Der Begriff Simplicia (einfache Dinge) oder Simplizien (früher auch Simplicien) erklärt sich als Gegensatz zum Begriff Composita (zusammengesetzte Dinge) oder Komposita. In der Pharmazie und in der Medizin bedeuten Simplicia Arzneimittel aus einzelnen Teilen von Pflanzen, Tieren oder Mineralien und somit nur einzelne Arzneistoffe, die früher nicht in einer Rezeptur mit anderen vermischt eingenommenGotthard Strohmaier: Avicenna. Beck, München 1999, ISBN 3-406-41946-1, S. 115.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 202 (zu Galen, Über Mischung und Wirkung der einfachen Heilmittel). wurden.Vgl. auch Rudolf Schmitz: Der Arzneimittelbegriff der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil: Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 1–21, hier: S. 3, Anm. 6 („Simplicia“: gemäß Theodor Husemann Rohprodukte aus den drei Naturreichen und Chemikalien). Im Deutschen werden sie auch als einfache Heilmittel oder einfache Arzneimittel bezeichnet. Composita (wie früher die Antidota) dagegen sind aus mehreren Teilen zusammengesetzt.Vgl. auch Rudolf Schmitz: Der Arzneimittelbegriff der Renaissance. 1984, S. 3, Anm. 6 („Mixta et Composita“ [= Medicamenta galenica]: gemäß Theodor Husemann durch Mischen von Simplicia oder Ausziehen gewonnene Präparate). Als Praeparata wurden die Produkte (bzw. „Medicamenta“) bezeichnet, die entstehen, wenn Simplicia oder Composita durch Zerkleinerung, durch Wärmeeinwirkung oder durch Lösungsmittel behandelt werden.

Geschichte Im 1. Jahrhundert beschrieben Dioskurides,Julius Berendes: Des Pedanios Dioskurides aus Anazarbos Arzneimittellehre. Stuttgart 1902. und Plinius der ÄltereNaturalis historia. Ausgabe Roderich König u. a. Artemis, Zürich 1990–2004. in ihren Arzneibüchern ausschließlich Simplicia. Ihre Arbeiten wurden von spätantiken Autoren (Pseudo-Apuleius) und von mittelalterlichen Autoren (wie im Macer floridus oder dem Circa instans) rezipiert. Auch der Liber iste enthält solche nichtzusammengesetzten Arzneimittel, wohingegen das Antidotarium Nicolai ausführlich Composita darstellt.Johannes G. Mayer: ‚Circa instans‘ deutsch. Beobachtungen zum Leipziger Kodex 1224, dem bislang umfangreichsten Kräuterbuch in deutscher Sprache vor dem Buchdruck. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 67–73, hier: S. 67–69.

In römischer Zeit wurde es immer beliebter, aus der Mischung der Simplicia immer neue Composita zu kreieren. In diesem Zusammenhang entstanden auch die Compositiones des Scribonius Largus.

Die Trennung zwischen Simplicia und Composita („Divisio Pharmacorum“ 1560 bei Johann Placotomus) war in Antike und Mittelalter üblich.Rudolf Schmitz: Der Arzneimittelbegriff der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil: Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 1–21, hier: S. 5 f. Im 2. Jahrhundert schrieb Galen sowohl über SimpliciaDe alimentorum facultatibus. (Edition Kühn, Band VI, S. 453–748).De simplicium medicamentorum temperamentis ac facultatibus. (Kühn XI 379 – XII 377).Vgl. auch Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 160–162 (Galen: Über Mischung und Wirkung der einfachen Heilmittel, Buch I, Kap. 27, Buch V, Kap. 27, und Buch VI, Kap. 60). als auch über Composita.De compositione medicamentorum secundum locos. (Kühn XII 378 – XIII 361). De compositione medicamentorum per genera. (Kühn XIII 362-1085) Galen beeinflusste die arabischen Autoren wie al-Kindi,Alfred Siggel: Al-Kindî's Schrift über die zusammengesetzten Heilmittel. In: Sudhoffs Archiv. Band 37, 1953, S. 389–393. der im 9. Jahrhundert erstmals die Composita durch eine Gradenlehre systematisch spezifizierte.Rudolf Schmitz: Der Arzneimittelbegriff der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil: Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 1–21, hier: S. 9 mit Anm. 20.Vgl. auch Heinrich Schipperges: Moderne Medizin im Spiegel der Geschichte. dtv, Stuttgart 1970, S. 121–123. So behandelte Avicenna im 2. BuchDruck Venedig ca. 1500 Digitalisat des Kanons der Medizin einfache Arzneimittel (Simplicia) und im 5. BuchDruck Venedig ca. 1500 Digitalisat zusammengesetzte Arzneimittel (Composita).

