Der Bullengraben ist ein bereits im 7. Jahrhundert kultivierter Wassergraben im Berliner Urstromtal. Er liegt im Berliner Bezirk Spandau und führt vom alten Dorfkern Staakens über rund fünf Kilometer nach Osten zur Havel, in die er, im letzten Stück unterirdisch verrohrt, nördlich des Burgwalls Spandau mündet. Über Jahrhunderte zur Melioration der feuchten Niederung genutzt, dient der Graben seit den 1960er Jahren als Entwässerungsgraben zur Aufnahme des Regenwassers aus den umliegenden Spandauer Stadtquartieren. Die Bebauung der Gebiete um den Bullengraben spiegelt einen Teil der Spandauer Siedlungsgeschichte wider.
Zwischen 2004 und 2007 wurde der in den 1960er und 1970er Jahren kanalisierte und anschließend vernachlässigte Graben im Rahmen einer Ersatzmaßnahme durch die DB ProjektBau saniert. Parallel zum Graben legte die Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn den bis zu 200 Meter breiten Grünzug Bullengraben/Lindenufer mit Spiel- und Sportplätzen, Erholungsflächen, Brücken, Stegen und einem Weg an, der bis zum Elsflehter Weg geht. Der rund vier Meter breite und mit glattem Asphalt belegte Bullengrabenweg (Nr. 20 der 20 grünen Hauptwege Berlins) steht Fußgängern, Radfahrern und Skatern zur Verfügung. Im letzten Teilstück bezieht der Grünzug den Burgwallgraben und eine rund 100 Meter lange Promenade an der Havel ein. Zudem wurden im Grünzug liegende Biotope wie das Stieglakebecken und Wiesenbecken sowie zuführende Gräben wie der Egelpfuhlgraben renaturiert. Für die Schaffung der Gesamtanlage erhielt die Deutsche Bahn 2008 den Gustav-Meyer-Preis, der seit 1995 alle zwei Jahre für hervorragend geplante öffentliche Grün- und Parkanlagen vergeben wird. Der Preis trägt den Namen Johann Heinrich Gustav Meyers, des ersten Städtischen Gartenbaudirektors Berlins.
Überblick über den Verlauf des Grabens und des Grünzugs mini|Grünanlage am Ziegelhof mit dem „Blumenbach“ über dem hier verrohrten Bullengraben mini|Grünzug mit Bullengraben (links) und Senkgarten
Der Bullengraben verläuft zwischen den Straßenzügen Heerstraße und Brunsbütteler Damm. Er beginnt nordwestlich der Altstaakener Dorfkirche am ehemaligen Krankenhaus Staaken-West, ist aber auf den ersten Metern verwildert und kaum noch wahrnehmbar. Der neu angelegte Bullengrabengrünzug beginnt rund einhundert Meter östlich am Nennhauser Damm, von dem ein Metallsteg hinunter in die Niederung zu einem kleinen Absetzbecken führt, das als „Symbol für die ‚Quelle‘ des Bullengrabens“ gilt.Grigoleit Landschaftsarchitekten (PDF; 448 kB) Grünzug Bullengraben, Abschnitt 1. Von dem Becken ziehen sich der Graben und der Grünzug über rund 4,5 Kilometer in leichten Schleifen nach Osten. In Staaken passiert er die Staakener Felder und die Louise-Schroeder-Siedlung. Am Grabenkreuz mit dem Egelpfuhlgraben und Neustaakener Graben verlässt der Grünzug Staaken und bildet bis zur Havel die Grenze der Ortsteile Spandau (Norden) und Wilhelmstadt (Süden), dabei verläuft die Ortsteilgrenze streckenweise auf der südlichen und streckenweise auf der nördlichen Grabenseite. Vorbei an der Spandauer Ortslage Klosterfelde, an Neubaugebieten und an Kleingartenkolonien erreicht der Graben den Elsflether Weg und die Altbaugebiete um die Klosterstraße. Insgesamt queren den Bullengraben 17 Brücken, die zum Teil als kleinere Holz- oder Metallbrücken zur Fußverbindung zu den Kleingärten oder angrenzenden Siedlungen ausgeführt sind.
