Bad Wildungen (umgangssprachlich Wildungen; bis 1906 Nieder-Wildungen) ist eine Kleinstadt mit Heilbäderzentrum und Kurort im Landkreis Waldeck-Frankenberg im westlichen Nordhessen. Bad Wildungen war viele Jahre eines von fünf hessischen Staatsbädern.
Geographie mini|Bad Wildungen, Luftaufnahme (2016) mini|Blick über die Stadt
Bad Wildungen liegt an den Ausläufern des Kellerwalds im sogenannten Ferienland Waldeck (Waldecker Land). Die Stadt, die sich östlich des Hombergs ausbreitet, wird von der Wilde durchflossen, die beim Ortsteil Wega in die Eder mündet. Die Stadtteile Wega und Mandern liegen an der Eder. Dieser Fluss bildet, weiter flussaufwärts, den Edersee, einen Stausee, der sich etwa 10 km (Luftlinie) nordwestlich der Kernstadt von Bad Wildungen befindet. Die südwestlichen Stadtteile Hundsdorf, Armsfeld und Bergfreiheit werden von der Urff durchflossen.
Die nächsten größeren Städte sind Kassel (ca. 45 km; Nordosten), Marburg (ca. 60 km; Südwesten) und Korbach (ca. 28 km; Nordwesten).
Nachbargemeinden Bad Wildungen grenzt im Norden an die Gemeinde Edertal (Landkreis Waldeck-Frankenberg), im Osten an die Stadt Fritzlar, im Südosten an die Gemeinde Bad Zwesten (beide im Schwalm-Eder-Kreis), im Süden an die Gemeinde Haina sowie im Westen an die Stadt Frankenau (beide im Landkreis Waldeck-Frankenberg).
Stadtgliederung Mit der Kernstadt hat Bad Wildungen 14 Stadtteile, die meisten davon sind Walddörfer: Stadtteil Einwohner(31. Dez. 2020) Albertshausen 252 Altwildungen 2.299 Armsfeld 282 Bad Wildungen (Kernstadt) 9.245 Bergfreiheit 328 Braunau 670 Frebershausen 155 Hüddingen 87 Hundsdorf 279 Mandern 616 Odershausen 1.331 Reinhardshausen 1.325 Reitzenhagen 573 Wega 663 Gesamt 18.105
Geschichte der Stadt Übersicht mini|Ober- und Nieder-Wildungen – Auszug aus der Topographia Hassiae von Matthäus Merian 1655 mini|Bad Wildungen von Südsüdwesten, Luftaufnahme, 1925
Das Gebiet des heutigen Bad Wildungen war bereits um 2000 v. Chr. besiedelt. Dies lässt sich anhand zahlreicher bronzezeitlicher Hügelgräber nachweisen.
Die erste Erwähnung um etwa 800 stammt aus dem Güterverzeichnis Breviarium sancti Lulli (zweite Tafel) der Abtei Hersfeld als „villa Wildungun“. Diese Siedlung lag im Wildetal, östlich der heutigen Stadt. Eine Burg wurde um das Jahr 1200 durch den Ludowinger-Grafen Friedrich von Ziegenhain errichtet, der durch seine Heirat 1185 mit Lukardis, der Erbtochter des Grafen Gozmar III. von Ziegenhain, im Jahre 1186 Graf von Wildungen geworden war. Die von ihm begründete Grafschaft Wildungen endete bereits im Jahre 1247 mit dem Tod seiner Erbtochter Sophia. Um die Burg entwickelte sich der Ort Alt-Wildungen.Vermutlich basiert diese Bezeichnung auf dem lateinischen altus = hoch. Im Jahre 1242 erhielt der auf dem niedrigeren Hügel gegenüber der Burg gegründete Ort Nieder-Wildungen die Stadtrechte. 1358 wurden zwei Städte Wildungen erwähnt, und 1362 erhielt auch Alt-Wildungen Stadtrecht.
Ab 1263 gehörten die Burg und die beiden Orte zum Besitz der Grafen und späteren Fürsten von Waldeck. Grundlage war ein im Verlauf des Thüringisch-hessischen Erbfolgekriegs geschlossener Vertrag zwischen Landgraf Heinrich I. von Hessen und den Grafen von Waldeck. Von 1474 bis 1692 bestand auf Grund einer Erbteilung im Hause Waldeck eine Grafschaft Waldeck-Wildungen, die 1692 wieder mit dem Landesteil Waldeck-Eisenberg vereinigt wurde.
