Das entschleierte Christentum, oder Prüfung der Prinzipien und Wirkungen der christlichen Religion (Le christianisme dévoilé, ou Examen des principes et des effets de la religion chrétienne) ist ein dem Baron d’Holbach zugeschriebenes antichristliches Buch, das vermutlich 1766 unter Pseudonym in Nancy veröffentlicht wurde.
In seinem religionskritischen Erstlingswerk weist Holbach auf Aspekte des christlichen Glaubens hin, die seines Erachtens widersprüchlich sind, und kritisiert besonders den moralischen und politischen Einfluss der christlichen Religion samt ihrem Klerus mit scharfen Worten. Die dargelegten Feststellungen finden zahlreiche Entsprechungen in Holbachs späteren Werken, enthalten jedoch nur latent atheistische Äußerungen und greifen noch hauptsächlich das Christentum im Gegensatz zur Religion im Allgemeinen an.
Anders als frühere religionskritische Veröffentlichungen hat Le christianisme dévoilé keine Analyse über den historischen Ursprung von Religionen oder das Projekt einer deistischen Alternativreligion zum Inhalt, sondern gibt sich unverblümt als antichristliche Propagandaschrift zu erkennen. Das Buch löste in philosophisch-aufklärerischen Kreisen lebhafte Reaktionen aus und wurde sofort nach seinem Erscheinen von den französischen Behörden beschlagnahmt.
thumb|Titelblatt der frühesten bekannten, 295-seitigen Ausgabe mit „M. Boulanger“ als Autor, 1756 als Erscheinungsjahr und London als Erscheinungsort.Paris, Bibliothèque nationale de France D² 5305 Alle diese Angaben sind falsch.
Verfasser Le christianisme dévoilé wurde unter dem Namen „verstorbener M. Boulanger“ veröffentlicht. Schon Zeitgenossen zweifelten an der Autorschaft Nicolas Antoine Boulangers, der für seine posthum veröffentlichten philosophisch-historischen Werke bekannt war, und stellten Mutmaßungen über den wahren Autor an. So schreibt etwa Voltaire 1766 in einem Brief an den Materialisten Helvétius:
De qui est cet ouvrage attribué à Bolingbroke, à Boulanger, à Fréret ? Eh mes amis ! qu’importe l’auteur de l’ouvrage ?Brief vom 27. Oktober 1766 (Nr. 12738 in Theodore Besterman, Voltaire’s general correspondence. Institut et Musée Voltaire, Genf 1953–1965). Zitiert in Vercruysse (1971), 1756 Von wem mag dieses Werk stammen, das man Bolingbroke, Boulanger oder Fréret zuschreibt? Meine Freunde, was spielt es schon für eine Rolle, wer der Autor des Werks ist?
thumb|Baron d’Holbach 1766, Aquarellporträt von Louis Carmontelle Voltaire, der auch selbst häufig Pseudonyme verwendete, war von den Verdächtigungen nicht ausgenommen. In seiner Korrespondenz von 1768 nennt er seinen kürzlich verstorbenen Freund Étienne Noël Damilaville (1723–1768) als Autor – wahrscheinlich, um den Verdacht von sich selbst abzulenken.Briefe vom 20. Dezember an Villevieille (Besterman Nr. 14412) und vom 26. Dezember an Mme Du Deffand (Besterman Nr. 14422). Zitiert in Vercruysse (1971), 1756
Die Zuschreibung an Boulanger ist höchstwahrscheinlich auf die Ähnlichkeit des Titels zu dessen Werk L’antiquité dévoilée zurückzuführen. Seit Ende des 18. Jahrhunderts wurde Le christianisme dévoilé in mehrere von Boulangers Werkausgaben aufgenommen.Vercruysse (1971), 1756 Auch die These von Damilaville als Autor wurde hin und wieder geäußert. Der Schriftsteller und Kritiker Jean-François de La Harpe berichtete, dass Damilaville den Text teilweise von Diderot diktiert bekommen habe. Die Bücher habe Damilaville bei sich gelagert und für 10 Écus je Exemplar verkauft.Jean-François de La Harpe: Le Lycée, ou cours de littérature, Bd. 14, S. 316 f. (Ausgabe von 1827 online bei Google Books)
Der Bibliothekar und Bibliograph Antoine-Alexandre Barbier widerspricht den Ausführungen La Harpes und stellt Holbach als Autor fest.Antoine-Alexandre Barbier: Examen de plusieurs assertions hasardées par J. F. Laharpe dans sa Philosophie du 18e siècle, Magasin encyclopédique 1805, III: 5–26 (Online bei Archive.org) Laut Barbier wurde das Manuskript Jean-François de Saint-Lambert anvertraut, der es bei dem Verleger Le Clerc in Nancy drucken ließ. Durch Indiskretion habe der Verleger beinahe den Verfasser des Buches und seinen Überbringer in Schwierigkeiten gebracht. Von Nancy seien die Exemplare nach Ferney gelangt, wo Voltaire die zwei ersten Exemplare Damilaville habe zuschicken lassen. Offiziere hätten dann die Bücher massenweise nach Paris gebracht.
