Der Gewöhnliche oder Graubraune Flachstrecker (Philodromus cespitum), auch Braune Laufspinne genannt, ist eine Spinne aus der Familie der Laufspinnen (Philodromidae). Er ist holarktisch verbreitet und bewohnt als thermophile (wärmeliebende) Art bevorzugt sonnige Habitate (Lebensräume), kommt aber auch in Wäldern vor. Die Spinne ist von vergleichsweise kleiner bis mittelgroßer Länge und zeichnet sich durch ihre mehrheitlich braune Färbung aus.
Wie alle Laufspinnen ist der Gewöhnliche Flachstrecker ein tagaktiver Laufjäger, der euryphag (nicht auf bestimmte Nahrung angewiesen) ist und demnach beliebige Gliederfüßer, die er zu erbeuten vermag, erlegt. Der Paarung geht eine ausgeprägte Balz voraus. Das begattete Weibchen fertigt anschließend mehrere Eikokons an. Es betreibt Brutpflege und bewacht seine Kokons bis zum Schlupf der Nachkommen. Diese wachsen selbständig über mehrere Fresshäute (Häutungsstadien) heran und erlangen die Geschlechtsreife im Folgejahr.
In dem Gewöhnlichen Flachstrecker wird ein großes Potenzial im Rahmen der Biologischen Schädlingsbekämpfung gesehen, da sein Beutespektrum auch potentielle landwirtschaftliche Schädlinge umfasst, was ihn wiederum zu einem Nützling werden lässt. Dies trifft vor allem auf Plantagen von Obstbäumen zu, da die Spinne diese mit Vorliebe bewohnt und somit eine Anwendung als Nützling dort erleichtert.
Merkmale mini|Männchen Das Weibchen des Gewöhnlichen Flachstreckers erreicht nach Sven Almquist (2006) eine Körperlänge von 4,1 bis zu 6,4 Millimetern und das Männchen eine von 3,9 bis zu 6,5 Millimetern. Damit handelt es sich um einen kleinen bis mittelgroßen Vertreter der Echten Webspinnen (Araneomorphae). Der grundsätzliche Körperbau entspricht dem anderer Flachstrecker (Philodromus). Der für Spinnen typische Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) beschränkt sich bei dieser Art auf die Dimensionen, die Färbungen von Männchen und Weibchen sind einander identisch.
+ Maße des Peltidiums (Rückenschild des Prosomas, bzw. Vorderkörpers) des Gewöhnlichen Flachstreckers nach AlmquistGeschlecht Länge in mm Durchschnittliche Länge in mm Breite in mm Durchschnittliche Breite in mm Längen-Breiten-Verhältnis Durchschnittliches Längen-Breiten-Verhältnis Anzahl untersuchter TiereWeibchen1,82 bis 2,572,13 ± 0,191,85 bis 2,422,06 ± 0,170,98 bis 1,111,03 ± 0,0320Männchen1,79 bis 2,662,12 ± 0,241,69 bis 2,512,01 ± 0,210,96 bis 1,131,05 ± 0,0430 Das Peltidium (auch als Carapax bezeichnet) ist schokoladenbraun gefärbt und meist mit einigen hellen Flecken versehen. Auf ihm verläuft median (mittig) ein breites Band mit einer Bedeckung aus Setae (chitinisierten Haaren). Marginal ist der Carapax gelblich-weiß gefärbt. Der Clypeus (Abschnitt zwischen den anterioren Augen und dem Rand des Carapax) ist mit weißen Setae bedeckt. Die Cheliceren (Kieferklauen) tragen gelblich-weiße, hellbraune und braune Flecken. Das Sternum (Brustschild des Prosomas) ist hellbraun gefärbt und mit braunen Punkten versehen, sein Rand ist braun.
Die Beine haben eine hellbraune Färbung, die an den Gelenken am dunkelsten ausfällt. Alle Extremitäten sind kurzen, weißlichen Setae bedeckt und lateral (zur Seite hin) oftmals mit braunen Punkten gesprenkelt. Die Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) sind gelblich-braun gefärbt.
Das Opisthosoma (Hinterleib) ist dorsal (oben) hellbraun gefärbt. Anterior (vorn liegend) befindet sich auf der Dorsalfläche des Opisthosomas eine median angelegte Zeichnung und posterior (hinten liegend) davon breite, stumpfe, bräunliche Winkelstreifen. Die Spinnwarzen werden beidseitig von je einem dunkelbraunen, länglichen Fleck umgeben. Lateral ist das Opisthosoma braun gefärbt und mit weißlichen Flecken versehen. Ventral (unten) verfügt das Opisthosoma über eine gelblich-weiße Grundfarbe und ein hellbraunes Medianband. Die Buchlungen sind gelblich-weiß gefärbt.
