Bei der Neugeborenensepsis handelt es sich um eine systemische Infektion des Neugeborenen, die umgangssprachlich auch als Blutvergiftung bezeichnet wird. Von ihr betroffen sind insbesondere Frühgeborene sowie Kinder mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht.B. J. Stoll, T. Gordon, S. B. Korones u. a.: Early-onset sepsis in very low birth weight neonates: a report from the National Institute of Child Health and Human Development Neonatal Research Network. In: J Pediatr. 129, 1996, S. 72–80. Begünstigt wird die Sepsis des Neugeborenen durch die Unreife des kindlichen Immunsystems. Schätzungen der WHO zufolge waren 2011 etwa 5 % der Todesfälle von unter 5-Jährigen Folge einer Neugeborenensepsis.WHO-UNICEF Child Health Epidemiology Reference Group (CHERG) estimates, 2103.
Formen Die Einteilung der Neugeborenensepsis erfolgt in Abhängigkeit vom Zeitpunkt ihres Auftretens: wird die Diagnose innerhalb der ersten 72 Stunden nach Geburt gestellt, spricht man von einer konnatalen oder angeborenen Sepsis, die im Englischen als Early-Onset Neonatal Sepsis (EONS) bezeichnet wird. Tritt die Infektion des Neugeborenen zu einem späteren Zeitpunkt auf, wird von einer erworbenen Sepsis gesprochen, die im Englischen als Late-Onset Neonatal Sepsis (LONS) bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um eine nosokomiale Infektion. Früh- und Spätform der neonatalen Sepsis unterscheiden sich jedoch nicht allein anhand ihres zeitlichen Auftretens, sondern darüber hinaus anhand ihres jeweils charakteristischen Erregerspektrums.
Ursachen Frühsepsis Bei der Frühsepsis werden noch vor oder während der Geburt die auslösenden Krankheitserreger von der Mutter auf das Kind übertragen. Am häufigsten handelt es sich bei diesen Krankheitserregern um Beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B oder um Escherichia coli. Aber auch Staphylococcus aureus, Klebsiellen, Enterokokken, Streptokokken anderer Gruppen, Listeria monocytogenes und Anaerobier, wie Bacteroides fragilis, können eine Frühsepsis verursachen.
Diese Erreger stammen in der Regel aus dem Mastdarm der Mutter und steigen über die Scheide in den Gebärkanal und in die Gebärmutter auf. Dort bewirken sie eine Entzündung der Eihäute und gelangen in der Folge ins Fruchtwasser, das das noch nicht geborene Kind umgibt. Die Krankheitserreger werden mit dem Fruchtwasser von den betroffenen Kindern verschluckt und können so in die Lunge gelangen, wo sie eine Lungenentzündung auslösen können. Die Krankheitserreger können aber auch während des Geburtsvorgangs im Geburtskanal von den Neugeborenen aufgenommen werden und eine Infektion bewirken.
Von der Mutter erhalten Kinder während der Schwangerschaft über den Mutterkuchen zwar Abwehrkörper, eine sogenannte Leihimmunität, und nach der Schwangerschaft über die Muttermilch antiinfektiöse Substanzen zur Bekämpfung von Infektionen, aber diese genügen nicht immer, um eine Infektion und die sie auslösenden Krankheitserreger erfolgreich zu bekämpfen. So können sich die Krankheitserreger mit dem Blut über den ganzen Körper des Neugeborenen verteilen und auch an anderen Stellen zu weiteren Infektionen führen. Darauf versucht das Abwehrsystem zu reagieren und bewirkt eine überschießende Entzündungsreaktion, was zum Funktionsverlust lebenswichtiger Organe und damit zum septischen Schock führt, an dem die Neugeborenen ohne rechtzeitige Behandlung versterben. Dabei kann der Übergang vom gesund wirkenden Neugeborenen zum schwerst kranken Neugeborenen bis hin zum Tod oft nur wenige Stunden dauern.
