mini|Thilo Sarrazin (2014)
Thilo Sarrazin (* 12. Februar 1945 in Gera) ist ein deutscher Volkswirt, Autor und Politiker (parteilos, zuvor SPD). Von 1975 bis 2010 war er im öffentlichen Dienst tätig und von 2000 bis 2001 in leitender Position bei der Deutschen Bahn AG. Von 2002 bis April 2009 war Sarrazin für die SPD Finanzsenator im Berliner Senat und anschließend bis Ende September 2010 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank.
Sarrazins kontroverse Thesen zur Finanz-, Sozial-, Migrations- und Bevölkerungspolitik stießen bereits verschiedene gesellschaftliche Diskussionen an. Nachdem Sarrazin mit Ratschlägen an Hartz-IV-Empfänger überregional bekannt geworden war und mit Deutschland schafft sich ab 2010 einen umstrittenen Bestseller geschrieben hatte, schied er aus dem Bundesbankvorstand aus.
Sarrazin war in den Jahren 1973 bis 2020 Mitglied der SPD. Am 31. Juli 2020 hat die deren Bundesschiedskommission ihn im Zuge eines dritten Parteiordnungsverfahrens wirksam aus der Partei ausgeschlossen.
Werdegang Thilo Sarrazin, ältestes von vier Kindern des Arztes und Schriftstellers Hans Christian Sarrazin (1914–2013) und der Künstlerin Mechthild Sarrazin, geb. von Fischer (1920–2014), wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Gera geboren, wo seine Mutter – Tochter eines westpreußischen Gutsbesitzers – auf der Flucht aus den deutschen Ostgebieten vorübergehend bei Verwandten untergekommen war. Er wuchs in Recklinghausen auf und machte 1965 am dortigen altsprachlichen Gymnasium Petrinum das Abitur.Edo Reents: Ein Star: Die Messe des Thilo Sarrazin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10. Oktober 2010.Thilo Sarrazin. In: B.Z. Sonntags-Spaziergang. 15. Januar 2006.Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. DVA, 2010, ISBN 3-421-04430-9, S. 192 ff.Constanze von Bullion: Sarrazin geht zur Bundesbank – Rechnen und abrechnen. In: Süddeutsche.de. 17. Mai 2010.Ulrich Zawatka-Gerlach: Thilo Sarrazin: Eitelkeit und Fegefeuer. In: Der Tagesspiegel. 28. August 2010. Nach dem Wehrdienst studierte er von 1967 bis 1971 Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn, arbeitete dort anschließend als Assistent am Institut für Industrie- und Verkehrspolitik und wurde 1973 bei Fritz Voigt an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät zum Dr. rer. pol. promoviert. In seiner Dissertation behandelte er wissenschaftstheoretische Probleme der Wirtschaftsgeschichte aus dem Blickwinkel des Kritischen Rationalismus. Von November 1973 bis Dezember 1974 war Sarrazin wissenschaftlicher Angestellter der Friedrich-Ebert-Stiftung. In dieser Zeit trat er der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei.
Ab 1975 war Sarrazin im öffentlichen Dienst des Bundes tätig, von 1975 bis 1978 als Referent im Bundesministerium der Finanzen (1977 Abordnung zum IWF nach Washington, D.C.), anschließend bis 1981 als Referatsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, ab 1981 erneut im Bundesfinanzministerium. Im Zeitraum 1978–1982 war er als Redenschreiber für Hans Apel tätig. Von Oktober 1981 an war er dort Büroleiter und enger Mitarbeiter von Bundesfinanzminister Hans Matthöfer und dessen Nachfolger Manfred Lahnstein. Nach Ende der sozialliberalen Koalition im Oktober 1982 blieb Sarrazin im Bundesfinanzministerium, wo er zeitweise für den Bereich Schienenverkehr zuständig war und nacheinander mehrere Referate leitete, darunter 1989 bis 1990 das Referat Innerdeutsche Beziehungen, das die deutsch-deutsche Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zusammen mit dem damaligen Bundesminister Theo Waigel und Staatssekretär Horst Köhler vorbereitete.Kurzzusammenfassung der Sat.1-Fernsehsendung (Version vom 29. März 2013 im Internet Archive) über Thilo Sarrazin vom 9. Januar 2011. Von 1990 bis 1991 arbeitete Sarrazin für die Treuhandanstalt. Bis 1997 war er Staatssekretär im Ministerium der Finanzen Rheinland-Pfalz, danach Vorsitzender der Geschäftsführung der Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG Immobilien).
Von 2000 bis Dezember 2001 war er bei der Deutschen Bahn, von Januar 2002 bis April 2009 Berliner Senator für Finanzen und von Mai 2009 bis September 2010 Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank.