Genitalmorphologische Merkmale +GeschlechtsorganeBulbusEpigyne106px100px Dem Cymbium (erstes und vorderstes Sklerit, bzw. Hartteil) eines einzelnen Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) des Gewöhnlichen Flachstreckers fehlen, anders als bei anderen Flachstreckern (Philodromus), die Makrosetae. Die Tibien (Schienen) der Pedipalpen haben beim Männchen je zwei Apophysen (Fortsätze), eine davon retrolateral (hinten seitlich) und die andere ventral angeordnet. Die retrolaterale Apophyse verläuft gerade und besitzt ein estutztes Ende, die ventrale ist größer, breiter und schräg verlaufend sowie mit einem retrolateralen sklerotisierten (verhärteten) Knauf ausgestattet. Der Embolus (drittes und letztes Sklerit des Bulbus) entspringt auf der prolateralen (vorne seitlichen) Fläche des Tegulums (zweites und mittleres Sklerit des Bulbus). Er weist eine große proximale (zur Mitte gelegene) Schwellung auf und erstreckt sich entlang des apikalen (zum Ende gelegenen) Teils vom Alveolus (Grube des Cymbiums).
Das Atrium (innere Kammer am Eingang) der Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) ist bei der Art mit gebogenen Lateralrändern begrenzt. Der posteriore Bereich der Epigyne weist feine Setae und erscheint umschlossen. Die Kopulationsöffnungen befinden sich an dem anterioren Randbereich der Epigyne und die Kopulationskanäle haben einen breiten und gebogenen Verlauf. Die Spermatheken (Samentaschen) sind birnenförmig.
Differenzierung von ähnlichen Flachstreckern mini|Weibchen des Goldgelben Flachstreckers (P. aureolus), einem der vielen dem Gewöhnlichen Flachstrecker ähnlichen Flachstreckern (Philodromus) Innerhalb der Gattung der Flachstreckern, deren Arten sich allesamt ähneln, teilt der Gewöhnliche Flachstrecker die meisten Gemeinsamkeiten mit dem Goldgelben (P. aureolus), dem Kiefern- (P. collinus), dem Räuberischen (P. praedatus) und Buchars Flachstrecker (P. burchari). Da sich alle Arten auch habituriell (vom Erscheinungsbild her) unterscheiden können, ist eine sichere Unterscheidung nur anhand der genitalmorphologischen Merkmale gegeben.
Die Pedipalpen des Männchens vom Goldgelben Flachstrecker haben je einen laterale und lange Vorwölbung an der ventralen Tibiaapophyse, die niedrig und ungekerbt ist, während der Rand des Atriums bei der Epigyne der Art je zwei Krümmungen hat. Die Setae des Atrium, das beim Goldgelben Flachstrecker eine mediane Furche hat, fallen hier eher kurz aus. Dem Männchen des Kiefernflachstrecker fehlen diese Vorwölbungen ganz und die Epigyne der Art wird durch ein anterior angelegtes und sehr schmales Septum (Trennwand) gekennzeichnet. Beim Männchen des Räuberischen Flachstreckers sind die Vorwölbungen hoch und gekerbt und der Atriumrand der Epigyne mit einer Krümmung versehen, während die Setae im Atrium bei der Art winzig sind und hier überdies die Medianfurche fehlt. Die retrolateralen Apophysen beim Männchen von Buchars Flachstrecker sind deutlich nach hinten gerichtet und vom jeweiligen Cymbium abgewandt positioniert, Die Kopulationsgänge vom Weibchen der Art haben einen Durchmesser von etwa dem 1,5-Fachen der Spermatheken und außerdem sind die Drüsenhügel undeutlich.
Verbreitung und Lebensraum mini|Weibchen in der Vegetation, gefunden in Lettland Das große Verbreitungsgebiet des Gewöhnlichen Flachstreckers erstreckt sich in der Holarktis über Nordamerika, Europa, die Türkei, Kaukasien, Russland (Europa bis zum Fernen Osten), Kasachstan, dem Iran, der Mongolei, China, Korea und Japan. In Europa selber ist die Art flächendeckend verbreitet und fehlt nach bisherigen Kenntnissen innerhalb Kontinentaleuropas lediglich in Bosnien und Herzegowina, Montenegro und dem Kosovo, der Republik Moldau sowie in fast allen Bereichen des europäischen Festlandteils von Russland einschließlich der Oblast Kaliningrad mit Ausnahme des zentraleuropäischen. Darüber hinaus fehlen Nachweise der Spinne innerhalb Europas von der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja, Franz-Josef-Land, der Inselgruppe Spitzbergen, Sardinien und Korsika. Ferner kommt der Gewöhnliche Flachstrecker nicht in Aserbaidschan vor und sein angebliches Vorkommen in Nordafrika ist bestreitbar. In Großbritannien ist die Art vor allem in weiten Teilen der südlichen Hälfte der Insel in den Tieflandgebieten anzutreffen, in der nördlichen jedoch deutlich verstreuter.
