mini|Uwe Hoßfeld (2019) Uwe Hoßfeld (* 5. August 1966 in Bad Liebenstein) ist ein deutscher Biologiehistoriker, Biologiedidaktiker und Publizist. Er ist außerplanmäßiger Professor für Didaktik der Biologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Biographie Uwe Hoßfeld schloss 1985 die Erweiterte Oberschule in Sonneberg mit Abitur ab. Er leistete von 1985 bis 1988 Wehrdienst bei der Volksmarine. Hoßfeld studierte dann von 1988 bis 1994 die Fächer Biologie, Wissenschaftsgeschichte, Sportwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Indonesistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU). Er absolvierte schließlich ein Referendariat in Weimar und Apolda von 1993 bis 1995. Nach dem Ersten Staatsexamen 1993 folgte 1994 der Abschluss zum Magister artium für Geschichte der Naturwissenschaften und Biologie (M. A., Philosophische Fakultät) sowie das Zweite Staatsexamen 1995. Hoßfeld wurde 1996 an der FSU Jena mit der Arbeit „Gerhard Heberer (1901–1973) – Sein Beitrag zur Biologie im 20. Jahrhundert“ zum Dr. rer. nat. promoviert. Es folgten ein HEP-Stipendium am Lehrstuhl für Ethik in den Biowissenschaften in Tübingen (Eve-Marie Engels) 1996 und ein Stipendium der VolkswagenStiftung am Institut für Wissenschaftsgeschichte in Göttingen (Nicolaas A. Rupke) im Jahre 1997. Von 1998 bis 2000 arbeitete Hoßfeld als wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft)-Projekt „Erschließung der Korrespondenz Ernst Haeckels“, 2000 bis 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik (Ernst-Haeckel-Haus) in Jena.
Er war 2002 bis 2006 wissenschaftlicher Assistent in der Senatskommission zur „Aufarbeitung der Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert“, Bereich Naturwissenschaften und am Ernst-Haeckel-Haus. Im Jahre 2003 folgte die Habilitation für das Fach „Geschichte der Naturwissenschaften“ mit einer Arbeit zum Thema „Biologische Anthropologie zwischen Politik, Ideologie und Wissenschaft, 1861–1945 unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklungen an der Jenaer Universität“.
Uwe Hoßfeld ist seit WS 2006/07 Leiter der Arbeitsgruppe Biologiedidaktik und seit 2009 außerplanmäßiger Professor für Didaktik der Biologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von 2013 bis 2015 leitete er ein „Labor für Wissenschaftsforschung“ an der Staatlichen Universität für Informationstechnologien, Mechanik und Optik Sankt Petersburg (ITMO) mit, von 2016 bis 2017 war er dort als Forschungsprofessor tätig, ebenso an der Polytechnischen Peter-der-Große-Universität Sankt Petersburg.Informationsdienst Wissenschaft Online: Uni Jena unterstützt russische Exzellenzinitiative. 25. November 2013Informationsdienst Wissenschaft Online: Erfolgreiche Kooperation mit St. Petersburg. 23. Dezember 2014 Seit 2018 ist er zudem Doktor filosofskich nauk (Dr. sc. phil.) für Geschichte der Wissenschaft und Technik an der Staatlichen Universität in St. Petersburg.
Von 2019 bis 2024 war Hoßfeld Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie, deren Gründungsmitglied er auch ist.
Hoßfeld ist managing editor der Zeitschrift Annals of the History and Philosophy of Biology, die jährlich (seit 2006) von der DGGTB im Universitätsverlag Göttingen herausgegeben wird und zuvor als Jahrbuch für Geschichte und Theorie der Biologie (seit 1994) erschien. Gemeinsam mit Karl Porges hat er sich 2025 in einem Plädoyer ebenso zur zentralen Bedeutung der Biologiegeschichte aus Sicht der DGGTB geäußert. Ernst Mayr hatte hierzu bereits 1993 bemerkt: „Eine gründlich historisch-philosophische Analyse macht viel Arbeit, vor allem das sorgfältige Studium der Originalquellen. Ich habe in den USA gesehen, daß sich einige jüngere Leute einen bequemen Ausweg gesucht haben und stattdessen über die sozialen und politischen Aspekte der Wissenschaft geschrieben haben. Das gehört aber in den Bereich der Sozialwissenschaften und ist kein Beitrag zur Geschichte der Biologie. Geschichte der Biologie ist letzten Endes immer vor allem Ideengeschichte. Und da gibt es so viel zu tun, daß man nicht in die Sozialwissenschaften ausweichen sollte.“
Forschungsinteressen Wissenschafts- und Biologiegeschichte Nach einer Reise zu den Kleinen Sunda-Inseln in Indonesien im Jahre 1993, die insbesondere dem Vergleich von Archivalien aus dem Nachlass von Gerhard Heberer diente und wichtige Ergebnisse der sog. „Rensch-Expedition“ von 1927 bestätigen konnte,M. Krüger, U. Hoßfeld: Auf den Spuren der Rensch-Expedition 1927: Jenaer biologische Reise zu den Kleinen Sunda-Inseln in Indonesien am Ende der Trockenzeit 1993. In: Rudolstädter Naturhistorische Schriften. Supplement 3, 1999, S. 99–118;U. Hoßfeld, U. (2004): The travels of Jena Zoologists in the Indo-Malayan region. In: Proceedings of the California Academy of Sciences. 55, Supplement II, Nr. 7, S. 77–105 (PDF). beschäftigte Hoßfeld sich zunächst mit der Geschichte und Theorie der Evolutionsbiologie im deutschen Sprachraum sowie der Wissenschafts- und Universitätsgeschichte im Nationalsozialismus und der DDR.
