Die Woiwodschaft Pommerellen () war eine Verwaltungseinheit der Zweiten Republik Polen von 1922 bis 1939. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand sie abermals von 1945 bis 1950.

Bezeichnungen Die offizielle polnische Bezeichnung war Województwo pomorskie (deutsch Pommersche Woiwodschaft oder Pommerellische Woiwodschaft).Im Polnischen wird der lokale Bezug für Woiwodschaftsnamen in adjektivische Form gegeben. Pomerellen ist eine Verkleinerungsform von Pommern, für das auch der Begriff Kleinpommern verwendet wird. In Englisch und Lateinisch wird Pomerellen zu Pomerelia, in Französisch zu Pomérélie. Sowohl Pommern wie auch Pommerellen wird in Polnisch zu Pomorze. Im Deutschen wurde die Woiwodschaft jedoch immer mit der zeitgenössischen Bezeichnung der Region Pommerellen benannt.Der Große Brockhaus: Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden: 21 Bde., völlig neubearb. 15. Auflage. F. A. Brockhaus, Leipzig 1928–1935, Band 14: Vierzehnter Band Osu–Por, Artikel: Pommerellen, poln. Woiwodschaft. S. 740.

Die Kurzbezeichnung Pommerellen wurde in der Zwischenkriegszeit sowohl von der deutschen wie auch von der polnischen Seite für das Gebiet der Woiwodschaft Pommerellen (województwo pomorskie) benutzt.

Nach erheblicher Erweiterung im Rahmen der polnischen Gebietsreform am 1. April 1938 hieß die Woiwodschaft offiziell Województwo Wielkopomorskie, d. h. dann sinngemäß im damaligen deutschen Sprachgebrauch Großpommerellische Woiwodschaft oder Woiwodschaft Großpommer[elle]n. Nach dem Ende der deutschen Besetzung Polens erhielt sie 1945 wieder die alte Bezeichnung Woiwodschaft Pommerellen. 1950 wurde sie zur Woiwodschaft Bydgoszcz, die in verschieden großen Gebietsausdehnungen bis 1999 existierte.

Seit der Gebietsreform 1999 führt wieder eine Woiwodschaft den Namen Województwo pomorskie, die in Deutsch als Woiwodschaft Pommern bezeichnet wird. Sie nimmt wesentliche Teile des Gebietes der ehemaligen Woiwodschaft Pommerellen ein.

Geographie Pommerellen setzte sich aus drei verschiedenen Teilen zusammen: dem eigentlichen Pommerellen westlich der Weichsel, im Wesentlichen deckungsgleich mit der Kaschubei, der Weichselniederung südlich der Freien Stadt Danzig, auch ehemals Teil des ostpommerschen Samboridenherzogtums, dem Culmer Land östlich des Flusses. Ab dem 1. April 1938 wurden weite Teile Kujawiens beiderseits des Weichsellaufs im südlichen Teil der Woiwodschaft hinzugefügt und die Woiwodschaft fortan als Großpommern oder seltener als Großpommerellen bezeichnet.

Im nördlichen Pommerellen westlich Danzigs finden sich viele Seen im Wechsel mit bewaldeten Hügeln – u. a. der 329 m hohe Turmberg –, weshalb dieses Gebiet als Kaschubische Schweiz bekannt ist. Ganz im Norden befindet sich die Küste, damals der einzige territoriale Zugang Polens zur See. Das eigentlich kleine Küstengebiet hatte eine mit 74 km relativ lange Küstenlinie, da die lange Putziger Nehrung ein großes Stück des Küstenverlaufs ausmachte. Im Südwesten des Gebiets, das damals zur Woiwodschaft gehörte, finden sich ausgedehnte Wälder der Tucheler Heide.

Flüsse, meist Nebenflüsse der Weichsel, im Gebiet sind die Brahe, Ferse, Radaune, Rheda und Schwarzwasser westlich der Weichsel und Drewenz und Ossa östlich davon im Culmer Land. Dessen Böden – wie auch die der Weichselniederung – gelten als fruchtbar.

Die Gebiete, die anschließend die Woiwodschaft ausmachen würden, wurden nach dem Inkrafttreten des Friedensvertrags von Versailles am 10. Januar 1920 von deutschem Militär und anderen Hoheitsträgern geräumt. Sie umfassten ostpreußisches Gebiet mit Soldau (Działdowo) und 32 kleineren Gemeinden (ab 10. Januar geräumt) sowie die westpreußischen Gebiete der mittleren Weichselniederung und die Kaschubei, diese wurden bis 20. Januar 1920 an Polen übergeben. Außerdem kam im Nordwesten ein sehr kleines Gebiet (6,64 km², 224 Einw., 1910) der preußischen Provinz Pommern dazu.

