mini|Lesgier tanzen die Lesginka um 1900 in Achty, Dagestan mini|Die türkischen Volkstänze der Regionen:Lesginka

Die Lesginka (Lesgisch Лезги кьуьл, ) ist ein Volkstanz mehrerer Ethnien Kaukasiens, vor allem der namensgebenden Lesgier, des Weiteren anderer Dagestaner, der Aserbaidschaner, Georgier, Osseten, Tscherkessen, Abchasen, Inguschen, Tschetschenen, Karatschaier, seltener der östlicheren Armenier und anderer kaukasischer Ethnien. Die Lesginka ist ebenso ein türkischer Volkstanz, der hauptsächlich von der aserbaidschanischen Minderheit in den nordöstlichen Provinzen der Türkei getanzt wird.

In der Türkei wird der Tanz auch als Kafkas Oyunları („kaukasische Tänze“) bezeichnet. In den zahlreichen Sprachen Kaukasiens hat der Tanz unterschiedliche Namen, beispielsweise , , älterer Name bis in die 1930er Jahre allein üblich: abgeleitet von einer älteren Bezeichnung für Dagestan, der auf das mittelalterliche Reich Leki im südlichen Dagestan zurückgeht, seltener oder (ostarmenisch artsvapar/arzwapar ‚Adlertanz‘), oder Ловзар(г) Lowsar(g), in den beiden tscherkessischen Schriftsprachen adygeisch islamij und , oder der Großen Sowjetischen Enzyklopädie (russisch).

Der ältere georgische Name und der russische Name deuten an, dass zumindest wesentliche Elemente des Tanzes in Dagestan, vielleicht auch vorwiegend in südlichen Teilen, entwickelt wurden. In Georgien und auch anderen kaukasischen Regionen gibt es mehrere Tänze mit eigenen Namen, die im Russischen und anderswo als Lesginka zusammengefasst werden.Gadjimuradov S. 157

Beschreibung mini|hochkant|Dolchtanz (wahrscheinlich der professionelle ossetische Tänzer Alexander Dzusov)

Die Musik der Lesginka steht im sehr schnellen und dynamisch wirkenden 6/8-Takt. Traditionelle Musikinstrumente sind die Bechertrommel tombak, die Rahmentrommel ghaval oder das georgische Kesseltrommelpaar diplipito, später kam unter anderem das Akkordeon garmon hinzu.

Bei der Lesginka handelt es sich um einen Paar- oder Gruppentanz oder einen Männertanz. Die Teilnehmer sind oft in traditionelle Trachten gekleidet, die Männer tragen ein Schwert an der Seite und die Frauen lange geschmückte Kleidung. Der Mann tanzt in schnellen und kurzen Schritten, danach fällt er durch einen kreiselnden Sprung auf die Knie und springt wieder auf. Die Frau dagegen bewegt sich in einigen westlichen kaukasischen Regionen langsam und getragen. Diese Rollenteilung, die es im östlichen Kaukasus so nicht gab, wird heute nicht mehr so strikt beibehalten. Traditionell wird der Tanz in einem Zuschauerkreis getanzt, wobei die Zuschauer entweder mit den Händen oder auch mit Peitschen- oder Säbelhieben auf den Boden den Takt klatschen und sich manchmal abwechselnd am Tanz beteiligen. Ein Element der Lesginka ist ein Tanz auf den Zehenspitzen, ein weiteres ein Dolchtanz, bei dem fünf oder mehr Dolche aus der Hand geworfen oder im Mund gehalten und durch einen Schwung in die Erde gerammt werden. Es gibt auch Tänze, bei denen mit Säbeln und Schilden ein Fechtkampf tänzerisch angedeutet wird.

Der Säbeltanz von Aram Chatschaturjan verarbeitet Elemente der Lesginka. Der Säbeltanz ist der bekannteste Satz des Balletts Gayaneh, das auch ein mit Lesginka überschriebenes Stück enthält. Das Klavierstück Islamej von Mili Balakirew ist von den Tänzen des Nordwest-Kaukasus, besonders der Tscherkessen inspiriert. Auch die Kaukasische Suite Nr. 2 (Iweria) für Orchester von Michail Ippolitow-Iwanow enthält als dritten Satz ein sehr wirkungsvolles als Lesginka betiteltes Stück.

