mini|350px|Die Danmark in Danmarks Havn (Gemälde von Achton Friis) Die Danmark-Expedition von 1906 bis 1908 (offiziell Danmark-Ekspeditionen til Grønlands Nordostkyst 1906–1908) war die bis dahin größte dänische Grönlandexpedition. Sie sollte den letzten noch unbekannten Küstenverlauf Grönlands zwischen Kap Clarence Wyckoff und Kap Bismarck im Nordosten der Insel aufklären und kartieren sowie die dänische Souveränität über das Gebiet untermauern. Daneben wurden umfangreiche wissenschaftliche Arbeiten auf den Gebieten der Meteorologie, Glaziologie, Ethnographie, Zoologie und Botanik durchgeführt. Die Expedition nahm einen tragischen Verlauf – ihr Leiter Ludvig Mylius-Erichsen und zwei Begleiter starben –, sie war aber vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen erfolgreich und lieferte wertvolle Daten und Erkenntnisse über den Verlauf der grönländischen Küste, über das arktische Klima und über die frühere Besiedlung Nordostgrönlands.
Vorgeschichte Dänemark hatte die vom Klima begünstigte Westküste Grönlands seit 1721 schrittweise kolonisiert. Besonders nach dem Kieler Frieden von 1814, bei dem es die Herrschaft über Norwegen einbüßte, hatte Dänemark seine Aktivitäten in Grönland intensiviert. In den nächsten 90 Jahren wurden nicht weniger als 25 Expeditionen nach Grönland ausgeschickt, von denen viele die Kartierung der Küstenlinie zum Ziel hatten. Andere Nationen beteiligten sich mit eigenen Expeditionen an der Erforschung der Insel, forderten damit aber auch den dänischen Anspruch auf die Hoheitsrechte über ganz Grönland heraus. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war nur noch ein Küstenabschnitt im Nordosten unbekannt, zwischen Kap Bismarck, dem nördlichsten Punkt der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition von 1869/70, und Kap Clarence Wyckoff, das der US-Amerikaner Robert Peary im Jahr 1900 von Westen kommend erreicht hatte.
Vorbereitung und Ziele mini|hochkant|Ludvig Mylius-Erichsen Ludvig Mylius-Erichsen, der von 1902 bis 1904 die ethnographische Literarische Expedition nach Nordwestgrönland geleitet hatte, war der Auffassung, dass die abschließende Aufklärung der grönländischen Küstenlinie eine nationale dänische Aufgabe wäre. Er legte Anfang 1905 erste Pläne für eine wissenschaftlich geprägte Expedition nach Nordostgrönland vor. Er beriet sich dazu mit den Leitern früherer dänischer Entdeckungsfahrten nach Ostgrönland, nämlich Gustav Holm, Carl Ryder, Vilhelm Garde und Georg Amdrup. Mylius-Erichsens Plan sah eine zweijährige Forschungsfahrt vor. Im ersten Frühjahr sollte die Kartierung von Grönlands Küstenlinie abgeschlossen und im zweiten der Kejser Franz Joseph Fjord und das Inlandeis erkundet werden. Daneben gab es ein umfangreiches naturwissenschaftliches und ethnographisches Forschungsprogramm.
Am 17. Oktober 1905 stellte er sein weiterentwickeltes Konzept für die geplante Expedition in der Kopenhagener Konzerthalle einem breiten Publikum vor. Anwesend waren neben den schon involvierten Marineoffizieren und Wissenschaftlern Mitglieder der Regierung und des Folketings, des dänischen Königshauses, der Geographischen Gesellschaft, Repräsentanten der Universität Kopenhagen sowie Vertreter der Presse. Jens Christian Christensen, der dänische Regierungschef (Konseilspræsident), sagte zu, die Übernahme der Hälfte der geschätzten Kosten beim dänischen Parlament zu beantragen. Die andere Hälfte sollte durch private Spenden gedeckt werden.
Die starke staatliche Unterstützung war den geopolitischen Interessen Dänemarks geschuldet. Die Expedition sollte dazu beitragen, die internationale Anerkennung der dänischen Souveränität über ganz Grönland zu stärken, besonders angesichts des zunehmenden Interesses anderer Mächte, wie der Vereinigten Staaten, die Dänemarks Anspruch auf Grönland erst 1917 anerkannten. Verbunden damit waren wirtschaftliche Interessen. Als rohstoffarmes Land hatte Dänemark bereits Mitte der 1850er Jahre eine Kryolithmine im grönländischen Ivittuut errichtet.
