Tanzwissenschaft ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem vielschichtigen Phänomen Tanz in seiner historischen, kulturellen, ästhetischen und sozialen Entwicklung. Tanzwissenschaft ist eine geisteswissenschaftliche Disziplin, die eine enge Verbindung zur Musik-, Theater- und Kulturwissenschaft aufweist.

Einleitung Tanz tritt in allen historischen und kulturellen Kontexten auf. Trotz seiner Flüchtigkeit ist Tanz ein Wissensspeicher von Körper- und Raumkonzepten und Bewegungen. Dabei stellt die Flüchtigkeit der Tanzbewegungen hohe Anforderungen an die Methoden der Tanzwissenschaft. Sie ist interdisziplinär angelegt und bezieht andere Einzelwissenschaften sowie bildende und darstellende Kunst ein.

Thematische Schwerpunkte der Tanzwissenschaft sind u. a. die Tanzgeschichte, die Bewegungs- und Aufführungsanalyse, Tanznotationen und ästhetische Theorien des Tanzes vor allem im Rahmen der kulturwissenschaftlich orientierten Tanzwissenschaft. Teilbereiche der Tanzwissenschaft sind außerdem in Sozialwissenschaften angesiedelt: hierzu gehören Untersuchungen zur Tanzpädagogik, Tanz als soziales Phänomen und Tanztherapie. Die Erforschung des Tanzes als populäre Kultur und in anderen kulturellen und globalen Kontexten wurde zunächst und primär aus ethnologischer und anthropologischer Perspektive erforscht. Verbindungen zu den Naturwissenschaften werden über die Erforschung von motorischen, neurologischen und kognitiven Aspekten tänzerischer Bewegung hergestellt. Die zunehmende Etablierung von Tanzwissenschaft als universitäre Disziplin im deutschsprachigen Raum führt einerseits zu einem verstärkten Austausch und dem Auflösen disziplinärer Grenzen, andererseits zur Etablierung spezifischer Expertisen.

Historische Entwicklung in Deutschland Theoretische Abhandlungen zum Thema Tanz gibt es seit der Antike und in deutscher Sprache spätestens seit dem 16. Jahrhundert. Oft haben diese frühen deutschen Arbeiten einen religionswissenschaftlichen Ansatz, wie die wahrscheinlich weltweit erste Dissertation über den Tanz Dissertatio theologica circularis de saltatione christiano licita: ob einem Christen zu tantzen erlaubet sey? (Johann Peter Grünenberg, Universität Rostock 1704). Im 18. Jahrhundert wurde auch der künstlerische Tanz zum Gegenstand der deutschen Forschungsliteratur. Man brachte zu dieser Zeit Tanz und Wissenschaft bereits mit einer gewissen Selbstverständlichkeit in Verbindung. So stellte Johann Pasch 1707 fest, dass „wahre Tantz-Kunst [...] in Theoria eine Wissenschaft“' sei, und Carl Joseph von Feldtenstein leitete 1772 sein Werk über die Choreographie mit dem Satz „Die Tanzkunst ist eine angenehme Wissenschaft“' ein. Im 19. Jahrhundert bemühte sich in Deutschland insbesondere die 1873 gegründete Akademie der Tanzlehrkunst zu Berlin und unter ihren Mitgliedern namentlich Friedrich Albert Zorn um die Notation als Grundlage theoretischer (und praktischer) Auseinandersetzung mit Tanz.

mini|Promotion in Tanzwissenschaft 1935: in den USA (Aus: „Der Tanz“, H. 9 / September 1935, S. 17)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte Isadora Duncan ein zu dieser Zeit immer noch unerreichtes Ziel: „Und ich hoffe, wenn ich nur nicht nachgebe, eine Wissenschaft des Tanzes zu finden, mit ganz festen und sicheren und unantastbaren Gesetzen.“Zitiert nach Hermann Bahr: Isadora Duncan. In: Kunst des Tages. Eine Sammlung Wiener Meisterfeuilletons. Hrsg. von Alfred Zohner. Luckmann, Wien 1946, S. 210–215, hier 215. Folgerichtig standen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben den bereits traditionellen tanzhistorischen Ansätzen vor allem Überlegungen zur Sicherung des transitorischen Untersuchungsgegenstandes im Mittelpunkt des tanzwissenschaftlichen Interesses. So entwickelte Rudolf von Laban eine neue Schrift zur Notation von Tanz, die Kinetographie oder Labanotation. Ein weiterer Autor eines Tanzschriftsystems bekundete 1929: „Ja, Tanzwissenschaft oder im weiteren Sinne Bewegungswissenschaft ist überhaupt in exakter Form erst denkbar durch den Gebrauch der Bewegungsschrift.“G. Joachim Vischer-Klamt: Choreographie als Arbeitsform. Beitrag zur Gestaltung der Tanzhochschule. In: Liesel Freund (Hrsg.): Monographien der Ausbildungsschulen für Tanz und tänzerische Körperbildung. Band 1: Berlin. Leo Alterthum Verlag: Berlin 1929, S. 75–77, hier 75. Und der Tanzhistoriker Fritz Böhme baute in Berlin eine Sammlung aller zur wissenschaftlichen Untersuchung und Dokumentation des Tanzes geeigneten Materialien auf, ein Tanzarchiv (im Zweiten Weltkrieg zerstört).