Ursprünge und Lebensbereiche Regionale Herkunft Sicher ist, dass die Lesginka ursprünglich aus Dagestan stammte. Ob sie nur aus dem südlichen Dagestan mit angrenzenden Gebieten Nord-Aserbaidschans von den Lesgiern und sprachlich nahe stehenden lesgische Ethnien der lesgischen Sprachgruppe (neben Lesgier auch Tabassaranen, Agulier, Rutulen, Zachuren und kleinere Gruppen) stammen, oder aus ganz Dagestan (auch Awaren, Darginer, Laken, Kumyken und andere Ethnien) ist nicht ganz geklärt. Als russische Reisende Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts die Lesginka erstmals beschrieben, fanden sie sie zumeist im südlichen Dagestan vor.Gadjimuradov S. 157 Allerdings hat in dieser Zeit der sogenannte „Muridenaufstand“, besonders Imam Schamil, profane Musik- und Tanztraditionen, auch Reigentänze, in denen sich Fremde anfassen, in seinem Herrschaftsbereich, dem Siedlungsgebiet der Awaren, Laken und Darginer, wie auch der Tschetschenen als „unislamisch“ bekämpft. Die einst in Dagestan wie im ganzen Großen Kaukasus weit verbreiteten polyphonen Gesänge wurden dadurch verdrängt und sind nur noch bei den Kumyken am Nord- und Ostrand des dagestanischen Berglandes verbreitet.Gadjimuradov S. 156–157 Es ist somit möglich, dass die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in zentral- und westdagestanischen und tschetschenischen Gebieten verbreiteten profanen schnellen Tänze (neben religiösen polyphonen Sufi-Dhikr-Gesängen und -Tänzen, die Kunta Haddschi Kischijew damals verbreitete) entweder wiederbelebte ältere regionale Traditionen oder aus Süddagestan übernommene Tänze sind. Die russische Bezeichnung des 19. Jahrhunderts „Lesgier“ () und auch die ältere georgische Bezeichnung Leki () kann sowohl im engeren, genaueren Sinne das südliche Dagestan und seine Bewohner, wie auch im weiteren Sinne ganz Dagestan bezeichnen.Gadjimuradov S. 159–160

Als türkischer Volkstanz wird die Lesginka mehrheitlich von der aserbaidschanischen Minderheit in den nordöstlichen Provinzen Ardahan, Iğdır und Kars getanzt. Diese Provinzen gehörten vom Friede von Turkmantschai 1828 (Provinz Iğdır) bzw. vom Berliner Kongress 1878 (Provinzen Kars und Ardahan) bis zum Vertrag von Batumi 1918, endgültig zum Vertrag von Kars 1922 zu Russisch-Kaukasien und standen in dieser Zeit im Kulturaustausch mit den übrigen kaukasischen Regionen.

Gleichsetzung anderer schneller Kaukasustänze, Ausbreitung und wechselseitige Einflüsse Die Herkunft aus Dagestan wird oft verwischt, weil die russische Bezeichnung „Lesginka“ schon im 19. Jahrhundert als unspezifische Sammelbezeichnung für sehr schnelle kaukasische Tänze verwendet wurde, von denen es in einigen kaukasischen Gebieten auch eigene ältere Traditionen gab. Dazu gehörten besonders Kriegstänze, wie der georgische Chorumi (, aus Gurien), der Kasbeguri (, aus der Region um den Kasbek), der Parza (, auch aus Gurien, einer der Regionaltänze, aus dem die Tradition stammt, dass die Tänzer einen „Turm der Lebenden“ bilden), der Chandschluri () oder der tscherkessische Lh'eperyschwe (adygeisch лъэпэрышъу, auch als leperischu vereinfacht, aber lautlich fehlerhaft umschrieben), aber auch Paar- und Geschlechtertänze, wie der georgische Adscharuli (, aus Adscharien), der Chewsuruli (, aus Chewsuretien und Umgebung), der Mtiuluri (, aus der ostgeorgischen Region Mtiuletien), der tscherkessische Zighelh'et (adygeisch: Зыгъэлъэт) oder der ossetische Simd(i).

