mini|Europa 1939/40 während und nach dem Überfall auf Polen. Trotz der britisch-französischen Kriegserklärung vom 3. September 1939 folgten an der Westfront nur wenige Kampfhandlungen. mini|November 1939: Angehörige des britischen Expeditionskorps und der französischen Luftstreitkräfte vor einem Verschlag mit der Bezeichnung „No. 10 Downing Street“ (die Adresse des britischen Premierministers) Als Sitzkrieg, früher auch Seltsamer Krieg (; ), wird der Zustand an der Westfront des Zweiten Weltkrieges zwischen der Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs an das Deutsche Reich am 3. September 1939 infolge des deutschen Überfalls auf Polen und dem Beginn des deutschen Westfeldzugs am 10. Mai 1940 beschrieben, in dem beide Seiten militärisch weitgehend passiv blieben.

Geschichte Im am 19. Mai 1939 von Maurice Gamelin und Tadeusz Kasprzycki unterzeichneten französisch-polnischen Militärabkommen verpflichtete sich Frankreich im Fall eines deutsch-polnischen Kriegs zu drei taktischen Aktionen:

Der Sitzkrieg ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen, nicht zuletzt auf das Fehlen einer gemeinsamen alliierten Strategie. Frankreich verfügte zwar über ein mehrere Millionen Mann starkes Heer, dieses war aber kaum auf das Führen eines Offensivkrieges vorbereitet. Stattdessen sah die französische Militärdoktrin für den Fall eines Krieges mit Deutschland primär eine auf die Maginot-Linie gestützte Verteidigung vor. Ein Übergang zur Offensive war danach frühestens für das Jahr 1941 vorgesehen.Jean Doise, Maurice Vaïsse: Diplomatie et outil militaire 1871–1991. Taschenbuchausgabe. Éditions du seuil, Paris 1991, S. 396 f und 416 f

Mit Aussicht auf Erfolg hätte ein Einmarsch in Deutschland ohnehin kaum ohne die Verletzung der Neutralität Belgiens durchgeführt werden können, was aus politischen Gründen nicht infrage kam. Der deutsche Westwall wurde vom französischen Oberkommando als stark genug eingeschätzt, von den wenigen dort eingesetzten deutschen Divisionen der Heeresgruppe C auch gegen eine deutliche französische Übermacht über längere Zeit gehalten zu werden. Tatsächlich schätzte man auf der deutschen Seite die Lage genau andersherum ein, der deutsche Befehlshaber an der Westfront erhielt von einem seiner Generäle die Einschätzung, dass die Wehrmacht den Franzosen nicht einmal einen Tag widerstehen könnte. Auch französische Luftangriffe auf Deutschland wurden verworfen, da man mit starken Vergeltungsangriffen der Luftwaffe rechnete, die die im Osten des Landes konzentrierte französische Flugzeugindustrie stark hätten beeinträchtigen können.

Auf alliierter Seite fehlte nicht nur eine gemeinsame Strategie, ungelöst war auch die Frage, wie Luxemburg, Belgien, die Niederlande und die Schweiz in eine solche einbezogen werden können. Für die Regierungen dieser Länder war dies ein Drahtseilakt. Denn bei allen Maßnahmen, die zum Schutz des eigenen Landes zu treffen waren, galt es immer auch, durch diese nicht die eigene Neutralität in Frage zu stellen und keinen Vorwand für eine militärische Intervention Deutschlands zu liefern.Für die Schweiz vgl. Stefan Sauer: »Die Schweiz 1939/1940 – Im Fadenkreuz der deutschen Abwehr«, in: Der Bote aus dem Wehrgeschichtlichen Museum Rastatt, Nr. 53/2023, ISSN 1864-8762, S. 90 m. w. N.

Von ostdeutschen Historikern der DDR wurde der Sitzkrieg dagegen als Fortsetzung der Appeasement-Politik interpretiert, mit der ihrer Ansicht nach die deutsche Aggression doch noch gegen die Sowjetunion gelenkt werden sollte.Andreas Dorpalen: German History in Marxist Perspective. The East German Approach. London 1985, S. 436.

Auf deutscher Seite galt ein Führerbefehl Adolf Hitlers vom 31. August 1939:Zitiert nach: Hans-Walter Herrmann: Saarbrücken unter der NS-Herrschaft. In: Rolf Wittenbrock: Geschichte der Stadt Saarbrücken, Bd. 2. Saarbrücken 1999, S. 256.