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Kurt Peters in Hamburg 1948 mit dem Aufbau eines neuen, zunächst privaten Tanzarchivs und nannte die von ihm ab 1953 herausgegebene Fachzeitschrift ebenfalls Das Tanzarchiv. Peters siedelte 1965 mit Archiv und Zeitschrift nach Köln um; das Archiv wurde 1985 als Deutsches Tanzarchiv Köln von der SK Stiftung Kultur aufgekauft. 1957 gründete Kurt Petermann in Leipzig ein weiteres Tanzarchiv (zunächst Volkstanzarchiv, am Haus für Volkskunst). Von beiden Einrichtungen gingen fortan wichtige Impulse zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Tanz aus, wobei dem Leipziger Archiv ein „bedeutende[r] Anteil an der Herausbildung einer marxistischen Tanzwissenschaft“ bescheinigt wurde.Norbert Molkenbur: Einführung in die Tanzkunde, Kapitel II, Abschnitt 3: „Wissenschaftlich-methodische Institutionen“. Zentralhaus für Kulturarbeit, Leipzig 1966, S. 26.

Studium Studium: Geschichte In Deutschland befanden sich der Tanz und die sich in Ansätzen entwickelnde Wissenschaft vom Tanz im Bereich der Ausbildung zunächst in einer Symbiose. Laban und Kurt Jooss hatten im Rahmen der Tänzerkongresse 1927 (Magdeburg) und 1928 (Essen) ein Exposé erarbeitet mit dem formulierten Ziel, eine „Zentrale Fortbildungsstätte für Bühnentanz und Bewegungswissenschaft“ aufzubauen. zitiert nach: Patricia Stöckemann: Etwas ganz Neues muß nun entstehen. Kurt Jooss und das Tanztheater. Kieser, München 2001, S. 112.

1961 wurde in Köln von Aurel von Milloss in der Staatlichen Hochschule für Musik Köln, Abteilung Musikalisches Theater, das Institut für Bühnentanz eingerichtet. Es bestand aus einer Fachschule für Bühnentänzer, die verwaltungsmäßig der Rheinischen Musikschule der Stadt Köln angegliedert wurde, und einer Hochschule für künstlerischen Tanz. Letztere hatte fünf Abteilungen oder Studienrichtungen für ein jeweils viersemestriges Studium, und eine davon war die Abteilung für Tanzwissenschaft. Auch die „Wissenschaftliche Forschung und Kodifikation auf allen Gebieten des Tanzes (Sammlung und Archivierung einschlägigen Materials einschl. Bibliothek, Filmothek und Diskothek)“, so ein Prospekt, gehörte zu den Aufgaben des neuen Hochschulinstituts. Zu Beginn unterrichteten neben Milloss und Oscar Fritz Schuh acht weitere Dozenten (fünf von ihnen promoviert) und acht Gastdozenten. Da für diese Studienrichtungen – wie damals üblich – Studiengebühren anfielen und die Zahl der Studenten gering war, konnte sich der Hochschulbereich des Institutes nicht langfristig halten. Die wissenschaftlichen Fächer wurden in stark reduziertem Umfang in der Ausbildung der Tänzer weiterhin gelehrt, so ab Mitte der 1960er Jahre beispielsweise von Kurt Peters (Tanzgeschichte, Kulturgeschichte, Kinetographie) und Gerhard Zacharias.