Als die dagestanische Lesginka seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nochmals verstärkt in der sowjetischen Kulturpolitik der Korenisazija ab den 1920er Jahren, zu einem Modetanz wurdeGadjimuradov S. 157 und sich über viele Regionen Russisch-Kaukasiens ausbreitete, übernahmen diese älteren Tänze oft musikalische, instrumentale und choreografische Elemente der Lesginka oder beeinflussten sich mit ihr wechselseitig. Die so oft angenäherten Tänze einheimischer Tradition werden in vielen Regionen bis heute von der eigentlichen, übernommenen Lesginka unterschieden. Manchmal wurde sie aber auch einfach umbenannt und so zur eigenen Tradition erklärt. In Georgien wurde der Lekuri (=„aus Leki/(Süd-)Dagestan“) in den 1930er Jahren zu Kartuli (=„der Georgische/Kartlische“) umbenannt.Gadjimuradov S. 158

In der Gegenwart wird die Lesginka häufig, auch mit Elementen anderer Tänze, in Vorstellungen von professionellen Tänzern dargeboten, auch einige spontan wirkende Darbietungen auf Hochzeiten zeigen gemietete Tänzer. Daneben ist sie aber, besonders im Nordkaukasus, in Georgien und Aserbaidschan eine allgemein verbreitete Tradition.

Adlertanz mini|hochkant=1.5|Darstellung einer Lesginka von Männern in Dagestan, Wassili Wereschtschagin 1867

Viele Ethnologen vertreten die Hypothese, dass die eigentliche Lesginka aus Dagestan oder aus dem südlichen Dagestan ursprünglich aus einem vorislamischen schamanistischen „Adlertanz“ entstanden ist. Die oft ausgebreiteten, manchmal vor dem Körper angelegten Arme sollten ursprünglich die Bewegungen der Schwingen fliegender oder sitzender Adler imitieren. Der Gang oder das Schreiten auf Zehenspitzen und der Sprung der Beine nach oben sollten ursprünglich ihre Lauf- und Hüpfbewegungen auf ihren Krallen nachahmen. Für die Lesginka selbst wird der Bezug zu Adlern in einigen folkloristischen Legenden Dagestans, mit einzelnen Namen, wie der armenischen Bezeichnung, oder auch mit dem charakteristischen Ruf hars! / hurs! hergestellt.

Adler sind bis heute für viele dagestanische Ethnien, besonders die Lesgier, das Symboltier. In regionalen Mythen tragen Adler die Seelen der verstorbenen Ahnen. Etymologisch wird die älteste Selbstbezeichnung der Lesgier, Leq'er (vergleiche Artikel zu den historischen Legai) vom lesgischen Wort für Adler hergeleitet.Gadjimuradov S. 156–161

Dieser folkloristische Zusammenhang liegt nach der ethnologischen Hypothese wahrscheinlich in der bis ins Mittelalter überlieferten vorislamischen Bestattungspraxis begründet. Verstorbene wurden im Kaukasus in vorchristlich-vorislamischer Zeit einige Wochen im Haus sitzend aufgebahrt. Danach wurden sie in vielen anderen kaukasischen Gebieten als Luftbestattung in Nekropolen niedergelegt (erhalten ist z. B. das ossetische Dargaws), in Teilen Dagestans waren früher auch Himmelsbestattungen üblich, bei denen die Verstorbenen von Raubtieren, besonders Greifvögeln dekarniert wurden. Ob es sich um einen Einfluss des damals im benachbarten Aserbaidschan verbreiteten Zoroastrismus handelt, der Himmelsbestattungen im Dachma („Türmen des Schweigens“) praktizierte, oder unabhängige Traditionen (in vielen Teilen Tibets und Sichuans gibt es bis heute Himmelsbestattungen ohne zoroastrischen Hintergrund), ist offen. Weil Adler und andere Greifvögel so auch das Blut als vorgestellten Sitz der Seele aufnahmen, bildete sich die Vorstellung, dass sie Träger der Seelen der Vorfahren seien. Adler wurden zum Totem-Tier der Gemeinschaft in vorislamischer Zeit. Nach dieser Theorie wäre die charakteristische Choreografie der Lesginka also ein Echo schamanistischer Trancetänze, mit denen einst in vorislamischer Zeit über Adler Kontakt zu den Verstorbenen aufgenommen worden sei.Gadjimuradov S. 161–164

Krieger- und Männertanz mini|hochkant=1.5|Aufführung eines Fechttanzes des nach der georgischen Region Letschchumi benannten Ensembles in Plowdiw 2012, die Tänzer tragen hier chewsurische Kopfbedeckungen.