mini|Anthony Eden als Außenminister im Kriegskabinett Churchill (1942)

Robert Anthony Eden, 1. Earl of Avon, KG, PC (* 12. Juni 1897 in Rushyford, County Durham, England; † 14. Januar 1977 in Alvediston, Wiltshire, England) war ein britischer Politiker der Conservative Party.

Dreimal – von 1935 bis 1938, von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 – war er britischer Außenminister und erwarb sich vor dem Hintergrund schwerer internationaler Krisen einen Ruf als geschickter Diplomat, der auf mehreren Konferenzen konstruktive Lösungen aushandeln konnte. Nachdem er lange als „zweiter Mann“ hinter Churchill hatte zurückstehen müssen, wurde er im April 1955 Premierminister des Vereinigten Königreichs. Die Suezkrise Ende Oktober 1956, in der Eden gemeinsam mit Frankreich und Israel auf militärische Weise den ägyptischen Führer Gamal Abdel Nasser zum Rückzug zwingen wollte, geriet jedoch zum Debakel. Die USA und die Sowjetunion wandten sich gegen die Aktion; unter dem politischen und ökonomischen Druck der USA sah sich Eden gezwungen, die militärische Aktion vorzeitig abzubrechen. Zwei Monate später trat er, auch aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit, im Januar 1957 als Premierminister zurück; Schatzkanzler Harold Macmillan wurde sein Nachfolger.

Leben Frühe Lebensjahre mini|Britische Infanterie während der Somme-Offensive Anthony Eden wurde als zweiter von drei Söhnen im Haus Windlestone Hall in der Ortschaft Rushyford geboren, wo seine Familie bereits seit vielen Generationen als Grundbesitzer lebte.D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897–1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 13. Sein Vater war Sir William Eden. Seine Mutter, Sybil Grey, war Mitglied der berühmten Grey-Familie aus Northumberland, aus der bereits zahlreiche namhafte Politiker (wie etwa Edward GreyD.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897–1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 14. oder der Whig-Premierminister Charles Grey, 2. Earl GreyVictor Rothwell: Anthony Eden: A Political Biography 1931–57. Manchester University Press, 1992, S. 5.) erwachsen waren.

mini|Christ Church College, Oxford Anthony Eden besuchte zunächst die Sandroyd School (eine Vorbereitungsschule) von 1907 bis 1910, bevor er nach Eton wechselte. Dort brillierte er in mehreren Sportarten (vor allem Cricket und Rudern) und gewann einen Preis in Theologie.Alan Campbell-Johanson, Eden: The Making of a Statesman, Read Books, 2007, S. 9. Im Ersten Weltkrieg fiel sein älterer Bruder Jack in der Ersten Ypernschlacht. Sobald er das 18. Lebensjahr erreicht hatte, meldete sich Eden freiwillig zum Kriegsdienst und diente im 21st Battalion des King’s Royal Rifle Corps. Nach einer militärischen Ausbildung wurde seine Einheit im Mai 1916 nach Nordfrankreich verlegt; im gleichen Monat wurde sein ihm nahestehender jüngerer Bruder Nicholas in der Skagerrakschlacht getötet.Douglas Hurd: Choose your Weapons: The British Foreign Secretary. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 295. Drei Monate später wurde Eden das Military Cross verliehen; nachdem er mit einem Spähtrupp im Niemandsland auf Erkundungsmission gewesen war. Als er bei seiner Rückkehr entdeckte, dass einer seiner Soldaten fehlte, kehrte er um und rettete diesen.D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897–1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 37. Im Verlauf des Krieges erlangte Eden den Rang eines Captains. Eden nahm im Verlauf des Kriegs an der Sommeschlacht, der Dritten Flandernschlacht und den Kämpfen während der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 teil.David Aster: Anthony Eden. St Martin’s Press, London 1977, S. 5 ff.

Nach dem Krieg studierte er in Oxford am Christ Church College, wo er 1923 seinen Abschluss in orientalischen Sprachen (Arabisch und Persisch) machte.D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897–1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 49. Eden beteiligte sich in Oxford nicht an Studentenpolitik und trat keinem der politischen Debattierclubs bei. Dagegen entwickelte er ein großes Interesse an der Kunst und gründete mit Robert Gathorne-Hardy und David Cecil die Uffizi Society Oxford.Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, S. 59 ff.

Im gleichen Jahr heiratete er die 18-jährige Beatrice Beckett (1905–1957), die Tochter des Landbesitzers Sir William Gervase Beckett aus Yorkshire, der auch Besitzer der Zeitung The Yorkshire Post war.Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, S. 68 ff. Gemeinsam hatten sie drei Söhne, von denen der mittlere Sohn schon im Kindbett verstarb: Simon Gascoigne Eden (1924–1945), Robert Eden (1928–1928) und Nicholas Eden (1930–1985).Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, S. 96 f. Die Ehe war jedoch nicht glücklich; Beatrice hegte eine ausgesprochene Abneigung gegen die Politik, während Eden aufgrund seiner Verpflichtungen regelmäßig abwesend war.D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897–1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 63. In den 1930er Jahren begannen Eden und seine Frau jeweils zahlreiche Affären. Beide kamen überein, die Ehe nur mehr auf dem Papier weiterzuführen.The Sunday Times: Clarissa Brings Happiness At Last, Ausgabe vom 31. August 1986