Seit 2001 vertritt er mit Thomas Junker und Wolf-Ernst Reif – in Anlehnung an Ernst Mayr u. a. – einen „Synthetischen Darwinismus“ (Synthetische Evolutionstheorie). Hierbei handelt es sich um eine zwischen 1930 und 1950 entstandene Erweiterung der Evolutionstheorie, in der die Selektionstheorie mit Erkenntnissen der Genetik (Mutation) und Systematik (geographische Isolation) verbunden wurde.Thomas Junker & Uwe Hoßfeld (2001, ²2009): Die Entdeckung der Evolution. Eine revolutionäre Theorie und ihre Geschichte. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft; Uwe Hoßfeld (1999): Die Moderne Synthese und Die Evolution der Organismen. Verhandlungen zur Geschichte und Theorie der Biologie 2: 189-225; Uwe Hoßfeld & Thomas Junker (2003): Anthropologie und Synthetischer Darwinismus im Dritten Reich: Die Evolution der Organismen (1943). Anthropologischer Anzeiger 61 (1): 85-114; Thomas Junker (2004): Die zweite Darwin’sche Revolution: Geschichte des synthetischen Darwinismus in Deutschland 1924 bis 1950 (= Acta biohistorica, Bd. 8). Marburg: Basilisken-Presse. Als ein Meilenstein dieser Forschung kann das 2010 edierte Buch Die Evolutionsfaktoren. Eine Theorie der stabilisierenden Auslese, das auf einer Übersetzung durch Georg Schneider von 1946 beruht, von Ivan I. Schmalhausen angesehen werden. Es stellt die bedeutendste russische Arbeit zur Evolutionslehre nach 1900 dar und steht zugleich für den eigenständigen Ansatz der russischen Biologie zur so genannten Synthetischen Theorie der Evolution.
Schmalhausens Werk (Faktory Evolyutsii, russisches Original, 1946) hat dabei nahezu die gleiche Bedeutung wie Julian Huxley mit seiner programmatischen Darstellung Evolution. The Modern Synthesis von 1942. Die hier vorgelegte deutsche Übersetzung kommt Schmalhausens Urtext sehr viel näher als die vormalige englische Ausgabe (Factors of Evolution, 1949). In diesem Zusammenhang konnte auch erstmals der Einfluss von Ernst Mayr innerhalb der sowjetischen (russischen) Evolutionsbiologie aufgearbeitet werden.Thomas Junker, Uwe Hoßfeld & Georgy S. Levit (2006): Ernst Mayr (1904–2005): In memoriam. Zurnal Obsej Biologii 67 (2): 139-144 (in Russisch) Parallel dazu unterstrich Hoßfeld auch immer wieder die Bedeutung der „Biologischen Anthropologie“ für die Evolutionsbiologie.Hoßfeld, U. (2005, ²2016): Geschichte der biologischen Anthropologie in Deutschland. Von den Anfängen bis in die Nachkriegszeit. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.Uwe Hoßfeld (2016): Zur Geschichte der biologischen Anthropologie in Deutschland, 1856 bis 1930: Tendenzen und Strömungen. Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 36 (2015): 165-180.