Im Westen grenzte die Woiwodschaft an den pommerschen Regierungsbezirk Köslin und die 1922–1938 bestehende preußische Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen, im Südwesten an die Woiwodschaft Posen, im Südosten an die Woiwodschaft Warschau (Land), im Osten an die ostpreußischen Regierungsbezirke Allenstein und Westpreußen, im Nordosten an die Freie Stadt Danzig und im Norden an die See, einmal an die Danziger Bucht der offenen Ostsee und – von ihr getrennt durch die Putziger Nehrung – an die Putziger Wiek. Da der straßen- und schienengebundene Verkehr zwischen Pommern und Ostpreußen das polnische Gebiet (Groß-)Pommerellens passieren musste, nannte man dieses Gebiet auch Polnischer Korridor.

Die Grenze zur Woiwodschaft Warschau (Land) war zunächst identisch mit der ehemaligen deutschen Grenze zu Russisch Polen. Durch die Gebietsreform mit Wirkung ab 1. April 1938 kam aber der Kreis Powiat Działdowski mit Działdowo (Soldau) von der Woiwodschaft Pommerellen an die Woiwodschaft Warschau-Land.

Die Woiwodschaft Warschau gab im Gegenzug die kujawischen Kreise Powiat Lipnowski, Powiat Nieszawski, Powiat Rypiński und Powiat Włocławski an Pommerellen ab.

Von Seiten der Woiwodschaft Posen kamen vier Kreise und zwei kreisfreie Städte hinzu, und zwar Bydgoszcz (Bromberg) und Inowrocław (Inowrazlaw/Hohensalza) sowie die Kreise Powiat Bydgoski, Powiat Inowrocławski, Powiat Szubiński und der Powiat Wyrzyski. Dadurch wurde Pommerellens Fläche und Bevölkerung erheblich vergrößert. Dem trug auch die Namensänderung in Großpommerellen Rechnung. Ab April 1938 umfing das Woiwodschaftsgebiets damit 25.683 km². Zur Übersicht aller Kreise und kreisfreien Städte sieh die Liste der Land- und Stadtkreise.

Bevölkerung und Sprachen Die Bevölkerung im Gebiet der Woiwodschaft verteilte sich im Wesentlichen auf die Gruppen der Polnisch-, Kaschubisch- und Deutschsprachigen. Der Gebrauch des Jiddischen, fast ausschließlich durch Juden, war bis 1918 zu Gunsten des Deutschen stark zurückgegangen, hatte aber durch jiddische Zuwanderung aus dem österreichischen und russischen Teilungsgebiet Polens bis 1931 wieder zugenommen mit 1.822 Muttersprachlern.Vgl. Drugi powszechny spis ludności z dn. 9.XII.1931 r: Mieszkania i gospodarstwa domowe. Ludność. Stosunki zawodowe: Województwo pomorskie/Le deuxième recensement général de la population du 9 décembre 1931: Logements et ménages, population, professions: Voïévodie de Pomorze, Główny Urząd Statystyczny Rzeczypospolitej Polskiej (Hrsg.), redigiert von Edward Szturm de Sztrem (1885–1962), Warschau: Główny Urząd Statystyczny, 1938, Tablica 10. Ludność według wyznania i płci oraz języka ojczystego / Population d'après la confession et le sexe, ainsi que d'après la langue maternelle. Dabei waren 1931 gut 95 % der jiddischsprachigen Juden, die übrigen ohne oder mit anderem religiösen Bekenntnis. Tatsächlich waren sehr viele Einwohner Pommerellens mehrsprachig, insbesondere durch den vor 1918/20 vorherrschenden Gebrauch des Deutschen in Schule und Verwaltung – sowie meist auch in der Wirtschaft – hatten alle Einwohner mehr oder minder gute Deutschkenntnisse.

Der Konflikt der Menschen um die Identitäten wurde vor und nach 1918 aufgeladen durch den Nationalismus verschiedener Verbände und des jeweiligen Staates, der sich dabei hoheitlicher Machtmittel bediente (seitens des deutschen Staats z. B. bis 1918: Ansiedlungskommission).

