rechts|300px| mini|Kastell und Vicus von Zwentendorf, 1. bis 2. Jahrhundert n. Chr. mini|Das Waldstück Weingartl oder Remise, links der Bundesstraße 226, bedeckt heute teilweise das Areal des Kastells, Blick aus Südwest. mini|Nördlicher Abbruch der Niederterrasse, Blick aus West mini|Römische Gewandfibel in Form eines Seepferdchens aus Zwentendorf, gefunden 1969 mini|Römische Funde aus dem Kastell: rechts und links oben, Gewandfibeln, unten, Terra Sigillata aus Rheinzabern (Tabernae), 2.–3. Jahrhundert mini|Fragmente einer Bronzestatue mit Silbereinlagen aus dem Kastell Zwentendorf (Römermuseum Tulln)
Kastell Zwentendorf war Teil der Festungskette des römischen Limes Noricus in Österreich und liegt im Bundesland Niederösterreich, Bezirk Tulln, Gemeinde Zwentendorf.
Das nur in seinem südwestlichen Bereich erhaltene Areal des Hilfstruppenkastells (Auxilia) wurde im Zuge einer mehrere Jahre dauernden Ausgrabung am Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre teilweise freigelegt und untersucht, danach wieder zugeschüttet. Es zählt zu den am besten erforschten Limeskastellen in Österreich. Gemeinsam mit dem Lager werden im Artikel auch die beiden Wachtürme von Maria Ponsee behandelt. Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Name In der Tabula PeutingerianaSegmentum/IV/5. ist an der Route Vindobona–Lauriacum eine Station namens Piro torto verzeichnet, die je 8 römische Meilen von Commagenis und Trigisamum entfernt war. Der antike Name des Kastells wurde anfangs auch mit Piro torto gleichgesetzt (Friedrich von Kenner, M. Klein, Eduard Zenker). Es wurde zunächst unter anderem auch bei Pischelsdorf vermutet.
Kurt Hetzer schlug erstmals vor, Piro torto bei Zwentendorf/Krottendorf zu lokalisieren, da dieser Punkt etwa 12,3 km von Tulln und 11,2 km von Traismauer entfernt lag. Weiters liegt es in der Mitte der sogenannten drei „Bierbaumgemeinden“ (Moosbierbaum, Oberbierbaum und Bierbaum am Kleebühel). Bierbaum bedeutet eigentlich Birnbaum und Piro torto könnte man somit nach Ansicht Hetzers mit „gekrümmter Birnbaum“ übersetzen. Stichhaltige Beweise konnte er aber für diese These keine erbringen.
Franz Ertl versuchte sogar Favianis ins Treffen zu führen, da unter anderem die im gleichnamigen Kastell stationierte Flotteneinheit dort eine gute Operationsbasis vorgefunden hätte und in der Severinsvita auch die dortigen Obstgärten erwähnt sind. In der Vita wird aber auch das oppidum Asturis erwähnt, in dem sich Severin kurzzeitig aufgehalten haben soll.Vita Sancti Severini 1,1:...parvo oppido, quod Asturis vocabatur…
Aufgrund der zahlreichen Funde von Ziegelstempeln der cohors I Asturis nahm Herma Stiglitz den Namen Asturis für das Zwentendorfer Kastell an.Notitia dignitatum, occ. XXXIV/XXXXV, Eugippius, Vita Sancti Severini, 1 Piro torto wird nicht in der Notitia dignitatum erwähnt. Für Stiglitz war es nur eine Station des staatlichen Kurierdienstes (cursus publicus), von der sich möglicherweise die Namen der drei Bierbaumorte abgeleitet hatten. Ausschlaggebend waren für sie auch die Größe des Kastells, die für 500 Mann (cohors quinquenaria) ausgerichtet war, die Lage westlich von Cannabiaca und der Umstand, dass in der Severinsvita von der völligen Zerstörung Asturis’ um 500 n. Chr. berichtet wird.Herma Stiglitz: 1973 c, S. 48. Diese Theorie wird allerdings nicht einhellig in der Fachwelt anerkannt. Ein in Zwentendorf gefundenes Bleietikett (Tessera) nennt einen Standartenträger (Signifer) aus Asturis (Novelli / signiferi // sin(gularis eques?) ab Astur(is)). Auch die heutige Forschung plädiert aufgrund von Ziegelstempelfunden und einer auch auf mehreren Militärdiplomen für Noricum genannten cohors I Asturum für Asturis., EDH; Orsolya Heinrich-Tamáska (Hrsg.): Keszthely-Fenekpuszta im Kontext spätantiker Kontunitätsforschung zwischen Noricum und Moesia. Castellum Pannonicum Pelsonense. Vol. 2, Archäologisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Geisteswissenschaftliches Zentrum, Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e. V. Balatoni Múzeum (Balatoni-Museum). Verlag Marie Leidorf GmbH, Budapest • Leipzig • Keszthely • Rahden/Westf. 2011. Darin: Peter Scherrer: Noricum in der Spätantike – Zu den Forschungen des vergangenen Jahrzehnts (mit einem Beitrag von Bernhard Schrettle), S. 109–110.