Jenseits des Elsflether Weges führen der Graben und der Grünzug noch rund 50 Meter weiter nach Osten und brechen an der rückseitigen Bebauung der breit angelegten Klosterstraße ab. Der Graben verläuft ab hier unterirdisch verrohrt zur Havel. Östlich der Klosterstraße liegen die Rohre unter der „Grünanlage am Ziegelhof“, die in gerader Strecke zur Havel führt. Ein „Blumenbach“ deutet den unterirdischen Röhrenverlauf an. Der unterbrochene Grünzug setzt sich an der Straße Ziegelhof entlang des hier beginnenden Burgwallgrabens nach Südosten fort und erreicht nach der Beschreibung eines Halbkreises nach rund 300 Metern gleichfalls die Havel. Die Lücke im Grünzug muss über die Elsflether, Seeburger und Klosterstraße bis zum Ziegelhof umgangen werden (Stand: 2009), soll aber nach Planungen des Bezirksamtes geschlossen werden.
Geologie und naturräumliche Lage Die Bullengrabenniederung ist aus einer ehemaligen Fließrinne innerhalb des weichselglazialen Berliner Urstromtals entstanden. Der Bullengraben fließt heute entgegen der ursprünglichen Strömungsrichtung des Urstromtals von Westen nach Osten in die Havelrinne, einer Glazialen Rinne, die das Urstromtal quert, ohne es über eine längere Strecke zu benutzen. Er mündet rund 800 Meter südlich der Spree in die Havel. Das Urstromtal ist aus mächtigen Sanden aufgebaut, die mehr als 20 Meter Mächtigkeit erreichen können. Nach der Eiszeit hat sich westlich der Havelrinne im Zuge alluvialer Verlandungsprozesse Niedermoorboden mit Torf- und Wiesenkalklagern ausgebildet. Während der östliche Teil des Urstromtals von der Spree in der natürlichen Fließrichtung durchflossen und entwässert wird, fehlen im westlich der Havel gelegenen Teil größere Flüsse. Das ausgedehnte und ehemals sehr feuchte und oft überschwemmte Niederungsgebiet wurde lediglich von Gräben wie dem Bullengraben und der Spekte, die rund einen Kilometer nördlich parallel zum Bullengraben floss, zur Havel entwässert. Der Nordhang der Nauener Platte, die das Urstromtal hier nach Süden begrenzt, liegt im Mittel rund einen Kilometer vom Bullengraben entfernt.Elke Hickisch, Reinhard Hanke: Untersuchungen zur … S. 26.Schutz-, Pflege- und Entwicklungskonzept: Wiese am Bullengraben. … S. 1.
mini|zentriert|hochkant=3.6|Niederung des Bullengrabens, Egelpfuhl, Ziegelhof und Burgwallinsel auf einer Karte von 1836. Die grün-braunen Flächen kennzeichnen ehemalige Weinberge am Nordhang der Nauener Platte.
Geschichte des Bullengrabens und Siedlungsgeschichte Früher Meliorationsgraben und Etymologie Der sehr wahrscheinlich in der glazialen Fließrinne künstlich angelegte Bullengraben diente spätestens seit der slawischen Besiedlung, die im Havelland im 7. Jahrhundert einsetzte, der gezielten Melioration der feuchten Niederungen westlich der Havel und ermöglichte Weide- und Heuwirtschaft. Der Name wird daher auf das slawische Wort für Heuballen zurückgeführt. Quer durch den Berliner Bezirk Spandau entsteht entlang des Bullengraben, Egelpfuhlgraben und Burgwallgraben ein neuer Grünzug. Pressemitteilung der Deutschen Bahn, 9. Dezember 2004 Nach anderer Darstellung beruht der Name darauf, dass der Graben als Tränke für Bullen diente.Brandenburgisches Namenbuch, Teil 10, Die Gewässernamen Brandenburgs. Begr. von Gerhard Schlimpert. Bearb. von Reinhard E. Fischer. Hermann Böhlaus Nachf., Weimar 1996, ISBN 3-7400-1001-0, S. 46 Angeblich waren der Bullengraben und die Spekte Teil eines nahezu lückenlosen überregionalen Kanalnetzes, das über Nauen und das Havelländische Luch mit der Elbe in Verbindung stand.Elke Hickisch, Reinhard Hanke: Untersuchungen zur … S. 26, 28. Bestätigungen für diese Überlegungen gibt es nach Winfried Schich nicht:
Ehemalige Mündung am slawischen Siedlungszentrum mini|Mündung des Bullengrabens in den noch vollständigen Burgwallgraben auf einer Karte von 1842
Der Bullengraben mündete bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in den nördlichen Teil des Burgwallgrabens, der die Burgwallinsel im Halbkreis umfloss. Mit dem Bau der Berlin-Hamburger Bahn wurde dieser Teil des Burgwallgrabens um 1870 zugeschüttet. Eine Verbindung zwischen dem Bullengraben und dem südlichen Rest des Burgwallgrabens besteht nicht mehr.Elke Hickisch, Reinhard Hanke: Untersuchungen zur … S. 32. Die Burgwallinsel, Ende des 20. Jahrhunderts eine der größten archäologischen Grabungsstätten Berlin/Brandenburgs, bildete das Zentrum der slawischen Siedlungskammer des Spandauer Raums. Neben dieser zentralen Burg bestand am Bullengraben zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert eine weitere altslawische Siedlung am heutigen Cosmarweg.Eberhard Bohm: Spandau in slawischer Zeit. In: Slawenburg, Landesfestung, Industriezentrum. Untersuchungen … S. 24 f, 39, 53.