Saar-Offensive mini|Von den französischen Truppen besetztes Gebiet mini|Französische Soldaten während der „Opération Sarre“, südlich von Saarbrücken. Um den Verpflichtungen des französisch-polnischen Beistandspakts vom Mai 1939 Genüge zu tun, befahl der französische Generalstab die „Opération Sarre“ (oft auch Offensive de la Sarre genannt). Französische Truppen überschritten am 9. September die deutsche Grenze. Truppen der Wehrmacht leisteten befehlsgemäß keinen wesentlichen Widerstand (Deutschland wollte einen Zweifrontenkrieg vermeiden). Zu Gefechten kam es im Abschnitt zwischen Saarbrücken und dem Pfälzerwald, wo der Schwerpunkt der Offensive lag.Vgl. dazu Stefan Sauer/Wolfgang Steche: »Gesichter des Krieges – Auf den Schlachtfeldern Europas 1939-1945«, Rhein-Mosel-Verlag 2021, ISBN 978-3-89801-380-2, S. 53 m. w. N. Am 12. September standen die Truppen bis zu acht Kilometer auf deutschem Gebiet, wobei sie zwölf deutsche Ortschaften entlang der geräumten Grenzzone im Saargebiet vor dem Westwall besetzten. Die begrenzte Offensive hatte lediglich die Feststellung der Stärke der Verteidigungsanlagen des Westwalls zum Ziel.Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 2. Stuttgart 1979, S. 272. Am 21. September befahl General Maurice Gamelin, die Truppen wieder auf ihre Ausgangsstellungen an der Maginot-Linie zurückzuziehen. Am 17. Oktober verließen die letzten französischen Truppen deutsches Gebiet. Frankreich hatte bei der Offensive insgesamt etwa 2.000 Soldaten durch Tod, Verwundung oder Krankheit verloren.La drole de guerre 39-40, auf cheminsdememoire.gouv.fr (französisch), abgerufen am 25. Juni 2020. Einige französische Generäle wie z. B. Henri Giraud waren mit dem Rückzug nicht einverstanden und sahen eine ungenutzte Gelegenheit.

Eine wirksame Entlastung des polnischen Verbündeten oder gar eine Verhinderung der polnischen Niederlage war auf diese Weise nicht zu erreichen. Dieses zögerliche Verhalten der alliierten Führung geht auf das Bemühen zurück, trotz des Hitler-Stalin-Paktes nicht gänzlich mit der Sowjetunion zu brechen, die am 17. September ihre Besetzung Ostpolens begonnen hatte. Die Reaktion der Westmächte hierauf blieb verhalten, die vor dem Krieg abgeschlossenen Bündnisverträge Frankreichs und Großbritanniens mit Polen bezogen sich ausdrücklich nur auf den Kriegsgegner Deutschland. Winston Churchill, damals noch Marineminister, äußerte am 1. Oktober, wenige Tage nach dem Fall Warschaus, in einer Radioansprache:

Polen war Ende September 1939 besiegt; anschließend verlegte die Wehrmacht in großem Umfang Soldaten und Waffen an die Westfront (zurück). Die 1. Armee, kommandiert von Erwin von Witzleben, führte vom 16. bis zum 24. Oktober eine Gegenoffensive. Sie besetzte einige Quadratkilometer französischen Territoriums; dabei gab es auf deutscher Seite 196 Tote, 356 Verwundete und 11 zerstörte Flugzeuge. Dann begann eine Waffenruhe, die bis zum Beginn des Westfeldzugs am 10. Mai 1940 währte. Der Winter 1939/40 war lang und sehr kalt; der Angriffstermin wurde 29-mal verschoben.

Nach dem Überfall auf Polen Als die französische Mobilmachung Mitte September 1939 abgeschlossen war, war Polen nahezu besiegt. Sowjetische Truppen hatten mit der Besetzung Ostpolens begonnen, was die politische Situation noch schwieriger gestaltete.

Nicht wenige Politiker begannen nun, auf eine politische Lösung des Konflikts zu setzen, insbesondere nach dem Friedensangebot Hitlers an die Westmächte am 6. Oktober. Ein Angebot der Niederlande und Belgiens zur Friedensvermittlung an die Staatsoberhäupter Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands vom November 1939 wurde von Großbritannien und Frankreich zurückgewiesen; diese forderten als Grundlage für Friedensverhandlungen über die Wiederherstellung der Tschechoslowakei und Polens hinaus auch die Österreichs.Ausgabe der Weißen Blätter, S. 313, in Das große Weltgeschehen. November 1939 am 7., 13. und 15.