Beginn der politischen Laufbahn mini|Demonstration in London während des Generalstreiks 1926 Noch während er am Christ Church College seinen Abschluss machte, gewann Eden dank der Unterstützung Lord Londonderrys die Kandidatur für den Wahlkreis Durham/Spennymoor. Er scheiterte bei den Britischen Unterhauswahlen 1922 jedoch klar.Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 6. Nach seinem erfolgreichen Abschluss verwarf Eden die Möglichkeit, den Weg einer Diplomatenkarriere zu beschreiten und beschloss stattdessen, sich ganz auf eine politische Laufbahn zu konzentrieren.Douglas Hurd: Choose your Weapons: The British Foreign Secretary. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 296. Er kandidierte als Abgeordneter der Konservativen Partei für Warwick und Leamington Spa, ein sicherer Wahlkreis der Konservativen, und wurde bei den Unterhauswahlen 1923 ins Unterhaus gewählt.Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, S. 78 f. Innerhalb der Tories stand er Premierminister Stanley Baldwin nahe, dessen behutsame Handhabung während des Generalstreiks von 1926 er bewunderte. Nachdem er zu Beginn im Unterhaus äußerst konfrontativ aufgetreten war, adaptierte er nach dem Vorbild Baldwins schnell ein maßvolles Auftreten, welches mehr konsensorientiert war.Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, S. 624. Sein ganzes politisches Interesse galt von Beginn an der Außenpolitik und 1926 wurde Eden Parliamentary Private Secretary für den damaligen Außenminister Austen Chamberlain. Um sein Salär aufzubessern, betätigte er sich zusätzlich journalistisch und veröffentlichte 1926 auch ein Buch (Places in the Sun) über seine Reisen nach Neuseeland und Australien, für das Baldwin ein Vorwort schrieb.Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, S. 103. Nach der Niederlage der Konservativen bei der britischen Unterhauswahl 1929 arbeitete Eden in den Oppositionsjahren 1929 bis 1931 in der Londoner City als Broker für die Firma Harry Lucas. 1931 wurde er mit seinem ersten Ministerialposten betraut und in Ramsay MacDonalds Regierung Staatssekretär mit spezifischer Verantwortung für Belange des Völkerbunds.Douglas Hurd: Choose your Weapons: The British Foreign Secretary. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 300. Nachdem Stanley Baldwin 1934 seine dritte Regierung gebildet hatte, wurde Eden zum Lordsiegelbewahrer ernannt und in Baldwins Regierung Minister für den Völkerbund.Victor Rothwell: Anthony Eden: A Political Biography 1931–57. Manchester University Press, 1992, S. 12.

Wie viele Menschen seiner Generation, die den Ersten Weltkrieg erlebt hatten, bemühte sich Eden, mit Hilfe des Völkerbundes den europäischen Frieden zu bewahren. Er gehörte gleichwohl zu den ersten, die erkannten, dass der Frieden nicht allein durch eine Appeasement-Politik aufrechterhalten werden konnte. 1934/35 lernte er nacheinander die großen Diktatoren kennen. Dabei gewann er zunächst von Reichskanzler Adolf Hitler einen positiven Eindruck und glaubte, man könne dessen Wort Vertrauen schenken.D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897–1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 128.Victor Rothwell: Anthony Eden: A Political Biography 1931–57. Manchester University Press, 1992, S. 10. Mit Benito Mussolini verband ihn dagegen sofort eine (gegenseitige) Abneigung. Nach seinem Treffen mit dem Duce betitelte er diesen als einen „kompletten Gangster“, dessen Wort nichts bedeute.D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897–1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 132 f. Mussolini äußerte umgekehrt über Eden: „Ich sah niemals einen besser gekleideten Dummkopf.“Douglas Hurd: Choose your Weapons: The British Foreign Secretary. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 302. Zudem besuchte er auf Anregung des sowjetischen Botschafters in London, Iwan Maiski, die Sowjetunion und traf sich in Moskau mit Josef Stalin.Gabriel Gorodetsky (Hg.): Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932–1943. Verlag C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68936-9, S. 27. Während des Abessinienkriegs nahm Eden auch aufgrund seiner persönlichen Einschätzung Mussolinis eine unnachgiebige Haltung ein und warb für einen Konfrontationskurs, was zu einem Zerwürfnis mit Unterstaatssekretär Robert Vansittart führte. Dieser hielt Deutschland für die größere Bedrohung und trat deshalb für eine nachgiebige Haltung gegenüber dem faschistischen Italien ein, um es als Verbündeten gegen Hitler zu gewinnen.Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 21. Eden sah hierdurch das System der Kollektiven Sicherheit auf Basis des Völkerbunds kompromittiert.

Obwohl er im Unterhaus die Außenpolitik der Regierung verteidigte, kritisierte er im privaten Kreis wiederholt die Politik des Außenministers Sir Samuel Hoare.Douglas Hurd: Choose your Weapons: The British Foreign Secretary. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 301. Als Hoare nach dem Scheitern des anglofranzösischen Hoare-Laval-Pakts schließlich zurücktrat, wurde Eden im Dezember 1935 sein Nachfolger als Außenminister in Baldwins Dritter Nationaler Regierung.Graham Macklin: Chamberlain (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 55.

Außenminister und Rücktritt mini|Eden bei einem Treffen mit Polens Außenminister Józef Beck, 1935