mini|Landschaft bei Stellenbosch in der Provinz Westkap, durch die Michael K. im Roman seine Mutter zieht Leben und Zeit des Michael K. (engl. Life & Times of Michael K) ist ein Roman des südafrikanischen Autors und späteren Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee, der 1983 erschien. Im gleichen Jahr wurde er mit dem Booker Prize ausgezeichnet, 1984 mit dem CNA Literary Award. Der Roman beschreibt aus der Perspektive vor dem Ende der Apartheid ein stark fiktionalisiertes Südafrika der Zukunft, das sich in einem Bürgerkrieg befindet, und zählt zu Coetzees meistrezipierten Texten. Hauptfigur ist der schweigsame und als geistig einfach beschriebene Gärtner Michael K., der seine Mutter in einem Handkarren durch die Kriegswirren zu ihrer Geburtsfarm bringen will. Im Verlauf der Handlung stirbt die Mutter, was Michael K. nicht daran hindert, die Reise mit ihrer Asche fortzusetzen. Der etwa 200 Seiten lange Text wechselt dabei mehrfach die Erzählperspektive. Leben und Zeit des Michael K. behandelt Fragen nach Machtverhältnissen, politischem Widerstand und Individualität und ist reich an Bezügen zu anderen Texten. Auch Sprache, Kommunikation und zwischenmenschliche Verständigung sind zentrale Themen. Von der Kritik wurde der Roman überwiegend positiv aufgenommen, auch eine große Menge literaturwissenschaftlicher Forschung beschäftigt sich mit ihm. Die deutsche Übersetzung von Wulf Teichmann erschien im Jahr 1986.

Inhalt Handlungsort Der Roman spielt an teilweise realen Orten in Südafrika. Elf Jahre vor dem Ende der Apartheid erschienen beschreibt er ein Zukunftsszenario, in dem die Rassentrennung andauert und Bürgerkrieg herrscht. Wer genau die Konfliktparteien sind, wird aber nicht deutlich. Genaue Zeitangaben werden ebenfalls nicht gemacht; es lässt sich aus den Beschreibungen technischer Errungenschaften, die durchgehend dem Stand zur Zeit der Romanpublikation entsprechen, jedoch ableiten, dass es sich um eine nicht ferne Zukunft handelt. Teilweise wird auch auf südafrikanische Ereignisse der Vergangenheit angespielt, etwa den Aufstand in Soweto von 1976 und die anschließenden Unruhen. Konflikte aus dieser Zeit sowie die damit einhergehenden Sorgen und Ängste der Bevölkerung werden von Coetzee so in die Zukunft projiziert.

Handlung mini|Ein nicht näher bestimmter Vorort von Kapstadt (im Bild Woodstock) ist der Ausgangs- und Endpunkt von Michael K.s Reise. Die Hauptfigur Michael K. ist ein einfacher und ungebildeter Gärtner in einem Vorort von Kapstadt, der im ersten Satz des Romans durch seine Hasenscharte charakterisiert wird. Seine Hautfarbe wird im Roman nie direkt erwähnt; anhand der Eintragungen einer Karteikarte, die auf der Polizeistation über ihn angelegt ist, lässt sich aber indirekt schlussfolgern, dass er farbig ist.Ulrich Horstmann: J. M. Coetzee. Vorhaltungen. Peter Lang: Frankfurt am Main (2005), S. 96. Die Romanhandlung beginnt mit der Geburt K.s. Er hat eine starke Bindung zu seiner Mutter, einer Putzfrau, die ihn jedoch wegen seiner körperlichen Entstellung schon hier abweisend behandelt. Als der Bürgerkrieg eskaliert und seine Mutter schwer erkrankt, gibt Michael K. seine Stelle auf, um die Mutter aufs Land zu ihrer Heimatfarm bei Prince Albert zu bringen. Da er die nötigen Papiere für die Reise nicht bekommen kann, schiebt er sie in einem Handkarren. Unterwegs stirbt die Mutter in einem Krankenhaus in Stellenbosch. Michael K. will ihre Asche in einer Plastiktüte zur Farm bringen, wird auf seinem Weg aber von Regierungsbeamten aufgegriffen und in ein Arbeitslager gebracht. Nachdem ihm die Flucht gelungen ist, versteckt er sich auf einer verlassenen Farm (es ist unklar, ob es sich dabei wirklich um die Geburtsfarm seiner Mutter handelt) und baut Kürbisse an. Von dort aus beobachtet er mehrfach Widerstandskämpfer, die vorüberziehen und teilweise seinen Garten benutzen. Obwohl ihn das verärgert, verlässt er sein Versteck nicht.

