mini|Theodor Herzl während des ersten Zionistenkongresses in Basel im Jahr 1897 mini|14. Mai 1948: David Ben-Gurion erklärt die Unabhängigkeit des Staates Israel unter einem Porträt Theodor Herzls.
Der Zionismus () war eine ethnonationalistische Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in Reaktion auf Antisemitismus und Verfolgung in Europa entstand. Ihr Ziel war die Gründung eines Staates, in dem Juden sicher leben können. Die Bewegung war nicht einheitlich: Während einige Strömungen (wie der Zionismus der Arbeiterbewegung) auf Koexistenz mit der arabischen Bevölkerung in Palästina setzten, vertraten andere (wie der revisionistische Zionismus) Ideen eines jüdisch geprägten Nationalstaats und expansionistische Ziele.
Mit der Gründung des Staates Israel 1948 wandelte sich der Begriffsinhalt. Heute wird der Zionismus von manchen als Unterstützung für den Staat Israel verstanden, von anderen als aktive Einwanderung nach Israel oder als kulturelle Identität. Die historische Bewertung des Zionismus ist abhängig von der Sprecherposition. Während einige ihn ausschließlich als nationale Befreiungsbewegung sehen, kritisieren andere ausschließlich seine Auswirkungen auf die arabischstämmige Bevölkerung in der Region.
Historische Wurzeln Antike Der Ausdruck „Zionismus“ bezieht sich auf Zion, den Tempelberg in Jerusalem, der sinnbildlich für das Heiligtum, die Stadt und das sie umgebende Land steht. Nach der Zerstörung des ersten israelitischen Tempels in Jerusalem durch die Neubabylonier (586 v. Chr.) und der Exilierung eines Großteils der Bevölkerung Judas nach Babylonien wurde Zion im Babylonischen Exil (586–539 v. Chr.) zum Synonym für die Tempelstadt und die mit ihrem Wiederaufbau verknüpften Hoffnungen. Die Erneuerung des eigenen Gemeinwesens im Land der Vorväter wurde von Propheten geweckt, die die Heimkehr der nach Babylon Deportierten und den Neubeginn des Tempelkults ankündigten. Sie bezogen die verheißene Sammlung aller zerstreuten Juden in Zion auch auf die Land-, Volk- und Segensverheißung Gottes an Abraham , mit der in der hebräischen Bibel die Geschichte des Volkes Israel beginnt. Damit verknüpften sie die Erwartung, dass eines Tages alle Völker den Gott Israels anerkennen und sein Abrüstungsgebot befolgen würden. Dies werde den Völkerfrieden herbeiführen (; ; siehe Schwerter zu Pflugscharen).Das Heimatrecht der Juden im Heiligen Land lässt sich auch aus verschiedenen Stellen im Koran herleiten. Es heißt, insgesamt zehnmal spreche der Koran von der Gabe des „Landes“ an die Kinder Israels. Abdel-Hakim Ourghi, «Es steht im Koran», sagen Muslime, um islamische Ansprüche auf Israel und Jerusalem zu rechtfertigen. Sie sollten den Koran genauer lesen, in: Neue Zürcher Zeitung vom 27. Februar 2023Michael Wolffsohn, Wem gehört das Heilige Land? Die Wurzeln des Streits zwischen Juden und Arabern, 16. A., 2021, S. 41 ff. Nach der Eroberung Babylons durch die Perser konnten Juden ab 538 v. Chr. nach Juda zurückkehren.
Nach der Zeit der Perserherrschaft, Alexanders des Großen (ab 332 v. Chr.) und der Diadochen sowie einer Periode der erneuten politischen Selbstständigkeit (Aufstand der Makkabäer 166–164 v. Chr., Königtum der Hasmonäer ab 129 v. Chr.) geriet Jerusalem 63 v. Chr. unter römische Herrschaft. Gegen die Römer kam es wiederholt zu jüdischen Aufständen. Die Römer siegten im Jüdischen Krieg (66–70 n. Chr.), zerstörten den zweiten Jerusalemer Tempel und deportierten zahlreiche Bewohner Judäas nach Rom. Nach dem Bar-Kochba-Aufstand (135 n. Chr.) verboten die Römer den Juden die Ansiedlung in Jerusalem und benannten die Provinz Judäa in Syria Palaestina um. Ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit wurde nun Tiberias, während sich die meisten Juden außerhalb Palästinas ansiedelten. Die Verbindung zum biblischen „gelobten Land“ und die Zionssehnsucht blieben bestehen. Im täglichen Achtzehnbittengebet des Judentums ist die Bitte für den baldigen Wiederaufbau Jerusalems und damit für die Erneuerung Israels enthalten.Michael Brenner: Geschichte des Zionismus. München 2002, S. 8; Wortlaut online.