Biologiehistorische Falsifizierungen erfolgten zu Themenbereichen wie Nikolai V. Timoféeff-Ressovsky (Kollaboration im Nationalsozialismus?)Hoßfeld, U. & M. Walker (2001): Hero or villain? Stasi archives shed light on Russian Scientist. Nature 411 (6835): 237. (online); Hoßfeld, U. (2001): Im ‘unsichtbaren Visier’: Die Geheimdienstakten des Genetikers Nikolaj V. Timoféeff-Ressovsky. Medizinhistorisches Journal 36 (3/4): 335–367., Ernst Haeckel (Nobelpreis, Gegenpapst,Hoßfeld, U.; R. Nöthlich & L. Olsson (2003): Haeckel’s literary hopes dashed by materialism? Nature 424 (6951): 875 (nature.com). [Spiegel online vom 27. August 2003 (spiegel.de). Informationsdienst Wissenschaft Online vom 4. Dezember 2009 (idw-online.de). StammbäumeHoßfeld, Uwe; Levit, Georgy S.: Phylogeny: 'Tree of life' took root 150 years ago. In: Nature. 1. Dezember 2016, abgerufen am 1. Dezember 2016 (englisch, Pressemitteilung: idw-online.de). Hoßfeld, U.; E. Watts; G. S. Levit (2017): The first phylogenetic tree of plants was defined 150 years ago. Trends in Plant Science 22 (2): 99–102 (cell.com), abgerufen am 26. Januar 2017 (englisch).), Alfred Russel Wallace (Darwins Schatten-Mann)Levit, G. S.; U. Hoßfeld & L. Olsson (2013): Russia embraced Wallace’s works. Nature 503 (7474): 39 (biodidaktik.uni-jena.de PDF); Kutschera, U. & U. Hoßfeld (2013): Alfred Russel Wallace (1823–1913): The forgotten co-founder of the Neo-Darwinian theory of biological evolution. Theory in Biosciences 132/4: 207–214 (biodidaktik.uni-jena.de)., zu alternativen Evolutionstheorien (z. B. Lyssenkoismus, Kreationismus)Hoßfeld, U. & L. Olsson (2002): From the Modern Synthesis to Lysenkoism, and back? Science 297 (5578): 55–56 (sciencemag.org); Hoßfeld, U. &. L. Olsson (2002): Documenting Lysenkoism. Science 297 (5587): 1646–1647 (online); Levit, G. S.; U. Hoßfeld & L. Olsson (2006): Russian creationists attack secular education. Nature 444 (7117): 265 (biodidaktik.uni-jena.de PDF), Spiegel online vom 4. Dezember 2009 (spiegel.de). Kolchinsky, E. I.; U. Kutschera; U. Hoßfeld & G. S. Levit (2017): Russia’s new Lysenkoism. Current Biology 27 (19): 1042–1047 (idw-online.de). Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Dezember 2017.U. Hoßfeld, M. Simunek, M. Mielewczik: Die „Wiederentdeckung“ der Mendelschen Gesetze im Kontext neuerer Forschungen. (PDF) In: Nova Acta Leopoldina NF Nr. 413, 2017, S. 135–153., zum „Generalized Darwinism“ und zur Genetik (Wiederentdeckung der Mendelschen Gesetze um 1900)Informationsdienst Wissenschaft Online vom 3. November 2011 (idw-online.de).. Gemeinsam mit Lennart Olsson hat Hoßfeld auch zur Geschichte der Zeitschrift Nature im Dritten Reich gearbeitet.Hoßfeld, U. & L. Olsson (2006): Freedom of the mind got Nature banned by Nazis. Nature 443 (7109): 271 (online)¸ Hoßfeld, U. & L. Olsson (2007): Essay – Nature and Hitler. Nature (online); Spiegel online vom 23. Oktober 2007 (spiegel.de). Am 23. Januar 2006 folgte Hoßfeld einer Einladung des damaligen Ministerpräsidenten Dieter Althaus in die Thüringer Staatskanzlei nach Erfurt. Hier war er neben Klaus Tanner und Michael Gabel einer der Hauptredner beim „Erfurter Dialog“ zum Thema „Evolution und Schöpfung“. Hoßfeld nahm dabei als Vertreter der Wissenschaft (Biologie) teil, warnte vor den Gefahren des Kreationismus/der Intelligent-Design-Bewegung und gab vielmehr ein Plädoyer für die breite wissenschaftliche und weltanschauliche Bedeutung der darwinschen Evolutionstheorien ab, indem er wichtige Etappen und deren Bedeutung für die Geschichte des Darwinismus und Antidarwinismus skizzierte. Zuvor hatte es monatelang Diskussionen über die Veranstaltung gegeben. Der „Erfurter Dialog“ war eine vom ehemaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel begründete Veranstaltungsreihe in der Thüringer Staatskanzlei. Sie knüpfte an die „Assembleen“ des 18. und 19. Jahrhunderts im historischen Gebäude der ehemaligen Kurmainzischen Statthalterei an. Der „Erfurter Dialog“ bot dabei ein Forum des Austausches von Ansichten und Meinungen zur Zeit, einen Dialog des Aufeinanderzugehens und der Orientierung. Dieter Althaus setzte dann diese Tradition fort.