Bereits vor Barbier hatte Sylvain Maréchal das Werk in seinem Dictionnaire des athées anciens et modernes Holbach zugeschrieben.Sylvain Maréchal: Dictionnaire des athées anciens et modernes, S. 313. Paris 1799 (Ausgabe von 1833 online bei Gallica). Zitiert in Vercruysse (1971), 1756 Die Autorschaft Holbachs wurde zwei Jahrzehnte später von André Morellet bestätigt.André Morellet: Mémoires de l’abbé Morellet, de l’Académie française, sur le dix-huitième siècle et sur la Révolution, Bd. 1, S. 133. Ladvocat, Paris 1821 (Online bei Google Books).
Eine Untersuchung charakteristischer Stilmerkmale Holbachs durch Rudolf Besthorn ergab klare Entsprechungen. Die für Holbach typischen Wiederholungen und Verweise auf vorhergehende Zusammenhänge sind vorhanden, wenn auch nicht in dem Maße wie im 1770 veröffentlichten Système de la nature (System der Natur).Besthorn (1969), S. 81 Die sehr ähnlichen inhaltlichen Beziehungen zu den gesicherten Werken Holbachs, die bis zu wortwörtlichen Übereinstimmungen gehen, bestätigen dessen Autorschaft und lassen Boulanger, Voltaire und Damilaville auch aus stil- und inhaltskritischer Sicht als Urheber ausscheiden.Besthorn (1969), S. 91 Eine Mitautorschaft Diderots an dem Werk kann nicht nachgewiesen werden. Indirekte Äußerungen Diderots von 1762 deuten jedoch darauf hin, dass Diderot und Helvétius Kenntnis dieser und anderer Schriften Holbachs hatten, und den Verfasser mit Ratschlägen unterstützten.Naumann (1964), S. 175
Datierung Die früheste bekannte Ausgabe von Le christianisme dévoilé gibt auf dem Titelblatt 1756 als Erscheinungsjahr an. Dieses Datum ist entweder fehlerhaft oder zum Zweck der Irreführung fingiert, denn der als verstorbener Verfasser genannte Nicolas-Antoine Boulanger verstarb in Wirklichkeit erst drei Jahre später. Das dem Werk vorangestellte Vorwort ist mit „4. Mai 1758“ datiert. Außerdem wird im Buch das Werk Recherches sur l’origine du despotisme oriental zitiert, das erst 1761 erschien.Naumann (1964), S. 155 f.
