mini|hochkant|Joseph E. Davies

Joseph Edward Davies (* 29. November 1876 in Watertown, Wisconsin; † 9. Mai 1958 in Washington, D.C.) war ein US-amerikanischer Jurist und Diplomat.

Leben Rechtsanwalt und Politiker Davies wurde als Sohn der walisischen Einwanderer Edward und Rachel Davies in Watertown, Wisconsin geboren. Seine Mutter soll die erste im Bundesstaat Wisconsin ordinierte Frau gewesen sein. Er studierte an der Universität von Wisconsin Jura.Biografische Angaben, sofern nicht anders angegeben, lt.: Elizabeth Kimball MacLean: Joseph E. Davies. Envoy to the Soviets. Westport CT / London 1992. Nach dem Abschluss seines Studiums eröffnete er eine Kanzlei und war von 1902 bis 1906 Staatsanwalt in Wisconsin. Er war im Jahr 1910 Vorsitzender des State Central Committee der Demokraten im Bundesstaat Wisconsin.

Im Wahlkampf zur Präsidentschaftswahl 1912 leitete er die Kampagne von Woodrow Wilson in den westlichen Bundesstaaten. Nach dessen Sieg wurde Davies Vorsitzender des Bureau of Corporations, einer Vorläuferorganisation der Federal Trade Commission. Diese Behörde, die die großen Handelsmonopole im Interesse des Konsumentenschutzes zerschlagen sollte, leitete er von 1915 bis 1916.Elizabeth Kimball McLean, Joseph E. Davies: The Wisconsin Idea and the Origins of the Federal Trade Commission. In: Journal of the Gilded Age and Progressive Era, 7.2007, S. 248–284.Elizabeth K. MacLean: Presidential Address. The Outcast and His Critics: Joe Davies and George Kennan and Louis Brandeis. Ohio Academy of History, 2001

Nachdem Davies 1917 eine Nachrückerwahl für den Senat verloren hatte, praktizierte er wieder als Anwalt, unterbrochen durch eine Abordnung als Wirtschaftsexperte der US-Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz 1919. Er spezialisierte sich auf Unternehmensrecht und konnte neben Politikern und Gewerkschaftern auch große Konzerne als Klienten gewinnen. Für ehemalige Aktionäre der Ford Motor Company gewann er einen Aufsehen erregenden Prozess gegen die Finanzbehörden, er bekam dafür das damalige Rekordhonorar von zwei Millionen Dollar. Auch versuchte er im Auftrag des Diktators der Dominikanischen Republik, Rafael Trujillo, ein Schuldenmoratorium mit der US-Regierung auszuhandeln.Robert D. Crassweller: Trujillo. The Life and Times of a Caribbean Dictator. New York 1966, S. 181–182.

In der Wahlkampagne 1932 unterstützte Davies Franklin D. Roosevelt und gehörte nach dessen Sieg zum engsten Umfeld des Weißen Hauses.

Im diplomatischen Dienst Botschafter in Moskau Im August 1936 akzeptierte Davies das Angebot Roosevelts, Botschafter in Moskau zu werden.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 67. Als Seiteneinsteiger in den diplomatischen Dienst stieß Davies auf Ablehnung durch das diplomatische Korps, die in ihm einen politischen Günstling Roosevelts sahen. Aber Roosevelt hatte auch politische Gründe für die Ernennung, denn Davies teilte im Gegensatz zu anderen Diplomaten Roosevelts Überzeugungen und außenpolitische Strategie.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 68.

Seinen Dienst in Moskau trat Davies am 25. Januar 1937 an. Er folgte dort Botschafter William C. Bullitt nach, der eine härtere Politik gegenüber Stalin gefordert hatte. Davies sollte dagegen Roosevelts nachsichtigere Haltung gegenüber Stalin umsetzen.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 2. Er kam mit dem Auftrag nach Moskau, Konflikte zu vermeiden und stattdessen nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu suchen.David Mayers: The Ambassadors and America’s Soviet Policy. Oxford University Press, New York 1995, ISBN 978-0-19-506802-3, S. 109. Seine Anweisungen lauteten, freundschaftliche Beziehungen aufzubauen, die Schuldenfrage zu regeln, ein Handelsabkommen auszuhandeln und sich einen Überblick über die militärische und ökonomische Stärke der Sowjetunion zu verschaffen.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 69. Davies sollte der einzige amerikanische Botschafter in Moskau bleiben, der Roosevelts Politik der unkritischen Freundschaft unterstützte.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 9 f. Roosevelt und viele amerikanische Diplomaten hofften, die Sowjetunion könne sich zu einer pluralistischen Gesellschaft entwickeln und ein Freund der USA werden. Unterschiedlicher Ansicht war man aber, wie dies erreicht werden könne.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 3. Die Sowjetunionexperten der Botschaft, vor allem George F. Kennan, Charles E. Bohlen und Loy W. Henderson, waren kritisch gegenüber Stalin eingestellt und sahen in der Sowjetunion ein totalitäres System, das sich modernisierte, um demokratische Staaten wie die USA zu zermalmen. Sie empfahlen eine streng an den amerikanischen Interessen orientierte Politik.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 70 f. Davies’ Kompetenz schätzten sie außerordentlich gering. In der Folge verließ sich Davies eher auf Journalisten als auf seine stalinkritischen Mitarbeiter.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 74 f.