Infolge der Operation eines gutartigen Tumors an Nerven des Innenohrs im August 2004 ist seine rechte Gesichtshälfte teilweise gelähmt.Vgl.: Nach seiner schweren Tumor-OP am Ohr – Senator Sarrazin: Gesicht gelähmt? In: B.Z. Berlin. Lokales, 28. August 2004, abgerufen am 11. September 2010.Benjamin von Stuckrad-Barre: Thilo Sarrazin, der Rockstar der Sozialdemokratie. In: Welt Online. 11. April 2010, abgerufen am 2. September 2010.
Sarrazin ist seit 1974 verheiratet mit der Grundschullehrerin Ursula Sarrazin geb. Breit (* 1951), Tochter des ehemaligen DGB-Vorsitzenden Ernst Breit, und hat zwei Söhne.Angaben des Verlags von Frau Sarrazin, abgerufen am 12. Oktober 2021.
Im Dezember 2016 wählte das Magazin Cicero Sarrazin auf Platz fünf seiner Liste der wichtigsten deutschen Intellektuellen.https://cicero.de/salon/cicerorangliste-2016-martin-walser-ist-der-wichtigste-intellektuelle
Deutsche Bahn AG Zwischen Frühjahr 2000 und Dezember 2001 war Sarrazin bei der Deutschen Bahn beschäftigt, zunächst vier Monate als Leiter der Konzernrevision In: Berliner Morgenpost. 19. Februar 2009 (Interview). und ab 1. September 2000 als Vorstandsmitglied der DB Netz, zuständig für Planung und Investitionen.Neuer Vorstand für DB Netz. In: Eisenbahn-Revue International. Heft 8–9/2000, , S. 340. Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG stimmte seiner Abberufung im November 2001 zu.Umbau der DB-Führungsstruktur. In: Eisenbahn-Revue International. Heft 1/2002, , S. 2. Er wurde bis zum Vertragsende 2005 vom Dienst freigestellt; mit dem Amtsantritt als Finanzsenator von Berlin zu Anfang 2002 entfiel der zunächst weiter bestehende Vergütungsanspruch, wogegen Sarrazin vergeblich klagte. Laut dem Ex-Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, sei Sarrazin das einzige Vorstandsmitglied gewesen, von dem er sich in seiner Zeit bei der DB habe trennen müssen: Dieser habe sich nicht an gemeinsame Beschlüsse gehalten.„Despoten funktionieren nicht mehr“. In: Brand eins. Heft 5/2011, S. 102–107. Sarrazins Verhältnis zu Mehdorn wird als „Dauerfeindschaft“ beschrieben.Hartmut Mehdorn: „Diplomat wollte ich nie werden“. Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg. Hoffmann und Campe, Berlin 2007, ISBN 978-3-455-50047-9, S. 136 f.
Sarrazin gilt als maßgeblicher Entwickler des Volksaktienmodells der Deutschen Bahn, das die Ausgabe von stimmrechtslosen Volksaktien vorsah, um das Mitspracherecht privater Investoren zu begrenzen und das geplante Modell der Kapitalprivatisierung zu Fall zu bringen. Er gilt als Befürworter einer Ausrichtung der Bahn auf Wirtschaftlichkeit gemäß einer Kosten-Wirksamkeits-Analyse.
Berliner Senator für Finanzen Im Januar 2002 wurde Sarrazin Senator für Finanzen im Senat Wowereit II; ab 2006 gehörte er in gleicher Funktion auch dem nachfolgenden Senat Wowereit III an.
Bei seinem Amtsantritt verzichtete Sarrazin öffentlichkeitswirksam auf Senatorenbezüge und wollte den Haushalt Berlins als „One-Dollar-Man“ sanieren. Die doppelt so hohen Bezüge aus seinem ruhenden Dienstverhältnis bei der Deutschen Bahn (DB) sollten seiner Auffassung nach jedoch weitergezahlt werden.Thilo Sarrazin: „One-Dollar-Man“ wider Willen. In: Der Spiegel. 19. März 2002. Die Deutsche Bahn lehnte die Gehaltsfortzahlung unter Verweis auf das Berliner Senatorengesetz und mit der Begründung ab, dass ein Senator keine anderweitigen Entgelte beziehen dürfe, um seine Unabhängigkeit zu gewährleisten.Stellungnahme der Deutschen Bahn. In: na presseportal. 19. März 2002. Der Arbeitsvertrag mit Sarrazin war nach Auffassung der DB rechtswirksam gekündigt worden, weil der Senator es versäumt habe, die Zustimmung des Bahn-Aufsichtsrats zu seiner Berufung in den Senat einzuholen. Das Landgericht Frankfurt am Main wies eine entsprechende Klage Sarrazins auf Gehaltsfortzahlung durch die DB am 19. Juni 2002 ab.Sabine Deckwerth: Sarrazin verliert den Streit ums Gehalt. In: Berliner Zeitung. 20. Juni 2002.Hendrik Werner: In: Berliner Morgenpost. 20. Juni 2002.
