Burtscheid (lateinisch Porcetum, französisch Borcette, Öcher Platt: Botsched) ist eine ehemalige Stadt und ein heutiger Stadtteil von Aachen. Die Ortschaft wurde am 21. Januar 1018 erstmals urkundlich erwähnt, war aber zuvor schon von Kelten und Römern besiedelt. Im Jahr 1338 erhielt Burtscheid die Stadtrechte; 1816 wurde es Verwaltungssitz des Landkreises Aachen. Am 1. April 1897 wurde Burtscheid nach Aachen eingemeindet und gehört seit 1972 zum Stadtbezirk Aachen-Mitte. Burtscheid verdankt seine Entstehung und spätere wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung hauptsächlich seinen über 20 Thermalquellenvorbrüchen, die zum Aachener Thermalquellensystem gehören, sowie der Wurm mit ihren Zuläufen. Zur ehemaligen Stadt gehörten neben dem Zentrum die Ortsteile Beverau, Steinebrück und das Frankenberger Viertel.
Namensherkunft Der Name Burtscheid ist ein Kompositum, das verschiedene Deutungen zulässt. Zunächst bezeichnet das Grundwort ...scheid eine territoriale Grenze, eine Weg- oder Wasserscheide. Eine andere Deutung steht im Zusammenhang mit der Besiedlung. In der Zeit der großen Rodungen im 12./13. Jh. entstanden linksrheinisch zahlreiche Ansiedlungen mit der Silbe ...scheid im Namen. Das Wort wird verschieden ausgelegt: Es kann sinngemäß das für die Siedlung ausgeschiedene Land bedeuten oder aber der Name steht im Zusammenhang mit dem älteren keltischen/gallischen Wort keiton/cetum in der Bedeutung von Wald/Heide.
In früherer Schreibweise heißt Burtscheid borcetum, das in seiner Bedeutung wahlweise als Wald am Bieberbach (= Beverbach), Wald am braunen Bach, Wald zur Schweinemast ausgelegt werden kann.[Cramer, F.: Rheinische Ortsnamen aus vorrömischer und römischer Zeit. Dr. Martin Sändig oHG, 1901, Nachdruck 1970][Breuer, G.: AQUISGRANUM … von den warmen Wassern, Siedlungsnamen der Stadt Aachen, Shaker Verlag, Aachen 2003]
Wappen Das alte Stadtwappen von Burtscheid wurde aus dem Familienwappen der Äbtissin von Woestenrath entwickelt und die zwei doppelschwänzigen Löwen entstammen dem Jülicher Wappen. Im Einzelnen ist es wie folgt aufgebaut:
Blasonierung: In Schwarz, goldgerandet, ein goldenes 12-endiges Hirschgeweih, darin ein silberner Schwan. Der Schild, mit einer dreitürmigen silbernen Stadtmauer bekrönt (Hinweis auf ein Stadtwappen) und von zwei aufrechten, doppelschwänzigen goldenen Löwen gehalten, steht auf einem silbernen Band, das die Aufschrift Stadt Burtscheid trägt.
Als Burtscheid im Jahr 1816 den Verwaltungssitz des Kreises Aachen übernommen hatte, wurde das bisherige Schild mit den Geweihen und dem Schwan, aber ohne die Türme, die Löwen und das silberne Band, nun ergänzt mit einem darüber liegenden goldenen (gelben) Schildhaupt über dem alten Wappen, in dem der schwarze Jülicher Löwe nach links schreitet gewählt. Es diente seit dieser Zeit als Wappen für den gesamten früheren Kreis Aachen und die heutige Städteregion Aachen.
Geschichte mini|Das Burtscheider Tal bei Aachen, identifiziert von Hans Königs (1964),Hans Königs: Burtscheid, die „Unbekannte Landschaft“ des Lukas van Valckenborch. In: Aachener Kunstblätter. Heft 29 1964, S. 178–192, Aachen vormals bekannt als Landschaft an der mittleren Maas, 1570 mini|Reichsabtei Burtscheid um 1790 mini|Burg Frankenberg, Sitz der Vögte Bereits die Kelten siedelten sich in dieser Gegend entlang einer der damaligen Quellen der Wurm an und weihten sie ihrem Gott Grannus.
Später ließen sich hier die Römer nieder und nannten das Gebiet auf Grund des Wildschweinvorkommens Porcetum. Im Bereich des heutigen Burtscheider Marktes wurden römische Thermalanlagen und medizinisches Besteck aus der Römerzeit gefunden, was auf die Besiedlung als Kur- und Heilbad hinweist. Damit das wertvolle Trinkwasser aus dem Aachener Wald, das im Burtscheider Tal Richtung Aachen abfließt, nicht durch die salzigen Thermalwässer verunreinigt und somit für die Wasserversorgung unbrauchbar wird, haben die Römer im Bereich des Quellgebietes der Thermalquellen die Wurm großräumig verlegt. Der künstliche Wasserlauf des Kalten Baches verläuft am Hang des Heißberges und Adlerberges bis ins Frankenberger Viertel.