Die Stadt war ab 1850 Kreisstadt des Kreises der Eder, zunächst im Land Waldeck, ab 1929 in Preußen. Der Kreis wurde 1942 aufgelöst. Bad Wildungen kam damals zum Landkreis Waldeck, dessen Sitz sich in Korbach befand.
Im Jahre 1906 wurde die Stadt Nieder-Wildungen als Heilbad von europäischem Rang in Bad Wildungen umbenannt. Beginnend mit dem Jahr 1938 wurden in Bad Wildungen über zehn Bunker gebaut, weil das Oberkommando der Luftwaffe in den Ort, der wegen der Kliniken des Badeortes auch als Lazarettstandort geeignet erschien, verlegt werden sollte. Im Jahre 1940 wurde Altwildungen in die Stadt Bad Wildungen eingemeindet, und Bad Wildungen erhielt das Prädikat „Preußisches Staatsbad“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt Hessisches Staatsbad.
Hexenprozesse mini|hochkant=0.6|Tafel an der Wand der Stadtkirche Wildungen zur Erinnerung an die Opfer der Hexenverfolgung
Während der Hexenverfolgungen fielen in Wildungen 78 Menschen in den Jahren von 1532 bis 1664 Hexenprozessen zum Opfer. An der Stadtkirchenmauer erinnert eine Rose und eine Erinnerungsplatte an diese Geschehnisse.Namen der Opfer der Hexenprozesse/Hexenverfolgung in Wildungen (PDF; 356 KB), abgerufen am 9. Mai 2016. Wildungen hatte damals 1200 Einwohner. Allerdings endete nicht jeder Prozess mit einer Verurteilung und nicht jede Verurteilung bedeutete die Hinrichtung; auch lebenslange Verbannung konnte verfügt werden. Die Verfolgung in Wildungen geschah in drei Prozesswellen: 1532, 1629–1631 und 1650–1664.Karl Eichler: Die Wildunger Hexenprozesse. Geschichtsblätter für Waldeck und Pyrmont, Nr. 24, 1927 (S. 103–126).
1532 Erster Hexenprozess gegen Gertraud Muck 1575–1578 Hexenverfolgungen 1629 setzte eine Periode unerhörter Verfolgung unter Graf Christian von Waldeck ein: 29 Opfer bis 1632. 1630 Maria Rörig hielt von September 1630 bis Mai 1631 die Folter standhaft aus: „Der liebe Gott habe sie im Gefängnis erhalten, ihm bliebe sie treu, sie sei unschuldig wie Jesus Christus.“ Graf Christian verfügte ihre Freilassung. 1650–1664 weitere 38 Opfer unter Graf Philipp VII. 1656 Prozess gegen Susanne Weber, eine Tochter von Maria Rörig: „Ihr Ehemann bittet wegen der Kosten um Beschleunigung des Prozesses.“
Geschichte der Jüdischen Gemeinde mini|hochkant|Die 1938 zerstörte Synagoge Bad Wildungen um 1914 mini|hochkant|Erinnerungstafel an die ehemalige Synagoge, im Dürren Hagen
Seit dem 15. Jahrhundert lebten einzelne Juden und auch jüdische Familien in der Stadt. Fürst Karl August Friedrich (1728–1763) von Waldeck liberalisierte den Zugang, indem er Schutzbriefe an jüdische Personen verlieh, sofern sie ein Vermögen von mindestens 1000 Talern nachweisen konnten. Trotz der hohen Summe begann die Zuwanderung jüdischer Einwohner in das Fürstentum. Bald kamen auch ärmere Juden ins Waldecker Land, die das Schutzgeld nicht bezahlen konnten, aber auf bestimmte Zeit und auf Widerruf toleriert wurden. Nachdem das Fürstentum Waldeck im Jahre 1807 dem von Napoleon dominierten Rheinbund beigetreten war und Juden daraufhin den übrigen Untertanen rechtlich gleichgestellt wurden und die Schutzgelder entfielen, verstärkte sich der Zuzug. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs ihre Zahl soweit an, dass 1877 eine jüdische Gemeinde (Kehillah) begründet werden konnte.