Sarrazin hielt an der klassischen Kameralistik für die Haushaltsführung kommunaler Behörden fest.Dietrich Budäus: Sarrazins Rechnung geht nicht auf. Zur Notwendigkeit der Kosten-Leistungs-Rechnung (KLR) und der Doppik in öffentlichen Verwaltungen. In: Der Neue Kämmerer. Nr. 3, Juli 2008, S. 3, . Materiell führte er eine strenge Spar- und Haushaltspolitik durch. 2007 kam es zum ersten Mal in der Geschichte des Landes Berlin zu einem Haushaltsüberschuss (80 Millionen EUR).Senatsverwaltung für Finanzen: (Version vom 7. November 2009 im Internet Archive). In: berlin.de. Haushaltsüberschuss. Berlin schafft erstes Etatplus seit dem Krieg. In: Spiegel Online. 9. Januar 2008:
Mit 46 Nebentätigkeiten war Sarrazin im Juni 2008 das Senatsmitglied mit den meisten Nebentätigkeiten. Er war unter anderem Mitglied des Aufsichtsrats der Berliner Verkehrsbetriebe, der Charité, der Investitionsbank Berlin und der Vivantes GmbH.
Im Rahmen der Tempodrom-Affäre wurde ihm vorgeworfen, Landesgelder regelwidrig vergeben zu haben. Die Staatsanwaltschaft erhob im November 2004 Anklage. Gegen den ermittelnden Oberstaatsanwalt reichte Sarrazin eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Das Landgericht Berlin lehnte im Dezember 2004 die Eröffnung eines Hauptverfahrens wegen Unschlüssigkeit ab.
Sarrazin wusste schon 2006 von der rechtswidrigen Vergabepraxis bei Aufträgen der landeseigenen HOWOGE Wohnungsbaugesellschaft und billigte sie.Lars von Törne: Howoge: Transparency rügt Sarrazin. In: Der Tagesspiegel. 21. Oktober 2010. Diese hatte in den Jahren von 2002 bis 2009 in 18 Fällen Planungsaufträge nicht ausgeschrieben, sondern direkt vergeben. Einer der Hauptauftragnehmer war das Ingenieurbüro des SPD-Politikers Ralf Hillenberg. Nach Bekanntwerden der Verstöße wurden die beiden Geschäftsführer der HOWOGE, die wie Hillenberg SPD-Mitglieder waren, fristlos entlassen. Ein Untersuchungsausschuss des Parlaments befasste sich mit dem Vorgang; die Opposition bemängelte parteiinternen Filz, während die SPD-geführte Regierungskoalition keine Versäumnisse im rechtlichen Sinn erkannte.Ulrich Paul: In: Berliner Zeitung. 16. August 2011.
Im Jahr 2007 genehmigte Sarrazin als Aufsichtsratsvorsitzender der Berliner Verkehrsbetriebe BVG fahrlässig ein riskantes Spekulationsgeschäft, das er nicht vollständig verstand. In der Aufsichtsratssitzung vom 25. April 2007 dauerte die Behandlung des Punktes des Geschäfts, das eine Collateralized Debt Obligation (CDO) von JP Morgan beinhaltete, inklusive Abstimmung nur vier Minuten. Nur ein Aufsichtsratsmitglied sprach eine fehlende Stellungnahme zu Risiken durch BVG-Anwälte an. Sarrazin forderte eine sofortige Abstimmung. Ohne Gegenstimme, bei Enthaltung durch die Arbeitnehmervertreter, wurde das Geschäft genehmigt. Im Jahr 2008 führte es zu einem Verlust von 204 Mio. EUR. In einer Klageschrift gegen die Bank JP Morgan führt die BVG vor einem Londoner Gericht aus, dass derartige Geschäfte ihr als Anstalt des öffentlichen Rechts durch Gesetz und Satzung verboten und daher nichtig seien. Strafrechtlich ist der Vorgang nach fünf Jahren verjährt. Schadensersatzforderungen gegen die Geschäftsführung und den Aufsichtsrat der BVG werden vom Berliner Senat geprüft.Sebastian Heiser: Spekulationsgeschäft der BVG: Geisterfahrer kommen davon. In: taz.de. 27. Januar 2014.Teure Finanzwette der BVG: Keine Ahnung, keine Schuld. In: Süddeutsche.de. 27. Januar 2014.