mini|450px|Thematische Karte zum Türkei-PKK-Konflikt Der Konflikt der PKK mit der Republik Türkei war ein politischer und militärischer Konflikt, der von 1984 bis 2025 andauerte. Die Auseinandersetzungen fanden vor allem zwischen der kurdischen Untergrundorganisation PKK, den türkischen Streitkräften und verschiedenen paramilitärischen Einheiten statt. Die Kämpfe konzentrierten sich auf die südöstliche Türkei, den Nordirak und Teile Nordsyriens. Das Hauptquartier der PKK befand sich in den Kandil-Bergen. Der vorliegende Artikel behandelt in erster Linie die militärische Dimension des Konflikts. Zu den politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Dimensionen des Konflikts siehe den Artikel Kurden in der Türkei.
Hintergrund Es wird behauptet, dass der Türkei-PKK-Konflikt der 29. Aufstand der Kurden in der Geschichte der türkischen Republik sei.In einer 2002 abgeschlossenen Doktorarbeit wurden 24 Aufstände von Kurden seit der Gründung der Republik Türkei (1923) bis zum Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen mit der PKK aufgelistet. 13 Aufstände sollen zu Zeiten des Osmanischen Reiches stattgefunden haben, S. 19–20 und 34–35 der Arbeit mit dem Titel (PDF; 4,7 MB) abgerufen am 21. September 2012 Unter den bedeutenden Aufständen wie dem Koçgiri-Aufstand (1920), Scheich-Said-Aufstand (1925), Ararat-Aufstand (1930) und dem Dersim-Aufstand (1938) ist dies der Aufstand mit der längsten Dauer und einer tiefgreifenden Wirkung.Siehe hierzu eine Studie der 'Stiftung für wirtschaftliche und soziale Studien in der Türkei' (Türkiye Ekonomik ve Sosyal Etüdler Vakfi = TESEV) vom Juli 2011. Die Studie wurde von Cengiz Çandar verfasst und trägt den Titel (PDF; 2,3 MB) abgerufen am 21. September 2012 Neben der wirtschaftlichen Unterentwicklung des vorwiegend von Kurden besiedelten Südostens des Landes fühlten sich viele Kurden auch deshalb diskriminiert, weil ihnen ihre eigene Sprache und Tradition verweigert wurde. Jahrzehntelang wurde die kurdische Bevölkerung assimiliert und benachteiligt.Forum für interkulturellen Dialog e. V.; Ercan Karakoyun: , ohne Datum; abgerufen am 3. Oktober 2012 Diese repressive türkische Politik, die auch moderaten kurdischen Anliegen im Wege stand, trieb viele Kurden in die Arme der PKK.Die Zeit 27/1993: Die ewigen Opfer; abgerufen am 3. Oktober 2012 Ein Anlass für die PKK, zu den Waffen zu greifen, war die Repression der Militärdiktatur nach dem Putsch 1980, die u. a. an den Zuständen im Militärgefängnis Diyarbakır deutlich wurde.TAZ vom 12. August 2010, Jürgen Gottschlich: PKK will Waffen niederlegen; abgerufen am 3. Oktober 2012 Besonders in der Anfangszeit hatte die PKK aufgrund ihres Kultes um Märtyrer, zu denen auch die Mitglieder zählten, die im Gefängnis durch Hungerstreiks oder Selbstverbrennung gestorben waren, einen nicht geringen Zulauf.Joseph Croitoru, Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats, Carl Hanser Verlag, München 2003, ISBN 3-446-20371-0; litrix.de (PDF; S. 14–15) abgerufen am 3. Oktober 2012 Daneben bestand in den ländlichen Gebieten der Türkei eine gewisse Sympathie für „Gesetzlose“ (tr: "eşkıya"), die sich der Staatsmacht und konkret der Kontrolle durch die Gendarmerie (die Polizei auf dem Lande) widersetzen. Das hat die Taktik eines Guerillakriegs begünstigt, ebenso die zerklüftete Gebirgslandschaft.Mehmet Ali Birand in Hürriyet vom 18. September 2012 TSK, PKK'yı neden durduramıyor?, abgerufen am 3. Oktober 2012. Neben der Unterstützung aus der Bevölkerung bezeichnete Birand die Tatsache, dass die Militanten das Gelände wie ihre eigenen Westentasche kennen, als wesentlichen Vorteil. Die PKK erzwang gerade zu Beginn des bewaffneten Kampfes durch massive Einschüchterungen (Morde an Gegnern) Unterstützung.