mini|Wolfgang von Nathusius, 1957 Wolfgang Wilhelm Engelhard von Nathusius (* 11. August 1911 in Gernrode; † 11. Juli 1986 in Büdingen)Siehe Nathusius (1840, 1861), III. Linie (Meyendorf), 3) Wolfgang Wilhelm Engelhard. In: Walter von Hueck: Genealogisches Handbuch des Adels. Band 57 der Gesamtreihe GHdA, Adelige Häuser B (Briefadel), Band XI, C. A. Starke, Limburg an der Lahn 1974, S. 316. war ein deutscher Arzt und Medizinalbeamter, der sich um die Entwicklung der Anwendung von Naturheil- und Kneippverfahren in Deutschland sowie die medizinische Betreuung von Kriegsheimkehrern und Internierten verdient gemacht hat.
Kindheit und Jugend Wolfgang, auch Wolf genannt, war der drittälteste Sohn von David von Nathusius (1864–1919) und Elisabeth, geb. Streu (1890–1961). Er hatte fünf Geschwister, sein Großvater war August von Nathusius, ein Großgrundbesitzer im heutigen Sachsen-Anhalt. Nathusius’ Vater hatte in Heidelberg Jura studiert, war aufgrund einer Erbschaft allerdings Privatier, der sich vorwiegend für Land- und Gartenwirtschaft interessierte. Seine Mutter, die bereits mit 29 Jahren Witwe wurde, war die Tochter eines Berliner Droschkenkutschers.
Nathusius wuchs in einem konservativ-monarchistisch eingestellten Elternhaus in Gernrode im Harz auf.Jochen von Nathusius: Bemerkungen zum Lebenslauf von Wolfgang von Nathusius. Stand 10. Juli 2006 Seine Mutter war seit der Gründung des Bunds Königin Luise 1923 – bis zu dessen Verbot im Jahr 1934 im Rahmen der nationalsozialistischen Gleichschaltung – die Leiterin der Gernröder Ortsgruppe dieser Frauenorganisation. Bis Ende des Krieges wurde ein großzügiger Haushalt geführt.
Nachdem Nathusius’ Vater krankheits- und altersbedingt nicht mehr zum Frontdienst im Ersten Weltkrieg einberufen wurde, leitete er in den Kriegsjahren das Kriegshilfswerk in Ballenstedt und vertrat zeitweise den Bürgermeister in Gernrode. Bereits 1919 verstarb er an Krebs. Nach seinem Tode verarmte die Familie wegen des Verlustes des Familienvermögens, das zu einem großen Teil in die nun wertlosen Kriegsanleihen investiert worden war. Das verbliebene Vermögen wurde durch die dem Krieg folgende Hyperinflation vernichtet. Seit 1919 lebte die Familie in sehr einfachen Verhältnissen.
Bereits im April 1917 war Nathusius in die Volksschule in Gernrode eingeschult worden. Von 1924 bis 1928 war er aktives Mitglied der Trommelriege des Jungdo und von 1925 bis 1930 ebenso beim 1909 begründeten Gernröder Turnvereins Askania. Sein Abitur legte er 1931 am altsprachlichen Melanchthon-Gymnasium im nahegelegenen Quedlinburg ab.
Studienzeit mini|Hauptgebäude der Leipziger Universität am Augustusplatz um 1900, im Vordergrund der Mendebrunnen Zum Sommersemester 1931 begann Nathusius mit dem Studium der Humanmedizin zunächst in Göttingen und setzte es ab dem zweiten Semester (November 1931) an der Universität in Leipzig fort. Im Juni 1933 legte Nathusius die ärztliche Vorprüfung in Leipzig ab. Dieser folgte eine Unterbrechung des Studiums für einen Aufenthalt an der lettischen Staatsuniversität in Riga im Wintersemester 1934/35. Am 31. Mai 1937 bestand er dann die ärztliche Staatsprüfung in Leipzig.
Nathusius war seit dem Wintersemester 1931/32, also sofort nach Beginn der Leipziger Studienzeit, als Turnerschafter in der 1882 gegründeten, farbentragenden und schlagenden Verbindung Fridericiana, die im VC (Vertreter-Convent) organisiert war, aktiv. Zum 1. Februar 1931 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 455.225)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/30091343 und schloss sich im selben Jahr der SA an.Wechsel in der Führung der Studentenschaft an Wolfgang v. Nathusius. In: Leipziger Tageblatt. vom 21. März 1936 Im Laufe seiner Studienzeit hatte er Führungsämter in der Selbstverwaltung der Leipziger Studentenschaft im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) inne.Der NSDStB hatte in Leipzig bereits 1931 die Wahlen zum Allgemeinen Studentenausschuss gewonnen Im Rahmen der zunächst geplanten Gleichschaltung und des späteren Verbots studentischer Verbindungen und des zunehmenden Interessenskonflikts seiner Mitgliedschaft bei Fridericiana und der Funktion beim NSDStB kam es ab Ende der 1930er Jahre zu einer wachsenden Entfremdung Nathusius’ zum nationalsozialistischen Führungsanspruch.
