miniatur|Buchillustration zur Klugheit in Orbis sensualium pictus von Johann Amos Comenius miniatur|Deckenfresko: Galerie Riccardiana des Luca Giordano im Palazzo Medici-Riccardi in Florenz, Szene 3. virtù: La Prudenza Klugheit () ist die Fähigkeit zu angemessenem Handeln im konkreten Einzelfall unter Berücksichtigung aller für die Situation relevanten Faktoren, Handlungsziele und Einsichten, die der Handelnde kennen kann. Platon übernimmt die Idee der vier Kardinaltugenden von Aischylos und ersetzt dessen Frömmigkeit () durch eine kluge Weisheit, die nach jeweiliger Interpretation auch als weise Klugheit verstanden werden kann. Marcus Tullius Cicero zählt die Klugheit in loser Verbindung mit Weisheit zu diesen Kardinaltugenden. Kant befreit Klugheit gänzlich von moralischer Funktion. Er hält sie für ein pragmatisches Wissen um die der Beförderung des eigenen Wohlseins dienlichen Mittel.
Klugheit kann zumindest in zwei Richtungen abgrenzt werden: Im Gegensatz zum auf das Allgemeine gerichteten Wissen (griech. ) kann sich die Klugheit auf den einzelnen konkreten Fall richten. In beider Hinsicht kann entweder die Absicht verfolgt werden, das moralisch Gute, Zuträgliche und ethisch Angemessene zu erreichen oder, in Abgrenzung dazu, der Charakter einer Bindung an die Lebensführung von Schlauheit, Gerissenheit, Tücke und Verschlagenheit gewonnen werden.
Geschichte der Klugheitslehre Überblick Die Klugheit galt seit den Anfängen der abendländischen Philosophie als bedeutsame Tugend, zunächst sogar als die wichtigste der Tugenden. Insbesondere Platon sah sie als Voraussetzung für jede Tugend. Grundlegend für die Klugheitstheorie wurden die Überlegungen von Aristoteles, die später von der Stoa modifiziert wurden. Im Hochmittelalter wurde die auf Aristoteles aufbauende Klugheitslehre des Thomas von Aquin maßgeblich, die in der frühen Neuzeit zunehmend modifiziert wurde. Eine wesentliche Abwertung erfuhr sie bei den Empiristen und schließlich bei Kant. Im 20. Jahrhundert popularisierte Josef Pieper die abendländische Klugheitslehre, während sie philosophisch daneben kaum Beachtung fand. Eine Renaissance erfuhr sie jüngst im Zusammenhang mit den Versuchen, erneut eine Tugendethik als Alternative zur Kant’schen Pflichtenethik zu etablieren.
Platon mini|Fenster mit den Darstellungen von „Gerechtigkeit“ und „Klugheit“, Lindfield. Drittes Fenster, Südkapelle, All Saints Church, Lindfield, West Sussex. Entstanden 1906 oder später, von Christopher Whall Platon sprach in seinen Dialogen von Weisheit () und Klugheit (). Die Übersetzungen des letzteren Begriffs variieren jedoch je nach Interpretation der Dialoge. Schleiermacher übersetzte z. B. phrónēsis mit „Vernünftigkeit“. In seiner Politeia unterschied Platon drei Seelenvermögen des Menschen: Begierde, Affektvermögen und Vernunft. Diesen sind als Tugenden zugeordnet die Besonnenheit (), die Tapferkeit () und die Weisheit. Erfüllen die drei Teile der Seele ihre Aufgaben tugendhaft, herrscht Gerechtigkeit ():
Später sollte Aristoteles die Weisheit von der Klugheit unterscheiden. In der Folge wurde statt der Weisheit die Klugheit den Kardinaltugenden zugeordnet. Im Dialog Phaidon lässt Platon Sokrates argumentieren, dass ohne die phrónēsis die Tapferkeit, Gerechtigkeit oder Besonnenheit keinen Wert hätten:
Teilweise wird angenommen, dass Platon im Dialog Charmides die Klugheit in vier Einzelaspekten als Bedächtigkeit, Besonnenheit, Sichselbsterkennen und schließlich als Erkenntnis der Erkenntnis bestimmt habe.F. Wiedmann; G. Biller: Klugheit. In: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Schwabe, Basel 1976, Sp. 857; folgend Andreas Luckner: Klugheit. de Gruyter, Berlin u. a. 2005, S. 77.
Aristoteles kritisierte einen „sokratisch-platonischen Intellektualismus, der das Phänomen der Willensschwäche bzw. der Unentschlossenheit anscheinend auf eine epistemische Unwissenheit zurückzuführen zu können glaubt“.Andreas Luckner: Klugheit, S. 91. Nach Aristoteles beinhaltet der sokratisch-platonische phrónēsis-Begriff, dass die phrónēsis „als oberste Form der Erkenntnis […] im praktischen Syllogismus sowohl für Ober- wie auch für die Untersätze zuständig [ist]; daher kommt es, dass in dieser Vorstellung tatsächlich ein Wissen um das Gute direkt auf die Handlungsebene ,durchschlagen‘ kann“.
