Bescheidenheit (von „sich bescheiden“, „sich zurücknehmen“, „sich begnügen“, „verzichten“) ist im heutigen Sprachgebrauch gleichbedeutend mit „Genügsamkeit“, „Anspruchslosigkeit“, „Einfachheit“, „Zurückhaltung“.Gerhard Wahrig: Bescheidenheit. In: Ders.: Deutsches Wörterbuch. Gütersloh 1970, Spalte 643. Sie kann sich auf die Wesensart eines Menschen beziehen (= Bescheidenheit als Charakterzug) oder auch nur ein bestimmtes Verhalten auszeichnen (= einfache Lebensführung, Luxusverzicht). In der positiven Bewertung bildet sie den Konterpart zu Begriffen wie „Geltungssucht“, „Überheblichkeit“, „Unbescheidenheit“, „Maßlosigkeit“ oder „Prunksucht“. In einer spöttisch abwertenden Tönung findet sie sich in Redewendungen wie „eine bescheidene Leistung“, „mit einer bescheidenen Intelligenz gesegnet“, „aus bescheidenen Lebensverhältnissen kommend“. Selbstironisch spricht man auch von „mein bescheidener Anteil“ (= geringer Anteil), „meine bescheidene Person“ (= meine Wenigkeit), „mein bescheidener Beitrag“, „meine bescheidene Gabe“ (= Mitbringsel/Spende).
Die Behauptung eines Menschen, er bzw. ein anderer sei „bescheiden“, kann eine freiwillige Selbstbeschränkung, eine unfreiwillige (womöglich „schicksalhafte“) Einschränkung der Persönlichkeit oder der Lebensverhältnisse oder Ironie oder Unaufrichtigkeit ausdrücken.
Wortgeschichte Das Wort Bescheidenheit leitet sich sprachgeschichtlich ab von althochdeutsch bisceidan → mittelhochdeutsch/neuhochdeutsch bescheiden. In der mittelalterlichen Rechtssprache drückte es eine richterliche Entscheidung aus und nahm die Bedeutung „Bescheid geben“, „zuteilen“ an, was sich heute noch in der Redewendung „mein bescheidener (= mein mir beschiedener) Anteil“ wiederfindet. In der aktuellen Kanzleisprache ist diese Aussageform noch in der Redeweise jemanden abschlägig bescheiden präsent.
Das reflexive sich bescheiden folgt der Bedeutung „sich vom Richter bescheiden lassen“ und mit dem neutralen Richterspruch „sich zufrieden geben, sich begnügen“. Das Adjektiv „bescheiden“ folgte der Bedeutung des Verbs und meinte ursprünglich „vom Richter festgesetzt, zugeteilt“. Die Menschen, die sich entsprechend bescheiden ließen und zu bescheiden wussten, galten in mittelhochdeutscher Sprachgebung als „einsichtsvoll, besonnen, verständig“. Bescheidenheit war ein Synonym für „Verstand, Verständigkeit“. Heute ist das Wort vor allem im Sinne von „genügsam, einfach, anspruchslos“ in Gebrauch. In einer fast in Vergessenheit geratenen Wortbedeutung findet sich die Formulierung „Jemandem Bescheid tun“ (= antwortend zutrinken) auch noch in der Entgegnung auf einen Trinkspruch.K. Berg: Zur Geschichte der Bedeutungsentwicklung des Wortes Bescheidenheit. In: Würzburger Prosastudien Band 1: Wort-, Begriffs- und textkundliche Untersuchungen, München 1968, S. 16–80.
Motivation Bescheidenheit kann unterschiedliche Beweggründe haben: Als durchgängige menschliche Lebenseinstellung kann sie etwa aus einer Haltung der Demut erwachsen, aus religiösen Gründen oder als persönlichen Beitrag zum Umweltschutz.P. Laféteur: Die Mäßigkeit. in: Arbeitsgemeinschaft von Theologen [Hrsg.]: Die katholische Glaubenswelt: Wegweisung und Lehre. Herder, Freiburg [u. a.], 3. Auflage 1960, Band 2: Moraltheologie. S. 868 (933).Otto Friedrich Bollnow: Wesen und Wandel der Tugenden. Ullstein, Frankfurt 1958, S. 131.