Nachdem er erneut von Soldaten aufgegriffen wurde, wird er in ein Wiedereingliederungslager in der Kapregion geschickt. Dort beginnt sich ein Arzt für ihn zu interessieren. Michael K. verweigert das Essen und wird schwer krank. Der Arzt versucht vergeblich, die Motivation hinter seinem Verhalten zu verstehen, und setzt sich für seine Freilassung ein. Schließlich gelingt Michael K. jedoch wieder selbst die Flucht. Eine Weile lebt er bei Nomaden, kehrt dann jedoch zurück in seine alte Wohnung in Kapstadt. Am Schluss des Romans schöpft Michael K. mit einem Teelöffel Wasser aus einem Brunnen und nimmt sich vor, diese Lebensweise – das Schöpfen einer winzigen Portion nach der anderen – zu einem Prinzip zu erheben. Dabei wird gleichzeitig wieder ein Bezug zum Anfang hergestellt: Der Säugling Michael wurde von seiner Mutter mit einem Teelöffel gefüttert, da er wegen seiner Hasenscharte nicht aus einer Flasche trinken konnte.

Erzählweise Der Roman ist in drei Abschnitte gegliedert. Der erste und mit Abstand längste beschreibt Michael K.s Geschichte vor seiner Einweisung in das Lager in der dritten Person. Dialoge sind dabei aufgrund seiner unkommunikativen Art relativ selten. Die Erzählung beschränkt sich größtenteils auf Handlungsbeschreibungen und einige Gedanken Michael K.s. Die Figur wird dabei nicht völlig kohärent dargestellt: Während viele seiner Gedanken auf einem naiven, teilweise kindlichen Niveau angesiedelt sind, erreichen einige Reflexionen auch ein relativ hohes Niveau, das als widersprüchlich zu seinem sonstigen Verhalten gelesen wurde.Manfred Loimeier: J. M. Coetzee, edition text + kritik: München (2008), S. 126. Derek Attridge sah in dieser Erzählweise einen Versuch, die Erzählung selbst von Michael K. zu distanzieren: Seiner Meinung nach soll deutlich gemacht werden, dass die Erzählung nicht wirklich Michael K.s Innenleben erfasst (wie es etwa in Erlebter Rede suggeriert würde), sondern stets eine künstliche Position außerhalb der wirklichen Gedankenwelt beibehält.Derek Attridge: J. M. Coetzee and the Ethics of Reading. University of Chicago Press: Chicago / London (2004), S. 49f.

Der zweite Teil des Romans beschreibt Michael K.s Zeit im Wiedereingliederungslager und bringt einen radikalen Perspektivwechsel mit. Er besteht aus Tagebucheinträgen des Arztes, die in der ersten Person verfasst sind und seine Versuche reflektieren, Michael K. zu verstehen. Von dessen Innenleben wird in diesem Teil nichts erzählt: Der Leser erlebt nur das Scheitern des Arztes mit, Michael K.s Persönlichkeit zu verstehen. Der Arzt spricht ihn dabei durchgängig mit einem falschen Namen an, nämlich „Michaels“.

Der dritte und kürzeste Teil befasst sich mit der Zeit nach Michaels Flucht und ist, wie der erste Teil, wieder in der dritten Person erzählt. Allerdings kommt diesmal auch Michael K selbst zu Wort: In einer Passage ganz am Ende des Romans werden seine eigenen Gedanken und seine Lebensphilosophie in erlebter Rede wiedergegeben. Für Dominic Head ist der formale Aufbau des gesamten Romans darauf ausgelegt, diesem Teil eine hohe Priorität zu verschaffen.Dominic Head: The Cambridge Introduction to J. M. Coetzee. Cambridge University Press: Cambridge (2009), S. 58.

