiere? Über die radikale Tierrechtsbewegung. Bonn 1996. Seite 53. Während der romantische Tierschutz ursprünglich aus dem bürgerlichen, konservativen Teil der Bevölkerung stammt, verstehen sich die meisten Tierrechtler als „links“ und „progressiv“.Peter Köpf: Ein Herz für Tiere? Über die radikale Tierrechtsbewegung. Bonn 1996. Seite 60. So wird die Bewegung von einigen ihrer Vordenker in einer Reihe mit historischen Befreiungsbewegungen wie der Antisklavereibewegung oder der Emanzipationsbewegung der Frauen verortet.Karl-Werner Brand unter Mitarbeit von Henrik Stöver: Umweltbewegung (inkl. Tierschutz) In: Roland Roth, Dieter Rucht (Hg.): Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch. Frankfurt am Main 2008. S. 219–244. S. 233. Der Österreichische Verfassungsschutz sieht jedoch keine institutionalisierten Verbindungen zur linksextremen Szene.Österreichischer Verfassungsschutzbericht 2007 (PDF; 1,3 MB), Bundesministerium für Inneres, Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), Wien

Theoretische Vorläufer und Anfänge der Bewegung mini|Faust und Pfote als ein Symbol der heutigen Tierbefreiungsbewegung

„Kaum eine andere emanzipatorische Forderung verhallte im Gang der Geschichte immer wieder derart ungehört wie der Ruf nach der Befreiung der Tiere“, so der Autor Matthias Rude.Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2013, S. 10. Ihm zufolge handelt es sich um eine „Tradition, die viel weiter zurückreicht als gemeinhin angenommen“.Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, S. 19. Vorläufer der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung können nach Rude bereits etwa im Englischen Bürgerkrieg, in der Anti-Sklaverei-Bewegung und in der Französischen Revolution ausgemacht werden.vgl. das Inhaltsverzeichnis des Buches: http://www.schmetterling-verlag.de/download.php?id=3-89657-670-4&mode=1.

Anders als in der Öffentlichkeit manchmal wahrgenommen, sind die theoretischen Vorreiter der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung also nicht erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts (Peter Singer oder Tom Regan) zu verorten, Vordenker sind vielmehr bereits historische Persönlichkeiten wie der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, Kämpfer gegen die Sklaverei wie Benjamin Lay oder Revolutionäre und Revolutionärinnen wie John Oswald (1760–1793), Louise Michel oder Gustav Struve.

Großbritannien Im 19. und frühen 20. Jahrhundert existierte schon einmal eine Tierrechtsbewegung; man spricht deshalb auch von einer „ersten“ und einer „zweiten“ Bewegung.Diese Unterscheidung hat Mieke Roscher in ihrem Werk zur Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung eingeführt: Mieke Roscher: Ein Königreich für Tiere. Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung, Marburg 2009. Sie war vor allem in England stark. Eine prägende Persönlichkeit dieser Bewegung war Henry Stephens Salt; seiner Humanitarian League gehörten zu Hochzeiten 550 Mitglieder an.

1907 kam es in Großbritannien aufgrund von Protesten gegen Tierversuche zu Straßenunruhen, den sogenannten Old Brown Dog Riots, bei denen „sowohl die Frauen als auch die Arbeiter in den Tierversuchen Symbole ihrer eigenen Unterdrückung fanden.“Judith Baumgartner, Vegetarisch im 20. Jahrhundert – eine moderne und zukunftsfähige Ernährung, in: Manuela Linnemann, Claudia Schorcht (Hg.), Vegetarismus. Zur Geschichte und Zukunft einer Lebensweise. Erlangen 2001, S. 120. Die britische Tierrechtsbewegung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der feministischen Bewegung stark überlagert. Auch Medizinstudenten des University College, die ab 1906 gegen die Aufstellung des Vivisektions-Denkmals protestierten, setzten Antivivisektions- und Frauenwahlrechtsbewegung gleich: Sie störten zahlreiche Veranstaltungen letzterer, um gegen erstere vorzugehen.http://www.grundrisse.net/grundrisse47/eine_doppelt_verschwiegene_Geschichte.htm. Auch Feministinnen wie Clara Gertrud Wichmann sahen zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen Frauen- und Tierrechten.

