San-Zeno-Altar ist der gebräuchliche Name eines Triptychons, das für den Hochaltar der Kirche San Zeno Maggiore in Verona geschaffen wurde. Die insgesamt sechs Einzelgemälde, drei große Tafelbilder und drei kleinere der Predella, wurden zwischen 1457 und 1460 von Andrea Mantegna geschaffen. Die Arbeit ist eines seiner HauptwerkeManca: Andrea Mantegna – Kunst und Kultur im Italien der Renaissance, S. 48. und gilt als eine Meisterleistung seiner Zeit.Knapp: Andrea Mantegna – Des Meisters Gemälde und Kupferstiche S. XXXVIII. Es handelt sich um den ersten Hochaltar der Renaissance, bei dem die neue Auffassung des Realismus durchweg angewandt wurde.Knapp: Andrea Mantegna – Des Meisters Gemälde und Kupferstiche S. XXXIX. Zudem wurde zum ersten Mal im Norden Italiens eine „Sacra Conversazione“ dargestellt.Salmazo: Andrea Mantegna, S. 134.
Entstehungsgeschichte und Verbleib
Mantegna war durch seine Heirat 1454 mit Nicolosa Bellini ein Schwiegersohn Jacopo Bellinis. Den Auftrag für den Altar erhielt er wohl gegen Ende des Jahres 1456Erica Tietze-Conrat: Mantegna - Paintings, Drawings, Engravings. The Phaidon Press, London 1955, S. 9.Giovanni Paccagnini (Hrsg.): Andrea Mantegna, Catalogo della mostra (Comitato della mostra di Andrea Mantegna), Nero Pozzi, Venedig 1961, S. 18. von Gregorio Correr, Abt des Benediktinerklosters San Zeno zu Verona und päpstlicher Protonotar. Correr, ausgebildet in der Schule von Vittorino da Feltre, sollte später Patriarch von Venedig werden. Noch erhalten ist ein Teil der Korrespondenz zwischen Mantegna, Correr und dem Markgrafen von Mantua, Luigi III. Gonzaga. So berichtet ein Schreiben vom 5. Januar 1457 über die Genehmigung des Auftrags durch den Hof zu Mantua. Mantegna war zu diesem Zeitpunkt bereits tätig.Blumenröder: Andrea Mantegna – die Grisaillen. Malerei, Geschichte und antike Kunst im Paragone des Quattrocento S. 113 In weiteren Schreiben vom 27. November 1457, 15. April 1458 sowie vom Februar und 28. Juni 1459 erkundigte sich Luigi III. nach dem Stand der Arbeiten.Kristeller: Andrea Mantegna, S. 155f. Der Altar entstand entgegen den Wünschen des MarkgrafenKristeller: Andrea Mantegna, S. 156 vollständig in Mantegnas Werkstatt in PaduaSalmazo: Andrea Mantegna, S. 131 und traf im Juli 1459 in Verona ein. Mantegna war für seine langsameBraunfels: Kleine italienische Kunstgeschichte, S. 263 Malweise bekannt. Dies war auch eine Folge der besonderen, bis ins Detail gehenden Sorgfalt. Erste Messen wurden nach dem Zusammenbau 1460 gehalten.Bellonci: L’opera completa del Mantegna, S. 95
Der Altar verblieb an seinem Standort auf dem Hochaltar der Kirche bis zur Invasion Italiens durch napoleonische Truppen 1797. In diesem Jahr wurde er nach Paris verbracht.Kristeller: Andrea Mantegna, S. 157 Nach der Niederlage Napoleons und dem Wiener Kongress 1815 wurde er nur teilweise zurückgegeben, die drei unteren Bilder der Predella verblieben in Frankreich und wurden durch Kopien ersetzt, die Paolino CaliariRonald Lightbown: Mantegna. With a Complete Catalogue of the Paintings, Drawings and Prints. Phaidon, Oxford 1986, ISBN 0-7148-8031-0, S. 406. im 19. Jahrhundert anfertigte. Das mittlere Bild, die Kreuzigungsszene, wird heute im Louvre gezeigt; die beiden anderen sind im Musée des Beaux-Arts in Tours zu sehen. Nach der Rückgabe wurde der Altar 1871 zunächst an der Südwand der Cappella maggiore aufgebaut – nach Meinung einiger Kunsthistoriker viel zu hoch und ungünstig beleuchtet.Kristeller: Andrea Mantegna, S. 158 online und Knapp: Andrea Mantegna – Des Meisters Gemälde und Kupferstiche, S. XXXVIII 1935 wurde das Werk an seinen ursprünglichen Standort hinter dem Hochaltar zurückversetzt.