1919 zählte das Gebiet, das im folgenden Jahr die Woiwodschaft bilden würde, etwa 955.000 Einwohner. Davon waren 433.000 Polnisch-, 412.000 Deutsch- und 120.000 Kaschubischsprachige. Gemäß dem Territorialprinzip des Staatsbürgerrechts waren – abgesehen von niedergelassenen Ausländern, denen der Staat den Aufenthalt verweigern konnte – bis 1920 alle Einwohner Deutsche. Mit der Restituierung des polnischen Staates gab es auch wieder eine polnische Staatsangehörigkeit. In Abweichung vom starren Territorialprinzip wurde den Betroffenen in Artikel 297b des Versailler Vertrags die Möglichkeit eingeräumt, die deutsche Staatsbürgerschaft zu behalten.

Waren vor 1918 Polnischsprachige systematisch benachteiligt, änderten sich nun die Vorzeichen. Der polnische Staat entwickelte eine staatliche Nationalitätenpolitik, die sich in der Woiwodschaft Pommerellen vor allem gegen Deutschsprachige richtete.Ernst Opgenoort (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Ost- und Westpreußens (4 Teile in 5 Bänden). Herausgegeben im Auftrag der Historischen Kommission für Ost- und Westpreußische Landesforschung. Institut Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg 1994–1998 (=Einzelschriften der Historischen Kommission für Ost- und Westpreußische Landesforschung; Nr. 10), Teil III: Von der Reformationszeit bis zum Vertrag von Versailles 1807–1918. ISBN 3-932267-09-5, S. 132. Die Zahl der Deutschsprachigen ging in der Folge bis 1931 auf 105.000 Personen zurück.Ernst Opgenoorth (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Ost- und Westpreußens (4 Teile in 5 Bänden). Herausgegeben im Auftrag der Historischen Kommission für Ost- und Westpreußische Landesforschung. Institut Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg 1994–1998 (Einzelschriften der Historischen Kommission für Ost- und Westpreußische Landesforschung; Nr. 10), Teil III: Von der Reformationszeit bis zum Vertrag von Versailles 1807–1918. ISBN 3-932267-09-5, S. 133.

Allerdings gab es auch Polen, die ehemals Deutsche waren, die erfolgreich Karriere machten. Zum Beispiel Joseph von Unruh, vormals Offizier der kaiserlichen Marine, baute die Polnische Marine wesentlich mit auf und erlangte – zum Konteradmiral aufgestiegen – als Józef Unrug Berühmtheit.

Nach der territorialen Vergrößerung der Woiwodschaft Pommerellen zur Woiwodschaft Großpommerellen am 1. April 1938 betrug die Bevölkerung 1.884.400 Einwohner.Einwohnerzahlen nach dem Zensus von 1931 errechnet, exclusive der Bevölkerung des abgegebenen Kreises, sowie inklusive der neu hinzugekommenen Kreise. Zwar waren weitere Optanten ausgewandert, auch waren kujawische Kreise ohne nennenswertes deutschsprachiges Element hinzugekommen, doch eben auch Gebiete entlang der Noteć (Netze), wo auch Deutschsprachige lebten. So veränderten sich die Zahlen mit 88 % Polnisch- und Kaschubischsprachigen (oder ca. 1.658.000) gegenüber 10,1 % Deutschsprachigen (oder etwa 190.000).

Volkszählung 1921 Die Volkszählung vom 30. September 1921 ermittelte folgende „Nationalitäten“ (Volkszugehörigkeiten, die Kaschuben wurden zu den Polen gezählt.):

NationalitätZahlProzentPolen757.80180,99 %Deutsche175.77118,79 %Russen7940,08 %Übrige5550,06 %Juden4190,04 %Andere3030,03 %Gesamt935.643100,00 %

Selbstverwaltung, Staatsverwaltung und Gliederung Die pommersche Woiwodschaft war eine der Woiwodschaften mit ausgeprägter Selbstverwaltung. In dieser Frage waren die Woiwodschaften unterschiedlich organisiert. Neben der weiter gehenden Autonomie wie in Polnisch Schlesien gab es die Woiwodschaften Pommerellen und Posen mit eigenem gewähltem Landtag (sejmik wojewódzki), dessen Abgeordnete die Woiwodschaftsregierung (wydział wojewódzki) wählten.Andere Woiwodschaften hatten entweder nur den Woiwoden (Woiwodschaft Krakau, Woiwodschaft Polesien und Woiwodschaft Wolhynien) oder einen nicht gewählten und zudem nur beratenden Ausschuss aus Vertretern der woiwodschaftsangehörigen Kreise. Cf. Polen. In: Der Große Brockhaus: Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden. 21 Bände. Völlig neubearb. 15. Auflage. F. A. Brockhaus, Leipzig 1928–1935, Band 14: Osu–Por, S. 687–702, hier S. 693. Diese übte dann zusammen mit dem von der Zentralregierung eingesetzten Woiwoden die Selbstverwaltung aus.