Die Sinfonie Nr. 91 Es-Dur komponierte Joseph Haydn im Jahr 1788. Das Werk war neben den Sinfonien Nr. 90 und Nr. 92 wahrscheinlich ursprünglich eine Nachbestellung für die erfolgreiche Pariser Konzertreihe der „Loge Olympique“. Haydn hat die drei Werke dann jedoch ein zweites Mal an den Fürsten Oettingen-Wallerstein verkauft. Es ist Haydns letzte Sinfonie für „kleines“ Orchester, d. h. ohne Pauken und Trompeten.
Allgemeines mini|Joseph Haydn (Ölgemälde von Thomas Hardy, 1791)
Zur Entstehung der Sinfonien Nr. 90 bis 92 siehe bei der Sinfonie Nr. 90. In der Sinfonie Nr. 91 verzichtet Haydn zum letzten Mal auf die Verwendung von Pauken und Trompeten. Auffällig und bei Rezensionen meist erwähnt (s. u.) ist die Verwendung von mehrstimmigen Techniken im Kopfsatz. Das Autograph trägt eine Widmung an den Comte d’Ogny (siehe bei der Sinfonie Nr. 90).
Anfang Januar 1791 war Haydn in London angekommen (vgl. die Sinfonie Nr. 93). In der Nachschrift zu seinem Brief an Frau von Genzinger vom 8. Januar 1791 bittet Haydn um eine Partitur-Kopie der Sinfonie Nr. 91: „nun gelanget eine bitte an Euer gnaden: ich weis nicht, ob ich die Sinfonie von mir in Es, so mir Euer gnaden zurück gegeben, zu Hauss in meim quartier vergessen, oder ob mir dieselbe unterwegs entfremdet wurde, da ich Sie gestern vermiste, und nun dieselbe nothwendig gebrauchte, So bitte ich inständig, mir dieselbe durch den gnädigen Hrn. v. Kees zu procuriren. und solche in Ihrem Hauss auf klein Post Papier zu schreiben, und solche sobald möglich per postam anhero zu schücken.“Zitate der Briefe im Folgenden nach Anthony van Hoboken: Joseph Haydn. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, Band I. Schott-Verlag, Mainz 1957, S. 169–170. In einem weiteren Brief vom 13. Oktober 1791 wiederholt er sein Anliegen und bittet um Zusendung bis Ende Januar 1792. In diesen Brief schreibt er, „da ich mich des Ersteren kleinen Adagio am anfang der Sinfonie Ex E mol nicht erinnere“ die ersten vier Takte vom Allegro auf. Neben dem Brief vom 20. Dezember 1791 bittet Haydn noch zwei Mal, ehe er die Partitur erhält:
Brief vom 17. Januar 1792: „nun, meine Englische, gnädige Frau, möchte sich auch ein wenig zanken mit Sie, wie oft widerhollte ich meine bitte, mir die Sinfonie Ex E mol, wovon ich das Thema einst beyschriebe, auf klein Post Papier per postam anhero zu schücken. Ich seufze schon lange darnach, und wan ich dieselbe bis Ende künftigen Monathes nicht erhalte, verliere ich 20 quinees.“
Brief vom 2. Februar 1792: „… Hofte die schon So lang und oft anverlangte Sinfonie in E mol mit darunter zu finden! gnädige Frau! ich bitte Sie dringendst, mir dieselbe ohne verzug auf klein Post Papier sobald möglich anhero zu schücken, …“.
Brief vom 2. März 1792: „Gestern Abends erhielt ich Dero wehrtes schreiben samt der anverlangten Sinfonie: küsse Euer gnaden gehorsamst die Hände für die so schleinige und sorgfältige übersendung. Ich hatte zwar dieselbe 6 Tage bevor von Brüssel durch Hrn. v. KeessHaydn hat Frau von Genzinger um eine Partitur-Kopie gebeten, während Herr von Kees die Sinfonie für ihn in Stimmen hat abschreiben lassen (van Hoboken 1957, S. 170) erhalten; allein mir war die Partitur um so viel angenehmer, weil ich vieles davon für die Engländer abändern muss.“
Beispiele für Rezensionen:
Zur Musik Besetzung: Flöte, zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Über die Beteiligung eines Cembalos oder Fortepianos als Continuoinstrument in Haydns Sinfonien bestehen unterschiedliche Auffassungen.Beispiele: a) James Webster: On the Absence of Keyboard Continuo in Haydn's Symphonies. In: Early Music Band 18 Nr. 4, 1990, S. 599–608); b) Hartmut Haenchen: Haydn, Joseph: Haydns Orchester und die Cembalo-Frage in den frühen Sinfonien. Booklet-Text für die Einspielungen der frühen Haydn-Sinfonien., online (Abruf am 26. Juni 2019), zu: H. Haenchen: Frühe Haydn-Sinfonien, Berlin Classics, 1988–1990, Kassette mit 18 Sinfonien; c) Jamie James: He'd Rather Fight Than Use Keyboard In His Haydn Series. In: New York Times, 2. Oktober 1994 (Abruf am 25. Juni 2019; mit Darstellung unterschiedlicher Positionen von Roy Goodman, Christopher Hogwood, H. C. Robbins Landon und James Webster). Die meisten Orchester mit modernen Instrumenten verwenden derzeit (Stand 2019) kein Cembalocontinuo. Aufnahmen mit Cembalo-Continuo existieren u. a. von: Trevor Pinnock (Sturm und Drang-Sinfonien, Archiv, 1989/90); Nikolaus Harnoncourt (Nr. 6–8, Das Alte Werk, 1990); Sigiswald Kuijken (u. a. Pariser und Londoner Sinfonien; Virgin, 1988–1995); Roy Goodman (z. B. Nr. 1–25, 70–78; Hyperion, 2002).
