mini|hochkant=1.6|St.-Jean Glaine-Montaigut, von SW mini|Chorhaupt von SO Die dem heiligen Johannes () gewidmete Dorfkirche Saint-Jean steht in der kleinen französischen Gemeinde Glaine-Montaigut im Département Puy-de-Dôme in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Sie liegt 25 km östlich von Clermont-Ferrand und 6 km nordöstlich von Billom.

Die kleine dreischiffige Kirche wurde in zwei Bauperioden errichtet. Die erste umfasste Lang- und Querhaus und ist in die Anfänge der Romanik in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts zu datieren. Die zweite Bauperiode, das Chorhaupt, folgte hundert Jahre später in der Blütezeit der Romanik. Die Kirche Saint-Jean ist seit dem 11. Juli 1903 als Monument historique klassifiziert.

Geschichtliches Entwicklung der Ortsnamen Das heutige Dorf Glaine-Montaigut hieß in gallorömischer Epoche Glannius, im 11. Jahrhundert Gladinas, im 16. Jahrhundert Gleygnes, im 18. Jahrhundert St.-Jean de Glanes, daraus wurde in der Zeit der Revolution Glaine-Montaigut, durch die Zusammenlegung mit dem Dorf Montaigut, das 2 km oberhalb des Ortszentrums liegt. Man kann heute noch bedeutende Ruinen des Château Montaigut-Listenoi erkennen, dem ehemaligen Stammsitz einer großen Familie, die im Mittelalter großen Einfluss besaß.

Geschichte der Dorfkirche Die Kirche Saint-Jean wurde in zwei unterschiedlichen Bauperioden errichtet. Die erste aus dem Langhaus mit basilikalem Aufriss und dem Querhaus mit Vierung in der Frühromanik, im ersten Quartal des 11. Jahrhunderts und die zweite aus dem Chorhaupt, am Anfang des 12. Jahrhunderts, in der Hochromanik.

Diese beiden Epochen in der auvergnatischen Romanik lassen sich hier unmittelbar nebeneinander in einem Bauwerk studieren und miteinander vergleichen. Der frühromanische Abschnitt wird geprägt durch schlichte und klare Bauteilformen, wie etwa kantige Pfeiler mit kreuzförmigen Querschnitten, die nur von Kämpfern abgeschlossen werden, einfache rechtwinklige Bauteilkanten, etwa bei Arkaden- und Gurtbögen, Einwölbungen mit einfachen Tonnen und Kuppeln, und ein fast gänzliche fehlender Skulpturenschmuck. Demgegenüber tauchen im hochromanischen Abschnitt gehäuft Säulen, teilrunde Dienste und Rundstäbe auf, die mit skulptierten Kapitellen geschmückt sind, Bauteilkanten werden mit Rückversätzen aufgelöst, Apsidenwände werden mit Blendarkaden auf Säulen gegliedert, Einwölbungen erhalten Kreuzgrate.

Außenseitig besteht der frühromanische Abschnitt aus teilverputztem kleinformatigen Bruchsteinmauerwerk mit Bauteilkanten aus größeren Werksteinen, hingegen der hochromanische gänzlich steinsichtig (unverputzt)aus großformatigen Werksteinen.

Ob das Lang- und Querhaus in den ersten hundert Jahren ein schlichteres Chorhaupt in frühromanischem Stil besessen hat, ist nicht unwahrscheinlich, aber nicht belegt. Eine Seltenheit ist in dieser Epoche der basilikale Aufriss (Schnitt) des Langhauses mit direkter Obergadenbelichtung des Mittelschiffs bei einer Kirche der Auvergne. Dieses kühne Anheben der Mittelschifftonne, gegenüber den seitlichen Halbtonnen, zum Einbau von Fenstern stellt hier die absolute Ausnahme dar und gehört zu den ersten Versuchen der Baumeister der Limagne. Ein zweites Beispiel ist für Beaumont bekannt.

Die Trompenkuppel der Vierung gehört zur ersten Bauperiode des frühen 11. Jahrhunderts. Sie ragte jedenfalls über die Dächer des Querhauses hinaus, was eine äußere Einhausung durch Hochführen der Vierungswände und eine Überdachung erforderlich machte. Ob damals schon ein Glockenturm über der Vierung existiert hat, ist nicht bekannt, aber erscheint eher unwahrscheinlich zu sein. Möglicherweise hat man zunächst die Vierungswände bis knapp über die Kuppel hochgeführt und mit einem flach geneigten Pyramidendach überdeckt.