Deutschsprachiger Raum Im deutschsprachigen Raum wurde im Zuge der Entwicklungen in England 1907 von Magnus Schwantje die Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen, 1918 umbenannt in Bund für radikale Ethik, gegründet. Sie wurde nach dem Vorbild von Salts Humanitarian League konzipiert und hatte zu ihren Hochzeiten etwa 850 Mitglieder. Politisch verband sie verschiedene linkspolitische Aktionsfelder mit dem Gedanken des Tierrechts, außerdem existierten enge Verbindungen zur damaligen Friedensbewegung. Im antifaschistischen Widerstand war der durch Leonard Nelson gegründete Internationale Sozialistische Kampfbund eine Organisation, die den Klassenkampf mit dem Tierrechtsgedanken verband.

Die Zeit der beiden Weltkriege markiert einen Bruch in der Entwicklung des Tierrechts- und Tierbefreiungsgedankens. In einem Interview sagt Matthias Rude dazu: „Zwischen den beiden Weltkriegen gab es einen Bruch auch im Bewußtsein, nach dem nicht mehr an die erste Wirkungszeit angeknüpft wurde. Diese Tradition wieder auszugraben und für heutige Diskussionen fruchtbar zu machen, finde ich wichtig. Ich habe viele Argumentationsweisen gefunden, die in den 60er, 70er und 80er Jahren erst mühsam wieder erarbeitet werden mußten, obwohl schon alles einmal gedacht worden war. Darüber ist viel Potential verschenkt worden. Wenn diese Tradition früher fruchtbar gemacht worden wäre, wären wir heute vielleicht schon weiter.“http://www.schattenblick.de/infopool/tiere/report/trin0013.html.

Heutige Tierrechtsbewegung Auch die Anfänge der heutigen Bewegung sind in Großbritannien zu verorten, wo in den 1960er Jahren das erste Mal Bilder von Jagdsabotagen durch die Medien verbreitet wurden.Schubert, Sebastian: Until every cage is empty! - Einführung in den Tierbefreiungsgedanken. In: Befreiung hört nicht beim Menschen auf! Perspektiven aus der Tierbefreiungsbewegung. Berlin 2005. (PDF; 3,0 MB) Die vom Konzept der Stadtguerilla der sich radikalisierenden Gegenkultur der Zeit inspirierte Vorgängerorganisation der Animal Liberation Front wird (unter dem Namen Band of Mercy) 1972 gegründet. Auch in den USA wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Tierversuche und Massentierhaltung zu Impulsthemen einer erstarkenden Tierrechtsbewegung.Typologie der aktuellen tierethischen Positionen. In: Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner: Handbuch Ethik. 2. Auflage. Stuttgart 2006. S. 288. In Deutschland entsteht die zweite Bewegung ab den 1980er Jahren, zunächst unter der Selbstbezeichnung „autonomer Tierschutz.“ Der deutsche Name Tierbefreiungsfront findet erstmals im Jahr 1984 Verwendung.

Bisweilen wird von mancher Seite als ursächlich für die Radikalisierung eines Teils der Tierschutzbewegung auch ein Zusammenhang mit der Naturschutzdebatte ausgemacht. So wird ausgeführt, mit der Ausdifferenzierung einer radikaleren Tierrechtsbewegung ergebe sich ein Paradigmenwechsel, der in enger Wechselwirkung zur Fundamentalisierung des ökologischen Konflikts in den späten 1970er Jahren stehe.Karl-Werner Brand unter Mitarbeit von Henrik Stöver: Umweltbewegung (inkl. Tierschutz) In: Roland Roth, Dieter Rucht (Hg.): Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch. Frankfurt am Main 2008. S. 219–244. S. 220.

