mini|Teil des Widmungszyklus des Gero-Codex: Der Schreiber Anno übergibt dem Kölner Erzbischof Gero das Werk Als Reichenauer Malschule (oder nur Reichenauer Schule) wird eine Gruppe von Mönchen bezeichnet, die zwischen dem 9. und dem 11. Jahrhundert im Kloster Reichenau zahlreiche Handschriften mit Buchmalerei ausgestattet haben. Viele der dieser Schule zugerechnete Werke zählen zu den berühmtesten Vertretern der ottonischen Buchmalerei. Als Stiftungen von weltlichen und geistlichen Fürsten gelangten die Kunstwerke an Kirchen im ganzen ottonischen und salischen Reich, wo sie aufgrund ihrer kostbaren Ausgestaltung nur zu besonderen Anlässen Verwendung fanden.

Welche der heute in Bibliotheken in ganz Europa aufbewahrten Handschriften auf der Reichenau selbst hergestellt bzw. ausgemalt wurden, ist in der Forschung teilweise stark umstritten. Zehn der Codices wurden 2003 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen.

Werke

Aus dem 9. bis 11. Jahrhundert sind mindestens 70 illuminierte Handschriften (darunter einige Fragmente) erhalten, die wahrscheinlich auf der Reichenau entstanden und/oder dort mit Buchmalerei versehen wurden.Walter Berschin, Ulrich Kuder: Reichenauer Buchmalerei 850–1070. Reichert, Wiesbaden 2015; Dies.: Supplement. Reichert, Wiesbaden 2024.Walter Berschin, Ulrich Kuder: Reichenauer Buchmalerei im IX. Jahrhundert. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. Band 164, 2016, S. 1–20, .Walter Berschin, Ulrich Kuder: Reichenauer Buchmalerei im X. und XI. Jahrhundert. Ein Additamentum und zwei Disputanda. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. Band 165, 2017, S. 1–20, . Im weiteren Sinn sind sie alle Produkte der Reichenauer Malschule, ebenso wie die Wandmalereien in St. Georg in Reichenau-Oberzell – im engeren Sinn sind vor allem die liturgischen Prachtcodices aus der Zeit von ca. 960 bis ca. 1020 gemeint, wenn in der kunsthistorischen Forschung von der Reichenauer Schule die Rede ist.Albert Boeckler, Paul Buberl, Hans Wegener: Buchmalerei. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Band 2 (1950), Sp. 1420–1524 (online).

Da die Zuordnung zur Schule vor allem auf Basis der Stilkritik geschieht, wird der Begriff teilweise auch dann angewandt, wenn die jeweilige Handschrift nicht auf der Reichenau selbst entstanden ist (z. B. im Falle des Hillinius-Codex) oder die Lokalisierung strittig ist. Letzteres ist für relativ viele Handschriften zumindest zwischenzeitlich der Fall gewesen. Umgekehrt werden auch wahrscheinlich auf der Reichenau entstandene Codices nicht der Reichenauer Schule zugerechnet, wenn sie stilistisch von zeitgleich auf der Reichenau entstandenen Handschriften abweichen (z. B. im Falle des ‚reichenauischen‘ Liller Evangelistar).

Bei mehreren Handschriften fallen der stilkritische und der paläographische Befund auseinander, d. h. die Schrift kann bekannten Skriptorien oder sogar Schreibern zugeordnet werden, die andernorts tätig waren, insbesondere im Falle des Codex Egberti.Walter Berschin: Der Hauptschreiber des «Codex Egberti». Ein Kalligraph des X. Jahrhunderts. In: Scriptorium. Band 61, 2007, S. 3–47, Digitalisat.Hartmut Hoffmann: Zum Trierer Skriptorium der Ottonenzeit. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters. Band 64, 2008, S. 513–517, Digitalisat. Als Erklärung für diesen Befund kann, wie bei vielen illuminierten Handschriften des Mittelalters, unter anderem die erst nachträgliche Einfügung der Buchmalerei oder die Mobilität von Schreibern und Malern in Frage kommen.Hartmut Hoffmann: Schreibschulen und Buchmalerei. Handschriften und Texte des 9.–11. Jahrhunderts. Hiersemann, Stuttgart 2012, v. a. S. 160–171.

Zu den berühmtesten Handschriften, die der Schule zugerechnet werden, gehören die zehn Handschriften, die 2003 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen wurden:Esther-Luisa Schuster: Schätze der Reichenau – Die ottonischen Handschriften aus dem Weltdokumentenerbe der UNESCO. Kommentar zur Faksimile-Kassette (10 Einzelblätter und Magdeburger Elfenbeintafel mit der Auferweckung des Jünglings zu Nain), Quaternio Verlag, Luzern 2018, ISBN 978-3-905924-62-6. Der Bamberger Danielkommentar Die Bamberger Apokalypse Der Codex Egberti Das Egbert-Psalter Das Evangeliar Ottos III. Das Evangeliar aus dem Bamberger Dom Das Poussay-Evangelistar Der Gero-Codex Das Liuthar-Evangeliar Das Perikopenbuch Heinrichs II.

Gruppen Die illuminierten Handschriften der Reichenauer Schule werden üblicherweise in mehrere Gruppen unterschieden, die meist nach Schreibern (nicht Malern), die an einer wichtigen Handschrift der jeweiligen Gruppe beteiligt waren, benannt sind:Albert Boeckler, Paul Buberl, Hans Wegener: Buchmalerei. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Band 2 (1950), Sp. 1420–1524; online.Ulrich Kuder: Die Wiederentdeckung der Reichenauer Buchmalerei. In: Walter Berschin, Ulrich Kuder: Reichenauer Buchmalerei 850–1070. Reichert, Wiesbaden 2015, S. 8–23, hier S. 20–21.

Die Liuthar-Gruppe mit dem Liuthar-Evangeliar, dem Evangeliar Ottos III., dem Perikopenbuch Heinrichs II. und der Bamberger Apokalypse, die Anno-Gruppe (früher Eburnant-Gruppe) rund um den Gero-Codex und die Ruodprecht-Gruppe rund um den Egbert-Psalter. Die jüngeren Handschriften werden manchmal noch in zwei weitere Gruppen rund um den Bernulphus-Codex bzw. das (Berliner) Reichenauer Evangelistar eingeteilt; die Liuthar-Gruppe wird teilweise noch einmal in weitere Untergruppen geteilt.

Die Zuordnung der einzelnen Handschriften zu den jeweiligen Gruppen ist im Einzelnen oft umstritten. Sie geht überwiegend auf die kunsthistorischen Forschungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurück; einflussreich war und ist vor allem Boecklers Darstellung von 1925.Arthur Boeckler: Die Reichenauer Buchmalerei. In: Konrad Beyerle (Hrsg.): Die Kultur der Abtei Reichenau: Erinnerungsschrift zur zwölfhundertsten Wiederkehr des Gründungsjahres des Inselklosters 724–1924. Verlag der Muenchner Drucke, München 1925, S. 965–998, Digitalisat.Peter Bloch: Reichenauer Evangelistar: Vollständige Faksimile-Ausgabe des Codex 78 A 2 aus dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen, Preußischer Kulturbesitz – Berlin. Kommentarband: Kodikologische und kunsthistorische Einführung. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1972, ISBN 3-201-00783-8, hier S. 47–53. Die Sinnhaftigkeit einer Einteilung in Gruppen und Untergruppen ist teilweise bestritten worden.Gude Suckale-Redlefsen: Einleitung: Der kaiserliche Bücherschatz in Bamberg. In: Die Handschriften des 8. bis 11. Jahrhunderts der Staatsbibliothek Bamberg. 1. Teil: Texte (= Katalog der illuminierten Handschriften der Staatsbibliothek Bamberg. Band 1,1). Harrassowitz, Wiesbaden 2004, ISBN 3-447-05117-5, S. XIII–XXXVI, hier S. XXVI, Digitalisat.

Überlieferungssituation und Methodik der Zuordnung

Die Reichenauer Handschriften sind nur zum geringen Teil erhalten und heute auf Bibliotheken und Archive im In- und Ausland verteilt. Das gilt vor allem für die kunsthistorisch wertvollen Prachtcodices, die oft als Auftragsarbeiten oder Geschenke früh an verschiedene Orte gelangten. Umgekehrt sind von den Handschriften, die sich bis zur Säkularisation in der Klosterbibliothek befanden (und heute meist in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe aufbewahrt werden), nur die wenigsten illuminiert.Harald Rainer Derschka: Geschichte des Klosters Reichenau. Fink, Lindenberg 2024, ISBN 978-3-95976-453-7, hier S. 115. Die verstreute Überlieferung hat Vergleiche zwischen den Handschriften sehr erschwert, wenngleich schon seit dem 19. Jahrhundert vergleichsweise viele Reichenauer Handschriften faksimiliert wurden. Die meisten bis Ende des 20. Jahrhunderts produzierten Faksimiles waren allerdings unvollständig und boten nur verkleinerte, schwarzweiße Abbildungen; erst seit ca. 2000 gibt es vermehrt farbige Vollfaksimiles, sowohl gedruckt als auch digital (z. B. im Rahmen von digitalen Bibliotheken wie der Sammlung Pracht auf Pergament oder der Kaiser-Heinrich-Bibliothek).

Neben der verstreuten Überlieferung ist die Überprüfung der Provenienz auch aus inneren Gründen ungewöhnlich schwierig. Während für den örtlichen Gebrauch hergestellte Codices oft über die Nennung oder Hervorhebung lokaler Personen, Heiliger oder Ereignisse als Produkt eines bestimmten Ortes erkennbar sind, enthalten die für den „Export“ gefertigten Handschriften des Klosters Reichenau oft Texte und Bilder, die sich auf den Bestimmungsort der Handschrift, dortige Heiligenkulte und/oder den Auftraggeber beziehen.

Damit sind zwei übliche Methoden der Lokalisierung – über die Bibliotheksheimat bzw. über Bezüge auf lokale Personen, Heilige und Festkalender – nur begrenzt anwendbar. Explizite Nennungen von Malern oder Schreibern in den Handschriften sind selten und können noch seltener als Nachweis der Entstehung auf der Reichenau dienen. Auch zeitgenössische Erwähnungen der Malerschule oder ihrer Produkte sind spärlich und insgesamt wenig aussagekräftig. Daher spielen beim Nachweis einer Reichenauer Herkunft gerade bei den in der Forschung besonders wichtigen Prachthandschriften zwei andere Methoden eine besonders große Rolle, zum einen die Stilkritik (Untersuchung der Buchmalerei) und zum anderen die Paläographie (Untersuchung der Schrift). Für die Untersuchung von Initialen und Zierschriften können beide Methoden, allerdings mit Einschränkungen, angewandt werden.Hartmut Hoffmann: Schreibschulen und Buchmalerei. Handschriften und Texte des 9.–11. Jahrhunderts. Hiersemann, Stuttgart 2012, v. a. S. 160–171.

Forschungsgeschichte

Allgemeines