Lage Die Gemeinde Zwentendorf liegt ca. 13 km westlich der Bezirkshauptstadt Tulln, unmittelbar am Ufer der Donau. Das Kastellareal umfasst einen Acker und den Rand eines kleinen Waldstückes, genannt „Remise“ oder auch „Weingartl“. Dieses befindet sich ungefähr 1,5 km westlich des Ortskerns und des Donauufers nach der Abzweigung zum AKW Zwentendorf, zwischen der Landesstraße L112 und dem Wagram. Oberirdisch ist vom Kastell nichts mehr zu sehen, seine von Archäologen freigelegten Überreste mussten nach den Grabungskampagnen in den 1950er- und 1960er-Jahren wieder zugeschüttet werden, da das Areal landwirtschaftlich genutzt wird. Das Kastell lag zur Römerzeit auf einer etwa zwei Meter hohen, vor Hochwasser geschützten nach Norden hin abfallenden Niederterrasse, wie aus einer deutlich erkennbaren Geländestufe noch heute ersichtlich ist, unmittelbar an einem ehemaligen Uferstreifen der Donau, die im Laufe der Jahrhunderte auch die nördliche Hälfte des Kastellareals restlos abgeschwemmt hat. Das Ufer des Hauptstromes befand sich in der Antike in unmittelbarer Nähe, sodass man vom Kastell aus einen direkten Zugang zur Donau hatte und trotzdem gleichzeitig durch die sumpfigen und damit nur schwer überwindbaren Flussauen geschützt war.
Straßenverbindungen Vom Südtor führte der Fahrweg zu der weiter südlich verlaufenden Limesstraße, die von Vindobona über Tulln (Comagena) nach Traismauer (Augustianis) und Mautern (Favianis) bzw. St. Pölten (Cetium) weiterführte. Ein weiterer Fahrweg führte von der Südwestecke des Kastells nach Südwesten, eine andere Nebenstraße verlief im Südosten am Kastell vorbei. Das römische Straßennetz rund um Zwentendorf konnte bis heute nicht genau lokalisiert werden. Es gilt jedoch als sicher, dass das Kastell darin eingebunden war.
Funktion Zusammen mit den benachbarten Kastellen von Comagena (Tulln) und Augustianis (Traismauer) hatte die Besatzung von Zwentendorf – neben der Grenzüberwachung und Nachrichtenweitergabe – wohl vor allem die Sicherung der Verkehrswege im Tullner Becken zu gewährleisten. Beim Kastell trafen wichtige Straßen aus dem Norden (vom Böhmerwald und von Wagram) und Süden (Alpenvorland) zusammen und führten in Richtung Donautal weiter.
Forschungsgeschichte 19. Jahrhundert St. Neill führte 1883 auf dem Areal erste oberflächliche Untersuchungen durch und stellte fest, dass zwar über Tage keine römischen Ruinen aufgefunden wurden, jedoch „… rundes starkes Mauerwerk …“ vorhanden war. Nach einem Bericht des Dorflehrers von Zwentendorf, Anton Zündel,1895, S. 248 ff. waren damals im Waldstück des sogenannten Weingartl noch größere Mauerreste einer mittelalterlichen Turmruine („Krottenturm“) zu sehen. Auch auf der Schweickhartischen KarteF. X. J. Schweickhart: 1831–1861. von 1831 ist unter anderem westlich von Zwentendorf ein Gebäude eingezeichnet, das vermutlich den Standort dieser Anlage markierte.Herma Stiglitz, 1975b, Abb. 3. Im Franziszeischen Kataster (1817–1861) ist auf dem Blatt für Zwentendorf die Parzelle 729 als „Grottenthurm Braiten“ angegeben. Die Mauerreste wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der Gutsverwaltung gesprengt, um das Grundstück als Weingarten nutzbar zu machen. Der Volksmund berichtete von angeblich vergrabenen reichen Schätzen, die es dort noch zu heben galt. Es sind aber nur einige Lesfunde von römischen Münzen bekannt. Vereinzelt wurden auch römerzeitliche Gräber entdeckt. Anton Zündel vermutete dort ein römisches Militärlager. Die Existenz eines Kastells in diesem Abschnitt wurde zwar grundsätzlich von der Fachwelt nicht in Zweifel gezogen, man vermutete es jedoch in Piro Torto, das man mit Pischelsdorf gleichsetzte.Friedrich v. Kenner: 1868/69. Für Zwentendorf wurde nur eine römische Zivilsiedlung angenommen.Gertrud Pascher: 1949, S. 188.
