mini|Photographie vom 21. Mai 1894Aus: Carl Peters: Lebenserinnerungen, Hamburg 1918; das Bild wurde Peters von Kayser am 21. Mai 1894 mit einer herzlichen Widmung geschenkt; diese galt Kaysers Feinden im September 1896 als Beweis seiner "Doppelzüngigkeit", nachdem er sich im März 1896 von Peters distanziert hatte.Paul Kayser (* 9. August 1845 in Oels; † 13. Februar 1898 in Leipzig) war ein deutscher Jurist und Beamter. Er war von 1890 bis 1896 Leiter der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt und anschließend Senatspräsident am Reichsgericht. Er wurde von Otto von Bismarck protegiert, hat aber 1890 zum Sturz des Kanzlers beigetragen. Als Anhänger des Neuen Kurses geriet er zunehmend in Gegensatz zu den Alldeutschen und reichte resigniert seinen Rücktritt ein. Wegen seiner jüdischen Herkunft war er antisemitischen Angriffen ausgesetzt.
Tätigkeit als Jurist Kayser stammte aus einer jüdischen Familie und konvertierte 1882 zum Protestantismus. Sein elf Jahre älterer Onkel mütterlicherseits, der Rechtsprofessor Julius Baron, wurde evangelisch aufgezogen, sodass möglicherweise auch Kaysers Großeltern mütterlicherseits bei der Gelegenheit zum Christentum übergetreten waren. Jedenfalls hatte Kayser später große Konflikte mit seinem Vater und war froh, dass dieser nicht zum (christlichen) Begräbnis der Großmutter kam.Frank, Walter: Der Geheime Rat Paul Kayser, Neues Material aus seinem Nachlass. Historische Zeitschrift, Bd. 168, H. 2 (1943), S. 327
Als Taufspender für sich und seinen ca. 15 Jahre jüngeren Bruder Ernst, gleichfalls Jurist und vor seinem frühen Tod 1895 preußischer Amtsrichter, wählte Kayser den markanten liberalen Protestanten Pastor Theodor Hossbach, gegen dessen Ernennung zum Oberkonsistorialrat Kaiser Wilhelm I. als Landesvater persönlich eingeschritten war. Obwohl die Taufe damit also nicht aus Karrieregründen erfolgt sein kann, wurde ihm das schon seinerzeit und später immer wieder vorgeworfen, sowohl 1886 von der orthodox jüdischen LaubhütteLaubhütte, Beilage der Deutschen Israelitischen Zeitung, 8. Juli und 11. Oktober 1896 als auch 1891 von dem geisteskranken Antisemiten Carl Paasch.
Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er Rechtswissenschaften in Breslau und Berlin. Da er aufgrund einer langwierigen chronischen Erkrankung schon im Schulkindalter hinkte wurde er 1866 nicht zum Wehrdienst eingezogen. Umso größer war sein intellektueller Ehrgeiz, mit dem er sowohl in Breslau als auch in Berlin jeweils Preisaufgaben der juristischen Fakultät gewann.Archiv der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Humboldtuniversität Berlin, Habilitationsakte Baron und Promotionsakte Kayser Die Berliner Arbeit baute er dann 1868 zu seiner Promotion, schon nach sechs Studiensemestern, über das lübische Recht aus, verfasst in lateinischer Sprache.
Danach trat er in den preußischen Justizdienst ein. Zunächst Assessor in Königsberg, wechselte er 1873 als Gerichtsassessor in den Justizdienst im Reichsland Elsaß-Lothringen. Er war dort am Landgericht in Straßburg beschäftigt. Im 1875 kehrte er in den preußischen Justizdienst zurück und war am Stadtgericht in Berlin tätig. Er wurde 1879 Richter am Landgericht Berlin I.
Bei der Straßburger Tätigkeit erwarb er sich natürlich besondere Kenntnisse auf dem Gebiet des Zusammenwirkens verschiedener Rechtsordnungen, französischem Recht, Besatzungsrecht und Reichsrecht, Kenntnisse, die ihn später automatisch zur Bearbeitung solcher Probleme auch im Auswärtigen Amt führten und ihre natürliche Fortsetzung bei der Bearbeitung der rechtlichen Grundlagen der Kolonien und Schutzgebiete fanden. Als Jurist veröffentlichte er mehrere Arbeiten, unter anderem in enger Zusammenarbeit mit dem führenden liberalen Juristen Franz von Holtzendorff, zu dessen Hand- und Jahrbüchern er mit Grundsatzartikeln zum Presserecht und den Besonderheiten Elsaß-Lothringens beitrug.Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege des Deutschen Reiches Leipzig, hrsg. von Franz Holtzendorff, Leipzig 1876, Bd. 4, und Supplementband IV, 1877 In Holtzendorffs „Rechtslexikon“ bearbeitete er auf sechs Seiten den Begriff des „Reichslandes“, praktisch schon ein Vorgriff auf die spätere Schutzgebietsgesetzgebung. Wie sein Onkel war er Mitglied der Rechtswissenschaftlichen Gesellschaft Berlin und hielt er dort mehrfach Vorträge.