Die Einsatzbereitschaft des anfangs lediglich vier Divisionen umfassenden britischen Expeditionskorps wurde sogar erst Mitte Oktober hergestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Verlegung der Masse des deutschen Heeres nach Westen längst begonnen. Die Alliierten richteten sich daher an der Maginot-Linie zur Verteidigung ein.

Entwicklungen September 1939 bis Mai 1940 Planung des „Fall Gelb“

Die Entscheidung, Frankreich noch 1939 anzugreifen, war gefallen, noch ehe der „Fall Weiß“ vollständig beendet und Warschau gefallen war. Am 9. Oktober 1939 wurde „Weisung Nr. 6“ herausgegeben, welche die Grundzüge der Operationen im Westen festlegte, bevor die Alliierten am 10./12. Oktober 1939 das deutsche Friedensangebot vom 6. Oktober 1939 abgelehnt hatten. Der erste Angriffsplan wurde am 19. Oktober 1939 vom Generalstab des Heeres unter Generaloberst Franz Halder fertiggestellt und ähnelte stark dem „Schlieffenplan“ mit Schwerpunktbildung auf dem rechten Flügel.Raymond Cartier S. 66. Die Verletzung der belgischen und niederländischen Neutralität wurde mit Hinblick auf erforderliche Operationsbasen für Marine und Luftwaffe gegen Großbritannien, wie im Ersten Weltkrieg, von vornherein eingeplant.Raymond Cartier S. 38 / John Keegan S. 86. Zum Entsetzen der Generalität des Oberkommandos des Heeres (OKH) unter Walther von Brauchitsch wurde aus der Vermutung mit Befehl vom 31. Oktober 1939 Gewissheit: Der Angriff wurde trotz massiver Bedenken des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) bezüglich Kampfstärke und Munitionsversorgung der Wehrmacht auf den 12. November 1939 eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang festgesetzt.

Durch eine Auseinandersetzung zwischen Hitler und von Brauchitsch über die Leistungsfähigkeit der Wehrmacht am 5. November 1939 vergaß Ersterer nach einem Wutanfall, den Angriffsbefehl zu bestätigen.Raymond Cartier S. 37 / John Keegan S. 83. Obwohl der Befehl, nachdem sich Hitler wieder beruhigt hatte, nicht aufgehoben wurde, verhinderte im weiteren Verlauf des Herbstes extrem schlechtes Wetter den Beginn der Offensive. Heftige Regenfälle und Winde verboten den Einsatz der Luftwaffe, welcher der entscheidende Faktor für die neue Taktik der Wehrmacht im Zusammenspiel von Panzern und Flugzeugen war. Während dieser erzwungenen Pause entstand in mehreren Schritten der „Sichelschnittplan“, welcher auf einer Idee des Generals der Infanterie Erich von Manstein basiert. Aber auch Hitler war mit den bis dato entwickelten Plänen unzufrieden und tendierte zu einer Schwerpunktbildung im Zentrum.Raymond Cartier S. 68 / John Keegan S. 86ff

Nach der „Affäre Mechelen“ am 10. Januar 1940 musste das OKW davon ausgehen, dass die Alliierten über die deutschen Angriffspläne im Bilde waren und das Überraschungsmoment vertan war. Am 17. Februar 1940 kam es zu einer ersten Zusammenkunft zwischen von Manstein und Hitler in der Neuen Reichskanzlei im Rahmen einer Kommandeurstagung. Danach wurden der risikoreiche „Plan Sedan“ sowie Ablenkungsmanöver und Angriffe auf Schlüsselstellungen in Belgien und den Niederlanden entwickelt. Bei diesen sollte u. a. die neue Fallschirmjägerwaffe eingesetzt werden, z. B. um das Fort Eben-Emael mittels Sprengung durch neu entwickelte Hohlladungen einzunehmen. Nach einem letzten Aufschub zwei Tage zuvor wurde der Angriffsbefehl für den folgenden Tag am 9. Mai 1940 bestätigt.

Planungen der Alliierten mini|Britische Soldaten der BEF landen im September 1939 in Cherbourg