Die Rahmung Der Rahmen des Altars besteht aus vergoldetem und bemaltem Holz. Er wurde sicher zusammen mit den Einzelbildern entworfen, da diese in ihrer perspektivischen Anlage Bezug auf den Aufbau selbst nehmen. Mantegna ließ ihn wohl von einem Bildhauer nach seinen Vorgaben fertigen.Manca: Andrea Mantegna – Kunst und Kultur im Italien der Renaissance, S. 45 Vorbild für den Aufbau des gesamten Altars war höchstwahrscheinlich Donatellos Altar für Sant’Antonio in Padua, errichtet bis 1450, sowie das Gemälde Madonna mit den vier Kirchenvätern von Antonio Vivarini in der Accademia zu Venedig.Kristeller: Andrea Mantegna, S. 150 online Der nach antiken Vorbildern gearbeitete Rahmen nach Motiven einer antiken Tempelfassade war eine völlige Neuheit in Verona, wo man rein spätgotische Kunstwerke gewöhnt war.
Im unteren Teil werden die drei kleineren Bilder von vier kräftigen, reich verzierten und vergoldeten Sockeln eingefasst und getrennt. Die mittleren drei Tafeln werden durch die auf den Sockeln stehenden, plastisch gearbeiteten, ebenfalls vergoldeten und kannelierten Halbsäulen mit korinthischen Kapitellen eingefasst. Den oberen Abschluss bilden der Architrav sowie der darüber stehende Segmentbogen, der in zwei seitlichen Voluten ausläuft. Architrav und Segmentbogen sind bemalt und vergoldet.
Die oberen Tafeln mini|Detail des oberen mittleren Tafelbildes mit der Maria und dem Jesuskind Das Thema der Sacra Conversazione gibt den Aufbau der drei oberen Tafelbilder vor. Die Hl. Maria mit dem Jesuskind befindet sich im zentralen Teil des Altars. Gruppen von Heiligen werden in den beiden Seitentafeln dargestellt. Jedes Bild weist das Format 220 × 115 Zentimeter auf.
Mantegna gestaltete den Raum der Darstellung als einen perspektivisch nach hinten auslaufenden, streng symmetrischen TempiettoSalmazo: Andrea Mantegna, S. 135 bzw. „Tempel-Pavillon“Blumenröder: Andrea Mantegna – die Grisaillen. Malerei, Geschichte und antike Kunst im Paragone des Quattrocento, S. 114, der von einer Kassettendecke oberhalb eines rundum laufenden Puttenfrieses bedeckt wird. Reich gearbeitete Girlanden aus Früchten und Obst geben den Bildern trotz der Pfeiler ein vermittelndes Element und erzeugen auch durch die gemalte Aufhängung an Haken oberhalb der Kapitelle zusätzliche Tiefenwirkung.de Rynck, Die Kunst Bilder zu lesen, S. 62 Die Komposition folgt insgesamt den Prinzipien der Trompe-l’œil-Malerei. Zu erkennen ist das auch an den stark perspektivisch verkürzten Bodenkacheln. Die quadratischen Pfeiler mit Marmorverblendungen werden von acht sichtbaren reliefierten Medaillons verziert, von denen sieben auf antike Gemmen oder Münzen zurückgeführt werden können.
Bei der Lichtführung orientierte sich Mantegna am Aufstellungsort des Hochaltars, er rechnete also mit einem Lichteinfall von rechts oben.Kristeller: Andrea Mantegna, S. 161 Die Figuren der linken Seitentafel sind daher mit kräftigen Farben dargestellt, während das Bild der Personengruppe auf der rechten Tafel blasser blieb. Die stärksten Farben wurden allerdings für die mittlere Tafel verwendet.
