mini|hochkant=1.4|Innenhof des Rebstocks und die Kruggasse, nach Norden vom Haus Markt 8 gesehen, vor 1904(Ansichtskarte)miniatur|Der 2018 wiederaufgebaute Hof zum Rebstock, Juni 2018, Westseite Der Hof Rebstock am Markt ist ein historischer Patrizierhof im Kern der Altstadt von Frankfurt am Main. Der Namenszusatz am Markt bezieht sich auf seine Lage am östlichen Markt und dient der Abgrenzung zum gleichnamigen, ehemaligen Gutshof im heutigen Stadtteil Frankfurt-Rebstock. Hinter dem Haus Markt 8 lag die südliche Hauptzufahrt zum rechteckigen Innenhof, um den sich zuletzt sieben ihm zuzurechnende Häuser gruppierten. Durch das nördliche Hoftor ging die Anlage in die zur Schnurgasse führende Kruggasse über. Nach Osten und Westen war sie von der dichten Altstadtbebauung zwischen der Borngasse sowie dem Hühnermarkt und der Neugasse verborgen.

Neben dem nahegelegenen Nürnberger Hof stellte die Anlage im Mittelalter und in der frühen Neuzeit einen der größten Messehöfe der Stadt dar, der auf eine über mehr als 700 Jahre dokumentierte Geschichte zurückblicken konnte. Im 19. Jahrhundert erlangte er überregionale Bekanntheit, weil dort 1816 der berühmte Frankfurter Mundartdichter und Schriftsteller Friedrich Stoltze geboren wurde. Mit einigen seiner Gebäude war der Hof zudem ein vorzügliches wie seltenes Beispiel für schmuckfreudige spätbarocke Architektur.

1904–1906 zerstörte der Bau der Braubach- und Domstraße nicht nur einen Großteil der Anlage, sondern eröffnete sie auch nach Norden und Osten zu den neuen Straßendurchbrüchen hin. Die Lücke wurde im Osten erst 1927 mit dem Hauptzollamt geschlossen, im Norden blieb sie ungelöst.

Weitere Reste des Hofs vernichteten die Luftangriffe auf Frankfurt am Main im Zweiten Weltkrieg. Ein modern aufgestocktes historisches Erdgeschoss eines Hauses, das ehemals zum Hof zählte, musste sogar erst Ende der 1960er Jahre für den Bau des Technischen Rathauses weichen. Nachdem die Stadtverordnetenversammlung 2007 die Rekonstruktion von Teilen der Altstadt zwischen Dom und Römer im Rahmen des Dom-Römer-Projekts beschlossen hatte, wurden 2013 bis 2017 zwei Gebäude des Rebstocks als originalgetreue Nachbauten rekonstruiert. Der Nachbau wird durch das St. Katharinen- und Weißfrauenstift genutzt.mini|hochkant=1.5|Position des Hofs in der Frankfurter Altstadt(Chromolithografie, 1904)

Geschichte Etymologie links|hochkant|mini|Winzerdenkmal, 1860(Lithografie einer Zeichnung von Carl Theodor Reiffenstein) Die historische Herkunft des Namens der Hofanlage liegt im Dunkeln. Bereits die frühesten Schriftzeugnisse sprechen vom „Rebstock“, was vergleichsweise selten ist, da Häuser und Höfe der Frankfurter Altstadt ihre Bezeichnungen über die Jahrhunderte meist mehrfach wechselten. Tendenziell entstammen die bis heute tradierten oder verschriftlichten Bezeichnungen daher erst dem 18. und 19. Jahrhundert. Ferner führten laut der älteren Literatur, die dafür keinen Nachweis erbringt, schon die ersten nachweisbaren Besitzer ihren Namen nach dem Hof und nicht umgekehrt (vgl. Geschichte), so dass eine Herleitung unter diesem Aspekt nicht in Frage kommt.Jung, Hülsen 1902–1914, S. 321 u. 383.

Einziger Anhaltspunkt ist somit das noch heute als Spolie der Anlage erhaltene, sogenannte Winzerdenkmal.Dreysse, Wissenbach 2008, S. 28 u. 29. () Es handelt sich dabei um eine im architektonischen Teil näher beschriebene und eingeordnete (vgl. Architektur) Steinplastik, die mit etwas Phantasie unter anderem einen Mann zeigt, der eine große Weinrebe emporsteigt.

Carl Theodor Reiffenstein zählte die Darstellung in einem Aufsatz 1860 zu den „Wahrzeichen von Frankfurt am Main“ und deutete:Reiffenstein 1860 Wahrzeichen, S. 289.