In der DDR forderte Kurt Petermann im Jahr 1977 einen systematischen Aufbau der Tanzwissenschaft und sah dafür drei Möglichkeiten: entweder an einer Universität (Berlin oder Leipzig) in der Sektion Gesellschaftswissenschaft als eigener Bereich, oder an der Theaterhochschule „Hans Otto“ als wissenschaftliche Abteilung des Choreographiestudiums, oder durch Ausbau des von ihm geleiteten Tanzarchivs zur zentralen Forschungsstelle für Tanzwissenschaft, mit dem Ziel, „[...] den Anschluß an die internationale Entwicklung nicht [zu] verlieren, sondern entsprechend unserem sozialistischen Gesellschaftssystem durch künstlerische Höchstleistungen diese mit[zu]bestimmen.“Kurt Petermann: Aufgaben und Möglichkeiten der Tanzwissenschaft in der DDR, in: Zur Ballettarbeit in der DDR und in der UdSSR. Material zum Theater. Beiträge zur Theorie und Praxis des sozialistischen Theaters, Bd. 125. Verband der Theaterschaffenden der DDR, Berlin 1980, S. 49–65, hier 64, 65. (Vortrag, gehalten 1977). An der Theaterhochschule Leipzig gab es 1986 und 1988 für jeweils vier Studenten die Möglichkeit, sich für einen Studiengang Theaterwissenschaften mit der Spezialisierung Tanzwissenschaft einzuschreiben, der den Abschluss „Diplomtheaterwissenschaftler (spezialisiert für Tanzwissenschaft)“ anbot.Ralf Stabel: Die Arbeitsgruppe Tanzwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, in: Strukturprinzip Bewegung. Tanzwissenschaftliche Beiträge. Symposiumsbericht, Leipzig 1992, S. 5–9, hier: 6 Nach der Wende 1991 wurde er zum Nebenfach herabgestuftJens Richard Giersdorf: Tanzwissenschaft, Dance Studies, Dance Theory. In: Claudia Fleischle-Braun u. Ralf Stabel (Hrsg.): Tanzforschung und Tanzausbildung. Im Auftrag der Gesellschaft für Tanzforschung. Henschel, Leipzig 2008, S. 46–48. und ging 1992 im Zuge der Aufteilung und Auflösung der Hochschule nach dem Sächsischen Hochschulstrukturgesetz ganz verloren.

Impulsgebend für die weitere Entwicklung in Deutschland wirkte sich ein 1988 vom Internationalen Theaterinstitut veranstaltetes Symposium Beyond Performance: Dance Scholarship Today in Essen mit 160 Teilnehmern aus 38 Ländern aus.

Studium: Gegenwart Berlin: Die FU Berlin bietet im Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaft beim Institut für Theaterwissenschaft einen nicht-konsekutiven Masterstudiengang anTanzwissenschaft als Masterstudiengang an der FU Berlin, abgerufen am 8. Januar 20107, u. a. mit diesen Modulen: Theorie und Ästhetik Historizität und Historiographie Tanz, Künste und Medien Forschungspraxis.

Köln: Die erste Professur für Tanzwissenschaft im deutschsprachigen Raum wurde Ende der 1990er Jahre an der Staatlichen Hochschule für Musik Köln eingerichtet. Im dortigen Zentrum für Zeitgenössischen Tanz ist das Fach Tanzwissenschaft fester Bestandteil im Bachelor-Studiengang Tanz. Seit dem WS 2010/2011 wird hier ein nicht-konsekutiver Masterstudiengang in Tanzwissenschaft angeboten, u. a. mit diesen Modulen: Methoden der Tanzwissenschaft Tanzhistoriographie Komposition, Choreografie und Dramaturgie.Tanzwissenschaft als Masterstudiengang an der HFMT Köln, abgerufen am 21. Mai 2019

An der Hochschule für Musik und Tanz Köln besteht die Möglichkeit, im Fach Tanzwissenschaft zu promovieren.

Hamburg: An der Universität Hamburg wird an der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft und der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften ein postgradualer Studiengang Master of Arts in Performance Studies angeboten.Masterstudiengang Performance Studies an der Uni Hamburg, abgerufen am 8. Januar 2017 Performance Studies ist ein wissenschaftlich-künstlerischer Studiengang und verbindet in den Bereichen Performance, Bewegung und Tanz kultur- und sozialwissenschaftliche Reflexion künstlerische Praxis ästhetische Bildung.

Der Studiengang Performance Studies wird zum Wintersemester 2023/24 eingestellt.Masterstudiengang Performance Studies an der Uni Hamburg, abgerufen am 1. April 2022

Gießen / Frankfurt am Main: An der Universität Gießen wurde 2008 eine zunächst auf drei Jahre befristete Professur für Tanzwissenschaft zum Aufbau, zur Durchführung und zur Leitung des MA-Studiengangs „Choreographie und Performance“ eingerichtet, der gemeinsam vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main entwickelt und angeboten wird., abgerufen am 8. Januar 2017