Mittelalter In der Spätantike und im frühen Mittelalter lebten die Juden anfänglich als geduldete Minderheiten in zahlreichen Diaspora-Gemeinden. Mit der Verbreitung des Christentums verschlechterte sich die Situation der Juden in den christlichen Ländern. Die in Palästina verbliebenen jüdischen Gemeinschaften wurden 1096, beim Ersten Kreuzzug, von den Kreuzfahrern nahezu ausgerottet. Im 12. Jahrhundert begannen Juden ihrer Sehnsucht nach Zion vermehrt Ausdruck zu geben. Der spanisch-jüdische Dichter Jehuda ha-Levi, Verfasser der Zionslieder, starb vermutlich 1141 auf der Überfahrt ins gelobte Land, der 1204 in Kairo verstorbene jüdische Arzt und Gelehrte Maimonides wurde seinem Wunsch gemäß in Tiberias begraben. Zwischen 1210 und 1211 begab sich eine größere Anzahl französischer Tosafisten nach Palästina, um sich dort dauernd niederzulassen (Einwanderung der dreihundert Rabbiner).
Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) und Portugal nahm das Osmanische Reich viele verfolgte Juden auf, von denen sich einige in Palästina (als Verwaltungsgebiet von „Bilād aš-Šām“, Großsyrien) ansiedelten, die meisten jedoch in anderen Reichsteilen (siehe Sepharden). In Safed bildeten sie ein neues theologisches Zentrum des damaligen rabbinischen Judentums. Hier wurde die Kabbala (Lurianische Kabbala) gepflegt, der Schulchan Aruch und der Zohar gedruckt. Darin wurde das Land Israel zum Mittelpunkt der Welt erklärt, in dem Gott „einwohne“ (Schechina). Daher sei die Erlösung aller Völker von der Heimkehr der Israeliten abhängig.Michael Krupp: Die Geschichte des Zionismus, S. 12.
Frühe Neuzeit Im 17. Jahrhundert versuchten größere Gruppen europäischer Juden immer wieder, nach Israel auszuwandern. Sie sammelten sich oft um Rabbiner, die den Anbruch eines messianischen Zeitalters versprachen: so Jesaja Horovitz 1621 in Prag, besonders aber Schabbtai Zvi, der sich 1666 zum Messias erklärte und auch nach seiner Zwangsbekehrung zum Islam Erwartungen einer baldigen Heimkehr aller verstreuten Juden weckte. Seine Anhänger erklärten das Jahr 1706 zum Jahr seiner Wiederkunft.
Jehuda he-Chassid sammelte die Ausreisewilligen und erreichte im Jahr 1700 mit etwa 1000 Gefolgsleuten Jerusalem, wo damals etwa 1200 Juden lebten. Auf dem von ihm gekauften Grundstück bauten seine Anhänger die Churva-Synagoge. Doch Jehudas Tod, nur Tage nach dem Grundstückskauf, veranlasste viele seiner Anhänger, die Stadt wieder zu verlassen oder zu anderen Religionen zu konvertieren.Die Churva-Synagoge wurde im Arabisch-Israelischen Krieg 1948 vollständig zerstört und erst sechzig Jahre später wieder aufgebaut und am 15. März 2010 neu eingeweiht.
Vertreter des englischen Puritanismus glaubten, erst die Zulassung von Juden in England, dann die in der Bibel verheißene Rückkehr aller zerstreuten Juden nach Israel (restoration of the Jews) und dann ihre Bekehrung zu Christus als Vorstufe der Endzeit bewirken zu können. Dazu schrieb Henry Finch 1621 das Buch The Worlds Great Restauration. Or, the Calling of the Jewes.Maryanne A. Rhett: The Global History of the Balfour Declaration. Routledge, 2016, ISBN 978-1-138-11941-3, S. 198 Auf ihr Verlangen hob Oliver Cromwell das seit 1290 bestehende Ansiedlungsverbot für Juden in England 1655 auf. Nach seinem Tod blieb die Idee einer jüdischen Besiedlung Palästinas bei allen christlichen Konfessionen Englands populär und wurde von Aufklärern wie John Locke und Isaac Newton vertreten.Barbara Schäfer: Zionismus. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 36. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2004, S. 699 f. Entsprechende Vorstellungen sind im christlichen Zionismus bis in die Gegenwart verbreitet.