1500 nannte Hieronymus Brunschwig sein „Kleines Destillierbuch“ „Liber de arte distillandi de Simplicibus. Das Buch der rechten kunst zu distilieren die einzigen ding.“ Er beschrieb darin die Herstellung von Destillaten aus einzelnen Pflanzen- oder Tierteilen. 1512 folgte sein „Großes Destillierbuch“ mit dem Titel „Liber de arte Distillandi de Compositis. Das buch der waren kunst zu distillieren die Composita …“ In diesem Buch beschrieb er vor allem die Destillation aus Mischungen von Simplicia.

Die Väter der Botanik polemisierten gegen die „Araber“ und warfen ihnen vor, den einfachen Arzneimitteln zusammengesetzte Arzneimittel vorzuziehen.Otto Brunfels. Contrafeyt Kreütterbuch 1532, Vorred. Brunfels 1532 Digitalisat Diese Polemik gegen die „Polypragmasie des pharmazeutischen Arabismus“Rudolf Schmitz: Der Arzneimittelbegriff der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil: Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 1–21, hier: S. 8 f. war durch die Fehden vergiftet, welche die Humanisten mit den „Arabisten“ austrugen.Leonhart Fuchs. Errata recentiorum medicorum, LX. Numero adiectis eorundem confutationibus. Hagenau 1530.Lorenz Fries: Defensio medicorum principis Avicennae. Straßburg 1530.

Im 18. Jahrhundert führte der englische Arzt William Withering die Digitalis in das offizielle Arzneibuch (Pharmakopoe) ein. Er hatte es als Simplicium (als Begriff ursprünglich immer die Ganzheit der Heilpflanze umfassendOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 15.) aus einem zusammengesetzten Volksheilmittel (Compositum) ausgewählt. Mit welchen Kräutern die Digitalis in diesem Volksheilmittel kombiniert wurde, teilte Withering nicht mit:

Quellentexte

GRIECHISCH-RÖMISCHE ANTIKE

Pedanios Dioskurides. 1. Jahrhundert. De Medicinali Materia libri quinque. Manuskripte Wiener Dioskurides. 6. Jahrhundert. Wien. Österreichische Staatsbibliothek. Codex medicus Graecus 1. Dioskurides latinus. München. Staatsbibliothek. Clm 337. [s. l.] 10. Jahrhundert? Bayerische Staatsbibliothek Drucke (teilweise kommentiert). Pietro d’Abano. Alphabetische Redaktion mit Glossen und Zusätzen. Colle di Val d’Elsa 1478 Bayerische Staatsbibliothek Lyon 1512 Bayerische Staatsbibliothek Verlag Aldus Manutius, Venedig 1499 Band I Bayerische Staatsbibliothek Band II Bayerische Staatsbibliothek Jean Ruel Stephanus, Paris 1516 Bayerische Staatsbibliothek Schott, Straßburg 1529 reader.digitale-sammlungen.de Bayerische Staatsbibliothek Basel 1539 Bayerische Staatsbibliothek Frankfurt 1543 Bayerische Staatsbibliothek Frankfurt 1549 Bayerische Staatsbibliothek Frellonius, Lyon 1547 Bayerische Staatsbibliothek Lyon 1552 Bayerische Staatsbibliothek Faure, Lyon 1554 Bayerische Staatsbibliothek Venedig 1550 Bayerische Staatsbibliothek Marcellus Vergilius (1461–1521) Florenz 1518 Bayerische Staatsbibliothek Bayerische Staatsbibliothek Soter, Köln 1529 Bayerische Staatsbibliothek Basel 1532 Bayerische Staatsbibliothek Janus Cornarius Basel 1529 Bayerische Staatsbibliothek Basel 1557 Bayerische Staatsbibliothek Pietro Andrea Mattioli Frellonius, Lyon 1554 Bayerische Staatsbibliothek Valerius Cordus: Annotationes in Pedacij Dioscoridis … Materia medica ... Josias Rihel(ius), Straßburg 1561. doi:10.3931/e-rara-11637 Ausgaben: Kurt Sprengel. Band 1, Knobloch, Leipzig 1829 Bayerische Staatsbibliothek Max Wellmann: Pedanii Dioscuridis Anazarbei De materia medica libri quinque. 3 Bände. Weidmann, Berlin 1906–1914; Nachdruck 1958. Übersetzungen: Johann Dantz. Frankfurt 1546 Bayerische Staatsbibliothek Frankfurt 1610 Bayerische Staatsbibliothek Julius Berendes: Des Pedanius Dioskurides Arzneimittellehre in 5 Büchern. Enke, Stuttgart 1902. Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Plinius der Ältere. 1. Jahrhundert. Naturalis historia. Band 1–37. Druckausgaben. Rom 1470 Bayerische Staatsbibliothek Venedig 1472 Bayerische Staatsbibliothek Parma 1481 Bayerische Staatsbibliothek Brescia 1496 Bayerische Staatsbibliothek Venedig 1496 Bayerische Staatsbibliothek Manutius, Venedig 1559. Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Übersetzungen. Johann Daniel Denso. Ferdinand Rösen, Rostock und Greifswald. Band I 1764 (Buch 1–16) Bayerische Staatsbibliothek Band II 1765 (Buch 17–37) (21. Buch 220–260 / 22. Buch 261–297 / 23. Buch 298–331 / 24. Buch 332–370 / 25. Buch 371–407) Bayerische Staatsbibliothek C. Plinius Secundus d. Ä.: Naturkunde: lateinisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Roderich König… – Darmstadt 1973–2004 (32 Bände).

