mini|Das zwischen 1935 und 1941 erbaute Hauptquartier der Živnostenská banka im Zentrum von Prag, heute Sitz der Tschechischen Nationalbank (2011)

Die Živnostenská banka (deutsch: Gewerbebank oder Handelsbank), auch Živnobanka, Akronym ŽB, im deutschsprachigen Raum meist Zivnobank genannt, war ein 1868 gegründetes tschechisches Kreditinstitut mit Sitz in Prag. In der ersten Tschechoslowakischen Republik übernahm sie als halbstaatliches Unternehmen die Funktion einer Schlüssel- und Landesbank. Nach 1945 erfolgte eine Angliederung an die Staatsbank der Tschechoslowakei und 1992 ihre Privatisierung. Als Teil der italienischen Finanzgruppe Unicredit fusionierte die Bank im Jahr 2007 mit anderen tschechischen Kreditunternehmen zur UniCredit Bank ČR.

Königreich Böhmen Die Živnostenská banka pro Čechy a Moravu v Praze (deutsch Gewerbebank für Böhmen und Mähren in Prag) wurde 1868 von tschechischen Nationalisten als Aktiengesellschaft gegründet. Das Unternehmen diente von Anbeginn politischen Zwecken. Ziel war es, tschechische Betriebe in dem von Deutschböhmen und Deutschmährern dominierten Wirtschaftssystem im Königreich Böhmen sowie in der Markgrafschaft Mähren zu fördern. Die Živnobanka war die erste Bank in Österreich-Ungarn, die von tschechischen Aktionären getragen wurde. Im Vorstand waren ausschließlich Politiker vertreten, wie František Ladislav Rieger, Ferdinand Urbánek oder Jan Stanislav Skrejšovský.Adam Wandruszka, Peter Urbanitsch, Helmut Rumpler, Ulrike Harmat: Die Habsburgermonarchie 1848–1918. Österreichische Akademie der Wissenschaften, 1973, S. 1343.

Zu dieser Zeit entwickelte sich Böhmen zum führenden Industrieland innerhalb der Donaumonarchie. Im Rahmen sogenannter nationaler Selbsthilfe-Programme gewährte die ŽB tschechischen Kleinunternehmern großzügige Kredite, die damit in ihre Abhängigkeit gerieten. Nach Eigenangaben des Bankvorstandes sollte sichergestellt werden, „dass der Profit der tschechischen Arbeit in tschechischer Hand verblieb.“Ingrid Stöhr: Zweisprachigkeit in Böhmen. Böhlau Verlag, 2010, S. 139. Im Jahr 1910 erwarb die Bank einen Minderheitsanteil an der Srpska kreditna banka (Serbische Kreditbank) in Belgrad.https://www.mzv.cz/public/b7/a0/58/16700_14945_RM_02_19_04.doc

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verfügte die Živnobanka in Böhmen und Mähren über elf Filialen sowie Niederlassungen in Wien, Krakau, Lemberg und Triest mit insgesamt 1068 Beschäftigten. In Prag zählte sie mit zu den größten tschechischen Aktiengesellschaften. Im Vergleich zu den deutschböhmischen Finanzinstituten blieb der Geschäftsumfang der Živnostenská banka jedoch bis zum Jahr 1918 irrelevant. Sie besaß aber auf Basis ihrer Geschäftspolitik bei Kriegsende bereits eine enorme nationale Bedeutung.Ingrid Stöhr: Zweisprachigkeit in Böhmen. Böhlau Verlag, 2010, S. 139.

Erste Tschechoslowakische Republik Der ökonomische Aufstieg der Bank begann unmittelbar nach der Tschechoslowakischen Unabhängigkeitserklärung. Dieser im Jahr 1918 gegründete Vielvölkerstaat konnte aus dem industriellen Nachlass der Doppelmonarchie die beste Erbschaft erzielen: Zwischen 50 und 70 % der österreich-ungarischen Industrie, der Land- und Forstwirtschaft, des Bergbaus, der Glas-, Porzellan-, Textil-, Chemie-, Maschinen-, Papier- und Möbelunternehmen, Zuckerfabriken, Bierbrauereien sowie zahlreiche andere Gewerbezweige waren in Böhmen und Mähren angesiedelt. Diese Unternehmen befanden sich jedoch zu großen Teilen bis 1945 unverändert im Besitz von Sudetendeutschen, was die Regierung in Prag zwischen 1918 und 1938 zu ändern versuchte.Arnold Suppan: Hitler – Beneš – Tito. Konflikt, Krieg und Völkermord in Ostmittel- und Südosteuropa. Austrian Academy of Sciences Press, 2014, S. 371 f. Österreichische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 26. August 2020.

Nach Gründung der Tschechoslowakischen Republik (ČSR) wuchs die Živnostenská banka enorm. Sie spielte als Schlüsselbank eine entscheidende Rolle des neuen Staates. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich die Živnobanka zum größten Finanzinstitut des Landes. Der tschechoslowakische Staat erwarb etwa 40 % des Aktienkapitals und gewann damit einen maßgeblichen Einfluss auf die Geschäftspolitik des Unternehmens.M. Palyi, P. Quittner: Handwörterbuch des Bankwesens. Springer-Verlag, 2013, S. 419. Die Bank war eng mit der Tschechoslowakischen National-Sozialistischen Volkspartei verbunden und gab die erste tschechoslowakische Staatsanleihe heraus, die sogenannte Freiheitsanleihe. Bis zur Gründung der Tschechoslowakischen Nationalbank im Jahr 1925 übernahm die Živnobanka faktisch die Funktion einer Zentralbank und blieb auch in der Folgezeit ein wichtiger Faktor bei der Steuerung der Staatsfinanzen.Bernhard Löffler: Die kulturelle Seite der Währung. Europäische Währungskulturen, Geldwerterfahrungen und Notenbanksysteme im 20. Jahrhundert. Walter de Gruyter, 2019, S. 236.

Außer ihrer exponierten Stellung in der Kreditwirtschaft des Landes spielte die Bank wegen des Engagements ihrer Direktoren, vor allem des Vorstandsvorsitzenden Jaroslav Preiss (* 1870; † 1946), in der Politik eine maßgebliche Rolle.Harald Wixforth: Auftakt zur Ostexpansion. Die Dresdner Bank und die Umgestaltung des Bankwesens im Sudetenland 1938/39. Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der Technischen Universität Dresden, 2001, S. 26 f. Die Živnobanka war ein wichtiges Instrument der Tschechoslowakisierung. Erklärtes Ziel der Regierung war es, insbesondere die in der ČSR lebende deutsche Minderheit aus der tschechoslowakischen Wirtschaft und Verwaltung zu verdrängen.Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte. Adam Kraft Verlag, 1978, S. 338 f. Innerhalb der Bank gab es ein Konsortium für staatliche Kreditoperationen, dessen Arbeit Alois Rašín als „Dienst an der Nation“ bezeichnete.Alois Rašín: Die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Tschechoslowakei. Duncker & Humblot, 1923, S. 143.Bernhard Löffler: Die kulturelle Seite der Währung. Europäische Währungskulturen, Geldwerterfahrungen und Notenbanksysteme im 20. Jahrhundert. Walter de Gruyter, 2019, S. 327. Die Expansion der Živnobanka wurde durch ein Nostrifizierungsgesetz unterstützt, wodurch Aktionäre von Unternehmen im Gebiet des neuen Staates gezwungen waren, ihren Hauptsitz in die ČSR zu verlegen. Zudem kaufte die ŽB große Aktienpakete von Industrieunternehmen, deren Mehrheitsanteile sich vormals im Besitz deutscher und österreichischer Aktionäre befanden.Ctibor Nečas: Počátky územní expanze Živnobanky. in: Studia minora facultatis philosophicae, 32. Sborník prací filozofické fakulty Brněnské univerzity, 1985, S. 81–92.

Auf dieser Basis entwickelte sich die ŽB zum Mittelpunkt eines riesigen Industriekomplexes. Das Wirtschaftsimperium der Bank umfasste zeitweilig 200 Unternehmen. Besonders stark war ihr Einfluss in der Schwerindustrie. Unter anderem besaß sie die Majorität am Schwermaschinenkonzern Českomoravská-Kolben-Daněk (ČKD), an der Poldi-Hütte, der Berg- und Hüttenwerksgesellschaft Prag, der Ringhoffer-Tatra-Werke AG – überwiegend alles Industrieunternehmen, an denen ursprünglich Wiener Großbanken die Aktienmehrheit besaßen. Aber auch in der Lebensmittel-, Textil- und chemischen Industrie war sie über Kapitalbeteiligungen entscheidend präsent.

Bis 1934/35 entfaltete sich die Tschechoslowakei zum größten Waffenexporteur der Welt. Ganze Divisionen waren im Spanischen Bürgerkrieg mit tschechoslowakischen Waffen ausgerüstet.Rolf Reventlow: Spanien in diesem Jahrhundert. Bürgerkrieg, Vorgeschichte und Auswirkungen. Europa Verlag, 1968, S. 223. Die Transaktionen wickelte die Živnobanka ab. Bestehende Waffenembargos spielten keine Rolle. Geliefert wurde auf alle möglichen Kontinente. Hauptabnehmer waren jedoch südosteuropäische Länder und die Sowjetunion. Zur Unterstützung des Exports von Waffen in die Sowjetunion stellte die ŽB sogar zusätzliche Darlehen zur Verfügung, im Jahr 1936 beispielsweise 275 Millionen Kronen. Ferner gewährte die Bank vor Auslieferung der Waffen Rüstungsbetrieben wie den Škoda-Werken oder ČKD zur Vorfinanzierung ihrer Produktion hohe Kredite.Kamila Kaucká: Živnostenská banka od založení samostatného Československa po německou okupaci (1918–1939). Univerzita Karlova v PrazeFakulta sociálních věd, 2007, S. 58.Grigore Gafencu: Europas letzte Tage. Eine politische Reise im Jahre 1939. Amstutz, Herdeg & Company, 1946, S. 96.

Ihre Geschäftsaktivitäten konzentrierte die Živnobanka auf national-tschechische Unternehmen, während sie im nahezu ausschließlich von Deutschböhmen bewohnten Sudetenland weniger aktiv war. Nur vier ihrer insgesamt 24 Filialen befanden sich hier, der Rest verteilte sich über andere Landesteile. Darüber hinaus unterhielt die Bank eine Filiale in Wien und eine in London. Die Verwaltungsorgane der ŽB waren fast nur mit tschechischsprachigen Personen besetzt.

Um eine Abkoppelung der sudetendeutschen von der tschechoslowakischen Wirtschaft zu verhindern, erwarb die Živnobanka ab Mitte der 1930er Jahre massiv Aktienbeteiligungen an Unternehmen in Nordböhmen. Der wachsende Einfluss der Živnostenská banka rief infolge der ohnehin schon angespannten und aufgeheizten politischen Lage auch Diskussionen seitens der sogenannten Entente-Investoren hervor. Unter anderem übernahm die ŽB im Juli 1938, noch drei Monate vor dem Münchner Abkommen, für 300 Millionen Kronen die Mehrheitsanteile der Prager Petscheks an der Nordböhmischen Kohlenwerke AG und der Brüxer Kohlen-Bergbau-Gesellschaft, damals die größten Montanwerke der Tschechoslowakei, sowie im Dezember 1938 das Bankhaus Petschek & Co. in Prag, Zeitungsberichten zufolge für 1 Milliarde Kronen.Völkischer Beobachter vom 21. Dezember 1938 HWWA, abgerufen am 31. August 2020.

Die Transaktionen führte Jaroslav Preiss in enger Absprache mit dem tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš Masaryk durch. Dieser bezeichnete Preiss wörtlich als „größten Finanzfachmann der Welt“ und ernannte ihn zu seinem persönlichen Bankier sowie Berater in finanziellen Angelegenheiten. Auf Wunsch von Masaryk sollte Preiss im Jahr 1932 Finanzminister werden. Allerdings stellte Preiss die Bedingung, dass er in dieser Funktion Entscheidungen ohne Zustimmung des Parlaments treffen könne. Da dies nicht erfüllbar war, trat er der Regierung nie bei. Rechtsliberale Kreise der ČSR sahen Preiss unverändert als „Kapitän der tschechoslowakischen Industrie“ an. Für politisch linke Gruppen war er der „Hai vom Pulvertor“. Ab dem Jahr 1934 traf sich Preiss in Deutschland wiederholt mit Hjalmar Schacht. Zum Missfallen von Masaryk bewunderte er die deutsche Wirtschaft und äußerte über Adolf Hitler gewisse Anerkennungsworte.Ondřej Svejkovský: Historie Živnostenské banky. Dissertation Bankovní institut vysoká škola Praha, 2001, S. 31 f.

Protektorat Böhmen und Mähren Nach der Zerschlagung der Rest-Tschechei waren die deutschen Behörden sich der Symbolkraft der Živnostenská banka bewusst. Obwohl die Bank offiziell als national-tschechisches Kreditinstitut betrachtet wurde, blieb sie nach der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren neben mehreren anderen tschechischen Banken eigenständig bestehen. Das heißt, die Živnobanka kollaborierte wie viele andere tschechische Unternehmen auf voller Linie mit der Besatzungsmacht und ließ sich ab September 1939 vollständig in die deutsche Kriegswirtschaft integrieren.Jaromír Balcar: Panzer für Hitler – Traktoren für Stalin. Großunternehmen in Böhmen und Mähren 1938–1950. Walter de Gruyter, 2014, S. 61 f.