Anschließend besiedelten germanisch-fränkische Stämme das Gebiet,Merowingerzeit bevor später im 7. Jahrhundert zunächst die Arnulfinger unter Chlodulf hier eine Kapelle erbauen ließen und in der folgenden karolingischen Zeit Burtscheid vermutlich zu einem Nebenhof der Aachener Kaiserpfalz mit Viehwirtschaft umfunktioniert wurde.
Seine eigentliche Entstehung als Stadt verdankt Burtscheid schließlich dem Benediktinerkloster Burtscheid, das gemäß einem Diplom Kaiser Ottos des III. vom 6. Februar des Jahres 1000 als kaiserliche Stiftung unter dem Basilianerabt Gregor von Burtscheid aus Kalabrien zu Ehren des heiligen Nikolaus von Myra und des Apollinaris von Ravenna gegründet wurde. Indizien und die meisten Quellen sprechen dabei eher dafür, dass das Jahr 997 das eigentliche Gründungsjahr war. Am 21. Januar 1018 schenkte Kaiser Heinrich II. dem Kloster das umliegende Gebiet als Zehntbezirk und löste sie damit vom Pfalzbezirk Aachen ab.Urkunde Heinrichs II. vom 21. Januar 1018, ausgestellt in Frankfurt: Heinrich verleiht dem von Otto III. gegründeten Kloster Burtscheid zum Seelenheile seines Gründers die Novalländereien mit allen Rechten in einem um den Ort gelegenen Bezirk mit angegebenen Grenzen zu freiem Verfügungsrecht zum Nutzen des Klosters. RI II,4 n. 1919, in: Regesta Imperii Online, URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1018-01-21_1_0_2_4_1_767_1919 (Abgerufen am 23. Januar 2018). Daraus entstand in der Folge die Herrlichkeit Burtscheid. Im Jahr 1220 wurde das Benediktinerkloster in ein reichsunmittelbares Zisterzienser-Frauenstift umgewandelt. Den Äbtissinnen des Klosters mit Sitz und Stimme in der Reichsversammlung oblag nun im Verlauf von rund 570 Jahren als Fürst-Äbtissinnen die Landeshoheit über Burtscheid. Zur Durchsetzung der Hoheitsrechte wurde ihnen jeweils ein Vogt zur Seite gestellt. Die Funktion des Vogtes übernahmen bis etwa zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Herren von Merode-Frankenberg, einer Nebenlinie des Hauses Merode mit Sitz auf der Burg Frankenberg.Vogte von Burtscheid Diese auf Burtscheider Territorium stehende Burg wurde erstmals urkundlich erwähnt und war bis etwa zu Beginn des 17. Jahrhunderts der Sitz der Burtscheider Vögte. Die Rechte des Obervogts oblagen dem Herzog von Limburg und ab 1288 dem Herzog von Brabant. 1649 konnten die Vogteirechte durch die Abtei selbst erworben werden, nachdem der letzte Erbvogt, Johann Dietrich von Merode-Frankenburg, 1645 verstorben und sein Sohn Franz Ignaz noch nicht mündig war. Daraufhin bezeichneten sich die Äbtissinnen fortan selbst als Erbvögte.
Bereits im Jahr 1351 war durch die Äbtissin Mechtildis von Bongard ein Vertrag mit der Freien Reichsstadt Aachen unterschrieben worden, in dem diese die Gerichtsrechte über die Herrlichkeit Burtscheid erhalten hatte und im Gegenzug zur Zusage der fortwährenden Aufrechterhaltung der abteilichen Freiheiten bereit war. Seitdem wurde die Burtscheider Stadtverwaltung von einem Meier, der von der Stadt Aachen bestellt wurde, und seinen Schöffen wahrgenommen. Im Einzelnen sind folgende Meier nachgewiesen: um 1352: Conrad von Raboitraide 1382–1389: Colyn Vollmer im Verlauf des 15. Jahrhunderts: Lambrecht Buck, senior und junior, sowie Peter Bu(e)ck anschließend: Dederich von Haren etwa ab 1545–1566: Gerhard Ellerborn ab etwa 1580–1598: Der Katholik Bonifacius Colyn, der 1598 im Verlauf der Aachener Religionsunruhen wegen seines Eintretens für die Reformierten mit der Reichsacht belegt und abgesetzt wurde 1598–1605: Der Katholik Albrecht Schrick wurde auf dem Höhepunkt der Religionsunruhen zum Meier ernannt, aber im August 1605 von der aktuellen evangelischen Ratsmehrheit wieder abgesetzt. 1605–1612: Egidius Bleyenheuft wurde zunächst als Nachfolger Schricks ernannt, wenige Wochen später jedoch nach dessen Rehabilitation wieder durch ihn ersetzt. Schrick wurde seinerseits 1612 erneut entlassen. 