Klosterfeld und Ziegelhof Im Zuge der deutschen Ostsiedlung entstand im Quellbereich des Bullengrabens das 1273 erstmals urkundlich erwähnte Dorf Stakene (Staaken). Im Mündungsbereich stifteten die askanischen Markgrafen in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts das Benediktinerinnenkloster St. Marien mit Klosterkirche, Klausur und umfangreichem Wirtschaftshof. Auf den Grundstücken vor dem Klostertor zwischen Bullengraben, Burgwallgraben und Havel befanden sich bis zur Klosterauflösung 1590 die Ackergärten der Benediktinerinnen, die mit 60 Ackerhufen 11,5 Hufen mehr besaßen als die Stadt Spandau in ihrer Feldmark.Felix Escher: Frömmigkeit und kulturelles Leben in Spandau vor der Reformation. In: Slawenburg, Landesfestung, Industriezentrum. Untersuchungen … S. 145–147. Dazu gehörten die auf alten Karten verzeichneten Krummen Gärten, die direkt am Bullengraben lagen. Bei den Krummen Gärten wurden im 15. Jahrhundert neun kleine Häuser angelegt – wahrscheinlich die ersten Wohngebäude außerhalb Staakens, des Klosters und der Spandauer Stadtmauer. Um 1580 erwarb Rochus zu Lynar, der Baumeister der Zitadelle, die Ackerflächen der Nonnen und baute hier Wein an.Elke Hickisch, Reinhard Hanke: Untersuchungen zur … S. 2, 20.
Nachdem Kurfürst Georg Wilhelm den alten Ziegelofen auf dem Stresow hatte abreißen lassen, errichtete 1676 der Rat der Stadt Spandau auf den alten Klosterflächen die neue Ratsziegelei mit einem Ofen, einer Ziegelscheune und vier Kalkscheunen. Überflügelt von den aufstrebenden Ziegeleizentren von Glindow und Werder, ließ die Stadt den Ziegelofen 1755 abbrechen und durch eine Obstbaumplantage ersetzen. Pächter der Flächen, die häufig von der Havel und vom Bullengraben überschwemmt wurden, waren nunmehr Ackerbürger und Gärtner. Das Gebiet war Teil des Klosterfeldes und der Potsdamer Vorstadt, die ab 1872 den 8. Spandauer Stadtbezirk bildete. Mit der Anlage der Wilhelmstadt setzte 1867 die Bebauung der Flächen am ehemaligen Ziegelhof ein.Elke Hickisch, Reinhard Hanke: Untersuchungen zur … S. 8, 21, 24.
Vorflutgesetz 1811 und Verrohrung mini|In den 1960er Jahren angelegtes Stieglakebecken (Rückhaltebecken), 2009 mini|Blick vom Hahneberg auf die Bullengrabenniederung und die Louise-Schroeder-Siedlung in Staaken, 2009
Zur Freihaltung der Wiesengräben hatte Preußen 1811 ein Vorflutgesetz erlassen, das die Anlieger verpflichtete, die Gräben im Frühjahr und Herbst jedes Jahres zu räumen. In öffentlichen Bekanntmachungen wurde dem Gesetz noch 1863 Nachdruck verliehen:
Trotz der Maßnahmen konnten großflächige Überschwemmungen nicht verhindert werden, die um 1870 von der Havel über die Klosterstraße (damals: Potsdamer Chaussee) bis zu den Egelpfuhlwiesen reichten. Verantwortlich war vor allem die mangelnde Vorflut des Burgwallgrabens nach den Aufschüttungen für den Bahnbau, sodass der Nordteil des Burgwallgrabens zugeschüttet und der Bullengraben verrohrt zur Havel geführt wurde.Elke Hickisch, Reinhard Hanke: Untersuchungen zur … S. 32 f.
Kanalisierung und Funktionswandel im 20. Jahrhundert