Galenos. 2. Jahrhundert. De alimentorum facultatibus. In: C. G. Kühn, Leipzig 1823, Band 6, S. 453–748 Biu Sante Galeni de simplicium medicamentorum temperamentis ac facultatibus. In: C. G. Kühn, Leipzig 1826, Band 11, S. 379–892 Biu Sante und Leipzig 1826, Band 12, S. 1–377 Biu Sante Leipzig 1833, Band 20, Registerband Biu Sante

Quintus Gargilius Martialis. 3. Jahrhundert. Medicinae ex oleribus et pomis – Heilmittel aus Gemüsen und Früchten. Ausgabe: Valentin Rose. Quintus Gargilius Martialis: Medicinae ex oleribus et pomis, in Plinii secundi quae fertur una cum Gargilii Martialis medicina. Nunc primum edita. Teubner, Leipzig 1875

SPÄTANTIKE

Pseudo-Apuleius. 4. Jahrhundert. Ausgaben Oswald Cockayne: Leechdoms Wortcunning, and Starcraft of Early England Being a Collection of Documents, for the Most Part Never Before Printed Illustrating the History of Science in this Country Before the Norman Conquest. (= Rerum Britannicarum Medii Ævi Scriptores (Rolls Series).) Band 1. London 1864, British Library, MS Cotton Vitellius C. iii (11. Jahrhundert) als Leithandschrift. (Digitalisat) Ernst Howald, Henry E. Sigerist: Antonii Musae De herba vettonica, Liber Pseudo-Apulei herbarius, Anonymi De taxone liber, Sexti Placiti Liber medicinae ex animalibus. (= Corpus medicorum latinorum. Band 4.) Teubner, Leipzig 1927. Erstdruck: Rom 1481 Bayerische Staatsbibliothek

Zusammen mit dem Pseudo-Apuleius sind in den Pseudo-Apuleius-Codices folgende Abhandlungen über einzelne Arzneimittel überliefert: Pseudo-Musa. De herba vettonica. Abhandlung über Echte Betonie. De taxone liber. Abhandlung über die medizinische Verwendung des Dachses. Pseudo-Sextus-Placitus-Papyrensis. Abhandlung über die Verwendung von aus Tieren gewonnenen Arzneimitteln. Pseudo-Dioscorides de herbis femininis. Im 6. Jh. in Südeuropa entstanden. Edition: H. F. Kästner: Pseudo-Dioscorides de herbis femininis. In: Hermes. Band 31, 1896, S. 578–636 Archive.org

mini|Ernte von sauren Äpfeln in einer Ausgabe des Tacuinum sanitatis. Florenz 14. Jh.

ARABISCHES MITTELALTER

Avicenna. 10.–11. Jahrhundert. Kanon der Medizin. Buch II. Einfache Arzneimittel. Drucke: