mini|Der Löwenmensch aus dem Lonetal der Schwäbischen Alb gehört zu den wichtigsten urgeschichtlichen Zeugnissen in Baden-Württemberg, präsentiert und ausführlich dokumentiert im Museum Ulm mini|Römischer Dreigötterstein aus Straubenhardt mit Mars (links), Apollo (rechts) und Minerva (unten); Original im Landesmuseum Württemberg mini|Der rekonstruierte keltische Wehrgang um die Heuneburg

Die Urgeschichte im Gebiet des deutschen Südwestens, des heutigen Baden-Württembergs, ist der breiteren Öffentlichkeit durch einige Funde bekannt geworden, wie die des Unterkiefers von Mauer von Homo heidelbergensis, der Mammutelfenbein-Plastik „Löwenmensch“ oder der Höhensiedlung Heuneburg. Aufgrund der großen klimatischen Veränderungen durch Mindel-, Riß- und Würm-Kaltzeit war das Gebiet zwischen Alpen und dem Main nicht ständig bewohnt. Mannigfaltige Spuren menschlicher Besiedlung sind im deutschen Südwesten in der Zeit der Kelten und Römer bis zum Erscheinen der Alamannen archäologisch auszumachen. Damit erreicht diese Darstellung auch die Frühgeschichte. Ein herausragendes Ereignis der Spätantike stellt der Siegeszug des Christentums dar und damit verbunden das langsame Verschwinden vorchristlicher Kulte und Traditionen.

Urgeschichte mini|Der Eingang zur Vogelherdhöhle im Lonetal, einer der wichtigsten und ergiebigsten Karsthöhlen Baden-Württembergs im Blick auf die Urgeschichte Die Urgeschichte bezeichnet den ältesten Zeitabschnitt der menschlichen Geschichte, in der noch keine Schriftquellen vorliegen.

Situation der frühen Urgeschichte in Baden-Württemberg Im Landesgebiet von Baden-Württemberg konzentriert sich die Forschung sowohl auf vorhandene Freilandstationen, als auch auf die in Süddeutschland zahlreich vorhandenen Höhlen. Höhlen und Abris boten Menschen Schutz vor Nässe, Kälte und Wind, weshalb sie für altsteinzeitliche Siedlungsspuren von hoher Relevanz sind.

Aber auch erhaltungsbedingt liegen die meisten steinzeitlichen Fundstellen in Höhlen und Abris. Diese sind landschaftlich im Bereich der Schwäbischen Alb konzentriert.

Freilandfundstellen und Freilandstationen von Jäger- und Sammlergemeinschaften liegen beispielsweise am Federsee, bei der Schussenquelle, im unteren Remstal (Kleinheppach), bei Börslingen und im Breisgau.

Die frühesten Funde der Altsteinzeit stammen aus warmzeitlichen Perioden zwischen den eiszeitlichen Kaltzeiten, in denen das Klima gemäßigt war. Für die mittlere Altsteinzeit geht man in Südwestdeutschland von einer mittleren Population von 1000 Personen aus. Die Zeitangaben sind dabei gerundete Werte.

Frühe Entdeckungen mini|Bronzedepotfund von Winterlingen (Foto: Landesmuseum Württemberg) Der Bronzedepotfund von Winterlingen wurde bereits 1609 bei Winterlingen geborgen. Er stammt aus der späten Urnenfelderkultur (9. Jahrhundert v. Chr.) und zählt zu den frühesten, nahezu vollständig erhaltenen archäologischen Bodenfunden Deutschlands überhaupt. Die erste Nennung des Fundes findet sich bereits in dem um 1624 erstellten Inventar der Sammlung Guth von Sulz, die 1653 in die württembergische Kunstkammer aufgenommen wurde.

Erkundungen im 19. Jahrhundert mini|Oskar Hölder engagierte sich im 19. Jahrhundert bei römischen Ausgrabungen in Rottweil und hielt die Ergebnisse mit kolorierten Zeichnungen und Aquarellen fest mini|Einer der Pioniere auf dem Gebiet der Urgeschichte von Baden-Württemberg war Oscar Fraas (1824–1897)

Bereits im 19. Jahrhundert gab es verschiedene Ansätze zur Erkundung der Ur- und Frühgeschichte auf dem Gebiet von Baden-Württemberg. Die Pioniere auf diesem Feld waren nicht unbedingt Historiker oder Archäologen, sondern Geologen, Mediziner, Militärs, Naturwissenschaftler, Theologen, Philologen, Pädagogen und Politiker. Eine gewisse Fachlichkeit ging von ersten sogenannten „historischen Vereinen“, „Altertumsgesellschaften“ und regionalen Zusammenschlüssen von an Urgeschichte Interessierten aus, die Ausgrabungen begleiteten, dokumentierten, bewerteten und publizierten.