Die privaten Spenden flossen nicht so reichlich wie erhofft, sodass der dänische Staat seinen Anteil von 130.000 Kronen auf 193.500 erhöhen musste. Das gesamte Budget betrug schließlich 283.500 Kronen. Hinzu kam ein zinsloses Darlehen für die Versicherung des Schiffs von 15.000 Kronen.
Sobald die Finanzierung gesichert war, wurde Ende März 1906 ein Komitee für die Danmark-Expedition gegründet, dem Mylius-Erichsen, Holm, Amdrup, Konsul Erik Semmy Henius (1863–1926) und Konsul Valdemar Glückstadt angehörten. Das Komitee kaufte das über 50 Jahre alte norwegische Polarschiff Magdalena und benannte es in Danmark um. Das Schiff war 1855 im schottischen Peterhead als Sir Colin Campbell für die Wal- und Robbenjagd gebaut worden und in außergewöhnlich gutem Zustand. Es war ein als Bark getakeltes Segelschiff, das 1872 zusätzlich mit einer 60-PS-Dampfmaschine ausgestattet worden war. Bei 37,40 m Länge war es 9,20 m breit und hatte voll beladen einen Tiefgang von 5,50 m. Die fünf zum Schiff gehörenden Ruderboote wurden um zwei Motorboote ergänzt.
Bei der Ausrüstung konnte Mylius-Erichsen auf seine während der Literarischen Expedition gesammelten Erfahrungen zurückgreifen. An Bord war alles, was für ausgedehnte Schlitten- oder Bootstouren nötig war. Einige Nansenschlitten waren in Norwegen bestellt worden, die meisten Schlitten wurden aber nach Art der Inuit an Bord gebaut. In Westgrönland wurden 100 Schlittenhunde gekauft, von denen 40 nach Kopenhagen, die anderen auf die Färöer geliefert wurden, wo die Danmark sie aufnahm. Für Transporte über ebene Eisflächen wurde ein Automobil angeschafft.
Für aerologische Beobachtungen waren drei Fesselballons und mehrere Wetterdrachen an Bord der Danmark. Hinzu kamen 12.000 m Klavierdraht auf einer Trommelwinde. Der für die Ballons benötigte Wasserstoff befand sich in 100 Druckgasbehältern.
Expeditionsmannschaft mini|Die Expeditionsmannschaft 1906 vor der Abreise, noch ohne die drei Grönländer, die später an Bord gingen
Es war Mylius-Erichsen bewusst, dass er zur Verwirklichung seiner Reisepläne Mitstreiter benötigte, die Erfahrung in hocharktischen Gebieten besaßen. Deshalb stellte er drei Grönländer als Hundeschlittenführer und Jäger ein. Auch bei der Auswahl der Besatzung setzte er auf Männer mit Arktiserfahrung. Die Matrosen standen alle im Dienst von Den Kongelige Grønlandske Handel. Als Kapitän der Danmark wünschte Mylius-Erichsen sich Ejnar Mikkelsen, der schon an zwei Arktis-Expeditionen teilgenommen hatte. Dieser lehnte jedoch ab. Schließlich bekam der in arktischen Gewässern unerfahrene Alf Trolle (1873–1949) das Kommando. Um sich auf seine Aufgabe vorzubereiten, unternahm er im Frühjahr 1906 eine Reise auf der Fox II nach Ivittuut. Auch einige der Kartographen und Wissenschaftler sowie der Bordarzt Johannes Lindhard (1870–1947) hatten bereits Erfahrungen in arktischen Gebieten sammeln können.
Die Expeditionsmannschaft bestand aus 28 Männern. 25 von ihnen waren Dänen und zwei waren Norweger. Als Physiker und Meteorologe hatte Mylius-Erichsen den Deutschen Alfred Wegener akzeptiert, der sich um diesen Posten mehrfach beworben hatte. Als Assistent stand ihm Peter Freuchen zur Seite, der später unter anderem als Schriftsteller Weltruhm erlangte. Die anderen Naturwissenschaftler waren die Zoologen Fritz Johansen (1882–1957) und Valdemar Manniche, der Geologe Hakon Jarner (1882–1964) sowie der Botaniker Andreas Lundager (1869–1940). Chefkartograph war Johan Peter Koch. Mit Aage Bertelsen und Achton Friis waren zudem zwei Kunstmaler an Bord.