Der Historiker Dennis J. Dunn charakterisiert den außenpolitischen Ansatz, für den vor allem Roosevelt, Davies und Harry Hopkins gestanden hätten, als eigenartiges Amalgam aus dem Idealismus Woodrow Wilsons, dass der Demokratie die Zukunft gehöre, Machiavellismus und Rooseveltismus, der davon ausging, dass sich die USA und die Sowjetunion gesellschaftlich wie politisch aufeinander zubewegten. Die Überzeugung, dass Stalin ein Mann des Volkes sei, der sein Land modernisiere, habe die Rooseveltianer davon überzeugt, Stalins extreme Maßnahmen zu tolerieren und zu entschuldigen.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 3. Davies glaubte zudem, die Sowjets seien im Grunde russischsprechende Amerikaner, die sich letztlich zu demokratischen Kapitalisten entwickeln würden.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 68. Hinzu kam, dass Roosevelt und Davies glaubten, durch eine engere amerikanisch-sowjetische Beziehung könne man ein Gegengewicht gegen Hitler-Deutschland schaffen und den Frieden in Europa sichern.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 69.

Davies hatte gehofft, von Roosevelt als Belohnung für seinen Einsatz als Botschafter nach Berlin entsandt zu werden. Stattdessen erhielt er den Botschafterposten in Brüssel und verließ am 11. Juni 1938 Moskau.David Mayers: The Ambassadors and America’s Soviet Policy. Oxford University Press, New York 1995, ISBN 978-0-19-506802-3, S. 123 f. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Marjorie hatte Davies während seines Aufenthalts große Mengen an russischer Kunst gekauft, deren Ausfuhr Stalin gestattete, und die den Grundstock des Hillwood Museums in Washington, D.C bilden sollten.Dennis J. Dunn: Caught Between Roosevelt & Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. University Press of Kentucky, Lexington 1998, ISBN 978-0-8131-5883-9, S. 63. Im November 1939 kehrte er nach Washington zurück.Joseph Edward Davies (1876–1958) Webseite des State Departments

Davies und die Moskauer Schauprozesse In Davies’ Moskauer Zeit fielen der zweite und dritte große Schauprozess gegen ehemals führende Köpfe der Bolschewiki und der Beginn des Großen Terrors. Im Gegensatz zu seinen Diplomaten verteidigte Davies die Stalinschen Schauprozesse in der Öffentlichkeit. In seinem Buch Mission to Moscow hieß es:

Mit der Arbeit an Mission to Moscow hatte Davies nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 begonnen und dazu mithilfe dreier Ghostwriter seine Depeschen und Berichte aus Moskau, Tagebucheinträge und Korrespondenz zusammengestellt.Ronald Radosh und Allis Radosh: A Great Historic Mistake. The Making of Mission to Moscow. In: Film History.16 2004, S. 358–377, hier S. 358. Historiker haben sich deshalb den Einschätzungen von Kennan und Bohlen angeschlossen, dass Davies eine Schande für die amerikanische Diplomatie gewesen sei, weil er, verblendet von stalinistischer Propaganda, die Augen vor der Realität der Sowjetunion verschlossen und voreingenommene Berichte nach Washington geschickt habe. Der Historiker David Mayers weist darauf hin, dass diese Kritik über Äußerungen Davies‘ hinweggeht, die ihn nicht als blinden Ignoranten ausweisen.David Mayers: The Ambassadors and America’s Soviet Policy. Oxford University Press, New York 1995, ISBN 978-0-19-506802-3, S. 119. In seinen privaten Moskauer Aufzeichnungen sympathisierte Davies mit den Angeklagten der Schauprozesse und kritisierte die Verfahren.

Mission to Moscow stellte dagegen eine überarbeitete, absichtlich verzerrte Version seiner Berichte und Briefe als Botschafter dar. Das Buch und der spätere Film entstanden im Rahmen einer großen Propagandakampagne mit dem Ziel, die Öffentlichkeit für die Unterstützung der Sowjetunion und der Alliierten gegen Deutschland einzunehmen.David Mayers: The Ambassadors and America’s Soviet Policy. Oxford University Press, New York 1995, ISBN 978-0-19-506802-3, S. 122. In seiner Moskauer Zeit hatte Davies noch angenommen, dass die Geständnisse und Zeugenaussagen zu einem großen Teil unwahr wären und die Schauprozesse als Teil eines Machtkampfes innerhalb der sowjetischen Führung interpretiert. Vier Jahre später änderte er seine Ansicht.Ronald Radosh und Allis Radosh: A Great Historic Mistake. The Making of Mission to Moscow. In: Film History. 16 (2004), S. 358–377, hier S. 359. Das Buch enthält ein Postskriptum, in welchem Davies bemerkt, die Bedeutung der Schauprozesse sei ihm erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 bewusst geworden, da es in der Sowjetunion keine Fünfte Kolonne der Deutschen gegeben habe. Neben diesem, die Schauprozesse rechtfertigenden Postskriptum, gibt es trotzdem noch andere Stellen in dem Buch, in denen Davies die Realität des Terrors konstatiert.David Culbert: Revisiting a Stalinist Puzzle. Mission to Moscow. In: American Communist History.12, Nr. 2 2013, S. 117–135, hier S. 124 f.