Der Weller Four Seat Tourer (auch Weller 10hp Touring Car bzw. Weller 20hp Touring Car oder einfach Weller Car, Link zum Bild:) war ein offener viersitziger Tourenwagen der Oberklasse, der Anfang 1903 auf der British International Motor Show vorgestellt wurde.
Gebaut wurde das Fahrzeug von der Firma Weller Brothers Ltd. mit Sitz im englischen West Norwood, heute einem südlichen Stadtteil von London; entwickelt wurde es von dem Automobil- und Motorrad-Pionier John Weller mit finanzieller Unterstützung des Geschäftsmannes John Portwine, beide Teilhaber dieser Firma (anfänglich gemeinsam mit drei weiteren Weller-Brüdern). Das Fahrzeug verfügte über einen selbst entworfenen und selbst gebauten Viertakt-Reihenmotor mit wahlweise zwei oder vier Zylindern. Es gilt heute, auch wenn es noch unter dem Namen Weller vorgestellt wurde und ein Einzelstück blieb, als Ausgangspunkt der englischen Automobilmarke AC Cars mit ihrer inzwischen mehr als einhundertjährigen Geschichte.. Wiedergabe der AC-Presseveröffentlichung zum 100-jährigen Bestehen (mit Weller-Firmen- und -Modellgeschichte) (englisch)John McLellan: Classic ACs. Sutton Publishing Ltd., Stroud, Gloucestershire 2000, ISBN 978-0-7509-2042-1, insb. S. 1 und 2 (englisch).
Einführung Der Weller Four Seat Tourer war das erste vollständig selbst geplante Automobil, das der Ingenieur John Weller und der Mäzen John Portwine in ihrer Firma bauten. Die hierbei gewonnenen Erfahrungen flossen ab 1904 in verschiedene Serienfahrzeuge ein, aus denen die Automarke AC Cars hervorging; diese war von 1911 bis 1984 in Thames Ditton in Surrey ansässig, feierte ihre größten Erfolge mit der legendären AC Cobra in den 1960er-Jahren gemeinsam mit Carroll Shelby und Ford und besteht – wenn auch mit mehreren Eigentümerwechseln in den 1980er- und 1990er-Jahren – bis heute fort.
Der aufwändige, sportliche Tourenwagen blieb letztlich, da zusätzliche Geldgeber für eine Serienproduktion fehlten, ein Einzelstück.
Die Bezeichnung Weller 10hp Touring Car bzw. Weller 20hp Touring Car verweist mit „10hp“ bzw. „20hp“ auf die Motorleistung in der Einheit horsepower (Pferdestärke). Da geeignete Leistungsprüfstände noch fehlten, beruhen die Angaben vermutlich auf frühen abstrakten Leistungsformeln.
Entstehungsgeschichte mini|hochkant=1.3|Zeitgenössischer, dem Weller Tourer in Stil und Konzept ähnlicher, jedoch kleinerer De Dion-Bouton 8CV aus dem Jahr 1903 Erste Vorarbeiten für den Four Seat Tourer begannen im April 1901. John Weller brachte seine Erfahrungen ein, die er bis dahin als Kraftfahrzeugmechaniker und Motorentechniker gesammelt hatte, insbesondere in der Werkstatt, die er seit 1899 zunächst allein mit seinem Bruder Harry in West Norwood betrieb. Dort kümmerten sie sich vor allem um die Wartung und Reparatur von Motorrädern, motorisierten Dreirädern und Automobilen, sowohl dampfbetriebenen als auch benzingetriebenen, vor allem um Fahrzeuge von De Dion-Bouton und solche mit Einbaumotoren dieser Marke.
Weller hatte konkrete Vorstellungen, wie er die damals übliche Fahrzeugtechnik verbessern könnte, und wollte seine innovativen Ideen in einem Modell der Oberklasse umsetzen, die damals – auch in England – vor allem von französischen Marken wie De Dion-Bouton, Peugeot und Renault oder der deutschen Daimler-Motoren-Gesellschaft mit ihrer Automarke Mercedes dominiert wurde. Englische Konkurrenz existierte kaum, insbesondere entstand der Automobilhersteller Rolls-Royce erst 1904.