Verlauf Ankunft und Depotlegung mini|Karte von Danmarkshavn mini|Danmarkshavn, im Vordergrund die „Villa“ Die Danmark verließ den Hafen von Kopenhagen am 24. Juni 1906. Auf den Färöern, wo noch einmal Kohle gebunkert wurde, kamen die drei Grönländer mit weiteren Schlittenhunden an Bord. Das Schiff passierte den Treibeisgürtel bei 76° nördlicher Breite und erreichte die grönländische Küste am 13. August bei der Insel Store Koldewey. Trolle fand einen für die Überwinterung geeigneten Ankerplatz an der Südküste Germania Lands, der „Danmarks Havn“ benannt wurde. Die Danmark folgte aber zunächst der Ostküste Germania Lands nordwärts bis zur Insel Île-de-France (heute Qeqertaq Prins Henrik), wo vier Männer mit dem Motorboot von Bord gingen. Sie legten ein Proviantdepot am Kap Marie Valdemar an und folgten der Küste Germania Lands nach Süden, wobei sie diese kartierten. Am 17. August ging das Schiff vor Anker. Während es winterfest gemacht und die Materialien zum Bau der Gebäude an Land gebracht wurden, ging ein Teil des Expeditionsteams mit den Motorbooten in der Dove Bugt auf die Jagd, vor allem um Frischfleisch für die Hunde heranzuschaffen.
Nachdem der Schiffszimmermann Gundahl Knudsen am 29. August von der Jagd zurückgekehrt war, begann der Aufbau der Station Danmarkshavn, der bis zum 24. Oktober abgeschlossen war. Das Hauptgebäude, das „Villa“ genannt wurde, bestand aus nur einem quadratischen Raum mit einer Fläche von 25 m². Ein Tisch mit vier Stühlen, Doppelstockbetten für 4 Personen und ein Ofen in der Mitte des Raums bildeten das gesamte Mobiliar. Bewohner des Hauses waren Koch, Wegener, Lundager und Bertelsen. Das Haus war mit dem Schiff über eine Telefonleitung verbunden, die weiter zum astronomischen Observatorium führte. Weiterhin gab es ein magnetisches Observatorium und zahlreiche fest installierte Geräte zur Messung der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, der Windgeschwindigkeit, der Niederschlagsmenge und der Luftelektrizität. Direkt am Ufer wurden Benzin, Proviant und die Wasserstoffflaschen gelagert. 1907 kam ein Schuppen für die Wetterdrachen hinzu, damit diese nicht vor jedem Einsatz erst zusammengebaut werden mussten.
Am 1. Oktober begannen ausgedehnte Schlittenreisen, um Depots für den geplanten Vorstoß nach Norden anzulegen. Im Süden wurden Store und Lille Koldewey, die Pendulum Øer und Shannon kartiert, im Westen der Mørkefjord. Auf Bass Rock, das manchmal von Walfängern besucht wurde, hinterlegte Mylius-Erichsen eine Tasche mit Post und inspizierte die dort 1901 für die Baldwin-Ziegler-Expedition angelegten Depots. Am 4. Dezember beendete der strenge Winter die Ausflüge vorläufig. Vom 29. Januar bis 21. März wurden weitere Schlittenreisen unternommen, um vorhandene Depots aufzufüllen und neue anzulegen. Vor dem Start der großen Entdeckungsfahrten lagen Depots am Kap Marie Valdemar, auf der Insel Nordre Depot Ø, an Land bei den Bjørneskærene, am Kap Amélie und an der Küste etwa 8 km östlich von Danmarkshavn. 37 Kisten mit Pemmikan für die Hunde waren im Schneesturm auf einer der Boxøerne abgelegt worden. Der genaue Ort war aber nicht bekannt.
Die Hauptexpedition mini|Moderne Karte Nordgrönlands
Am 28. März brach Mylius-Erichsen in Begleitung von neun Männern, zehn Schlitten und 86 Hunden zu seiner großen Reise auf, wobei er der Küstenlinie auf dem Meereis folgte. Bei 80° Nord kehrten Bistrup, Ring, Wegener und Thostrup um. Auf dem Rückweg zum Schiff kartierten sie die Küsten des Festlands und der vorgelagerten Inseln. Der Plan der Expedition basierte auf der Annahme, dass der von Peary und Eivind Astrup 1892 entdeckte Independence Fjord nur 400 km entfernt wäre. Tatsächlich musste Mylius-Erichsen doppelt so weit reisen, wobei er Lambert Land und die Insel Hovgaard Ø entdeckte, bevor er Kronprins Christian Land erreichte, eine große Halbinsel, die sich weit nach Norden und Osten erstreckt. Da Mylius-Erichsen eine weniger ehrgeizige Reise geplant hatte, war die Beibehaltung des ursprünglichen Ziels mit einem erheblichen Risiko verbunden. Weil aber noch so viel unbekanntes Land zu erkunden war, waren er und seine Gefährten bereit, dieses Risiko einzugehen.