In Nordamerika kommt die Art über den größten Teil des Kontinents, mit Ausnahme der nördlichsten und südlichsten Abschnitte vor. Das Verbreitungsgebiet reicht im Norden vom Yukon-Territorium im Nordwesten bis Nova Scotia im Osten Kanads, im Süden von Kalifornien im Westen bis New Mexico, Illinois und New Jersey.C.D. Dondale & J.H. Redner (1976): A review of the spider genus Philodromus in the Americas (Araneida: Philodromidae). The Canadian Entomologist 108 (2): 127-157. doi:10.4039/Ent108127-2
Der Gewöhnliche Flachstrecker ist thermophil (wärmeliebend) und nimmt vor allem Heiden einschließlich Moorheiden, jedoch auch Wälder und Wiesen bei Seen als Habitat (Lebensraum) an. Hinsichtlich seiner Lebensraumwahl unterscheidet er sich vom gattungsverwandten und ebenfalls sehr häufigen sowie vielerorts sympatrisch (gemeinsam) vorkommenden Goldgelben Flachstrecker (P. aureolus) dadurch, dass letztere Art weniger Sträucher und Kräuter bewohnt.
Lebensweise mini|Auf einem Blatt sitzendes Weibchen am Tag Der Gewöhnliche Flachstrecker ist wie alle Laufspinnen (Philodromidae) mehrheitlich tagaktiv und hält sich in seinen Habitaten vor allem in verschiedenster Vegetation, darunter Kräutern, Stauden, Sträuchern oder auch Bäume. Beispiele darunter bilden Fichten, jüngere Eichen, Wacholder oder auch verschiedene Obstbäume. Dort hält er sich bevorzugt im Ast- und Blattwerk auf. Gelegentlich gelangt die Spinne auch in Häuser.
Die temporale Aktivität des Gewöhnlichen Flachstreckers variiert aber je nach Geschlecht, so ist das Männchen der Art während des Mittags grundsätzlich aktiver, das Weibchen dafür in der Dämmerung bis sogar nachts. Ein 24-Stunden-Rhythmus scheint gegeben zu sein, beim Weibchen ist zusätzlich ein sekundärer 12-Stunden-Rhythmus ausgeprägt. Dieses kathemerale (zeitliche) Muster zeugt wiederum von einer deutlich und je unterschiedlich ausgeprägten Circadianen Rhythmik bei Männchen und Weibchen.
Jagdverhalten und Beutespektrum mini|Weibchen mit erbeuteter Schnake Wie alle Spinnen lebt auch der Gewöhnliche Flachstrecker räuberisch und jagt nach Eigenart der Laufspinnen (Philodromidae) freilaufend und legt also kein Spinnennetz für den Beutefang an. Stattdessen erlegt er Beutetiere als Lauerjäger und erbeutet diese durch schnellen Zugriff. Die Art ist dabei euryphag (nicht auf bestimmte Nahrung angewiesen) und somit ein opportunistischer Jäger. Zu ihrem Beutespektrum zählen beispielsweise beileibige Insekten oder auch andere Spinnen.
Beim Gewöhnlichen Flachstrecker ist auch Intraspezifische Konkurrenz möglich und Individuen der Art erlegen sowohl Nahrungskonkurrenten als auch kleinere Beutetiere. Dies tritt insbesondere bei künstlichen Habitaten wie landwirtschaftlich genutzten Flächen oder auch halbnatürlichen Habitaten, die die Spinne bewohnt, auf. Auch die Größe spielt eine Rolle, da größere Individuen und vor allem Weibchen des Gewöhnlichen Flachstreckers für gewöhnlich eine höhere Fangrate aufweisen. Allerdings dürfte dieses Verhalten der Art durch die Eigenschaften der künstlichen Habitate beeinflusst werden, da diese ein anderes Nahrungsangebot aufweisen.
Lebenszyklus und Phänologie Der Lebenszyklus entspricht grundsätzlich dem anderer Flachstrecker (Philodromus). Die Phänologie (Aktivätsspanne) ausgewachsener Individuen der Art beläuft sich beim Weibchen der Art auf den Zeitraum zwischen April und November, beim Männchen fällt sie kürzer aus und beginnt ebenfalls am April, endet jedoch schon im September.
Fortpflanzung