Die äußeren Dekorationen, vor allem die Traufgesimse auf Hobelspankragsteine und das um das ganze Chorhaupt herumgeführte Gesimsband mit einfachem Rollenfries sind Werke der zweiten Bauperiode. Die skulptierten Traufgesimse der Schiffe und die Rollenfriese an den Quer- und Langhausgiebeln der 100 Jahre älteren Gebäudeteile wurden im 12. Jahrhundert nachgerüstet.

Die Putzmalerei des Freskos auf der Kalotte der Chorapsis wird ebenfalls in das 12. Jahrhundert datiert, ebenso wie eine polychromeFassung verschiedener Bauwerksteile, von der nur noch geringe Reste erhalten sind. mini|hochkant=0.5|links|St-André de Lavaudieu, Glockenturm von SO (ohne Helm) mini|hochkant=0.5|N.-D.-de-Châtel-Montagne, Glockenturm von SO Der in der Zeit der Französischen Revolution zerstörte Glockenturm war vermutlich ebenfalls ein Werk der hochromanischen Epoche. Über das ehemalige Aussehen des Glockenturms kann man nur spekulieren. Wie bei einigen noch erhaltenen oder werkgetreu sanierten Vierungstürmen in der näheren Umgebung könnte man sich auch hier einen achteckigen zweigeschossigen Turm auf quadratischem Sockel vorstellen, mit allseitiger Durchfensterung mit Arkaden oder Zwillingsarkaden und einem Helm in Form einer achteckigen Pyramide. Beispiel: Glockenturm der Abteikirche St-André von Lavaudieu (siehe Bild). Es kann allerdings auch ein Glockenturm mit gänzlich quadratischem (rechteckigem) Grundriss angenommen werden. Beispiel: Glockenturm der Abteikirche N.D.-de-Châtel-Montagne (siehe Bild).

Über die historische Entwicklung der Kirche und der Pfarrgemeinde in den folgenden Jahrhunderten finden sich in den Quellen keine Hinweise. Vermutlich in der Epoche der Spätgotik (1350–1520) sind zwei Fenster der Südwand im 1. Joch und im Querhausarm vergrößert und im gotischen Stil dekoriert worden.

Die erste bedeutende Veränderung an der Kirche ist für die Jahre nach der Französischen Revolution (1789) bekannt geworden, und zwar die Zerstörung des Glockenturms über der Vierung gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wie es in der Auvergne bei zahlreichen Kirchengebäuden geschehen ist.

Der im 19. Jahrhundert erfolgte „Wiederaufbau“ des Glockenturms entspricht nicht annähernd den ästhetischen Ansprüchen der auvergnatischen Vierungsglockentürmen der Hochromanik. Weitere Bauwerke des 19. Jahrhunderts sind der Treppenaufgang zum Glockenturm und der Sakristeianbau an die südliche Querhauskapelle.

Im Jahr 1889 hat man die Kirche für den Bedarf einer landwirtschaftlichen Schule um einen großen „Portalvorbau“ erweitert, der aus grauem Mauerwerk bestand und damit ihre Fassade weitgehend verdeckte und das Gebäude erheblich entstellte. Warum es zu einer solchen „betriebsfremden“ Erweiterung kam, geht nicht aus den Quellen hervor.

Zur schlimmsten Entstellung und Zerstörung wird heute die fast vollständige Entfernung aller inneren Bekleidungen aus Putz, Kalk, Stein und Anstrichdeckschichten zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerechnet. Danach hat man die rohen Oberflächen mit einem ungewöhnlich harten Zementputz beschichtet, dessen dichte Oberfläche die Feuchtigkeit in den Bauteilen einschloss. Diese unsäglichen Arbeiten wurden durch die großzügige Spende eines Gemeindemitglieds postum ermöglicht. Durch die Zerstörungen gingen reichhaltige Spuren der Bauteiloberflächen verlosen. Ausgenommen blieb davon lediglich das Fresko in der Kalotte der Chorapsis.

Am 11. Juli 1903 wurde Saint-Jean von Glaine-Montaigut als Historisches Denkmal klassifiziert.

Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erfolgten gründliche und umfangreiche Restaurierungsarbeiten inner- und außerhalb der Dorfkirche.