Eine wichtige Rolle für seine weitere Karriere bildete die Tatsache, dass er in seiner Zeit in Straßburg als Repetitor den jüngeren Sohn des Reichskanzlers Otto von Bismarck, Wilhelm auf das juristische Staatsexamen vorbereitete. Zu Wilhelm von Bismarck bestand bis 1890 eine herzliche Beziehung, aus der im Nachlass Kaysers im Bundesarchiv Berlin über 100 Briefe erhalten sind. Auch seine Beziehung zu Philipp zu Eulenburg und anderen Persönlichkeiten gründete auf dieser Tätigkeit.
Aufstieg im Staatsdienst Wilhelm von Bismarck hatte seinen Vater auf Kayser aufmerksam gemacht und im Jahr 1880 wurde Kayser Regierungsrat im Reichsjustizamt. Dort hat er unter anderem maßgeblich an der Erarbeitung eines ersten Entwurfes für ein AktiengesetzWerner Schubert/Peter Hommelhoff (Hrsg.): Hundert Jahre modernes Aktienrecht. Berlin/New York 1985, S. 22. und des Genossenschaftsgesetzes teilgenommen.Institut für Genossenschaftswesen (Hrsg.): 100 Jahre Genossenschaftsgesetz. Tübingen 1989, S. 30. Seit 1884 war er Vortragender Rat in der Reichskanzlei und Geheimer Regierungsrat im Reichsversicherungsamt. Als Nachfolger Wilhelms von Bismarck, der damals als Landrat nach Hanau ging, wechselte er 1885 in das Auswärtige Amt. Bismarck schätzte ihn als „wandelndes juristisches Nachschlagewerk“ und Kayser wurde daher der neuen Rechtsabteilung zugeordnet. Zusammen mit dem späteren ersten Leiter der Kolonialabteilung Richard Krauel war Kayser, obwohl hierarchisch erst in einer mittleren Position, maßgeblich an der frühen Kolonialgesetzgebung beteiligt.Marc Grohmann: Exotische Verfassung. Die Kompetenzen des Reichstages für die deutschen Kolonien in Gesetzgebung und Staatsrechtswissenschaft des Kaiserreichs (1884-1914). Tübingen 2001, S. 22. Im Jahr 1888 wurde Kayser zum Geheimen Legationsrat ernannt. Ab dem 1. Oktober 1888 wurde er kommissarischer Vertreter der Landesverwaltung von Elsaß-Lothringen beim Bundesrat. Durch diese Tätigkeit entstand rasch ein außerordentlich enges und vertrauensvolles Verhältnis zum damaligen Statthalter Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst, was Kayser nach Hohenlohes Ernennung zum Reichskanzler im Oktober 1894 für seine Tätigkeit als Leiter der Kolonialabteilung zugutekam. Mit der Kanzlerschaft Hohenlohes gab Kayser diese kommissarische Vertretung ab, erhielt dafür aber dieselbe Funktion für die Vertretung Preußens. Im Sommer 1889 war er mit der vertretungsweisen Leitung der Reichskanzlei beauftragt. Er musste in den letzten Jahren der Herrschaft Bismarcks bei so fragwürdigen Aktionen wie der Geffcken-AffäreGründler, Gerhard, E.: Bismarck auf Treibjagd. Die missglückte Strafaktion gegen Geffcken und die Deutsche Rundschau. Hamburg 2000 und der Wohlgemuth-AffäreRenk, Hansjörg: Bismarcks Konflikt mit der Schweiz: der Wohlgemuth-Handel von 1889. Basel 1972 tätig sein. Sein weiterer Aufstieg im Februar 1890 (Stellvertretung des Staatssekretärs des Staatsrates) erfolgte bereits in Zusammenhang mit seiner Mitwirkung bei Kaiser Wilhelms II. sozialpolitischen Initiativen vor der Reichstagswahl Februar 1890 (Arbeitererlasse).