Im Gefolge des um 1750 entstandenen Chassidismus ließen sich einige chassidische Juden in Safed nieder. Nachdem die osmanischen Herrscher jüdische Gemeinden Palästinas mit hohen Steuern und Zöllen belegten, verließen viele jüdische Einwanderer das Land wieder. So lebten um 1800 nur etwa 5000 Juden dort.Michael Krupp: Die Geschichte des Zionismus, S. 15.
Entstehungsbedingungen Europäischer Nationalismus und Kolonisation Seit 1789 verstärkte der Aufschwung europäischer Nationalstaaten deren Konkurrenzkämpfe um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Nun entwickelten liberale Philanthropen und Philosemiten Pläne für jüdische Gemeinwesen außerhalb Europas. 1833 unternahm der Vizekönig Ägyptens, Muhammad Ali, einen Aufstand im Gebiet Syriens, zu dem damals auch Palästina gezählt wurde, was zeitweilig zur faktischen Abtrennung der Region vom Osmanischen Großreich führte. In Großbritannien erwogen Regierungskreise daraufhin, Juden (ohne staatliche Autonomie) in einem selbstverwalteten Palästina anzusiedeln, um das Osmanische Großreich zu erhalten. 1838 beschrieb der Globe, Organ des britischen Außenministeriums, erstmals diese Idee. Die 1809 gegründete Society for Promoting Christianity Amongst the Jews, die erste europäische Organisation für Judenmission, beeinflusste unter Lord Anthony Ashley-Cooper, 7. Earl of Shaftesbury (1801–1885) die britische Nahostpolitik, sich für neopuritanische Bekehrungs- und Ansiedlungspläne für Juden einzusetzen.Barbara Schäfer: Zionismus. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 36. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2004, S. 700.
1840 kam es im Gefolge der Damaskusaffäre zu Pogromen an Juden in Syrien. Daraufhin ließ die britische Regierung Truppen in Damaskus einmarschieren. Ihre Vertreter begründeten dies als Beitrag zur nationalen Emanzipation der palästinischen und europäischen Juden.
In der Schweiz trat Henry Dunant (1828–1910), der Begründer des Roten Kreuzes, für die Ansiedlung von Juden in Palästina ein. alternativtext=Gründeraktie der zionistischen Hermon Société Industrielle & Agricole en Palestine über 100 Francs, ausgegeben am 28. November 1906 in Paris. Die künstlerische Gestaltung der Aktie stammt von Edward Loevy. Auf der Aktie sind neben zwei weiblichen Allegorien auch jüdische Bauern zu sehen, die zum Füße des Berges Hermon mit einem Ochsengespann das Land ihrer Urväter bearbeiten.|mini|Gründeraktie der zionistischen Hermon Société Industrielle & Agricole en Palestine über 100 Francs, ausgegeben am 28. November 1906 in Paris. Die künstlerische Gestaltung der Aktie stammt von Edward Loevy. Auf der Aktie sind neben zwei weiblichen Allegorien auch jüdische Bauern zu sehen, die zum Füße des Berges Hermon mit einem Ochsengespann das Land ihrer Urväter bearbeiten.
Jüdische Siedlungsprojekte Mordechai Immanuel Noah (1785–1851), Konsul der USA in Tunis bis 1815, vertrat nach seiner Abberufung die Idee einer eigenen Judenstadt als Zufluchtsort für alle verfolgten Juden, bevor die Wiederinbesitznahme des Heiligen Landes im Palästina der europäischen Wahrnehmung möglich sei. 1825 gründete er auf Grand Island im Bundesstaat New York die Stadt Ararat. Er warb international bei jüdischen Gemeinschaften für die Einwanderung dorthin, stieß aber weithin auf Ablehnung und Spott. In Deutschland erwogen nur einige Mitglieder des Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden eine Auswanderung. Noah veröffentlichte 1844 seinen Discourse on the Restoration of the Jews, einen Aufruf zur Unterstützung eines Judenstaats in Palästina.Alex Bein: Die Judenfrage, Band 2, S. 269 f.
Sir Moses Montefiore (1784–1885) hatte Palästina erstmals 1827 bereist und war danach strenggläubig geworden. Er plante fortan, die jüdische Emigration in das „gelobte Land“ finanziell wie durch industrielle und landwirtschaftliche Ansiedlungen zu fördern. 1840 verhinderte er durch seinen Besuch weitere Pogrome im Osmanischen Reich. Er plante ein Siedlungsprojekt, kaufte Land von arabischen Großgrundbesitzern in Palästina und stellte es verfolgten Juden zur Verfügung. 1857 gründete er Mischkenot Schaʾananim, die erste neue jüdische Siedlung außerhalb der Jerusalemer Altstadt, nachdem das jüdische Viertel dort für die Zugereisten zu klein geworden war.