Chronologie der Restaurierungsarbeiten: 1988 und 1990: Planung und Abstimmung der künftigen Restaurierungsarbeiten. 1991: Restaurierung Glockenturm und Rückbau des Portalvorbaus. 1992 und 1993: Restaurierungsabstimmungen zum Mauerwerk 1994 bis 1995: Entfernung des Zementputzes, Auftrag eines neuen weichen Kalkputzes mit Anstrich aus Kalkmilch, Vollendung Lang- und Querhaus 1995: Restaurierung der Fenster, Erneuerung der Elektrik, Wiederherstellung der Polychromie auf Basis der seltenen aktualisierten Spuren, unter Gebrauch von traditionellen Pigmenten und Bindemitteln 1996–97: Restaurierung Chor und Kapellen

Bauwerk mini|hochkant=1.6|links|St.-Jean Glaine-Montaigut, Grundriss, Handskizze mini|Fassade von W mini|Fassadenfirst, Tatzenkreuz Abmessungen

(circa, aus Plan gemessen und aus Portalbreite = 2,0 m hochgerechnet)

Gesamtlänge (ohne Vorlagen): 28,5 m Gesamtbreite (ohne Vorlagen): 14,5 m Länge Lang- und Querhaus: 17,5 m Breite Mittelschiff außen: 6,3 m Breite Mittelschiff innen: 4,8 m Länge Mittelschiff innen: 10,0 m Chorlänge außen: 11,5 m Chorlänge innen: 10,0 m Länge Kapellen außen: 5,0 m

Äußere Erscheinung Langhaus Das Langhaus ist äußerlich geprägt von der basilikalen Abstufung des Mittelschiffs zu den deutlich niedrigeren Seitenschiffen, die eine direkte Belichtung des Mittelschiffs mit Obergadenfenstern erlaubt, eine Rarität in der frühen Romanik der Auvergne. Es ist gegliedert in drei Schiffe und zwei Joche. Sein rechteckiger Grundriss ist in Längsrichtung der Kirche deutlich kürzer, als in seiner Querrichtung. mini|Ansicht von NW Die Außenwände des Langhauses sind aus Natursteinmauerwerk aus schlichten Feldsteinen oder Bruchsteinen kleinerer Formate unterschiedlicher Färbung in unregelmäßigem Verband gemauert. Die Wandoberflächen wurden überwiegend mit einem einfachen hellbeigen Wandputz bedeckt, der über die vorspringenden Steine des Mauerwerks abgezogen worden ist. Dadurch sind Natursteine einzeln oder in Gruppen in der Putzfläche sichtbar geblieben. Bauteilkanten, Öffnungseinfassungen und ganze Wand- oder Strebepfeiler sind steinsichtig aus großformatigen Werksteinen gefügt.

Das Mittelschiff ist mit einem etwa 20 Grad geneigten Satteldach überdeckt, die Seitenschiffe mit Pultdächern gleicher Neigung. Die Dächer sind mit roten Hohlziegeln in römischer Art eingedeckt, die auch Mönch-Nonnen-Ziegel genannt werden. Die weit ausladenden Traufen bestehen aus kräftigen Gesimsplatten mit breit gefaster Sichtkante, die auf sorgfältig skulptierten Hobelspankragsteinen aufgelegt sind. Die Traufziegel liegen auf den Gesimsplatten auf, ragen knapp über deren Außenkante hinaus und sind unterseitig bündig mit dieser vermörtelt. Das Regenwasser tropft frei von den Traufziegeln ab. mini|Langhaus von S

In den Außenwänden der Seitenschiffe und des Mittelschiffs werden die beiden Joche durch rechteckige Wandpfeiler unterteilt, die bis unter die Traufe reichen. In jedem Joch des Mittelschiffs und der Seitenschiffe ist mittig ein kleines schlankes und rundbogiges Fenster ausgespart mit rechtwinkligen Laibungskanten. Ihre Brüstungen liegen in den Seitenschiffwänden etwa in halber Wandhöhe, die des Mittelschiffs knapp über den Pultdachfirsten. Eine Ausnahme davon ist das Fenster im Joch eins des südlichen Seitenschiffs. Es wurde in der Epoche der Gotik in ein Fenster mit Spitzbogen deutlich vergrößert, mit nach außen aufgeweiteten Gewänden und mit gotischem Maßwerk in Form eines halben Vierpasses geschmückt.

Im Joch eins der Seitenschiffwände sind nachträglich in ganzer Wandhöhe wuchtige im Grundriss rechtwinklige Strebepfeiler (auch Strebemauer) angebaut worden, und zwar unmittelbar neben der dort überstehenden Fassadenwand. Die Außenseite der Pfeiler tritt aufwärts kontinuierlich zurück, ihre Oberseiten sind weniger steil nach außen abgeschrägt. Der Zeitpunkt ihrer Errichtung ist nicht bekannt, dürfte aber im oder nach dem 12. Jahrhundert erfolgt sein. mini|hochkant|Langhaus, Nordwand