Der Wahrheitsgehalt der wohl höchstens vom Volksmund überlieferten Erzählung lässt sich kaum überprüfen, zumal sie offenbar keine große Verbreitung hatte und in keinem Frankfurter Sagen- oder Geschichtswerk wiederholt wird. Vom Charakter her weist die Erklärung Reiffensteins ohnehin auf romantisch geprägte Deutungsversuche des frühen 19. Jahrhunderts um die wohl einem größeren Kontext entrissene mittelalterliche Ikonografie des schon damals zweitverwendeten Steindenkmals. Trotzdem hatte sie noch 1940 ausreichend Verbreitung, um beim Umbau eines der verbliebenen Häuser des Hofes eine Steinskulptur anzufertigen, die deutlich an das mittelalterliche Vorbild angelehnt und im Historischen Museum der Stadt erhalten ist.Dreysse, Wissenbach 2008, S. 1. ()

Topographische Einordnung und Vorgeschichte Obwohl der Domhügel – und damit das spätere Areal des Hofes Rebstock – aufgrund seiner relativen Hochwassersicherheit seit vorgeschichtlicher Zeit mehrfach über längere Zeiträume besiedelt war, etablierten sich die Anfänge einer Stadt erst nach der Gründung des Salvatorstifts durch Ludwig den Frommen im Jahr 852.Orth 1991, S. 22 u. 23. In dieser Zeit bildeten sich mit dem Markt und der Saalgasse auch die für die hochmittelalterliche Bebauung maßgeblichen Ost-West-Achsen des Dom-Römer-Areals heraus.Nahrgang 1949, S. 50–52 u. 56.

mini|Verlauf der Braubach im Altstadtbereich(Chromolithografie von Friedrich August Ravenstein von 1862 mit Überlagerung nach Nahrgang 1949) Das Gebiet des sich vom Markt her erstreckenden Hofgeländes stieß an seiner nördlichen Grenze genau auf die Braubach, eines im ersten christlichen Jahrtausend verlandeten Nebenarms des Mains,Nahrgang 1949, S. 10 (Fußnote); nach Pollenanalysen und archäologischen Funden der Altwasserläufe von Rhein und Neckar. der im Altstadtbereich ungefähr dem Verlauf der heutigen gleichnamigen Straße folgte.Nahrgang 1949, S. 13. Der vorgelagerten ersten Stadtmauer der Stadt, die nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung zur Zeit der ottonischen Herrscher um das Jahr 1000 entstand,Wintergerst 2007, S. 95–98. diente sie als vorgelagerter natürlicher Graben.

Insbesondere im Stadtgebiet zwischen Fahrgasse und Neuer Kräme ließ sich der einstige Verlauf der ältesten Befestigung noch bis zur Zerstörung der Altstadt in einer auffälligen Ost-West-Abfolge von Parzellengrenzen ablesen. Der direkt dahinter befindliche Graben der im Mittelalter zunächst kanalisierten und dann verrohrten Braubach zeigte sich in einem bedeutenden Geländeabfall, der besonders in Querstraßen des Areals wie beispielsweise der Kruggasse, aber auch Innenhöfen von darauf befindlichen Hofanlagen wie dem Nürnberger Hof deutlich zu Tage trat.

Carl Theodor Reiffenstein fand im Jahre 1859 im Garten des Hauses Im Rebstock 4 gerade noch aus dem Boden herausragende Reste der ersten Stadtmauer Frankfurts. Beim Abbruch des Hauses Im Rebstock 6 im Jahre 1904 erwies sich, dass seine nördliche Kellerwand aus zweitverwendeter römischer Bausubstanz bestand – wie auch große Teile der frühmittelalterlichen Stadtmauer.Jung, Hülsen 1902–1914, S. 388.

Der erhaltene Urkundenbestand zeigt, dass der Hof bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts ein fester Begriff war. Aus den archäologischen Befunden ergibt sich ein terminus post quem: erst eine nachgelagerte Befestigungsanlage kann die ältere Stadtmauer derart bedeutungslos gemacht haben, dass man sie zur Fundamentierung von Gebäuden heranzog. Dabei handelte es sich zweifellos um die sogenannte Staufenmauer, deren Bau heute um das Jahr 1200 angesetzt wird.Die genaue Erbauungszeit der Staufenmauer ist bis heute umstritten und schwankt in der Literatur zwischen der Mitte des 12. und dem frühen 13. Jahrhundert, da es keine erhaltenen schriftlichen Belege gibt, die sich direkt auf den Mauerbau beziehen. Tendenziell wird von der Forschung eine Zeit um 1200 als am wahrscheinlichsten angesehen, siehe dazu z. B. Orth 1991, S. 26.