Aktionsformen

Häufig richten sich die Proteste der Tierrechtler gegen bestimmte Formen der Tiernutzung wie die Jagd oder Tierversuche. Es wird versucht, sukzessive auf die Gesetzgebung oder auch das Verhalten von Privatpersonen und Unternehmen einzuwirken. Als Erfolge werden das österreichische Tierschutzgesetz (2005) und die deutsche Grundgesetzänderung (2002) angeführt.

Eine besondere Strategie der Bewegung besteht in der Kampagnenarbeit, in der sich Proteste gezielt über einen längeren Zeitraum gegen die Praktiken einzelner Unternehmen, zum Beispiel den Handel mit Pelzprodukten, richten. Organisationen, die sich gezielter Kampagnenarbeit verschrieben haben, sind die Offensive gegen die Pelzindustrie (OGPI)http://offensive-gegen-die-pelzindustrie.net/wordpress/ und Stop Huntingdon Animal Cruelty (SHAC). Als Erfolge werden dabei etwa die Ausstiege verschiedener Unternehmen aus dem Pelzhandel gewertet sowie als Etappensieg auch der Abbruch der Geschäftsbeziehungen zu Huntingdon Life Sciences seitens mehrerer Geldinstitute.

Zentrale Organisationen der Bewegung sind PETA People for the Ethical Treatment of Animals (international), SHAC (Großbritannien und Irland) und der österreichische Verein gegen Tierfabriken (VGT). Die Animal Liberation Front (international) wird teilweise als Fremdbezeichnung dazu gezählt; ihr Begriff als „Organisation“ ist aber umstritten.

Viele Autoren bekennen sich zu offenen Rechtsbrüchen im Rahmen ihrer Aktionen, etwa in Form der Open Rescue. Sie rechtfertigen das Vorgehen damit, dass aus historischer Perspektive viele heute als positiv empfundene Veränderungen so erwirkt wurden; etwa in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der indischen Unabhängigkeitsbewegung und der europäischen Umwelt- oder Frauenbewegung.P. Singer: Democracy and Disobiedence, 1974, Oxford University Press So zählte das BKA in Deutschland 2014 für die vergangenen zehn Jahre mehr als 2000 Straftaten.

Etwas abstrakter argumentieren etwa Balluch und Garner,M. Balluch: Widerstand in der Demokratie – Ziviler Ungehorsam und konfrontative Kampagnen, 2009 PromediaR. Garner: Animals, Politics and Morality, 1993, Manchester University Press. die politischen Gegner würden anderenfalls Hintergründe und wesentliche Informationen ihres Handelns verdunkeln, mit Geld demokratische Entscheidungsprozesse umgehen, sowie mit Geld die öffentliche Meinung manipulieren. Es gebe viele Erfahrungen, wie das asymmetrische Kräfteverhältnis zwischen zivilgesellschaftlichen Bewegungen und Unternehmen von letzteren undemokratisch ausgenutzt worden sei.N. Hager, B. Burton: Secrets and Lies – the Anatomy of Anti-Evironmental PR Campaign, 1999 Craig Potton Publishing Nelson

Theoretisch schließen alle in der Tierrechtsbewegung verorteten Autoren Aktionen, die direkte Gefährdung von Menschen oder nicht-menschlichen Tieren beinhalten, aus. Im deutschsprachigen Raum ist kein Fall bekannt, der dieses Prinzip verletzt hätte.

Juristische Bewertungen „direkter Aktionen“

Das Oberlandesgericht Naumburg sprach 2018 drei Tierschutzaktivisten von Animal Rights Watch frei, die 2013 in einen Schweinemastbetrieb eingedrungen waren, um zu filmen. Das Gericht hatte „die angeklagten Taten als gerechtfertigt erachtet“ und ausgeführt, „dass der Tierschutz ein dem verletzten Hausrecht übergeordnetes Rechtsgut darstellt“. Das Urteil gilt als wegweisend.Christoph Richter: Sieg für den Tierschutz, Deutschlandfunk, 23. Februar 2018