Da im Erstdruck des Werks auf kein Ereignis nach 1761 Bezug genommen wird, liegt es nahe, das Erscheinungsdatum des Werks auf dieses Jahr zu verlegen. Diese Annahme deckt sich mit dem in Barbiers Dictionnaire des ouvrages anonymes et pseudonymes angegebenen Datum.Antoine-Alexandre Barbier: Dictionnaire des ouvrages anonymes et pseudonymes, Bd. 1, S. 594 f. Paris 1872–1879. Zitiert in Naumann (1964), S. 156 Wahrscheinlicher ist jedoch eine Erstveröffentlichung im Jahr 1766, denn erst ab diesem Zeitpunkt findet das Werk in der philosophischen Korrespondenz und anderen Schriftstücken plötzlich häufig Erwähnung.Naumann (1964); Vercruysse (1971) Für das spätere Datum spricht auch, dass im Titelblatt eines Exemplars der Bibliothèque nationale das Datum von MDCCLVI (1756) durch nachträgliche Einfügung eines „X“ (10) auf MDCCLXVI (1766) korrigiert wurde.Paris, Bibliothèque nationale de France D² 2859; vgl. Vercruysse (1971), 1756 Eine Untersuchung der frühesten bekannten Ausgabe ergibt außerdem, dass die Wasserzeichen des Papiers mit 1762 oder 1763 datiert sind.
Das Manuskript kann nicht vor 1762 fertiggestellt worden sein, da das zitierte Werk Boulangers, Recherches sur l’origine du despotisme oriental, erst ab Januar 1762 Erwähnung findet. Andererseits fällt auf, dass das andere von Boulanger hinterlassene Werk, L’antiquité dévoilée, mit keinem Wort erwähnt wird. Dieses Werk wurde im November 1765 als im Druck erschienen angezeigt. Daraus kann geschlossen werden, dass das Manuskript von Le christianisme dévoilé zwischen 1762 und Ende 1765 abgeschlossen und im Jahr 1766 veröffentlicht wurde.Naumann (1964), S. 160
Aufbau Dem Werk ist ein Vorwort in Form einer Antwort auf einen angeblichen Brief eines Lesers vorangestellt, das bereits die wichtigsten Punkte des Werks vorwegnimmt. Der Einleitung über die Notwendigkeit, die Religion einer kritischen Überprüfung zu unterwerfen, folgt in den ersten beiden Kapiteln ein Abriss über die Geschichte des Judentums und Christentums. Daraufhin werden die Glaubensinhalte des Christentums im Einzelnen behandelt und kritisiert. Besonders ausführlich geht Holbach anschließend auf die christliche Moral ein; das Kapitel über die christlichen Tugenden ist das längste des gesamten Werks. Nach einem Kapitel über die religiösen Pflichten und Handlungen folgt eine Darstellung der politischen Auswirkungen der Religion und der Priesterschaft. Die Schlussbetrachtung fasst die Grundgedanken der Schrift noch einmal zusammen und erörtert insbesondere die Aufgaben des aufgeklärten Herrschers.
Holbach führt in seiner Schrift eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Einwände gegen das Christentum an.Kellerwessel (2009), S. 181 Seine Argumente aus dem Bereich der praktischen Philosophie umfassen moralische Bedenken gegen den Gott der Bibel, handlungstheoretische Erwägungen, Einwände gegen die christliche Moral und die christlichen Tugenden sowie einige kritische Argumente aus dem Bereich der politischen Philosophie. Unter dem Gesichtspunkt der theoretischen Philosophie kritisiert Holbach die verfehlte Begrifflichkeit des christlichen Glaubens in Bezug auf die behaupteten Eigenschaften Gottes und stellt darüber hinaus sprachphilosophische sowie erkenntnistheoretische Überlegungen an.
Obwohl sich das Buch an eine nur durchschnittlich gebildete Leserschaft wandte, die möglichst schnell überzeugt werden sollte, gab Holbach in seinen Fußnoten zahlreiche Quellen an. Neben Werken der Geschichtsschreibung wird aus verschiedenen religionskritischen Schriften zitiert, darunter die Werke von Jean Meslier, Peter Annet (1693–1769), Thomas Woolston (1668–1733) und Anthony Collins. Der in Le christianisme dévoilé dargelegte Stoff ist größtenteils auch in anderen zeitgenössischen Schriften nachweisbar. Neu ist die Aufbereitung im Sinne einer möglichst schlagkräftigen Gesamtdarstellung, die auf taktische politische Erwägungen keine Rücksicht nimmt.Naumann (1964), S. 176