Aristoteles Maßgebend für die spätere Entwicklung der Klugheitslehre waren die Ausführungen von Aristoteles in seinen Ethiken. Dabei steht die Nikomachische Ethik ganz im Vordergrund.
Aristoteles verwendet den Ausdruck phrónēsis sowohl in der Eudemischen Ethik als auch in der Nikomachischen Ethik mehrdeutig. Zum einen steht der Ausdruck für ein Wissen in einem weiten Sinn, zum anderen für „eine bestimmte Fähigkeit zur Orientierung eigenen und fremden Handelns“.Theodor Ebert: Phronêsis. Anmerkungen zu einem Begriff in der Nikomachischen Ethik (VI 5, 8-13). In: Otfried Höffe (Hrsg.): Aristoteles. Nikomachische Ethik. Akademie Verlag, Berlin, 2. Auflage. 2006, S. 165. Nur die phrónēsis in ihrer zweiten Bedeutung entspricht der Klugheit.
Die Übersetzung der phrónēsis schwankt allerdings und ist im Deutschen wie im Englischen und Französischen umstritten. Zutreffend dürfte die Übersetzung mit „Klugheit“ (entsprechend engl. und frz. prudence) sein.Vgl. ausführlich Theodor Ebert: Phronêsis. Anmerkungen zu einem Begriff in der Nikomachischen Ethik (VI 5, 8-13). In: Otfried Höffe (Hrsg.): Aristoteles. Nikomachische Ethik. Akademie Verlag, Berlin, 2. Auflage. 2006, S. 165 (172) Die Übersetzung mit „sittlicher Einsicht“ oder „Weisheit“ erscheint weniger treffend, da Aristoteles auch vorsorgenden Tieren phrónēsis zuspricht.Otfried Höffe: Aristoteles’ universalistische Tugendethik. In: Rippe/Schaber (Hrsg.): Tugendethik. Reclam, Stuttgart 1998, S. 42 (59) Entsprechendes gilt für die englischen Alternativen zu wie .
Aristoteles behandelte die phrónēsis im Sinne von Klugheit ausführlich in der Nikomachischen Ethik im Buch VI, 5 und VI, 8–13. Er sah die phrónēsis systematisch als dianoëtische, d. h. VerstandestugendArnim Regenbogen, Uwe Meyer: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Meiner, Hamburg 2005: Klugheit. an, als „moralisch-praktisches Urteilsvermögen“.Otfried Höffe: Aristoteles’ universalistische Tugendethik. In: Rippe/Schaber (Hrsg.): Tugendethik. Reclam, Stuttgart 1998, S. 42 (61)
Die phrónēsis wurde von einigen als „Meta-Tugend“ einerseits qualifiziert, andere kritisierten das Fehlen einer „Metatugend“ in der Klugheitslehre des Aristoteles. Im ersten Fall betont man, dass die Aufgabe der Klugheit im aristotelischen Denken sei, die Bestimmung dessen, was tapfer, gerecht etc. sei, „praktisch je-und-je zu liefern“. Von Tugenden an sich zu sprechen, führe nach Aristoteles in der Ethik nicht weiter.Andreas Luckner: Klugheit. de Gruyter, Berlin u. a. 2005, S. 90. Aus der entgegengesetzten Sicht betrachtet, hätte Aristoteles die situativ kollidierenden Forderungen der Tugenden nicht bedacht. Es fehle insofern „sowohl eine Charaktertugend zweiter Stufe, eine Metatugend, […] als auch eine für Tugendkonflikte zuständige Urteilskraft“.
Für Aristoteles ist die phrónēsis weder eine Wissenschaft () noch ein Herstellen–Machen (). Sie sei ein Drittes:
Für Aristoteles ist die Klugheit definitionsgemäß auf „das gute Leben im ganzen“ (NE VI 5, 1140a 27f.) ausgerichtet.Vgl. Otfried Höffe: Aristoteles´ universalistische Tugendethik. In: Rippe/Schaber (Hrsg.): Tugendethik. Reclam, Stuttgart 1998, S. 42 (60) Die Tugenden bedürfen zwar der Klugheit, die dafür sorgt, dass man die Ziele erreicht. „Aber die Klugheit ist darum nicht über die Weisheit und über den besseren Seelenteil überlegen“.Aristoteles: Nikomachische Ethik VI 13, 1145a 6. (Übersetzung von Olof Gigon, Artemis & Winkler, Düsseldorf u. a. 2001, S. 269)
„Phrónēsis heißt bei Aristoteles die Optimalform praktischer Vernunft und damit die vollgültige Selbstorientierungskompetenz in Denken, Handeln und im Leben einer Person.“Andreas Luckner: Klugheit, S. 78. Sie besteht nicht in der Befolgung kluger Regeln, sondern darin, dass eine Person mit sich zu Rate geht, „abwägt, die Besonderheit der Situation sieht und damit auch beurteilen kann, wann der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort ist, in einer bestimmten Weise aktiv zu werden“.