Im Jahre 1914 wurde die Synagoge gebaut, die den bis dahin genutzten gemieteten Betsaal ersetzte. 1933 lebten 150 jüdische Personen in etwa 35 Familien in Bad Wildungen. In den folgenden Jahren zog ein Teil von ihnen aufgrund der zunehmenden Repressalien und Entrechtung weg oder wanderte aus. Während der Novemberpogrome 1938 in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge geplündert und durch Brandstiftung zerstört.Homepage Alemannia Judaica: Bad Wildungen —Jüdische Geschichte und die der Synagoge. Die Feuerwehr war zwar anwesend, schützte jedoch nur die benachbarten Gebäude. Der Vorstand der Gemeinde musste kurz darauf das Grundstück an die Stadt Bad Wildungen abtreten, die „als Gegenleistung“ die Reste der Synagoge entfernte. Heute sind keine Reste der Synagoge mehr sichtbar. Im Oktober/November 1939 wurden die letzten 40 jüdischen Einwohner in Sammelunterkünfte nach Kassel zwangseingewiesen.Alemannia Judaica: Bad Wildungen – Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde, abgerufen am 6. Januar 2018. Von dort wurden sie 1941/1942 in drei Transporten in das Ghetto Riga oder in Vernichtungslager verschleppt.Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933–1945: Suche im Namenverzeichnis.
Gemeindeentwicklung Als älteste Siedlung mit dem Namen Wildungen im Bereich der heutigen Stadt Bad Wildungen gilt das Dorf Wildungen mit einer Erwähnung zwischen 775 und 786 in einer Urkunde der Reichsabtei Hersfeld. Bis zum 27. Oktober 1906 trug das heutige Bad Wildungen den Namen Nieder-Wildungen. Die Nachbarorte Altwildungen, Reitzenhagen und Reinhardshausen wurden im Jahr 1940 eingemeindet. Im Zuge der Gebietsreform in Hessen folgte auf freiwilliger Basis zunächst die Gemeinde Wega am 31. Dezember 1970; dann kamen Hundsdorf am 1. Juli, sowie Albertshausen und Braunau am 1. Oktober 1971 hinzu. Die Reihe der Eingemeindungen wurde mit der Eingliederung von Frebershausen, Armsfeld, Bergfreiheit, Hüddingen, Mandern und Odershausen am 31. Dezember 1971 abgeschlossen. Für alle nach Bad Wildungen eingegliederten Gemeinden wurden Ortsbezirke mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung gebildet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen (Bad) Wildungen angehört(e):
vor 1712: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Waldeck, Amt Wildungen ab 1712: Heiliges Römisches Reich, Fürstentum Waldeck, Amt Wildungen ab 1806: Fürstentum Waldeck, Amt Wildungen ab 1815: Fürstentum Waldeck, Oberamt der Eder ab 1816: Fürstentum Waldeck, Oberjustizamt der Eder ab 1850: Fürstentum Waldeck-Pyrmont (seit 1849), Kreis der EderTrennung zwischen Justiz (Kreisgericht Wildungen) und Verwaltung. ab 1871: Deutsches Reich, Fürstentum Waldeck-Pyrmont, Kreis der Eder ab 1919: Deutsches Reich, Freistaat Waldeck-Pyrmont, Kreis der Eder ab 1929: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis der Eder ab 1942: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Waldeck ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Kurhessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Waldeck ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Waldeck ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Waldeck ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Waldeck ab 1974: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Waldeck-Frankenberg
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag, dem 9. Mai 2011, in Bad Wildungen 16.592 Einwohner. Darunter waren 980 (5,9 %) Ausländer, von denen 330 aus dem EU-Ausland, 398 aus anderen europäischen Ländern und 252 aus anderen Staaten kamen. Von den deutschen Einwohnern hatten 18,7 % einen Migrationshintergrund. (Bis zum Jahr 2020 erhöhte sich die Ausländerquote auf 13,5 %.) Nach dem Lebensalter waren 2559 Einwohner unter 18 Jahren, 6450 waren zwischen 18 und 49, 3651 zwischen 50 und 64 und 3930 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 7850 Haushalten. Davon waren 3126 Singlehaushalte, 2148 Paare ohne Kinder und 1818 Paare mit Kindern, sowie 590 Alleinerziehende und 168 Wohngemeinschaften. In 1920 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 5151 Haushaltungen lebten keine Senioren.
Einwohnerentwicklung Quelle: Historisches Ortslexikon 1620: 251 Häuser 1650: 166 Häuser 1738: 272 Wohnhäuser 1770: 279 Häuser, 1498 Einwohner
Religionszugehörigkeit