Im profanen Bereich kann sie als freiwillig selbstbeschränkende Bedürfnislosigkeit den Charakter einer Persönlichkeit kennzeichnen, die sich von materiellen Gütern unabhängig macht, die nicht auf überflüssigen Luxus setzt und ihre Sinnausrichtung an immateriellen Aufgaben und Wertvorstellungen orientiert. Im Unterschied zu der religiösen Bescheidenheit erwächst sie aus einer ethischen Motivation.Siegbert A. Warwitz: Thesen zum wertorientierten Wagnis. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Schneider, 3. Auflage, Baltmannsweiler 2021, S. 301–308.
Bescheidenheit kann aber auch eine Reaktion auf materielle Beschränkungen darstellen, wobei Menschen den Mangel, dem sie ausgesetzt sind, (vorerst) innerlich akzeptieren.
Der Psychosomatiker Rudolf Klußmann wies auf die Möglichkeit hin, dass durch eine „Überbescheidenheit“ Gier abgewehrt werden könne und zwar mit Hilfe einer Reaktionsbildung.
Ideengeschichte und Bewegungen Kynismus
Der Kynismus war eine im antiken Griechenland des 5. Jahrhunderts v. Chr. aufkommende philosophische Strömung, die sich die Bedürfnislosigkeit zu einem hochrangigen ethischen Ziel gesetzt hatte. Antisthenes und sein Schüler Diogenes von Sinope und zuletzt noch Demetrios oder Salustios aus Emesa in der römischen Kaiserzeit des ersten bzw. fünften nachchristlichen Jahrhunderts vertraten eine Lebensauffassung, nach welcher der Natürlichkeit, Bedürfnislosigkeit und Askese eine hohe Bedeutung zukam. Sie glaubten, ähnlich der Philosophenschule der Stoiker, über sie das Glück des Einzelnen erreichen zu können, das nach ihrer Überzeugung aus innerer Unabhängigkeit und Autarkie erwachse (Wer nichts besitzt, kann auch nichts verlieren und entsprechend enttäuscht werden). Für die Richtung der Stoiker bedeutete Reichtum und Ansehen nur ein vermeintliches Glück.Klaus Döring: Die Kyniker. C. C. Buchners Verlag, Bamberg 2006.
Christliches Verständnis Der mittelhochdeutsche Ausdruck „Bescheidenheit“ ist zunächst eine Entsprechung zu lateinisch „prudentia, sapientia, scientia, discretio“,Schwenk, 837 so etwa bei Freidank, der um 1230 eine Sammlung von Epigrammen mit dem Titel Bescheidenheit verfasste.Vgl. neben den Angaben im Hauptartikel Freidank Einleitung und Text In: Wolfgang Spiewok (Hrsg.): Freidanks Bescheidenheit. Auswahl, mittelhochdeutsch – neuhochdeutsch. Reclam, Leipzig 1985. Das Wort wird hier im Sinne des Unterscheidungsvermögens (lateinisch discretio) von Gut und Böse gebraucht. In anderen Kontexten ist eine Übersetzung etwa mit „Verständigkeit“ oder „Verstand“ möglich.
Erst seit Martin Luther wird im Deutschen „Bescheidenheit“ auch gebraucht als Entsprechung zu lateinisch moderatio, modestia, also im Sinne von „Zurückhaltung“ wie im heutigen Alltagssprachgebrauch. Dem liegt vermutlich ein juristischer Wortgebrauch zugrunde: althochdeutsch bisceidan, mittelhochdeutsch bescheiden für (gerichtlich) „den (gegebenenfalls ‚bescheidenen’ im heutigen Wortsinne) Anteil zuweisen“. Die moderatio, die Zügelung im menschlichen Handeln, wird in Ansätzen der Tugendethik des 12. und 13. Jahrhunderts mit Bezug insbesondere auf Cicero üblicherweise der temperantia (Mäßigung) nahegestellt bzw., wie etwa bei Thomas von Aquin, der temperantia als einer der vier Kardinaltugenden untergeordnet.Vgl. u. a. Summa theologica IIª-IIae, q. 143 co. Einen exemplarischen Überblick zu Debatten im 12. Jahrhundert und weitere Literatur bietet: Bernd Roling: Das 'Moderancia'-Konzept des Johannes de Hauvilla. Zur Grundlegung einer neuen Ethik laikaler Lebensbewältigung im 12. Jahrhundert, In: Frühmittelalterliche Studien 37 (2003), S. 167–258.