Nathusius promovierte im Herbst 1938 bei Bodo Spiethoff (1875–1948) mit einer im Dezember 1938 mit Genehmigung der medizinischen Fakultät gedruckten Dissertation unter dem Titel: Soziologische und anthropologische Untersuchungen an Prostituierten in Leipzig. Im Rahmen der empirisch angelegten Arbeit wurden 202 Prostituierte sowie 61 andere Patientinnen nach einer im Lehrbuch der Anthropologie von Rudolf Martin (1864–1925) angegebenen Methode untersucht.Im Vorwort der Dissertation heißt es: „ … Die zugrunde liegenden Untersuchungen wurden an in der Universitätsklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten erfassten (202) Prostituierten im Laufe der Jahre 1936/37 vorgenommen; die Untersuchungen der Vergleichsgruppe aus Patientinnen der Klinik und der Poliklinik erfolgten gleichzeitig …“
Berufsleben mini|Das Krankenhaus St. Georg Leipzig etwa im Eröffnungsjahr 1913, hier Eingang und VerwaltungsgebäudeKupfertiefdruck aus der Druckerei Hermann Ludewig, Leipzig-Stötteritz Von Juni 1937 bis August 1937 war Nathusius als Medizinalpraktikant an der Universitäts-Hautklinik in Leipzig tätig. Darauf folgte ein dreimonatiger Einsatz in gleicher Funktion an der Universitätsklinik für HNO-Erkrankungen. Im Dezember 1937 begann er seine Tätigkeit im Städtischen Krankenhaus St. Georg, ab Juni 1938 erhielt er dort als Assistenzarzt eine feste Anstellung.
Kriegs- und Nachkriegszeit Aufgrund eines angeborenen Herzfehlers wurde Nathusius nicht zur Wehrmacht eingezogen.
Während dienstfreier Stunden oder Tage arbeitete Nathusius als Ferien- oder Einzelvertretung in der Leipziger Facharztpraxis des später bedeutenden Radiologen Fritz Gietzelt. Dieser hatte 1939 eine private Facharztpraxis für Magen- und Darmerkrankungen sowie ein privates Röntgeninstitut eröffnet, nachdem er zuvor ebenfalls in der Inneren Abteilung des St. Georg Krankenhauses angestellt gewesen war. Nach der Verhaftung Gietzelts durch die Gestapo im Juni 1944 wegen Widerstandes gegen das NS-Regime wurde Nathusius von Hermann Hartmann, dem Leiter der Leipziger Sektion der Reichsärztekammer gebeten, die Gietzelt-Praxis für unbestimmte Zeit zu übernehmen. Mit Schreiben vom 5. Juli 1944 informierte Nathusius den leitenden Chefarzt des St.-Georg-Krankenhauses über diesen Vorschlag. Am 8. September 1944 übernahm er dann die Praxis für die Betreuung der Magen- und Darmpatienten, nicht jedoch das angeschlossene „Private Röntgeninstitut“. Auch wenn Nathusius fortan nicht mehr im St.-Georg-Krankenhaus praktizierte, wurde er dennoch bis zum Frühjahr 1945 auf der Karteikarte des Personalamtes der Stadtverwaltung in der Funktion als Oberarzt im St.-Georg-Krankenhaus geführt. Kurz vor Kriegsende wurde er noch als Arzt zum Volkssturm einberufen.
Am 1. Juli 1945 übernahm das sowjetische Militär das von den US-Streitkräften im April eroberte Leipzig. Ende August 1945 wurde Nathusius – wie Tausende anderer NS-Aktivisten – auf Grund des Befehls Nr. 42 der SMAD (Sowjetische Militäradministration) verhaftet. Von einem Leipziger Gefängnis aus wurde er ohne Verhandlung und Urteil am 22. September 1945 in das sowjetische Speziallager Nr. 1 Mühlberg überführt.Achim Kilian: Einzuweisen zur völligen Isolierung: NKWD-Speziallager Mühlberg/Elbe 1945–1948. Forum, Leipzig 1993, ISBN 3-86151-028-6, S. 238 Dort wurde er sofort als Arzt eingesetzt und fungierte ab Dezember in der Hierarchie des Lagers als sogenannter „Adjutant“ des ersten Lagerarztes und vormaligen SS-Obersturmbannführers Heinrich Eufinger, der – ebenfalls ein Häftling der Sowjets – am 2. November 1945 in Dresden verhaftet worden war. Für 1945 wird Nathusius als Leiter eines Krankenreviers mit Ambulanz im Frauenbereich des NKWD-Lagers Mühlberg genannt.Kilian, Achim: Mühlberg: 1939–1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland. Böhlau Verlag. Köln-Weimar 2001, S. 260.
