Franz Seraph Tausend (* 5. Juli 1884 in Krumbach (Schwaben); † 9. Juli 1942 in Schwäbisch Hall) war ein Alchemist, der in den 1920er Jahren behauptete, Gold durch Transmutation herstellen zu können. Zur Finanzierung seiner Forschungen gewann er überwiegend Wirtschaftsführer des rechten Spektrums. Nutznießer seiner finanziellen Manipulationen war eine Gruppe von völkischen und nationalsozialistischen Politikern um General Erich Ludendorff. 1931 wurde Tausend als Betrüger verurteilt. Er starb während der Verbüßung einer weiteren Haftstrafe im Gefängnis.

Leben Bis 1920 Franz Tausend war das fünfte Kind von Athanasius und Maria Tausend, geborene Böller.Der Goldmacher Franz Tausend – Die Geschichte eines der spektakulärsten Betrugsfälle des 20. Jahrhunderts. Ausstellung des Archiv Aubing. München 2008. Der Vater, zunächst Klempner, verdiente später seinen Lebensunterhalt als Wunderheiler, der Tiere und Menschen „besprach“. 1888 zog er mit der Familie nach Aubing. Nachdem die Ausbildung zum Volksschullehrer an einer Präparandenanstalt in Freising und der Besuch der Königlich Bayerischen Unteroffiziersschule in Bruck gescheitert waren, erlernte Franz Tausend bei seinem Vater das Klempnerhandwerk und absolvierte anschließend eine Drogistenlehre in Hamburg. In dieser Zeit begann er sich erstmals mit kabbalistischen und alchemistischen Schriften zu beschäftigen.

Nach seinem Militärdienst beim 4. Königlich Bayerischen Infanterie-Regiment in Metz nahm er verschiedene Gelegenheitsarbeiten an, darunter als Kontrolleur in einer chemischen Fabrik. Schon damals scheint Tausend Hochstapelei betrieben zu haben. So benutzte er Visitenkarten mit der Bezeichnung „Dr. Franz Tausend, Chemiker“. 1913 gründete er in Ludwigshafen eine „Wissenschaftliche Geigen-Prüfstelle“ und entwickelte eine Methode, die gewöhnlichen Geigen angeblich den Klang einer Stradivari geben sollte. Das „Geheimverfahren“ bestand darin, die Geigen mit altem Lack zu bepinseln, und war wirtschaftlich ein Fehlschlag.Heinrich Schleff: Der Goldmacher Franz Tausend, der größte Abenteurer der Gegenwart. Diessen vor München 1929, S. 15, 46, 49.

Am Ersten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier, zuletzt im Rang eines Sergeanten, teil und arbeitete bei Kriegsende 1918 im frontfernen Münchner Militärbauamt, wo es zu finanziellen Unregelmäßigkeiten gekommen sein soll. 1918 gründete er einen „Bund der Familienfreunde“, der für seine Mitglieder Lebensmittel beschaffen sollte. Laut Münchener Post vom 24. Januar 1929 soll Tausend damals die Geldeinlagen der Bundesmitglieder unterschlagen haben. Er heiratete eine ehemalige Kellnerin, die im Bayerischen Kriegsministerium tätig war und die er schon seit der Vorkriegszeit kannte, und leistete mit dem Geld die Anzahlung für ein kleines Gut bei Regensburg, wo er sich vergeblich als Landwirt versuchte.Franz Wegener: Der Alchemist Franz Tausend. Alchemie und Nationalsozialismus. Gladbeck 2006, S. 35ff.

Zeitgenössische Darstellungen beschreiben sein äußeres Erscheinungsbild so:

Tausends chemische „Forschungen“ 1920 erwarb Tausend eine Villa in Obermenzing, in der er 1921 ein Laboratorium einrichtete. 1922 veröffentlichte Tausend im Selbstverlag die Broschüre „180 Elemente, deren Atomgewichte und Eingliederung in das harmonisch-periodische System“. Das Buch war eine Mischung aus halbverdauten angelesenen wissenschaftlichen Tatsachen und phantasievollen Theorien. Tausends Vorstellung nach sei die moderne Chemie falsch. Metalle seien organische Stoffe, die bei richtiger Behandlung wie Pflanzen wachsen könnten. Ferner hätten alle Elemente eine eigene „Schwingungszahl“ und könnten wie musikalische Akkorde harmonisch verbunden werden. Und wie Akkorde transponiert werden könnten, so könnten auch alle Elemente umgewandelt werden. Einige Jahre später bezeichnete ein Sachverständiger das Büchlein als „Phantasie eines ungebildeten Laien, der nicht logisch denken kann.“Goldmacher Ludendorff! In: Sozialdemokratischer Pressedienst, 19. Januar 1931, S. 12–14; fes.de (PDF; 3,9 MB)

