mini|Schlafen als ein Genuss

Die Schlafkultur umfasst kulturelle und geschichtliche Aspekte des Schlafens.

Noch bis in die frühe Neuzeit hinein waren Betten selten und teuer, und eine Familie besaß in der Regel ein einziges, das allen im Haus gleichzeitig als Ruhestätte diente. Selbst den Gästen wurde das gemeinsame Bett angeboten. Später, im Viktorianischen Zeitalter, wurden Schlafzimmer zu einer sehr persönlichen Angelegenheit.

Allgemeines

Jüngere Forschungen zeigen, dass Schlafmuster stark zwischen den Kulturen schwanken. Die größten Unterschiede gibt es zwischen Gesellschaften mit oder ohne allgemein und ausreichend vorhandenem künstlichen Licht. Beispielsweise legen sich Menschen in Kulturen der zweiten Gruppe oftmals bereits kurz nach Sonnenuntergang schlafen, um dann jedoch während der Nacht mehrmals – auch für mehrere Stunden – aufzuwachen. Die Grenzen zwischen Schlafen und Wachen sind dabei sehr verwaschen. Die bisher vorwiegend untersuchten westlichen Kulturen sind für die Analyse der Veränderung der Humanökologie in diesem Bereich außerdem nur bedingt zu gebrauchen, da die Verwendung weicher Schlafunterlagen und das Wohnen in stabilen Häusern einen deutlichen Kontrast zu traditionell lebenden Völkern darstellen.

Gewisse Gesellschaften kennen Schlafgewohnheiten, bei denen die Menschen zu jeder Tageszeit schlafen, dafür nachts nur kurz. So kennt man in Südeuropa die Siesta, eine längere Ruhezeit am Nachmittag, aber auch nördlicher die Mittagsruhe. In vielen nomadischen Kulturen wird ebenfalls während des Tages mehrmals geschlafen, wenn es die Arbeit gerade zulässt. Bei Völkern, die Ackerbau betreiben, wechselt der Schlaf-Wach-Rhythmus außerdem mit der Jahreszeit. Jean Liedloff beschreibt in einem ihrer Bücher über die indigenen Völker Amazoniens eher beiläufig: „Tatsächlich ähnelte es ihrer Gewohnheit, mitten in der Nacht, wenn alle schliefen, einen Witz zu erzählen. Obwohl einige laut schnarchten, wachten alle sofort auf, lachten und schliefen innerhalb von Sekunden wieder ein.“ Wachsein und Schlafen wechselten sich also je nach Notwendigkeit sehr schnell ab, und das war ihnen nicht unangenehm.Nadia Durrani & Brian Fagan; Was im Bett geschah: Eine horizontale Geschichte der Menschheit; Reclam Verlag; aus dem Englischen von Holger Hanowell; ISBN 978-3-15-011373-8; Stuttgart 2022

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde das künstliche Licht in vielen Kulturen Allgemeingut. Dadurch haben sich die Schlafgewohnheiten stark verändert. Es wird häufig später zu Bett gegangen, dafür schläft man morgens länger. Ein Großteil der gesellschaftlichen Aktivitäten (Ausgang, Sport usw.) wurde in die Abend- oder Nachtstunden verlegt. Besonders bei Jugendlichen gilt es oft als ein Zeichen persönlicher Freiheit, lange und oft bis spätnachts aufzubleiben.

Historische Betrachtung

Aus der Urgeschichte sind wenige Informationen über Betten und den Schlaf bekannt, denn über die Gewohnheiten von Volksgruppen vor der Erfindung der Schrift ist gerade wegen des Fehlens dieser kaum etwas überliefert. Und Betten und deren Inhalt haben sich in archäologischen Ausgrabungen nicht erhalten, so dass Rekonstruktionen immer ein Versuch bleiben. Frühe Häuser, wie die Langhäuser, die in Europa noch bis in die ersten Jahrhunderte nach Christus errichtet wurden, besaßen auch noch keine Unterteilungen in Zimmer und damit auch keine nur oder vorwiegend dem Schlaf dienenden Schlafzimmer.

mini|Wandmalerei in einem Cubiculum in Pompeji mini|links|Gemauertes Bett im Lupanar (Bordell) von Pompeji. Eindeutig belegt sind eigentliche Schlafzimmer bei Patrizierhäusern der römischen Oberschicht, dort Cubiculum genannt. Bei der Ausgrabung von Pompeji wurden Cubiculae mit eindeutig erotischen Motiven gefunden, die deutlich auch die mit Matratzen ausgestatteten Betten zeigen.