Aufführungszeit: ca. 25 Minuten.
Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Modell erst Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort). – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.
Erster Satz: Largo – Allegro assai Largo: Es-Dur, 3/4-Takt, Takt 1-20
Die Sinfonie eröffnet mit einer feierlichen Akkordfolge im Forte. Kontrastierend schließen sich piano zwei dreitaktige, nachdenkliche Phrasen an, bei der Flöte und 1. Violine stimmführend sind. Die zweite Phrase beginnt als Es-Dur – Tonleiter aufwärts, ab Takt 12 schließt die Akkordfolge vom Anfang als Variante an. Die folgende Piano-Phrase ist fünftaktig, sie beginnt und endet auf As. Das As in Takt 20 erscheint zusammen mit den übrigen Tönen als Septime zu einem B-Dur – Akkord (B-Dur als Dominante zu Es-Dur, d. h. Dominantseptakkord). Das B wird v. a. durch die tiefe Lage im Fagott betont, der ganze Akkord mit Fermate ausgehalten.
Allegro assai: Es-Dur, 3/4-Takt, Takt 21-268 mini|500px|Beginn des Allegro assai, 1. Violine und Cello, Takt 1–8
Das „gelehrte“ Thema (erstes Thema oder Hauptthema) wird von den Streichern piano vorgestellt. Es ist durch eine in gleichmäßigen Vierteln chromatisch und stufenweise aufsteigende und eine absteigende Linieaus den Tonleitern der Einleitung abgeleitet interpretierbar (Howard Chandler Robbins Landon: The Symphonies of Joseph Haydn. Universal Edition & Rocklife, London 1955, S. 409). gekennzeichnet. Die Stimmverteilung ist dabei so aufgebaut, dass im ersten Achttakter (Vordersatz) die Oberstimmen (1. und 2. Violine parallel geführt) die chromatisch aufsteigende Linie spielen, der Bass (Viola, Cello, Kontrabass ebenfalls parallel geführt) die absteigende Linie. Im zweiten Achttakter (Nachsatz) ist es umgekehrt (Thema im doppelten Kontrapunkt aufgebaut: Ober- und Unterstimme können vertauscht werden). Eine Schlusswendung schließt das insgesamt 16-taktige Thema ab und führt in Takt 36 in ein lebhaftes Tutti mit Doppelschlag- und Klopfmotiv.
Ein kontrastierendes zweites Thema fehlt, an seiner Stelle steht eine Variante des ersten (ab Takt 57, B-Dur): Der aufstrebende Kopf des Themas wird von der 2. Violine gespielt, der Bass begleitet mit der absteigenden Gegenbewegung. Nach fünf Takten übernimmt die 1. Violine, die bisher ein weiteres fallendes, gegenstimmtenartiges Motiv gespielt hatte („Gegenmotiv 1“), das Thema, während Flöte und dann Oboe mit einer kurzen Floskel dazutreten. Die ausgedehnte Schlussgruppe setzt ab Takt 70 als Forte-Block ein. Nach energischer Triolen- und Unisonobewegung im Staccato und dem Auftritt des Themenkopfes im Fortissimo (Takt 82 ff.) folgt ein Piano-Abschnitt, bei dem ein viertaktiges Streicher-Motiv (Schlussgruppenmotiv 1) in drei „Rückungen“ im Quintenzirkel aufwärts geführt wird: von Des-Dur nach As-Dur, von Es-Moll nach B-Dur. Die dritte Rückung beginnt in f-Moll und führt zu einem weiteren, einmal wiederholten Forte-Motiv (Schlussgruppenmotiv 2), das zwischen F- und B-Dur pendelt. Mit Triolenläufen in der Dominante B-Dur endet die Exposition in Takt 119.