Interpretationen Titel und Name der Hauptfigur mini|hochkant|Erstausgabe von Kafkas Process, dessen Hauptfigur Josef K. oft als Bezugspunkt für den Namen Michael K. gesehen wird Der Titel Life & Times of Michael K (im englischen Original, anders als in der deutschen Übersetzung, ohne Abkürzungspunkt) wurde auf verschiedene Weise interpretiert. Der Name der Hauptfigur stellt einerseits einen Bezug zu den Hauptfiguren von Franz Kafkas Romanen Der Process und Das Schloss her, die das Initial K mit Coetzees Hauptfigur teilen. Die direkte Bezugnahme von Coetzee auf Kafka ist in der Forschung um den Roman praktisch Konsens. Coetzee selbst sagte dazu, es gebe „kein Monopol auf den Buchstaben K“.“There is no monopoly on the letter K”, David Atwell (Hrsg.): Doubling the Point: Essays and Interviews. Harvard University Press: Cambridge, MA (1992) S. 199. Durch den Vornamen Michael ergibt sich zudem eine autobiografische Lesart:Gilbert Yeoh: J. M. Coetzee and Samuel Beckett. In: Ariel (41/4, 2004), S. 126. Michael ist Coetzees eigener zweiter Vorname,Coetzee änderte seinen Namen selbst von John Michael Coetzee zu John Maxwell Coetzee, bevor er sich schließlich entschied, nur noch unter seinen Initialen aufzutreten; Rory Carroll: Nobel prize for JM Coetzee – secretive author who made the outsider his art form, Guardian am 3. Oktober 2003, abgerufen am 1. Dezember 2017. gleichzeitig tritt sein Familienname teilweise auch in Varianten wie „Kotze“ oder „Koekemor“ auf, von denen sich das K herleiten lässt, worauf Nadine Gordimer hinwies (die gleichzeitig als praktisch einzige Interpretin einen Bezug zu Kafka abstritt).Derek Attridge: J. M. Coetzee and the Ethics of Reading. University of Chicago Press: Chicago / London (2004), S. 51. Coetzee selbst hat mehrfach die Ansicht geäußert, dass sich autobiografische Elemente aus der Literatur nicht verbannen ließen und jeder Text bis zu einem gewissen Grad autobiografisch sei. In mehreren seiner Werke werden autobiografische Erzählungen mit Fiktion vermengt, was Interpretationen hervorrief, auch der Name Michael K sei eine Anspielung, die in dieser Hinsicht Unklarheit schaffen solle.

(The) Life and Times of... wiederum ist eine Formel, die im Titel von Biografien, Bildungsromanen und historischen Romanen seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlich ist und damit eine Verbindung zu diesen Genres herstellt. Diese Traditionen zielten in der Regel darauf ab, ein Individuum im Kontext seiner Gesellschaft darzustellen; in Coetzees Roman wird dies ironisch gebrochen, als die Hauptfigur Michael K. jede Verbindung zur Außenwelt und zu anderen Menschen gerade abzuschneiden versucht. Durch die fiktive Epoche, in der der Roman spielt, lässt sich Times auch nicht eindeutig zuordnen.Dominic Head: J. M. Coetzee. Cambridge University Press: Cambridge (1997), S. 93.

Erzählung und Aufbau Die wechselnde Erzählhaltung im Laufe des Romans wirft Probleme auf, die in direktem Zusammenhang zu seinen Hauptthemen stehen. Dominic Head weist darauf hin, dass der allwissende Erzähler im ersten und dritten Teil des Romans eine Konvention des literarischen Realismus ist, die Aufmerksamkeit auf die Frage wirft, inwieweit Michael Ks Geschichte durch die Erzählung selbst manipuliert wird. Betont werde diese Frage durch den zweiten Teil, in dem der behandelnde Arzt explizite Versuche unternimmt, das Leben seines Patienten zu interpretieren und sich seine Geschichte dadurch anzueignen. Dadurch werde der Leser zur Vorsicht im Hinblick auf diese Tendenz trainiert. Obwohl der allwissende Erzähler in den anderen beiden Teilen weniger offensichtliche Deutungsversuche unternehme (und sich Wertungen über die Figur des Michael K fast ganz enthielte), sei diese Vorsicht auch angebracht. Die (bis auf die letzte Passage) fast völlige Verschwiegenheit des Protagonisten, die so gut wie nie einen Einblick in seine Gedankenwelt ermöglicht, erschwert dieses Problem und ist für Head auch ein Zeichen sowohl seiner Entrechtung als auch gleichzeitig seiner (politischen) Resistenz.Dominic Head: The Cambridge Introduction to J. M. Coetzee. Cambridge University Press: Cambridge (2009), S. 57f.

Die Frage nach dem allegorischen Gehalt