İsmet G. İmset: PKK: 20 Jahre separatistischer Gewalt (PKK: Ayrılıkçı Şiddetin 20 Yılı (1973–1992), Ankara, Juni 1993, ISBN 975-95711-0-2, S. 130–131) Es wird behauptet, dass die Bevölkerung von der PKK unterdrückt und bedroht wird.Siehe auch eine Seite bei Krisen und Konflikte: Die Geschichte des Konfliktes zwischen Kurden und Türken; abgerufen am 3. Oktober 2012
Die Gründung der PKK und erste Kämpfe
Am 27. November 1978 wurde die PKK in einem Dorf der Provinz Diyarbakır gegründet. Die Organisation befürwortet wie viele andere türkische und kurdische Organisationen den bewaffneten Kampf. Im Unterschied zu anderen militanten Organisationen stand bei ihr aber nicht der Klassenkampf zur Errichtung der Diktatur des Proletariats, sondern die „nationale Befreiung“ im Vordergrund. Die PKK organisierte nach ihrer Gründung in den Jahren 1979–80 einige Gefechte und Scharmützel mit Großgrundbesitzern.Vergleiche eine Analyse von Ute Reissner und Justus Leicht (1999): , abgerufen am 20. September 2012 Bis zum Militärputsch 1980 trug die PKK auch bewaffnete Konflikte mit anderen radikalen türkischen und kurdischen Gruppen aus. Nach der Anklageschrift gegen Abdullah Öcalan sollen dies Kämpfe (oft mit tödlichem Ausgang) mit türkischen Organisationen wie DHB (Devrimci Halkın Birliği, Revolutionäre Volksunion), HK (Halkın Kurtuluşu, Volksbefreiung) oder Aydınlık (Aufklärung) sowie mit kurdischen Organisationen wie DDKD (Devrimci Doğu Kültür Dernekleri, Revolutionäre Ost-Kulturvereine) oder KUK (Kürdistan Ulusal Kurtuluşçuları, Nationale Befreier von Kurdistan) gewesen sein.Zitiert nach der zu finden bei Belgenet; abgerufen am 21. September 2012 Die Kämpfe sollen 1.000 Kurden das Leben gekostet haben.Diese These vertrat der kurdische Politiker İbrahim Güçlü bei einer Anhörung im türkischen Parlament im Januar 2012. Der Text wurde am 30. Januar 2012 auf einer veröffentlicht; abgerufen am 21. September 2012
Die einseitige Kriegserklärung Am 15. August 1984 besetzten Einheiten der PKK die beiden Kleinstädte Şemdinli und Eruh in den Provinzen Hakkâri und Siirt für einen Tag und attackierten dort türkische Polizeistationen und Militäreinrichtungen.Universität Hamburg: Dezember 2001; abgerufen am 21. September 2012 Die Türkei verstärkte ihre Militärpräsenz und bewaffnete kurdische Stämme als Dorfschützer, um gegen die PKK zu kämpfen. Am 19. Juli 1987 wurde das bis dahin herrschende Kriegsrecht in 8 Provinzen mit kurdischer Bevölkerung durch den Ausnahmezustand ersetzt (weitere 3 Provinzen wurden zu „benachbarten“ Provinzen erklärt).Angaben zum Kriegsrecht und Ausnahmezustand in der Türkei gibt es in Türkisch auf einer Seite mit dem Titel ; abgerufen am 21. September 2012 Es wurde eine Sonderverwaltung mit einem so genannten Super-Gouverneur eingesetzt, die als OHAL bekannt wurde. Der Ausnahmezustand wurde für einige Provinzen mehrfach um jeweils 4 Monate verlängert und war in Hakkari und Tunceli bis zum November 2002 gültig.
Die PKK griff ihrerseits Zivilisten und insbesondere Dorfschützer an. Auf dem 3. Kongress der PKK im Oktober 1986 wurde die Ausweitung des bewaffneten Kampfes und dabei ein besonders scharfes Vorgehen gegen Dorfschützer beschlossen.Siehe dazu eine in Türkisch verfasste Doktorarbeit von Türkmen Töreli aus dem Jahre 2002. Die Arbeit mit dem Titel sdu.edu.tr; abgerufen am 21. September 2012 Zwischen Januar 1987 und November 1989 war die blutigste Phase.İsmet G. İmset: PKK: 20 Jahre separatistischer Gewalt (PKK: Ayrılıkçı Şiddetin 20 Yılı) (1973–1992), Ankara, Juni 1993, ISBN 975-95711-0-2, S. 129 Bei Überfällen auf Dörfer, in denen es Dorfschützer gab, sollen fast 400 Menschen, darunter Frauen und Kinder getötet worden sein.İsmet G. İmset, PKK, Ayrılıkçı Şiddetin 20 yılı (20 Jahre separatistischer Gewalt), Ankara, Juni 1993, S. 125.Die Zahlen ergeben sich aus einer auf Türkisch geschriebenen Seite im Wiki „B-Ob8ungen“ mit dem Titel , abgerufen am 21. September 2012 Werden Überfälle mit weniger als fünf Todesopfern und gezielte Morde an Einzelnen hinzu gerechnet, so könnte die PKK zwischen 1984 und 1990 für den Tod von 1.200 Zivilisten verantwortlich gewesen sein.Diese Berechnungen wurde ebenfalls in Türkisch im Wiki „B-Ob8ungen“ angestellt, wobei eine wesentliche Quelle das Parteiorgan der PKK, Serxwebun war. Siehe die Seite ; abgerufen am 21. September 2012 Die Organisation selber nennt die Zahl von 1055 getöteten „Verrätern und Lehrer-Agenten“, die bei Aktionen gegen „Dorfschützer, Kollaborateure-Agenten und Spione“ zwischen dem 15. August 1984 und dem 31. Dezember 1988 getötet wurden.Die Nummer 84 des Parteiorgans Serxwebûn vom Dezember 1988, S. 30. Die Ausgabe kann heruntergeladen werden oder es kann auch separat angeschaut werden; abgerufen am 23. September 2012
Die Reaktion der Sicherheitskräfte Die türkischen Sicherheitskräfte erhielten Unterstützung von Spezialteams (özel tim) und Dorfschützern. Bis 1990 kämpften etwa 200.000 Soldaten, 70.000 Polizeibeamte, 25.000 kurdische Dorfschützer und 1.500 Anti-Terror-Spezialisten gegen 2.500 PKK-Rebellen. In den 1990er Jahren erhöhte sich der Druck auf Dorfbewohner, Waffen zu akzeptieren. In den Landkreisen Şırnak, Eruh und Silopi wurden mit Ausnahme je eines von „Dorfschützern“ bewohnten Dorfes alle Dörfer zerstört, der Nationale Sicherheitsrat der Türkei beschloss mehrere Male, ganze Regionen am Berg Ararat oder in der Provinz Elazığ umzusiedeln. (PDF; 4,7 MB), September–November 1994, Report der Stichting Nederlands-Koerdistan 1995, S. 8, 35 Insgesamt soll das türkische Militär 3500–4000 kurdische Orte zerstört haben. Die Stiftung für wirtschaftliche und soziale Studien der Türkei (TESEV) schätzte die Zahl der aus 14 Provinzen vertriebenen Menschen auf 950.000 bis 1,2 Millionen.Am 1. Dezember 2008 gefunden unter:
Nach offiziellen Angaben starben bis Ende 1990 574 Angehörige der türkischen Streitkräfte, 1.068 Militante der PKK und 1.045 Zivilisten. Andere Quellen besagen, dass bei Gefechten und gezielten Angriffen der PKK 1.023 Angehörige der Sicherheitskräfte und Dorfschützer getötet wurden. Im gleichen Zeitraum wurden 910 Militante der PKK und als Folge der in dem Gebiet herrschenden Gewalt 906 Zivilisten getötet.Diese Untersuchung von Helmut Oberdiek kann in Türkisch unter nachgelesen werden, abgerufen am 21. September 2012
Serhildan und der 1. Waffenstillstand Der erste große Serhildan (Volksaufstand im Sinne von Intifada) fand am 14. März 1990 in Nusaybin in der Provinz Mardin für einen gefallenen Militanten der PKK statt. Eine Woche später wurde Newroz zum ersten Mal offen gefeiert, so am 20. März 1990 in Cizre. Während die Newroz Feierlichkeiten 1991 ein Todesopfer in Nusaybin fordertenJahresbericht 1991 der Stiftung für Menschenrechte in der Türkei TIHV, Ankara Januar 1992 (Türkisch, S. 62) starben um den 21. März 1992 herum insgesamt 94 Personen bei den Feiern zu Newroz (darunter 3 Sicherheitsbeamte).Jahresbericht 1992 der Stiftung für Menschenrechte in der Türkei TIHV, Ankara Januar 1993 (Türkisch, S. 21) Es standen sich 1992 etwa 10.000 PKK-Kämpfer und über 300.000 türkische Sicherheitskräfte gegenüber.