alternativtext=Das Bild zeigt eine Frau, in einem schicken, mit grünen Laken ausgestatteten Bett, mit einem Kind im Arm. Hinter dem Bett steht eine Magd, und davor gießt eine weitere Magd Wasser in einen Bottich|links|mini|Geburt Mariens, 15. Jahrhundert, zeitgenössische Darstellung des Wochenbettes Für die folgenden Jahrhunderte wird die Quellenlage deutlich schlechter. Wenn, dann gibt es Gemälde von Schlafzimmern der Oberschicht, aber so gut wie nichts über die Arbeiter- und Bauernschichten. Andere Bilder zeigen Schlafzimmer in einem religiösen Kontext, etwa die Geburt Mariens in einen jeweils zeitgenössischen Kontext gesetzt (Bei Darstellungen der Geburt Jesu fehlen Zimmer und auch das Bett, denn er soll gemäß dem Lukasevangelium in einem Stall geboren worden sein). Aus den überlieferten Bildern von Schlafzimmern und Betten kann man auf deren Konstruktion schließen. Auf dem Bettgestell liegt eine Matratze (wahrscheinlich mit Stroh oder Heu gefüllt), und darauf ein Betttuch aus Leinen, woher der Name Leintuch stammt. Darüber folgt wieder ein Leintuch und dann die wärmende (Woll-)decke. Neben dem „nordischen“ Bettzeug ist das die noch heute übliche Art, ein Bett zu beziehen. Sie hat den Vorteil, dass man nur die Bettlaken, die mit dem Körper direkt in Verbindung kommen, regelmäßig waschen muss, wofür sich weißes Leinen hervorragend eignet.

mini|Ein Schläfer wird gerade geweckt (Barthélemy d’Eyck, um 1460). Eines der eher seltenen Bilder, bei denen das Bett wirklich dem Schlafen diente. Häufig zeigen Bilder dieser Zeit Geburten, Hochzeiten oder Todesfälle. alternativtext=Das mittelalterliche Bild zeigt ein nacktes Paar in einem anscheinend bequem gepolsterten Himmelbett. Sie sind mit einem weißen Leintuch und einer roten Bettdecke bis zur Brust bedeckt. Das Haus darumherum ist nur angedeutet. |mini|links|Bettszene um 1500, von Giovannino de’ Grassi. Gut zu erkennen sind mehrere übereinanderliegende Matratzen sowie Leintuch (weiß) und Bettdecke (rot) Auf vielen Gemälden des Mittelalters ist zu sehen, dass die Personen im Bett zumindest keine Oberbekleidung tragen, selbst dann nicht, wenn andere Personen mit im Raum sind. Dass häufig nackt geschlafen wurde, ist also wahrscheinlich. Insbesondere auf religiös geprägten Darstellungen tragen die Frauen dagegen Nachthemden. Die Kirche sah offene Körperlichkeit nicht gern, denn sie idealisierte die Askese.Susanna Stolz: Die Handwerke des Körpers. Jonas Verlag, Marburg 1992, ISBN 3-89445-133-5 Sie hatte auch erst im 12. Jahrhundert allmählich die Ehe als „das kleinere Übel“ zwischen sichtbarer Freizügigkeit und dem – zwar asketischen, aber sich selbst zerstörenden – Verbot des Beischlafs akzeptiert. Die „züchtigen“ Darstellungen könnten auf Benedikt von Nursia zurückgehen, denn er verlangt in seiner Benediktsregel von seinen Mönchen, zumindest mit einem Hemd bekleidet zu schlafen: „Bekleidet sollen sie [die Mönche] schlafen, damit sie zur Stunde des Gebetes schnell bereit seien, und weil es sich nicht gehört, daß sie ihre nackten Gliedmaßen berühren, denn dies reget die Leidenschaften an.“

mini|Schlafen im 17. Jahrhundert Schlafzimmer wurden ab dem 17. Jahrhundert zunächst wieder in Adelshäusern, Schlössern und Königshöfen eingerichtet. Ludwig XIV. pflegte von seinem Bett aus zu regieren. Es war nicht unüblich, dass adlige Ehegatten getrennte Zimmer oder unter Umständen getrennte Gebäudetrakte bewohnten. In armen Bevölkerungsschichten teilten sich hingegen alle Familienmitglieder das Bett. Auch dem Gast wurde das gemeinsame Bett angeboten. – Auszug aus Schlaftraining: Ein Therapiemanual zur Behandlung von Schlafstörungen des Hogrefe-Verlages Wie viele Personen das Bett teilten, hing aber auch von den Umgebungstemperaturen und von weiteren sozialen Erwartungen ab. Im tropischen Klima Südamerikas hatte jeder seine eigene Hängematte, im Winter Nordeuropas musste man sich aber das Bett teilen. Die Stellung im Haus war dabei nicht notwendigerweise wesentlich. Auch der Magd wurde zuweilen (das Fußende des) Bettes angeboten.