„Bescheidenheit“ wird auch unter die Zwölf Früchte des heiligen Geistes eingeordnet, wie etwa im Katechismus der Katholischen Kirche:
Im Bezugstext der lateinischen Bibelübertragung steht hier „modestia“ (während der griechische Bibeltext nur neun Tugenden listet, haben u. a. die im 12. Jahrhundert meistverwendete karolingische Rezension der Vulgata und die Glossa ordinaria deren zwölf, namentlich noch „patientia, mansuetudo, castitas“ – ebenso Thomas u. v. a.).
Von Demut und Selbsterniedrigung heißt es u. a. bei im christlichen Neuen Testament: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Friedrich Nietzsche gibt dem im Zuge seiner Kritik christlicher Ethik die ironische Wendung:
Jugendbewegung
Die aus dem sogenannten Wandervogel hervorgegangene Jugendbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts prägte eine eigene Jugendkultur, die sich in Denken und Lebensstil von dem der Elterngeneration abzusetzen versuchte. In der Tradition der Fahrenden Schüler des Mittelalters flohen die Schüler und Studenten unter dem Leitbild eines einfachen Lebens im Einklang mit der Natur aus den Städten und gingen „auf Wanderfahrt“. Man nutzte das Wandern als Fortbewegungsmittel, bereitete sich Speisen auf offenem Feuer und übernachtete in Scheunen, Zelten oder unter freiem Himmel. Verfallende Burgruinen wurden nach und nach zu Jugendherbergen ausgebaut. Zielsetzung der dynamischen Bewegung war das Erleben der Gemeinschaft und der Natur, die Selbstfindung über Wagnis und Abenteuer als beglückende ursprüngliche, selbstbestimmte Lebenserfahrung.Reinhard Barth: Jugend in Bewegung. Die Revolte von Jung gegen Alt in Deutschland im 20. Jahrhundert. Berlin 2006.
Trekking und Survival
Die moderne Outdoorbewegung hat Aktivitäten hervorgebracht, die sich in Absetzung von der konsumorientierten Überflussgesellschaft und in der Beschränkung auf eine minimale Ausstattung mit Zivilisationsmitteln dem einfachen Leben und Überleben in der Wildnis als asketische, anstrengende, aber glückbringende Lebensformen verschrieben haben. Zivilisationsferne einsame Gebiete liefern das Gelände, in dem der Trekker, auf sich, seine Fertigkeiten und Kreativität gestellt, zu sich finden und kraft der erworbener Kompetenzen, einer robusten physischen Fitness und einer stabilen Psyche die Herausforderungen und Gefahren meistern kann, die sich ihm stellen. Dies setzt die Bereitschaft und die Fähigkeit zu einer von Zivilisationshilfen reduzierten, bescheidenen Lebensführung voraus. In der Erlebnispädagogik und der Wagniserziehung finden sie ihr wichtigstes pädagogisches und psychologisches Übungsfeld.John-Roger und Peter MacWilliams: Geld alleine macht nicht glücklich. Wege zur neuen Bescheidenheit. Ullstein, Frankfurt am Main 1994.
Survival-Unternehmungen führen als Überlebensveranstaltungen bis an die Grenzen der physischen, psychischen und mentalen Belastbarkeit des Einzelnen und der Gruppe. Entstanden aus dem Erfordernis, auch Extremsituationen beim Trekking, bei Expeditionen oder militärischen Spezialeinsätzen noch gewachsen zu sein, setzen sie ein intensives Training, die Fähigkeit zu extremer Bedürfnislosigkeit und eine schrittweise Steigerung der Anforderungen voraus. Sie bedingen die Bereitschaft, sich im äußersten Fall ohne nahezu alle zivilisatorischen und mitmenschlichen Hilfen auf sich selbst verlassen zu können, mit entbehrungsreichen und gefährlichen Situationen zurechtzukommen.Heinz Volz: Überleben in Natur und Umwelt. 14. Auflage, Walhalla-Fachverlag, Regensburg 2010.
Frugalismus