Der Weller Four Seat Tourer orientierte sich konzeptionell und hinsichtlich des Stils an zeitgenössischen, jedoch kleineren De Dion-Bouton-Modellen, so dem 1902 erschienenen Einzylinder 8CV Type K und dem 1903 erschienenen 1,7-l-Zweizylinder 12CV Type S (ein Vierzylinder folgte bei De Dion-Bouton erst 1904 mit dem 2,5-l-Modell 15CV Type AD und dem nochmals stärkeren 24CV Type AI). Der Bau des Fahrzeugs ging nur langsam voran, da Weller die meisten Einzelteile selbst entwerfen und in seiner Werkstatt einzeln anfertigen musste. Ferner konnte Weller nur die Zeit nutzen, die ihm neben den regulären, vorrangigen Werkstattaufträgen der Kunden verblieb. Auch mussten die Gelder für den Bau des Tourenwagens gesichert sein, so aus dem laufenden Betrieb der Werkstatt und finanziellen Nachschüssen seines Kompagnons Portwine, der hauptberuflich eine eigene Metzgerei-Kette mit Filialen in London und Umgebung betrieb.
Die Weller Brothers Ltd. präsentierte das Fahrzeug schließlich auf der British Motor Show im Januar und Februar 1903, die im Crystal Palace im Stadtteil Sydenham im Süden Londons nur wenige Kilometer von der Weller-Werkstatt in West Norwood entfernt abgehalten wurde. Ausgestellt wurde das noch nicht fahrbereite Fahrzeug mit dem selbst entworfenen und selbst gebauten 20hp-Vierzylindermotor sowie dem kleineren 10hp-Zweizylindertriebwerk. Den beiden Inhabern und Geschäftsführern Weller und Portwine ging es darum, das Interesse von Presse und Publikum für eine eventuelle Serienfertigung auszuloten sowie gegebenenfalls weitere Geldgeber und Vertriebspartner zu finden.
Das Fahrzeug wurde als fortschrittlich und gut durchdacht gelobt, allerdings blieben – zumal Probefahrten noch nicht möglich waren – ernsthafte Kaufinteressenten oder weitere Geldgeber aus. Der Erfolg seiner Metzgerei-Kette ermöglichte es Portwine, John Weller zumindest die Geldmittel zur Fertigstellung des Four Seat Tourers zur Verfügung zu stellen. Das vollendete Fahrzeug wurde schließlich in der 20hp-Vierzylinderversion in der Ausgabe der Zeitschrift The Autocar vom 6. Juni 1903 vorgestellt und überschwänglich mit dem Tenor gelobt:
mini|hochkant=1.3|Royce 10 bzw. Rolls-Royce 10 hp – das Modell, dem der Geschäftsmann Charles Rolls 1904 anstelle des Weller Four Seat Tourers zur Serienproduktion verhalf Hierdurch bestärkt intensivierte Weller 1903 die Suche nach weiteren Geldgebern für die angestrebte Serienproduktion des Tourenwagens. Damit hätte er beinahe die Entstehung der legendären Automobilmarke Rolls-Royce verhindert: 1903/1904 traf er unter anderem mit Charles Rolls zusammen, um sich dessen finanzielle Unterstützung und Vertriebskontakte zu sichern. Rolls war von Wellers innovativem, sportlichen Four Seat Tourer beeindruckt, hatte aber auch Bedenken hinsichtlich der Serienreife einzelner Detaillösungen; Rolls traf sich deshalb noch mit dem Konstrukteur eines anderen Oberklasse-Fahrzeugs: Am 4. Mai 1904 kam es zu dem – aus heutiger Sicht historischen – Treffen zwischen Rolls und dem konservativeren Automobil-Pionier Henry Royce im Midland-Hotel in Manchester mit anschließender Probefahrt im neuen Royce 10; Rolls und Royce besiegelten daraufhin zunächst per Handschlag, dann am 23. Dezember 1904 mit schriftlichem Vertrag ihre weitere Zusammenarbeit.Felix W. Hudlass: Motor sport. Juli 1962, S. 528 (Leserbrief, englisch)
Die weitere Suche Wellers und Portwines nach zusätzlichen Geldgebern für eine Serienfertigung verlief erfolglos. Der Four Seat Tourer erwies sich zwar als technisch gut durchdacht, jedoch zu teuer für eine Serienfertigung. Portwine überzeugte Weller daher, ein kleineres, technisch einfacheres und damit kostengünstiger herzustellendes Fahrzeug für gewerbliche Zwecke zu entwerfen, für das er bessere Vermarktungschancen sah. So entstand 1904 für die ebenfalls Portwine und Weller gehörende Firma Autocars and Accessories Ltd. (A. and A.) im Londoner Stadtteil Long Acre der Dreirad-Kleintransporter Auto-Carrier, der sich in der Folgezeit zu einem großen Verkaufserfolg entwickelte und den Weg für die Automarke AC Cars ebnete.