Rolle bei der Ablösung Bismarcks Kayser stand seit 1888 dem Kreis um Wilhelm II. nahe, insbesondere Friedrich von Holstein und Philipp Graf Eulenburg. In der Ablösungskrise spielte Kayser eine gewisse Rolle dadurch, dass ihn Eulenburg auf dem Höhepunkt des Konflikts des Kaisers mit Bismarck damit beauftragte, für Wilhelm eine „Ausarbeitung zur Arbeiterfrage“ anzufertigen.Röhl, Wilhelm II., S. 280 Von der damaligen arbeiterfreundlichen Haltung des Kaisers war Kayser mit seinen eigenen linksliberalen Neigungen begeistert, die Eulenburg gegenüber Wilhelm II. zur Warnung veranlassten, Kayser sei „nach der liberalen und weltbeglückenden Seite ein klein wenig Durchgänger.“Eulenburg an Wilhelm II. 10. März 1890: Röhl, John C. G.: Philipp Eulenburgs politische Korrespondenz, Boppard 1976 -1983, I, S. 488 Der Kaiser schrieb den Entwurf Kaysers wortwörtlich ab und gab Kaysers Programm als „Ausarbeitung S.M. des Kaisers zur Arbeiterfrage“ aus.Abgedruckt in Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, II. Abteilung: Von der Kaiserlichen Sozialbotschaft bis zu den Februarerlassen Wilhelms II. (1881-1890), 1. Band, Grundfragen der Sozialpolitik. Die Diskussion der Arbeiterfrage auf Regierungsseite und in der Öffentlichkeit, bearbeitet von Wolfgang Ayaß, Florian Tennstedt und Heidi Winter, Darmstadt 2003, Nr. 109, zur Autorenschaft Kaysers vgl. ebenda Nr. 102, 105, 106. Später wurden daraus umgearbeitet die Februarerlasse. Kayser – der im inneren Kreis um Wilhelm II. zur Unterscheidung zu Wilhelm „der kleine Kayser“ genannt wurde – hat den Kurs Wilhelms auch in den folgenden Intrigen, die zum Sturz Bismarcks führten, unterstützt.Röhl, Wilhelm II., S. 307, S. 328. Wilhelm ernannte Kayser zum Sekretär und persönlichen Berichterstatter bei der internationalen Arbeiterschutzkonferenz.Röhl, Wilhelm II., S. 333.
Der erzkonservative General Alfred von Waldersee machte den ehemaligen Erzieher von Wilhelm II. Georg Ernst Hinzpeter, Kayser und Schottmüller für die Linkswendung des Kaisers verantwortlich. Ähnlich dachten auch andere hohe Militärs und vermuteten dahinter unbekannte Einflüsse. Eulenburg und Holstein waren sich einig darin, Kayser „eine Warnung zu erteilen“.John Röhl (Hrsg.): Philipp Eulenburgs Politische Korrespondenz, III: Holstein an Eulenburg 2. Januar 1891; Eulenburg an Holstein, 24. Februar 1891, S. 621 ff. Damit Kayser nicht sogar für Marschall oder Caprivi eine Gefahr werde, solle er besser zum Chef der Kolonialabteilung ernannt werden, damit er dadurch „teilweise unschädlich“ gemacht werde.Röhl, Wilhelm II.. S459, S. 462
Kayser blieb ein engagierter Anhänger des Neuen Kurses, der darauf abzielte, durch sozialpolitische Erleichterungen die Sozialdemokratie auszutrocknen. Dies zeigte er insbesondere im Herbst 1894 bei der Behandlung der Umsturzvorlage, die zur Bekämpfung der Sozialdemokratie von der preußischen Regierung unter Botho zu Eulenburg eingereicht worden war. Caprivi hatte drei Gutachten angefordert.Raschdau, Ludwig: Unter Bismarck und Caprivi: Erinnerungen eines deutschen Diplomaten aus den Jahren 1885-1894, Berlin 1938, S. 359 f. Die des Auswärtigen Amts wurde von Kayser angefertigt, der weiterhin auch der Rechtsabteilung zugeordnet war.John Röhl (Hrsg.): Philipp Eulenburgs Politische Korrespondenz, III: Holstein an Eulenburg 15. Oktober 1894, S. 1383. Kayser rühmte den Neuen Kurs, „der so viel Gutes für den Arbeiterschutz und die Wohlfahrt der arbeitenden Klassen getan hat.“ Das geplante neue Ausnahmegesetz werde genauso wie das Sozialistengesetz Bismarcks scheitern und gerade die Verfolgung werde die Sozialdemokratie erneut stärken. Er legte die unsinnigen Vorstellungen der preußischen Regierung bloß, die in Konsequenz auf einen bürgerkriegsähnlichen Zustand mit Auflösung des Reichstags, Staatsstreich und Kündigung des Bundesvertrags hinausgelaufen wären. Er selbst freute sich, zur Verbesserung des ursprünglichen radikalen Vorschlages beigetragen zu haben.John Röhl (Hrsg.): Philipp Eulenburgs Politische Korrespondenz, III: Kayser an Eulenburg, 11. Dezember 1894, S. 1426 So trug er an führender Stelle dazu bei, dass die scharfmacherische Vorlage Puttkamers entschärft und verharmlost wurde, die schließlich nach langen Debatten am 11. Mai 1895 im Reichstag durchfiel.Röhl, Wilhelm II.. S459, S. 462 Hohenlohe habe sich auch in Fragen der allgemeinen Reichspolitik noch des Öfteren mit Kayser beraten.Kayser an Baron 29. Oktober 1894, nach Frank, Walter: Der Geheime Rat Paul Kayser, Neues Material aus seinem Nachlass. Historische Zeitschrift, Bd. 168, H. 2 (1943), S. 335