Spätsepsis Bei der Spätsepsis (Late onset Sepsis (LOS)) hingegen zeigen sich erste Krankheitszeichen bei den Neugeborenen erst nach fünf bis sieben Lebenstagen. Hier stammen die auslösenden Erreger meist ebenso aus dem Geburtskanal, wurden aber durch das Immunsystem entweder länger unterdrückt, so dass nur eine latente Infektion vorlag oder die Symptomatik entsteht durch Absiedlungen des Erregers. Typisches Beispiel einer late-onset-Infektion/Sepsis ist die B-Streptokokken-Meningitis. Generell können auch gesunde Neugeborene zuhause an einer LOS erkranken (etwa 10 % der Streptokokken-Infektionen sind lt. Nationalem Referenzzentrum für Streptokokken eine LOS). Daher ist hier von einer nosokomialen Sepsis z. B. durch Venenkatheter dringend zu differenzieren. Auch bei der Spätsepsis kann das Abwehrsystem des Neugeborenen die Krankheitserreger und die Infektion nicht effektiv bekämpfen, sodass sich diese mit dem Blut über den ganzen Körper verteilen können. Darauf versucht das Abwehrsystem zu reagieren und bewirkt eine überschießende Entzündungsreaktion, was zum Funktionsverlust lebenswichtiger Organe und damit zum septischen Schock führt, an dem die Neugeborenen ohne rechtzeitige Behandlung versterben. Dabei kann der Übergang vom gesund wirkenden Neugeborenen zum schwerst kranken Neugeborenen bis hin zum Tod oft nur wenige Stunden dauern.
Risikofaktoren Es sind Risikofaktoren für das Auftreten einer Frühsepsis oder einer Spätsepsis bei Neugeborenen bekannt.
So nimmt das Risiko für das Auftreten einer Frühsepsis bei einem Neugeborenen deutlich zu, wenn das Kind zu früh, das heißt vor Erreichen der 37. Schwangerschaftswoche, geboren wird und/oder ein niedriges Geburtsgewicht aufweist, in der Scheide und/oder im Mastdarm der Mutter Beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B vorhanden sind, die Mutter an einem Amnioninfektionssyndrom leidet, ein vorzeitiger Blasensprung (≥ 18 Stunden vor der Geburt) aufgetreten ist, bei der Mutter während der Schwangerschaft eine Bakteriurie oder ein Harnwegsinfekt mit Beta-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe B aufgetreten ist oder die Mutter früher bereits ein Kind geboren hat, das nach der Geburt an einer Frühsepsis litt. Beim Amnioninfektionssyndrom handelt es sich um eine Entzündung der Eihäute, die auch Chorioamnionitis genannt wird. Typische Zeichen für das Vorliegen einer Chorioamnionitis bei der Mutter können Fieber (≥ 38 °C) unter der Geburt, eine Gebärmutter, die beim Drücken auf den Bauch schmerzt, grünes, übel riechendes Fruchtwasser und eine Vermehrung der weißen Blutkörperchen und des Entzündungsparameters CRP im Blut der Mutter sein. Zudem kann vor der Geburt eine anhaltende Beschleunigung des Herzschlags des Kindes im Bauch der Mutter darauf hindeuten, dass ein Amnioninfektionssyndrom vorliegt.
Das Risiko für das Auftreten einer Spätsepsis ist bei einem Neugeborenen ebenfalls erhöht, wenn es zu früh geboren wurde, aber auch wenn es eine Infusion, eine künstliche Ernährung oder eine Beatmung benötigt. Zudem erhöhen Platz- und Personalmangel das Risiko für das Auftreten einer Spätsepsis bei einem Neugeborenen.
Häufigkeit Die Inzidenz der Neugeborenensepsis liegt zwischen 0,1 und 0,8 %,B. J. Stoll, T. Gordon, S. B. Korones u. a.: Early-onset sepsis in very low birth weight neonates: a report from the National Institute of Child Health and Human Development Neonatal Research Network. In: J Pediatr. 129, 1996, S. 72–80. wobei eine negative Korrelation zwischen Geburtsgewicht und Inzidenz der Neugeborenensepsis besteht: je geringer das Geburtsgewicht, desto höher das Risiko für eine neonatale Sepsis. Frühgeborene und Kinder mit einem sehr geringen Geburtsgewicht sind somit ungleich häufiger von einer Neugeborenensepsis betroffen als reif geborene Kinder, die mit einem normalen Geburtsgewicht zur Welt kommen. In Deutschland entwickeln etwa 17 % der Kinder mit einem sehr geringen Geburtsgewicht (< 1500 g) eine Neugeborenensepsis. In der Gruppe der Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 500 g liegt die Inzidenz bei annähernd 40 %.K. Faust, W. Göpel, E. Herting, C. Härtel: Sepsis bei Frühgeborenen mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht. Epidemiologie, Risikofaktoren und Präventionsstrategien. In: Chemother J. 20, 2011, S. 1–8. (Daten des Statistischen Bundesamtes und der GNN-Vorläuferstudie 2003–2008)
Symptome Bei der Frühsepsis zeigen sich bei den betroffenen Neugeborenen Veränderungen meist bereits am ersten Lebenstag, bei der Spätsepsis in der Regel erst nach dem fünften bis siebten Lebenstag. Je nach Ort der Erstinfektion, das heißt, wo die Krankheitserreger in den Körper des Neugeborenen eingedrungen sind, und der Ausbreitung der eingedrungenen Krankheitserreger im Körper des Neugeborenen können verschiedene Veränderungen im Bereich der Atmung, der Haut, des Verdauungstraktes, der Nerven und des Kreislaufs sowie allgemeine Veränderungen bei einem Neugeborenen auf das Vorliegen einer Neugeborenensepsis hinweisen. Bei diesen Veränderungen wird auch von Infektzeichen gesprochen.