Einzelheiten zum Fahrzeugmodell Chassis und Fahrwerk Mit einem Leiterrahmen sowie Starrachsen und Blattfedern vorne wie hinten entsprach der Weller Four Seat Tourer dem damals üblichen Baumuster. Für damalige Verhältnisse war der Radstand ungewöhnlich lang; auch lag das Chassis auffallend tief, woraus ein vergleichsweise niedriger Schwerpunkt resultierte.
Besonderheit war ein Hilfsrahmen, der den Motor samt Auspuff und Kühler sowie das Getriebe (mit Endantrieb per Kette) aufnahm. Wellers Ziel war die Entkoppelung des Fahrgestells (mit seinen während der Fahrt entstehenden Verwindungskräften) und des Antriebsstrangs (mit seinen zeittypisch noch starken Motorvibrationen): Durch Ableitung der Verwindungskräfte in den Hilfsrahmen sollte der Antriebsstrang entlastet und der Materialermüdung vorgebeugt werden; umgekehrt sollte der Hilfsrahmen einen Teil der Motorvibrationen aufnehmen, um Chassis, Fahrwerk und Karosserie zu entlasten und den Komfort für die Passagiere zu erhöhen.AC-Firmengeschichte (mit Bildern) und technischen Aspekten zum Weller Four Seat Tourer (englisch).
Mit seiner Idee nahm Weller Grundprinzipien des Gitterrahmens bzw. des Raumfachwerks vorweg, wie sie sich erst später im Automobilbau durchsetzten. Tatsächlich sprachen damals allein der höhere Fertigungsaufwand und das zusätzliche Gewicht gegen seine Lösung, was in Anbetracht des allgemein hohen Herstellungsaufwands und der kräftigen Motorisierung in der Praxis unbedeutend war. Das Prinzip des Gitterrahmens fand sich an späteren Weller-Konstruktionen wieder, so ab 1904 beim kleinen Lasten-Dreirad Auto-Carrier sowie ab 1907 bei dem hiervon abgeleiteten zwei- bzw. dreisitzigen Cyclecar AC Sociable.
Nach einer Quelle soll das Fahrgestell bereits aus Leichtmetall gefertigt gewesen sein.The Motor. Ausgabe 113, 1958, S. 646 (englisch)
Die Lenkung des Four Seat Tourers erfolgte über ein – noch relativ steil stehendes – Lenkrad, während Weller beim späteren Auto-Carrier und AC Sociable zu einer einfachen Hebelmechanik zurückkehrte. Besondere Aufmerksamkeit widmete Weller der Lenkmechanik des Four Seat Tourers und ihrer -geometrie: Er verwendete die Achsschenkellenkung, wie sie unabhängig 1816 von Georg Lankensperger, 1875 von Amédée Bollée und 1891 von Carl Benz entwickelt worden war, konnte durch Veränderungen jedoch die mechanische Belastung der Lenkzapfen bei der Kurvenfahrt weiter verringern.United States. Bureau of Manufactures, Bureau of Foreign Commerce, Department of Commerce and Labor, Bureau of Statistics, Monthly consular and trade reports, Band 74, Ausgaben 280–282, 1904, S. 433 (englisch).
Für den großen Tourenwagen verwendete Weller Ballonreifen auf herkömmlichen Holzspeichenrädern (sogenannte „Artillery Wheels“) mit 12 Speichen vorne und – wegen der höheren Gewichtslast auf der Hinterachse – 14 Speichen hinten.
Motor und Getriebe Der Antrieb des Weller Four Seat Tourers folgte grundsätzlich dem damals für Oberklasse-Fahrzeuge üblichen Baumuster. Beim Triebwerk handelte es sich um einen fortschrittlichen wassergekühlten Viertakt-Ottomotor mit wahlweise zwei oder vier Zylindern in Reihenanordnung, eingebaut als Frontmotor hinter der Vorderachse mit Antrieb auf die Hinterräder. Der Motor besaß zeittypisch eine untenliegende Nockenwelle mit seitlich stehenden Ein- und Auslassventilen (SV-Ventilsteuerung); die Ventile wurden mechanisch, also in Form einer Zwangssteuerung betätigt. Durch die SV-Ventilsteuerung ergab sich – trotz relativ großem Hubraum – eine vergleichsweise niedrige Bauhöhe des Motors mit sehr einfacher Gestaltung der Zylinderköpfe.