Die Durchführung beginnt Haydn mit der Triolenbewegung vom Ende der Schlussgruppe im Kontrast zwischen forte und piano. Ab Takt 128 setzt die Verarbeitung vom Vordersatz des Hauptthemas ein, hinzu treten Triolen-Läufe und (als Gegenstimme zum Themenkopf) ein neues Motiv in den Holzbläsern („Gegenmotiv 2“). Ludwig Finscher schreibt hierzu: „Die Durchführung führt eine neue Technik der thematischen Arbeit ein, die sonst nicht nur bei Haydn, sondern in der ganzen Klassik kaum vorkommt: die Veränderung des Themas durch kontrapunktisch hinzutretende Gegenmotive – gleichsam eine Konsequenz aus der Konstruktion des Hauptsatzes im doppelten Kontrapunkt (…). “Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6, S. 351 ff. Nach einer energischen Passage mit dem Doppelschlagmotiv (ähnlich wie ab Takt 36) und Staccato-Bewegung folgt ein ruhiges Flöten-Solo mit Vorschlags-Motiv (beginnend in Ges-Dur, endend in As-Dur).ggf. aus der Wendung vom Schlussgruppenmotiv Takt 90 abgeleitet interpretierbar Ein Forte-Block mit Triolenläufen führt zur Reprise zurück.
Die Reprise (Takt 192 ff.) ist gegenüber der Exposition verändert: Der Themenkopf tritt viermal auf (1. zu Beginn der Reprise im Bass begleitet von figurativen Achtel-Gegenstimmen der Violinen; 2. Takt 202 über ausgehaltenem B im Bass; 3. Takt 215 mit Gegenstimme 2 in der 1. Oboe; 4. Takt 222 energisch im Fortissimo entsprechend Takt 82 ff). Das „zweite Thema“ ist dafür ausgelassen. Nach den Schlussgruppenmotiven 1 und 2 folgt ab Takt 245 eine Coda, die das Schlussgruppenmotiv 2 in der 1. Violine piano aufgreift und fortspinnt. In Takt 253 kommt es dann für vier Takte nochmal zur Verdichtung der Stimmen in einem vierstimmigen Satz: die beiden Stimmen des Hauptthemas (1. Stimme „aufsteigende Linie“: 2. Oboe, 2. Violine; 2. Stimme „absteigende Linie“: Fagott, Cello, Kontrabass), das Gegenmotiv 1 (Flöte, 1. Oboe) und das Gegenmotiv 2 (Viola). Der Satz endet mit Läufen und Akkordschlägen auf Es. Exposition sowie Durchführung mit Reprise werden wiederholt.In manchen Einspielungen wird die zweite Wiederholung von Durchführung und Reprise nicht eingehalten.
Zweiter Satz: Andante 2/4-Takt, B-Dur, 154 Takte Das Andante ist als Variationssatz mit vier Variationen über ein Thema aufgebaut. mini|500px|Beginn des Andante, 1. und 2. Violine, Takt 1 bis 4
Vorstellung des Themas (Takt 1–24): Die Hauptmelodie hat einen schlichten, liedhaft-gehenden Charakter mit kennzeichnendem, zweimal „pochendem“ Auftakt und imitatorischem Anfang. Die achttaktige Melodie ist periodisch aufgebaut. Das gesamte Thema besteht aus drei Achttaktern in zwei Abschnitten, die beide wiederholt werden (Takt 1–8 und 9–24). Bis auf die Fortissimo-Schlussakkorde spielen nur die Streicher. Der dritte Achttakter (Takt 17 ff.) enthält Akzente und einen harmonischen „Überraschungseffekt“ (unerwartetes Auftreten von Ges mit Akzent, Auflösung nach As). In der Variation 1 (Takt 25–48) hat das solistische Fagott die Stimmführung, begleitet von den Streichern (1. Violine in Triolen). Die Variation 2 (Takt 49–86) steht in b-Moll und enthält Triller-Verzierungen. Die Streicher beginnen, bei der ausgeschriebenen Wiederholung begleiten die Bläser mit getupften, echoartigen Achteln auf der unbetonten Taktzeit (Synkope). Ab Takt 77 spielt die Flöte eine kurze, freie Gegenstimme zur Stimmführung in der 1. Violine. Die 3. Variation (Takt 87–118) beginnt mit der Melodie in Flöte und 1. Violine, das Cello spielt durchgehende Staccato-Läufe. Bei der Wiederholung setzt das ganze Orchester forte ein und verziert die Melodie mit Trillern. Zu Beginn der 4. Variation (Takt 119–154) hat der Bass die Stimmführung, begleitet von einer Gegenstimme mit punktiertem Rhythmus in den Violinen. Der zweite Abschnitt des Themas (Takt 135 ff.) ist durch die Dominanz von Trillern in den Begleitstimmen gekennzeichnet (zunächst: Flöte und Violinen, bei der Wiederholung im Forte: Flöte, Oboen, Viola, Cello). Der Satz klingt nach dieser Steigerung dann verhalten im Pianissimo aus.
Dritter Satz: Menuet. Un poco Allegretto 3/4-Takte, Es-Dur, mit Trio 66 Takte