Erst im 19. Jahrhundert wurden Schlafzimmer generell üblich, es dauerte aber bis nach dem Zweiten Weltkrieg, bis das „persönliche“ Bett Allgemeingut wurde. Während der Industrialisierung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Schlafkultur jedoch nur geringe Gewichtung beigemessen, da Schlaf gleichbedeutend war mit Faulheit und Arbeitsscheue. Heute gibt es nur noch wenige Situationen, in denen sich Personen, die sich sonst nicht näher stehen, das Schlafzimmer teilen, etwa beim Camping oder in einer Jugendherberge. Bei militärischen Operationen ist es teilweise noch üblich, dass ein Bett in Schichten benützt wird. Jeweils drei Mann wechseln sich mit Schlafen im selben Bett ab.

Geographische Unterschiede mini|Inderin beim Schlafen

Je nach Kulturraum wird an verschiedenen Orten geschlafen. Einige Leute schlafen direkt auf dem Fußboden, andere auf Tüchern oder Matratzen, wieder andere auf Podesten oder in Betten. Einige verwenden Leintücher, Wolldecken, Bettdecken oder Kissen. Wohin man sich legt und wie man sich bettet, wird maßgebend durch Klima, soziales Umfeld und Wohlstand bestimmt. Worthman und Melby haben die untersuchten Schlafgewohnheiten verschiedener Naturvölker zusammengefasst. Sie kategorisieren die Völker grob in vier Gruppen: Jäger (Ache, Ewe, u. a.), Viehhalter (Gabra, eine Untergruppe der Oromo u. a.), Ackerbauern (Lese aus der demokratischen Republik Kongo u. a.) und Viehzüchter (Balinesen). Da die Jäger vorwiegend nomadisch leben, schlafen sie direkt auf dem Boden, einige breiten darauf jedoch Tücher aus, andere betten sich auf Blätter und wieder andere legen sich direkt in den Sand. Die Jäger der Hiwi benutzen Hängematten. Kopfkissen sind dieser Gruppe unbekannt, eventuell legen sie Blätter oder einen Stapel Kleider unter den Kopf. Auch Decken sind nicht üblich. Bei den Ewe wird gar alle Kleidung beiseitegelegt, um ein Entzünden am weiter brennenden Feuer zu vermeiden.

Andere Gruppen, sogar die nomadischen Viehzüchter, schlafen erhöht. Dabei kommen die verschiedensten Konstruktionen für die Bettstatt zum Einsatz, vom festen Holzblock bis zum Gestell mit eingespannter Lederhaut. Die Decken unterscheiden sich ebenso erheblich: Die Gabra decken sich mit dem auch am Tag getragenen Leinengewand zu, die Pathan verwenden jahreszeitabhängige Decken. Kissen sind auch hier die Ausnahme. Zu berücksichtigen ist, dass die einfachen Schlafutensilien nicht nur Schutz vor Kälte und anderem Unbill geben, sondern auch von Parasiten wie Flöhe oder Milben befallen werden, die Krankheiten übertragen können.

mini|Henri Rousseau: Die schlafende Zigeunerin Da den Schlafenden vielerlei Gefahren drohen, versuchen sie sich möglichst gut vor diesen zu schützen: Der in vielen Fällen effektivste – aber auch teuerste und aufwändigste – Schutz ist ein solides Haus mit stabilem Dach, es schützt vor großen Raubtieren und schlechtem Wetter, Lärm und Licht, außerdem auch vor Dieben und Mördern. Sesshaft orientierte Gruppen wie die Lese in Zaire bauen Hütten aus Lehm mit mehreren Schlafräumen, die auch eine gewisse Intimität erlauben. Steht ein solches nicht zur Verfügung, hilft man sich mit Zelten, deren Schutz, besonders vor Lärm, ist jedoch bedeutend schlechter. Die im Zelt schlafenden Jäger müssen beim Schlafen oft sehr nahe zusammenrücken. Ein Bett oder Podest hilft, Gefahren, die von kleineren Parasiten ausgehen, zu reduzieren. Zusätzlicher Schutz vor Insekten kann, je nach Region, angebracht sein. Ein gut funktionierendes soziales Netz kann ebenfalls zum Schutz beitragen, etwa indem abwechselnd Nachtwache gehalten wird. Die Funktion des Wächters kann allerdings auch ein Hund übernehmen.