Entsprechend wird der Hof Rebstock am Markt, auf den sich die frühesten Quellen beziehen, frühestens am Anfang, sicher aber im Verlaufe des 13. Jahrhunderts erbaut worden sein. Für diese Entwicklung spricht auch die erste urkundliche Nennung des Marktes als Straße im Jahre 1238,Boehmer, Lau 1901, S. 59, Urkunde Nr. 115. aber auch sich dort ansiedelnder, wirtschaftlich bedeutsamer Einrichtungen (beispielsweise der Häuser Alter Burggraf 1247 oder der Alten Münze 1274) nur wenige Jahre später.Dietz 1910, S. 142. Der Hof Rebstock am Markt gehört damit wie der Hainer Hof, das Köpplerhöfchen, das Goldene Lämmchen und der Nürnberger Hof in die Reihe der ältesten, noch innerhalb des ersten Befestigungsrings der Stadt gelegenen bzw. von innen an ihn angebauten Anlagen.

Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass die nachgewiesene ältere Bausubstanz aus einem nördlichen Hofbau stammte, der tendenziell wohl erst nach der Herausbildung einer Häuserfront am späteren Markt entstand. In welchem Zusammenhang mit diesen in Form und Ausdehnung völlig unbekannten ersten Hofbauten spätromanische Architekturfragmente stehen, die man bei Bauarbeiten auf dem Hofgelände fand,Dreysse, Wissenbach 2008, S. 3 u. 4. () ist nicht mehr zu klären. Der stilistische Übergang von der Romanik zur Gotik erfolgte in Frankfurt am Main ungefähr 1240. Die Funde können daher höchstens als Indiz für eine frühe Bautätigkeit allgemeiner Art auf dem Areal dienen.

Besitz des Stadtpatriziats und Stammsitz der Familie Lersner Urkundlich ist Anfang des 14. Jahrhunderts ein Hertwig zum Rebstock als erster Eigentümer des Hofes nachweisbar. Er stammte aus einer Patrizierfamilie, die ihren Namen nach dem Hof führte und diesen auch dem ebenfalls in ihrem Besitz befindlichen, gleichnamigen Landsitz vor den Toren der Stadt gab. 1279 fand er als Zeuge in einer Urkunde unter dem Namen „Hertwinus dictus de Rebenstoc“ erstmals Erwähnung und war somit um 1260 geboren.Boehmer, Lau 1901, S. 203 u. 204, Urkunde Nr. 420.

mini|links|Karte der Frankfurter Altstadt um 1350 mit dem Rebstock nach den Aufzeichnungen des Baldemar von Petterweil, übertragen auf den Stadtplan von Christian Friedrich Ulrich von 1811(Lithografie) Eine weitere Urkunde aus dem Jahre 1303 nennt ihn Ratsherr,Boehmer, Lau 1901, S. 414 u. 415, Urkunde Nr. 824. eine aus dem Jahr 1310 Schöffe,Boehmer, Lau 1901, S. 481, Urkunde Nr. 931. was trotz des Fehlens jeglicher genealogischer Informationen auf einen bedeutenden Mann des sich damals gerade erst in der Bildung befindlichen Stadtregiments schließen lässt. Seine vielleicht von ihm oder einem Vorfahren erbaute Wohnstätte hatte er gut gewählt, lag sie doch nur wenige Schritte vom 1288 erstmals erwähnten alten Rathaus an der Stelle des heutigen Westturms des Doms.Boehmer, Lau 1901, S. 262 u. 263, Urkunde Nr. 544. Hertwig starb – in einem für seine Zeit recht hohen Alter – wahrscheinlich im Frühjahr 1318, da seine Frau Adelheid im Mai dieses Jahres bereits als Witwe bezeichnet wird,Boehmer, Lau 1905, S. 92, Urkunde Nr. 99. er sich zusammen mit ihr aber noch im Vorjahr um ein ewiges Licht für die Hauskapelle des Hofs bemüht hatte.Boehmer, Lau 1905, S. 67, Urkunde Nr. 66.

Mit Hertwig starb auch sein Geschlecht im Mannesstamm aus, und sein weitverzweigter Besitz kam noch zu Lebzeiten der letzten weiblichen Rebstock, Katherine, in Form des Erbes an andere Frankfurter Patrizierfamilien. Da sie zweimal verheiratet war, führte dies jedoch zu Begehrlichkeiten. So musste das Schöffengericht mit einem erhaltenen Urteil vom 31. Oktober 1342 schlichten.Urkunde im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Bestand Glauburg Urkunden, Signatur 10. Der Landsitz vor der Stadt ging demnach an den Bruder des zweiten Mannes, Wicker Frosch. Den Hof am Markt konnten Hertwig Weiß von Limpurg und seine Frau Else behalten, die ihn laut dem Urteil auch schon bewohnten. Ob diese ihn zuvor über familiäre Verbindungen oder Kauf in ihren Besitz respektive Eigentum überführt hatten, ist nicht mehr zu klären. Unabhängig davon nannten auch sie sich bald nach dem Hof, da bereits 1346 von „Hertwig Weiß zum Rebstocke“ die Rede ist.Battonn 1864, S. 143 u. 144.

mini|Spätgotischer Torbogen an der Neugasse mit stark zerstörtem Ehewappen, um 1902(Fotografie von Carl Friedrich Fay)