Am 16. Juni 1946 wurde Nathusius zusammen mit rund 680 weiteren männlichen Lagerinsassen von Mühlberg aus in die Sowjetunion verlegt, da in den dortigen Kriegsgefangenenlagern ein Mangel an Arbeitskräften wie auch an deutschsprachigen Ärzten für die Behandlung der Kranken bestand. Er wurde in Lagern in der nördlichen Kaukasusregion (heute Georgien) und im Kohlerevier ostwärts des Donez (heute Ukraine) zunächst als Arbeiter und erst später als Arzt eingesetzt. Aufenthalte in Schachty (nördlich von Rostow am Unterlauf des Don), Ordschonikidse, Novocherkask, Artem und Mostok sind dokumentiert.So wurde die Tätigkeit von Nathusius in Schachty (Lagernummer 7182/6) als Lagerarzt 1950 von Konrad Piosinski, damals Arzt am Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin, bestätigt.
Medizinische Betreuung der Gefangenen Die schwierigen Bedingungen, unter der die medizinische Versorgung in den Gefangenenlagern geleistet wurde, beschrieb Nathusius 1956 in der Fachzeitschrift Ärztliche Praxis:Der Arzt abseits der Zivilisation (in sowjetischen Internierungslagern). siehe Literaturverzeichnis „ … Im zerfallenen Lager fanden wir Reste von englischem Verbandszeug, eine abgebrochene Verbandsschere, Reste verschimmelter Salbe undefinierbarer Herkunft und einige Holzspatel. Mit diesem „Instrumentarium“ eröffneten wir die erste Ambulanz. Furunkel wurden mit aufgefundenen und „steril“ gekochten Wäschefetzen verbunden und mit darüber gelegten heißen Ziegeln zum Einschmelzen gebracht … Ein Ileus: Operieren war nicht möglich. Verbringen in ein Krankenhaus, etwa das 4 Kilometer entfernte Mühlberg, wurde nicht erlaubt. Einläufe, Lagerungen, Darmrohr mit einem Stück brüchigen Gummischlauch wurden versucht. Weder Analgetika noch Spasmolytika waren vorhanden. Es stand neben dem Kranken der Arzt des XX. Jahrhunderts, und konnte nicht helfen. Das verbrecherische Verbot einer Verlegung in ein nahes Hospital kostete später in Rußland nochmals einem mit Ileuserscheinungen erkrankten 50 Jahre alten Manne das Leben … In diesen Herbstmonaten lernten wir Seuchen kennen, die uns in Deutschland in dieser Ausdehnung und dieser Verlaufsform unbekannt waren. Erysipele, schwerste Pleuropneumonien, Typhus, Ruhr (von der kaum ein Lagerinsasse verschont blieb), schwerste Diphtherieformen, Tuberkulosen mit der Verlaufsform der galoppierenden Schwindsucht … Obwohl damals schon Penicillin in das russische Außenlager kam, wurde es trotz unseres Bittens abgelehnt, uns etwas davon zur Verfügung zu stellen … wir ließen Brot in feuchten Tüchern hinter dem Lazarettküchenofen schimmeln, das wir dann zu essen gaben. Wir hatten festgestellt, daß dies schimmelige Brot den leichter Ruhrkranken offenbar gut half. Hier hatten wir also ein Medikament. Wir gaben weiterhin Fliegenmaden auf Wunden, was uns allerdings stets eine Überwindung kostete …“.
In der DDR Am 17. Dezember 1949 wurde Nathusius erkrankt und mit einem Körpergewicht von nur noch 46 kg aus der Sowjetunion nach Deutschland zurücktransportiert und aus einem Lager bei Frankfurt (Oder) aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen. Nach Kurzbesuchen im Elternhaus und bei seiner Familie hatte er sich als Dienstverpflichteter umgehend (noch 1949) bei der Wismut AG im Erzgebirge zu melden, um dort eine Tätigkeit als Werksarzt aufzunehmen. Im Sommer 1950 wurde er zusammen mit einem KollegenEs handelte sich um den Arzt Peter Lechtken in einen ProzessHintergründe der Anklage sind nicht bekannt verwickelt, bei dem beide am 25. Juli 1950 freigesprochenDie Angeklagten wurden von dem Chemnitzer Rechtsanwalt Curt Gareis vertreten wurden.
mini|Am teilweise noch zerstörtem Hauptbahnhof in Leipzig aus der Sowjetunion ankommende Heimkehrer, 1950
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