mini|links|Detail der nach antiken Gemmen oder Münzen gearbeiteten Reliefs der Pfeiler Die mittlere Tafel enthält das Motiv der Maria mit dem Jesuskind. Die Madonna sitzt auf einem steinernen Thron, die Rückenlehne ist im oberen Abschluss einem Zierfenster in Radform angeglichen und hat die Wirkung eines nochmals beide Figuren umschließenden Heiligenscheins.Herbert Alexander Stützer: Malerei der italienischen Renaissance. DuMont’s Bibliothek grosser Maler, DuMont Buchverlag, Köln 1979, ISBN 3-7701-1118-4, S. 86. Maria stützt, ungewöhnlich in der Darstellung, die Füße des stehenden Knaben mit der linken Hand, während die rechte Hand ihn hält. Dies wird als Präsentation des Knaben im Sinne des Heilsversprechens gedeutet. Die Anwesenheit Gottes wird durch die erleuchtete Kerze in der Mitte des Bildes oberhalb des Hauptes Mariä gesehen. Der Teppich, der unterhalb des Thrones zu sehen ist, könnte einem aus Anatolien stammenden Original in der Familie des Auftraggebers nachempfunden sein.Blumenröder: Andrea Mantegna – die Grisaillen, S. 116 Auf ihm ist eine kleine Jahreszahl „1433“ vermerkt; dies war das Jahr, in dem Correr die Abtei San Zeno „ad commendam“ zugesprochen bekam. Der Fluchtpunkt der zentralperspektivischen Konstruktion des Raumes liegt im Mittelpunkt des vom Teppich verdeckten Kranzes.Kristeller: Andrea Mantegna, S. 159 Da dieser von ebenfalls verdeckten Putti gehalten wird, hinter denen sich eine kastenähnliche Struktur befindet, ist angenommen worden, dass zu Füßen der Madonna ein antiker Sarkophag dargestellt wurde.Kristeller: Andrea Mantegna, S. 163 Dies wird als Bildnis der Überwindung des Todes durch den Glauben und damit als ein weiteres Versprechen an die betrachtenden Gläubigen gedeutet.Blumenröder: Andrea Mantegna – die Grisaillen, S. 117 Der Blick Mariä richtet sich aus dem Bild auf die Betrachtenden bzw. Betenden, während das Jesuskind auf die ihn umgebenden musizierenden Engel blickt. Unterhalb der Darstellung befindet sich eine Gruppe musizierender kindlicher Engelsgestalten. Insbesondere die rechte äußere Figur eines musizierenden und singenden Kindes mit aufgeblähten Wangen und faltigen Beinen gilt als ein Beispiel für die äußerst naturalistische Darstellungsweise Mantegnas. Oberhalb der Maria befinden sich zwei Medaillons an den Pfeilern der Tempelkonstruktion. Links wird ein Kentaur mit Christus dargestellt, rechts führt ein Mann ein Pferd. Dieses Motiv soll von einer Skulpturengruppe in Rom übernommen worden sein, allerdings mit einer Abwandlung. Der hinzugefügte Hermesstab deutet darauf hin, dass es sich um Mercurius und dessen Pegasus handelt. Dies könnte ein Hinweis auf die Begleitung der Seele nach dem Tode sein.
mini|Detail der erleuchteten Lampe über dem Haupt der Maria, Symbol für die Anwesenheit Gottes Auf dem linken Tafelgemälde befinden sich unter einer architektonischen Darstellung und einer Girlande vier Heilige. Sie repräsentieren, wie jene der rechten Tafel, die Tugenden des Stifters,de Rynck, Die Kunst Bilder zu lesen, S. 63 insbesondere seine Belesenheit im Sinne des Strebens nach Erkenntnissen aus dem Studium religiöser Werke. Jede der Figuren links hält ein Buch in der Hand. Es handelt sich – von links nach rechts – um den Hl. Petrusalle Angaben aus: Bellonci: L’opera completa del Mantegna, S. 95, den Hl. Paulus, den Hl. Apostel JohannesFehler bei de Rynck, Die Kunst Bilder zu lesen, S. 63, vgl. Bellonci S. 95 und um den Patron der Stadt Verona, den Hl. Zeno. Petrus mit gelbem Umhang über einem roten Gewand ist mit besonders kräftigen Farben dargestellt. Er hebt sich von seinen Nachbarn, deren Gewänder in dunklen Farben gehalten sind, deutlich ab. Oberhalb der Personengruppe sind an den Pfeilern abermals Rundmedaillons mit Reliefs angebracht. Wiederum wird an antike Vorbilder angeknüpft: Oberhalb von Petrus und Paulus befindet sich die vergrößerte und variierte Abbildung einer hadrianischen Münze, auf der Vorderseite des hinteren linken Pfeilers eine Darstellung der Victoria mit einem Tropaion.
Das rechte Gemälde des oberen Teiles zeigt – von links nach rechts – den Hl. Benedikt, den Hl. Laurentius, den Hl. Gregor sowie, am rechten Bildrand, den Hl. Johannes den Täufer. Die Medaillons des Pfeilers oberhalb der Bilder von Gregor und Laurentius sowie des hinteren Pfeilers der rechten Tafelseite könnten wiederum von antiken Vorbildern inspiriert worden sein, möglicherweise von Gemmen oder Reliefs antiker Sarkophage.Blumenröder: Andrea Mantegna – die Grisaillen, S. 114/115 Alle Personen nehmen unterschiedliche Haltungen ein und haben individuelle Merkmale; sie werden nicht als Idealfiguren, sondern als wirkliche Menschen dargestellt. Möglicherweise wurden sie nach Freunden oder Bekannten Mantegnas entworfen.Kristeller: Andrea Mantegna, S. 160 Auch dies trägt zum besonderen Eindruck des Bildes bei. „Es hatte schon vor Mantegna einige Beispiele für die sacra conversazione gegeben, aber kein Künstler vor ihm hatte so viele Heilige und so viele architektonische und dekorative Elemente zusammengefügt und war so weit von der konservativen und gesetzten Tradition der Altarbilder mit streng voneinander getrennten Tafeln abgewichen.“
Die Predella