Zweck des Buches war es, Geldgeber für seine Experimente zu gewinnen, was aber nicht gelang. Deshalb versuchte Tausend zunächst in seinem Kleinlaboratorium Kochsalz in Morphium und Lehm in Aluminium und Zinn zu verwandeln. Außerdem experimentierte er mit neuen Methoden zur Erzeugung von Nickellegierungen und Feinstahl und versuchte sich an Mitteln gegen Maul- und Klauenseuche sowie Blattläuse, alles ohne Erfolg. Nach dem Tode seines Bruders erwarb Tausend 1923 unter umstrittenen Umständen dessen Vermögen und ein Haus in Aubing, nachdem er diesen auf dem Totenbett veranlasst hatte, Frau und Sohn zu enterben.Heinrich Schleff: Der Goldmacher Franz Tausend, der größte Abenteurer der Gegenwart. Diessen vor München 1929, S. 19.

Über eine Zeitungsanzeige kam Tausend in Kontakt mit dem jungen Rechtsreferendar Rudolf („Rolf“) Rienhardt.Aussage Franz Tausend. Prozessprotokoll 1921. Staatsarchiv München AG 69.264; auszugsw. gedr. in: Franz Wegener: Der Alchemist Franz Tausend. Alchemie und Nationalsozialismus. Gladbeck 2006, S. 52–57. Dieser war seit seiner Jugend Mitglied völkischer Organisationen, seit Mai 1923 NSDAP-MitgliedMunzinger-Archiv 18/1948 v. 19. April 1948. und Mitte der 1920er-Jahre Mitbesitzer der Zeitung Völkischer Kurier, des „Kampfblattes“ der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung. Später wurde er Rechtsberater des nationalsozialistischen Eher-Verlags und nach 1933 ein führender NS-Pressefunktionär. 1924 war Rienhardt 21 Jahre alt und gerade mit der Frau eines preußischen Gutsbesitzers durchgebrannt, deren Geld er jetzt gewinnbringend anlegen wollte. Man gründete die „Tausend und Rienhardt G.m.b.H. zur Verwertung von Erfindungen“, die Rienhardts „Verlobte“ mit einem Kredit von 90.000 Reichsmark finanzierte.

Als „Goldmacher“ Um die Unterstützung Rienhardts nicht zu verlieren, erklärte Tausend Anfang 1925 erstmals, er könne auf chemischem Wege Gold herstellen. Rienhardt nahm Tausends Aussage ernst und sah in der industriellen Herstellung von Gold die Möglichkeit, Deutschlands finanzielle Bedrängnis durch die Reparationsforderungen des Versailler Vertrags zu lösen. Deshalb wandte er sich in Berlin an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, allerdings vergeblich. Darüber hinaus suchte er einigen Zeitungsberichten zufolge in der Reichskanzlei Kontakt zur Regierung Luther, wo er aber an General Erich Ludendorff als „Treuhänder“ des Reiches verwiesen wurde. Ludendorffs einzige Vorsichtsmaßnahme vor seinem persönlichen Engagement war die Prüfung von Tausends Verfahren durch Johannes Kummer, einen angeblichen „Fachmann“ aus seinem politischen Umfeld. Dieser war abgebrochener Chemiestudent ohne Abschluss, betrieb aber dennoch in Freiberg (Sachsen) ein biologisch-chemisches Laboratorium.Gehes Codex der pharmazeutischen Spezialpräparate. Dresden 1928, S. 163; Franz Wegener: Der Alchemist Franz Tausend. Alchemie und Nationalsozialismus. Gladbeck 2006, S. 57, 60f.

Tausend wandte verschiedene Methoden zur angeblichen Goldherstellung an. Zwei der Verfahren werden in der Literatur näher beschrieben:

Mit Ludendorff als Aushängeschild fanden sich schnell zahlreiche Investoren aus dem Kreis der „sich um die Nationalsozialistische Partei drängenden reichen Bürger“.Zwei Jahre. In: Sozialdemokratischer Pressedienst, 11. November 1930, S. 14; fes.de (PDF; 3,7 MB). Einer der Investoren beschrieb das später so: „Eine Sache, in der Ludendorff so stark engagiert war, schien so gut wie sicher.“Warum nicht Ludendorff? In: Frankfurter Zeitung v. 24. Januar 1931 (). Im Oktober 1925 wurde nun die „Gesellschaft 164“ unter sachkundiger Anleitung von Justizrat Christoph Schramm (1871–1966)1897 Zulassung als Anwalt. Schramm war im Hitler-Prozess Verteidiger Ernst Röhms gewesen. als juristischem Vertreter Ludendorffs gegründet. Syndikus der Firma wurde der Rechtsanwalt August Buckeley, ehemaliger nationalsozialistischer Stadtrat in München. Ferner achtete Ludendorffs Stiefsohn Heinz Pernet, Mitangeklagter im Hitler-Prozess 1924, darauf, dass die Interessen seines Stiefvaters gewahrt blieben. Geldgeber waren zahlreiche, meist rechts gerichtete Industrielle und Fabrikanten, unter anderem der Großkaufmann Adolf Held aus Bremen, der Freiberger Johann Küchenmeister, der an der Vorbereitung des Rathenaumords 1922 beteiligt war, der Berliner Ingenieur und Stahlfabrikant Alfred Mannesmann, Wilhelm Peters, Erich Watrin und Freiherr von Plattenberg-Mehrum aus Köln, Richard von Schoeller und sein Neffe Philipp Alois von Schoeller aus Wien, der Kaufmann Otto Tietgen und der Tabakfabrikant Johann Wilhelm von Eicken aus Hamburg sowie der Bankdirektor Leopold Osthoff aus München. „Nationalsozialisten als Geldgeber“, so fasste später die Kölnische Volkszeitung diese illustre Gruppe zusammen.Von einem „Goldmacher“ in Bayern. In: Kölnische Volkszeitung v. 12. Oktober 1929 ().