Allgemeine Hinweise auf das Vorliegen einer Infektion bei einem Neugeborenen, sind eine Trinkschwäche, eine zu niedrige Körpertemperatur oder weniger häufig Fieber, eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Berührungen und der Eindruck, dass ein Kind nicht gut aussieht.
Im Bereich der Atmung weisen Atemaussetzer (Apnoe) und/oder ein Atemnotsyndrom auf eine Neugeborenensepsis hin. Ein Atemnotsyndrom zeigt sich durch eine Zunahme der Atemfrequenz, eine Zyanose mit violetter bis bläulicher Verfärbung der Haut, der Schleimhäute, der Lippen und der Fingernägel sowie Einziehungen der Haut im Bereich des Brustbeins oder zwischen den Rippen, Nasenflügeln und Stöhnen beim Ausatmen. Dabei unterscheidet sich das Atemnotsyndrom bei einer Neugeborenensepsis nicht von einem Atemnotsyndrom, das aus einem anderen Grund, beispielsweise einem Surfactant-Mangel oder einer Mekoniumaspiration, auftritt.
Im Bereich der Haut sind Blässe, die bereits erwähnte Zyanose, punktförmige Einblutungen in die Haut, Eiterbläschen, umkapselte Eiteransammlungen, eine Entzündung der Nabelschnur, eine Entzündung des Nagelwalls (Umlauf), eine Gelbfärbung von Haut, Schleimhäuten oder der Bindehaut der Augen und Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe mögliche Infektzeichen.
Im Bereich des Verdauungstraktes sind Erbrechen, ein geblähter Bauch, eine verzögerte Magenentleerung mit zunehmenden Magenresten, Verstopfung, Durchfall, Nahrungsverweigerung und das Fehlen von Darmgeräuschen Hinweise auf eine Neugeborenensepsis. Als Spätzeichen einer Neugeborenensepsis im Bereich des Verdauungstraktes sind eine Vergrößerung von Leber und Milz, eine sogenannte Hepatosplenomegalie, möglich.
Mögliche Infektzeichen im Bereich des Nervensystems sind eine Apathie, eine Bewusstseinsstörung mit Schläfrigkeit, ein verminderter oder erhöhter Muskeltonus, Krampfanfälle und gespannte Fontanellen. Dabei weisen Überstreckung, Krampfanfälle und eine Vorwölbung der Fontanellen auf das Vorliegen einer Hirnhautentzündung hin. Eine Neugeborenensepsis geht insbesondere bei der Spätsepsis gehäuft, das heißt in bis zu 25 Prozent, mit einer Hirnhautentzündung einher.
Im Bereich des Kreislaufs bestehen die Zeichen einer Neugeborenensepsis aus einer Zunahme der Herzfrequenz, Blässe und schlechterer Durchblutung der Haut mit einer verlängerten Rekapillarisierungszeit. Bei einer verlängerten Rekapillarisierungszeit dauert es nach dem Druck auf den Fingernagel oder einen Hautbereich, durch welchen sich die kleinen Blutgefäße entleeren und die Oberfläche blass wird, länger, bis sich die Gefäße wieder füllen und die normale Farbe in das Gebiet zurückkehrt. Der Blutdruckabfall, der ein weiteres Infektzeichen ist, tritt erst in einem fortgeschrittenen Stadium der Neugeborenensepsis auf, wenn die Sepsis ohne Behandlung weiter fortschreitet und sich der Zustand und der Kreislauf der betroffenen Neugeborenen zunehmend verschlechtern, bis ein septischer Schock auftritt.
Der Übergang vom gesund wirkenden Neugeborenen zum schwerst kranken Neugeborenen mit einem septischen Schock, das ohne sofortige Behandlung stirbt, erfolgt dabei oft in nur wenigen Stunden.
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