1832 gehörte Friedrich von Alberti als Geologe zu den Gründungsmitgliedern des Vereins zur Aufsuchung der Alterthümer in der Gegend von Rottweil, später Archäologischer Verein zu Rottweil genannt, dem ersten historischen Verein Württembergs. Alberti war von Beginn an Ausschussmitglied. Er leitete verschiedene archäologische Ausgrabungen und verfasste einige Jahresberichte des Vereins. 1846 grub Wolfgang Menzel das um 1810 entdeckte Gräberfeld von Oberflacht aus. In Anwesenheit zahlreicher Zuschauer wurde dort „ein alemannisches Gräberfeld freigelegt, wobei neben Holzsärgen und Skeletten sehr reiche Grabbeigaben zu Tage traten.“Gabriele B. Clemens: Grabungsfieber und Sammeleifer. Die archäologischen Aktivitäten der deutschen Altertumsvereine, in: Germanisches Nationalmuseum, Wiwjorra, Ingo und Hakelberg, Dietrich (Hrsg.): Archäologie und Nation: Kontexte der Erforschung „vaterländischen Alterthums“: Zur Geschichte der Archäologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz, 1800 bis 1860, Heidelberg: arthistoricum.net, 2021, S. 64–78, Zitat S. 75 Ab 1857 hatte der Bau von Eisenbahnstrecken immer wieder zur Entdeckung großer frühmittelalterlicher Gräberfelder geführt. Ein Auslöser dafür war der Bau der Eisenbahnlinie durch das Blautal von Ulm nach Blaubeuren. Als man Konrad Dietrich Haßler, Vorstandsmitglied eines 1841 gegründeten Vereins für Kunst und Altertum, über die Funde eiserner Waffen und Skelettreste informierte, begann dieser mit eingehenden Untersuchungen. Haßler legte insgesamt 156 alemannische Bestattungen frei.https://bawue.museum-digital.de, abgerufen am 13. Mai 2022 1867 entdeckte Oscar Fraas als Pfarrer und Geologe an der Schussenquelle eine altsteinzeitliche Niederlassung.Oscar Fraas: Beiträge zur Culturgeschichte des Menschen während der Eiszeit. Nach den Funden an der Schussenquelle. – Archiv für Anthropologie 2, 1867, S. 29–50. Fraas erkannte dort vom Menschen bearbeitete und verzierte Geweihstangen und Feuersteingeräte. Mit dieser Erfahrung forschte er abermals im Lonetal und fand nun auch dort die Spuren der Eiszeitmenschen. 1869 wurden von Eduard Paulus auf dem Ipf archäologische Ausgrabungen vorgenommen. Er entdeckte neben einer Menge von Tierknochen „zahlreiche Bruchstücke von altgermanischen Gefäßen“.Karl Eduard Paulus: Beschreibung des Oberamts Neresheim. H. Lindemann, Stuttgart 1872, Abschnitt B 6 Bopfingen, S. 226 (Wikisource). Damit gelang ihm der Nachweis, dass der Berg schon in vorgeschichtlicher Zeit bewohnt war. Ab 1869 widmete sich Eduard von Kallee bis an sein Lebensende diversen archäologischen Studien, insbesondere aber der römischen Limesforschung.Franz J. Moegle-Hofacker: Detailwissen muss nicht schaden. Archiv Nachrichten, herausgegeben von der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg Nr. 29, Dezember 2004.Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand M 660/009: Militärischer (und geschichtlicher) Nachlass Eduard von Kallée, württ. Generalmajor, Chef des Generalquartiermeisterstabs, Chef des Generalstabs im Hauptquartier der württ. Felddivision, Kommandeur der 3. Inf. Brigade, *1818 †1888. Er war, zum Teil zusammen mit Heinrich Steimle, ein früher Ausgräber an den Kastellen Köngen, Webseite der Gemeindeverwaltung Köngen.Peter Rempis: Der Große Führer zum Limesmuseum Aalen in der Internet-Neubearbeitung des Jahres 2004. Benningen, , Gemeinde Benningen am Neckar. Schirenhof und Unterböbingen.Kastell Unterböbingen. 1877 und 1888 wurde im Königreich Württemberg sowie 1880 im Großherzogtum Baden staatliche Limeskommissionen eingesetzt, die an mehreren Stellen auch erfolgreich die Verläufe des Limes nachweisen konnten. 1879 kam es zu ersten Begehungen der Limesstrecke durch Ernst von Herzog und zu detaillierten Berichten über die vorläufigen Ergebnisse. 1883 und 1884 führte er Ausgrabungen in Rottenburg am Neckar durch, wo er ein römisches Kastell vermutete. 1879 wurde das Kleinaspergle, ein frühlatènezeitlicher Grabhügel, von Oscar Fraas archäologisch untersucht. Fraas entschied sich damals für eine bergmännische Grabung mit einem radialen und einem konzentrisch angelegten Stollen. Diese Grabung wurde für die damalige Zeit sehr umfangreich dokumentiert. Es existieren Grabungstagebücher sowie Skizzen und Zeichnungen von Carl von Häberlin und Eberhard Fraas, dem damals 17-jährigen Sohn des Ausgräbers. 1887 wurde der Direktor der Großherzoglichen Altertumshalle in Karlsruhe, Ernst Wagner, darauf hingewiesen, dass sich „auf dem Magdalenenhügel beim Läuble auf der Höhe […] ein Grabhügel“ befände. Wagner reiste daraufhin nach Villingen und legte einen Grabungsschnitt an, der ihn von der künstlichen Beschaffenheit des Hügels überzeugte.Peter Graßmann, „In mannigfacher Beziehung merkwürdig“ Die erste Ausgrabung des Magdalenenberges im Jahr 1890 In: Villingen im Wandel der Zeit, Jahrgang XXXIX / 2016, S. 109–116. 1888 entdeckte Oskar Hölder das römische Kastell auf dem Nikolausfeld von Rottweil und führte 15 archäologische Grabungen durch. 1890 grub August Hedinger mit dem Schwäbischen Höhlenverein bei Gutenberg an der Schwäbischen Alb im Heppenloch, wobei eine wissenschaftlich interessante eiszeitliche Tierfauna zutage gefördert wurde. Als einer der Mitbegründer des Württembergischen Anthropologischen Vereines ging Hedinger mehr und mehr von der Geologie zur Archäologie über, um durch Ausgrabungen sich praktisch zu betätigen und Material zu sammeln. 1893 wurde von Eberhard Fraas die Irpfelhöhle auf Spuren früher menschlicher Besiedlung hin untersucht. 1894 legt Karl Theodor Zingeler eine Veröffentlichung im Bereich der Hohenzollerischen Landesarchäologie vor, welche „Die vor- und frühgeschichtliche Forschung in Hohenzollern“ mit einem ausführlichen Fundstellenverzeichnis in den „Mittheilungen des Vereins für Geschichte & Altertumskunde in Hohenzollern“ umfasst und zur Grundlage weitergehender Forschungen im 20. Jahrhundert wurde. Bei seinen Besuchen sämtlicher bis dahin bekannten Fundstellen gelangen Zingler auch eine Reihe von neuen Entdeckungen. Zudem machte er beim Bau der Hohenzollerischen Landesbahn am Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche vorgeschichtliche Entdeckungen. 1896 grub Eugen Nägele das römische Kastell Waldmössingen aus. Ab 1899 führten Albrecht Bonnet und Alfred Schliz archäologische Ausgrabungen in der steinzeitlichen Siedlung von Großgartach durch. Dort verorteten sie mehrere rechteckige, steinzeitliche Wohnstellen, die sogenannte Steinzeitliche Siedlung von Großgartach. Die von Bonnet und Schliz entwickelte Grabungsmethode, die sich auf ausgesuchte, einzelne interessante Stellen anstelle großflächig auf ein ganzes Areal konzentrierte, wird als Bonnet-Schlizsche-Methode bezeichnet.