Die neu gegründete Gesellschaft begann ihre Tätigkeit mit 500.000 Mark Schulden, denn Ludendorff hatte einfach einen Teil seiner Gläubiger mit Firmenanteilen der nie offiziell eingetragenen GbR abgefunden. Nach dem Gesellschaftsvertrag sollte Ludendorff 75 % des Gewinns der Tausendschen Goldproduktion bekommen, Tausend selbst nur 5 %. 8 % sollten die Mitarbeiter, 12 % die Geldgeber erhalten. Da aber die Gesellschaft keine Gewinne erwirtschaftete, wurden die entsprechenden Summen aus den Einzahlungen der Geldgeber bestritten. Ludendorff sollte laut Gesellschaftsvertrag seinen Anteil „für vaterländische Zwecke und zum Besten des deutschen Volkes“ verwenden. Rechenschaft über den Verbleib des Geldes musste er aber nicht abgeben. In der Praxis wurde die „Gesellschaft 164“ als Geldwaschanlage für illegale Parteispenden benutzt und der überwiegende Teil des Geldes von Ludendorff zur Finanzierung des defizitären NS-Parteiblatts Völkischer Kurier verwandt.

Ende 1925 verlegte die „Gesellschaft 164“ ihren Sitz und das Laboratorium in das Forsthaus Gilching. Im Dezember 1926 nahm der inzwischen misstrauisch gewordene Ludendorff eine bevorstehende schwere Operation zum Anlass, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen, was zu deren Auflösung führte.Werner Richter: Der Prophet der feinen Leute. Goldmacher Tausend. In: Rudolf Olden (Hrsg.): Propheten in deutscher Krise. Das Wunderbare oder die Verzauberten. Berlin: 1932, S. 124.

Franz Tausend gründete daraufhin im Januar 1927 die „Chemische Studiengesellschaft Tausend e. V.“ mit Sitz in Frankfurt am Main. Diese erwarb 1928 zur Unterstützung des in Konkurs geratenen Freiberger Unternehmers Johannes Küchenmeister dessen ehemalige Flachsaufbereitungsanstalt auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Himmelfahrt Fundgrube in Freiberg zu einem deutlich überhöhten Preis von 150.000 RM und richtete darin ein weiteres Laboratorium ein. Tausend warb zu dieser Zeit auch für die Herstellung von Gold mittels von ihm konstruierter Heimapparate durch Arbeitslose. Außerdem ließ er weitere Anleger durch eine Art Schneeballsystem werben und begann wertlose „Goldgutscheine“ zu verkaufen.Franz Wegener: Der Alchemist Franz Tausend. Alchemie und Nationalsozialismus. Gladbeck 2006, S. 47, 58.

Zum Ende der 1920er Jahre war Tausend Besitzer mehrerer Schlösser, darunter der Ansitz Paschbach, das Schloss Eppan und das Schloss Tharandt. Letzteres ließ er aufwendig modernisieren, ohne die Handwerker zu bezahlen, und unterhielt unweit davon in Dresden eine komfortable Etagenwohnung.Heinz Fiedler: Der große Schwindel des Franz Tausend, Sächsische Zeitung, Ausgabe Freital, 19. September 2013, S. 20. Zudem hatte er 1927 vom Unternehmer Meinhold dessen Münchner Villa Romanstraße 25 gegen Überlassung von Unternehmensanteilen erworben. Dazu kamen zahlreiche Industrieanlagen. In der Regel wurden die Gebäude und Grundstücke auf den Namen von Tausends Frau eingetragen und unmittelbar nach dem Kauf durch Grundschulden hoch beliehen, oft weit über den Kaufpreis hinaus.Franz Wegener: Der Alchemist Franz Tausend. Alchemie und Nationalsozialismus. Gladbeck 2006, S. 46 Anm. 1.