1612–1612: Ludolf von Linzenich wurde durch die nunmehrige evangelische Mehrheit im Rat berufen, starb aber wenige Wochen nach seiner Vereidigung 1612–1614: Johann Kalkberner, gewählter Bürgermeister von Aachen, übernahm das Amt in Personalunion; wurde jedoch vom Vogt nicht akzeptiert und 1614 geächtet 1614–1640: Albrecht Schrick wurde erneut in das Meieramt eingesetzt 1640–1644: Balthasar Fiebus der Ältere 1644–1665: Gerlach Maw 1665–1678: Nikolaus Fiebus 1678–1681: Mathias Maw 1681–1705: Johann Chorus 1705–1728: Cornelius de Fays 1728–1756: Martin Lambert de Lonneux 1756–1778: Johann Joseph Niclas 1778–1793: Stephan Dominicus Dauven mini|„Haus Verkensloch“, Bj. 1490, diente zur Verteidigung, bot Schutz vor Pest und Cholera und war Produktionsstätte für eine Tuchfärberei. Etwa ab dem Zeitraum des Erhalts der Stadtrechte markierte die Wurm die Grenze zwischen Burtscheid und der benachbarten Freien Reichsstadt Aachen sowie zwischen dem Bistum Lüttich und dem Erzbistum Köln. In der Zeit der Aachener Religionsunruhen flohen viele zum Protestantismus konvertierte Familien wie beispielsweise Pastor, Peltzer und Amya aus dem letztendlich katholisch dominierten Aachen und ließen sich unter anderem in Burtscheid nieder. Besonders diese Familien, die in Burtscheid Zuflucht gefunden hatten, gründeten zahlreiche Mühlen, Hammerwerke, Färbereien, Schleifereien, Tuchmanufakturen und sonstige Fabriken und nutzten dabei das Wasser der Wurm und ihrer Zuläufe als Antriebskraft für ihre Mahlwerke.
Trotz des Einspruchs des Aachener Rates wurde 1779 von der Äbtissin auf Krugenofen das Glücksspiel eingeführt, weshalb die Verlängerung der Straße Krugenofen heute Kasinostraße heißt.
Im Dezember 1792 fand die erstmalige Besetzung Burtscheids durch französische Truppen statt. Die Besatzer stellten einen Freiheitsbaum auf und zweckentfremdeten die Abteikirche als Versuchsanstalt zur Herstellung von Heißluftballons. Ab dem 30. Juni 1802 wurde Burtscheid Mairie und Hauptort des Kantons Burtscheid im Département de la Roer. Im August desselben Jahres lösten die Franzosen den Klosterkonvent auf, vertrieben die Nonnen und säkularisierten den Klosterbesitz. Das Abteigebäude diente nun für Wohnungen, Schule und Verwaltung. mini|hochkant|Ehem. Rathaus Burtscheid, früher Neubad In der sich ab 1815 anschließenden Preußenzeit wurde ein Jahr später der ehemalige Kanton Burtscheid mit dem bisherigen Kanton Eschweiler zum neuen Landkreis Aachen zusammengelegt und Burtscheid zum neuen Verwaltungssitz bestimmt. Noch heute befindet sich in dem renovierten und erweiterten Gebäudekomplex der Sitz der Städteregion Aachen als Nachfolgeorganisation des ehemaligen Kreises Aachen. Diese Zusammenführung fand auch ihren Ausdruck in dem neuen Wappen, das sich aus dem Burtscheider Wappen mit dem Schwan im Hirschgeweih und dem Jülicher Löwen des Eschweiler Wappens zusammensetzt. Die Stadt Burtscheid selbst, in der bereits etwa 11.000 Einwohner lebten, von denen circa 11 % evangelisch waren, wurde von einer Bürgermeisterei verwaltet, der seinen Sitz im 1823 erbauten Alten Rathauses hatte. Von den amtierenden Bürgermeistern sind belegt und bekannt: von 1829 bis 1834: Barto von Löwenigh von 1850 bis 1862: Christian Wilhelm Kropp von 1862 bis 1872: Johann Peter Wilhelm Klausener von 1872 bis zur Eingliederung nach Aachen im Jahr 1896: Karl Middeldorf
In Burtscheid florierte besonders der handwerkliche Mittelstand bestehend unter anderem aus Tuch-, Hirschleder- und Kaschmirfabriken, dann Streich- und Kammgarnspinnereien, mechanischen Webereien, Färbereien, einer Filztuchfabrik, Fabriken für Nadeln, Kratzen, Maschinen, Geldschränken und Chemikalien, einer Eisengießerei, Farbholzmühlen sowie einer Bierbrauerei und Branntweinbrennerei. Sie schlossen sich 1833 mit Aachen zur gemeinsamen Handelskammer für die Städte Aachen und Burtscheid, der späteren Industrie- und Handelskammer Aachen, zusammen.