Archäologische Kulturen und urgeschichtliche Perioden Auch in Baden-Württemberg folgt die Systematik der frühen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert dem von Christian Jürgensen Thomsen entwickelten Dreiperiodensystem, das insbesondere die europäische Vor- und Frühgeschichte in Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit unterteilt. Im 20. Jahrhundert wurde das Dreiperiodensystem erweitert und vor allem stark ausdifferenziert.

Seit Robert Rudolf Schmidt 1906 die französische Klassifizierung und Nomenklatur der großen Perioden der Altsteinzeit auch für die baden-württembergische Archäologie bei Grabungen im Blautal eingeführt hat, gelten daneben auch folgende Zeitepochen:Georg Hiller und Stefanie Kölbl, Welt-Kult-Ur-Sprung, Jan Thorbecke Verlag, Ulm 2016, S. 15, ISBN 978-3-7995-1168-1

Acheuléen (nach Saint-Acheul bei Amiens) Moustérien (nach dem Fundplatz Le Moustier) Aurignacien (nach dem Abri von Aurignac) Gravettien (wurde erst 1938 von Dorothy Garrod eingeführt, nach Funden im Abri La Gravette im Département Dordogne)D. A. E. Garrod: The Upper Palaeolithic in the Light of Recent Discovery. – Proceedings of the Prehistoric Society, 1938, S. 1–2. Magdalénien (nach dem Fundplatz La Madeleine)