Als wesentlich für die phrónēsis wird der Bezug auf das Einzelne hervorgehoben (NE VI 8, 1141b 16):
Die phrónēsis gebe es auch in der Staatskunst sowie bei der Führung des Hauswesens, der Ökonomie. In erster Linie werde aber von ihr dann gesprochen, wenn es um die eigene Person, um das Individuum gehe. Da die phrónēsis auf das Einzelne gehe, bedürfe sie der Erfahrung. Erfahrung benötige Zeit. Deshalb könnten junge Menschen mangels Erfahrung nicht klug sein (NE VI 9).
Die phrónēsis sei von der moralisch indifferenten deinotēs (Gewandtheit, „neutrale Schlauheit“,So die Übersetzung bei F. Wiedmann; G. Biller: Klugheit. In: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Schwabe, Basel 1976, Sp. 857 „Cleverness“,So Theodor Ebert: Phronêsis. Anmerkungen zu einem Begriff in der Nikomachischen Ethik (VI 5, 8-13). In: Otfried Höffe (Hrsg.): Aristoteles. Nikomachische Ethik. Akademie Verlag, Berlin, 2. Auflage. 2006, S. 165 (183) „Scharfsinn“) zu unterscheiden. „Ihr sei eigentümlich, das zu tun und erreichen zu können, was zum vorgenommenen Ziele führt“ (NE VI 12, 1144a).Aristoteles: Nikomachische Ethik. (Übersetzung von Olof Gigon, Artemis & Winkler, Düsseldorf u. a. 2001, S. 265) Sei das Ziel schlecht, sei Gewandtheit Gerissenheit (auch: „Verschlagenheit“So F. Wiedmann; G. Biller: Klugheit. In: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Schwabe, Basel 1976, Sp. 857 (858)). Die phrónēsis bedürfe der Gewandtheit, liege aber nur vor, wenn das Ziel gut sei. Klug könne nur sein, wer zugleich tugendhaft sei (NE VI 12, 1144a 36).Kritisch Theodor Ebert: Phronêsis. Anmerkungen zu einem Begriff in der Nikomachischen Ethik (VI 5, 8-13). In: Otfried Höffe (Hrsg.): Aristoteles. Nikomachische Ethik. Akademie Verlag, Berlin, 2. Auflage. 2006, S. 165 (182–184), wonach Aristoteles die Abgrenzung zwischen Cleverness und Klugheit misslungen ist. Zugleich gebe es keine Tugend, die nicht auch klug sei (NE VI 12, 1144b).
Die Tugend der Klugheit ist gefährdet durch die Leidenschaften und bedarf daher der Unterstützung durch die Charaktertugenden.Otfried Höffe: Aristoteles’ universalistische Tugendethik. In: Rippe/Schaber (Hrsg.): Tugendethik. Reclam, Stuttgart 1998, S. 42 (60 f.)
Stoa mini|Allegorie der Klugheit auf dem Grabmal von Franz II., Herzog der Bretagne. Das weibliche Gesicht stellt Franz’ Tochter Anne de Bretagne dar. Die phrónēsis-Konzeption der Stoa weicht von der aristotelischen ab. Die phrónēsis der Stoiker ist nicht „die aristotelische Tugend pragmatischer Selbstorientierung, sondern die sokratisch-platonische Höchstform intellektueller Betätigung“,Andreas Luckner: Klugheit. de Gruyter, Berlin u. a. 2005, S. 103. so dass einige Philosophiehistoriker von einem „Prozess der Technisierung der Klugheit“ aufgrund des stoischen Einflusses (etwa auf die Patristik) sprechen.So Andreas Luckner: Klugheit. de Gruyter, Berlin u. a. 2005, S. 104.
Aus der Klugheit wurde demnach bei den Stoikern „ein allgemeingültiges transsituatives, d. h. ,drittpersonales‘ Wissen (episteme) darüber, was gut und übel ist“.Andreas Luckner: Klugheit, S. 106. Die Klugheit „als Vermittlerin zwischen göttlicher Weltordnung und menschlicher Selbstverwirklichung“F. Wiedmann, G. Biller: Klugheit. In: Joachim Ritter (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Schwabe, Basel 1976, S. 857 (858). werde funktionalisiert: Der Weise soll sein Handeln so einrichten, dass es dem Heilsplan der Welt entspreche. Die Aufgabe der Klugheit werde vor allem in der „Befreiung von handlungsinitiierenden Affekten“ gesehen.
Thomas von Aquin