20. Jahrhundert Nach Ende des Zweiten Weltkrieges widmete die österreichische Limesforschung ihre Aufmerksamkeit wieder der unmittelbaren Umgebung von Zwentendorf. Verstärkt auf das Gebiet um das sog. Weingartl. Hans P. Schadn zeichnete 1950 in seiner Hausbergkarte im Westen von Zwentendorf einen „Hausberg mit Mauereinbauten und urgeschichtlichen Funden in Zwentendorf an der Donau (Krottendorf)“ ein. Dieses Objekt erscheint 1948 bei F. Halmer ebenfalls als „Krottenturm“ oder „verschwundene Burg“. Auch Otto Biack vermutete dort zuerst1952, S. 125. Mauerwerk aus der Römerzeit, lehnte später jedoch das Vorhandensein einer Limesbefestigung in dieser Region ab. Ab 1953 ließ das Bundesdenkmalamt zahlreiche Suchschnitte ausheben. Diesen folgten Ausgrabungen unter der Leitung von Herma Stiglitz (Österreichisches Archäologisches Institut mit Unterstützung des Niederösterreichischen Landesmuseums), die Umfang und Bauphasen des Kastells klärten. Im Jahr 1952 kamen bei Renovierungsarbeiten an der Pfarrkirche von Zwentendorf zwei römische Reliefs zum Vorschein, die eine Jagdszene und ein Totenmahl darstellten. Dieser Glücksfall und die nähere Erforschung des Geländes durch Kurt Hetzer, der auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg dem Niederösterreichischen Landesmuseum derartige Funde gemeldet hatte (Hetzer machte immer wieder auf die zahlreichen Funde von römischer Keramik und Ziegelstücken im Weingartel aufmerksam), gaben den Anstoß für die erste systematische wissenschaftliche Untersuchung des Geländes im Jahre 1953 durch die Ur- und Frühgeschichtliche Abteilung des Niederösterreichischen Landesmuseums in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Archäologischen Institut. Herma Stiglitz, Franz Hampl und Eduard Vorbeck setzten sich dabei zum Ziel, das Kastell, ein Gräberfeld aus dem 10.–11. Jahrhundert und mittelalterliche Befestigungen auszugraben.Fundberichte aus Österreich. 6, 1951–1955, S. 102. Diese Grabungen zogen sich bis 1962 hin. Um die große Anzahl der Funde auch angemessen präsentieren zu können, wurde dafür eigens im Juni 1963 das Museum in Zwentendorf eröffnet. Die Ergebnisse der Kampagnen von Stiglitz wurden 1975 auch umfassend im Rahmen der Publikation Der Römische Limes in Österreich, Heft XXVI, veröffentlicht.
Unter Aufsicht des Bundesdenkmalamts konnten 1981 im Bereich des Lagers einige Oberflächenfunde (Pferdefibel, Münzen, Lunulaanhänger, Bronzelöffel, bronzener Pinienzapfen und Keramikscherben) aufgelesen werden, die sich heute in Privatbesitz befinden.Fundberichte aus Österreich, 20, 1981, S. 522. Im Jahr 1994 wurden Luftbilder des einstigen Kastellareals angefertigt. Deren Auswertung zeigte eine aus dem Südtor führende Straße und den vicus südlich und westlich des Lagers. Zusätzlich konnte der Verlauf eines dritten Wehrgrabens verfolgt werden, der in 35 Meter Abstand neben den beiden bereits bekannten Grabenanlagen angelegt war.
21. Jahrhundert