Die Hochtief Aktiengesellschaft (Eigenschreibweise: HOCHTIEF) ist ein deutsches Bauunternehmen mit Standorten in Nordamerika, Australien und Europa. Das Unternehmen mit Sitz in Essen ist vor allem in den Bereichen Hightech, Energiewende und nachhaltige Infrastruktur aktiv. Mit einem Auslandsanteil am Gesamtumsatz von 95 % zählte das Unternehmen 2023 zu den größten international ausgerichteten Baukonzernen.
In Australien ist der Konzern mit der Tochtergesellschaft (seit 2022: 100 %) Cimic Marktführer. In den USA ist Hochtief über die 100-%-Tochter Turner führend im gewerblichen Hochbau und zählt mit der US-Tochter Flatiron zu den wichtigsten Anbietern im Verkehrswegebau.
Aktionärsstruktur (Stand: Juni 2024): Grupo ACS – 75,71 % Streubesitz – 21,07 % Eigene Aktien – 3,21 %
Produkte und Dienstleistungen Hochtief setzt internationale Infrastrukturprojekte um, teilweise auch auf Basis von Konzessionsmodellen und Public Private Partnerships.
Die Kernkompetenz des Unternehmens ist der Hoch- und Tiefbau (Gebäude, Brücken, Tunnel etc.). Neben der Bauausführung ist Hochtief auch in der Planung und in einzelnen Fällen auch als Co-Investor beteiligt. Zudem ist Hochtief in der Errichtung sowie dem Betrieb von Anlagen der Umwelttechnik tätig sowie im Ausbau der digitalen Infrastruktur.Jonas Jansen, Gustav Theile: Wettlauf im Batteriewerksbau. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 23. Mai 2023, S. 20.Wie sich ein Rechenzentrum rechnet. In: Rheinische Post. 14. April 2023, S. 26.
Die Unternehmensgruppe plant und errichtet außerdem Minen und erbringt Dienstleistungen in weiteren Bereichen, die beispielsweise die Organisation und die Beratung bezüglich Immobilien und Infrastruktureinrichtungen umfassen.
Urbane und soziale Infrastruktur Das Unternehmen entwickelt und baut Quartiere und Stadtteile, die Wohnimmobilien und Pflegeimmobilien mit Geschäften, Büros und Freizeiteinrichtungen beinhalten. Hochtief erbaut weiterhin reine Büroimmobilien, Gewerbe- und Industrieimmobilien, Veranstaltungsimmobilien, Einkaufszentren und Hotels. Im Bereich der sozialen Infrastruktur baut und betreibt das Unternehmen in öffentlich-privaten Partnerschaftsprogrammen Verwaltungsgebäude, Schulen, Universitäten, Kasernen, Museen und Rathäuser in Europa, Kanada, den USA, Australien und Asien.
Energieinfrastruktur und digitale Infrastruktur Hochtief engagiert sich im Bereich der regenerativen Energien: Als Baukonzern und Infrastrukturanbieter bietet das Unternehmen Leistungen von der Erzeugung über die Verteilung bis hin zur Nutzung von Energie. Dazu gehören Bauprojekte wie Anlagen für erneuerbare Energien, Batteriefabriken, Stromübertragungsleitungen und Energiespeichersysteme.Ulf Meinke: Neue Hochtief-Zentrale in Essen. In: Westfälische Rundschau. 23. Februar 2024, S. 8. Auch Technologieprojekte für die digitale Infrastruktur setzt Hochtief um, darunter Rechenzentren, Telekommunikationsnetze und Halbleiterproduktionsanlagen.
Daneben ist der Infrastrukturkonzern im Tunnel- und Kraftwerksbau tätig. Hochtief ist im Bereich der Energieinfrastruktur beispielsweise durch Flatiron in den USA und Kanada, CPB Contractors in Australien, Leighton Asia in Hongkong und Südostasien sowie Hochtief Infrastructure in Deutschland tätig. Verkehrsinfrastruktur Im Bereich der Verkehrsinfrastruktur baut das Unternehmen Brücken, Schienenwege und Bahnhöfe, Flughäfen und Häfen, Straßen, Tunnel und Autobahnen im In- und Ausland, teilweise im Rahmen von Konzessionsmodellen wie öffentlich-privaten Partnerschaften.
Hochtief ist zu 20 % an dem international tätigen Mautstraßenbetreiber Abertis beteiligt, der insgesamt rund 8000 Mautstraßenkilometer in mehreren Ländern besitzt.Benedikt Müller: Mautstraßen statt Pullover. In: Süddeutsche Zeitung. 30. Oktober 2018, S. 20.
Minengeschäft Hochtief ist über CIMIC an Thiess, dem größten Contract-Miner der Welt, beteiligt und im Minengeschäft tätig. Contract-Mining ist die Übernahme und Ausführung von Arbeiten an einer Mine im Auftrag der Minenbesitzer. Dies kann die Planung und Einrichtung der Mine, den Abbau und Transport von Rohstoffen, den Betrieb der Mine inklusive technischer Leistungen an Geräten, den Bau notwendiger Verkehrswege sowie den abschließenden Rückbau und die Renaturierung umfassen. Im Oktober 2020 veräußerte Cimic 50 % ihres Anteils an der Bergbautochter Thiess an die Fondsgesellschaft Elliot; im April 2024 stockte Cimic die Anteile wieder auf 60 % auf.
Weitere Dienstleistungen Über CIMIC unterhält der Konzern die Tochtergesellschaft UGL, die Industriedienstleistungen in den Bereichen Energie, Rohstoffe und Transport sowie weitere Dienstleistungen erbringt. Die Geschäftsbereiche umfassen beispielsweise Projektmanagement, Wartung und Betrieb von Projekten der Stromerzeugung.
Geschichte Gründung und Aufstieg
mini|Aktie über 500 RM der Hochtief AG für Hoch- und Tiefbauten, vorm. Gebr. Helfmann vom 4. Juli 1927
1873 gründeten die aus Kelsterbach stammenden Brüder Philipp Helfmann (Maurer) und Balthasar Helfmann (Schlosser) in Frankfurt am Main das Unternehmen Gebrüder Helfmann.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 19f. 1878 erhielten die Gebrüder Helfmann ihren ersten Großauftrag, den Bau der Universität Gießen.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 22. Nach dem Tod von Balthasar wandelte Philipp Helfmann das Unternehmen 1896 vor dem Inkrafttreten des Börsengesetzes in die Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbauten um.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 45f.
1922 wurde der Unternehmenssitz nach Essen verlegt.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 92. Hintergrund dieser Änderung war ein Vertrag vom 10. Februar 1921 mit Hugo Stinnes. Stinnes beteiligte sich an Hochtief und verpflichtet sich im Gegenzug, Baumaßnahmen des Stinnes-Konzerns nur über Hochtief ausführen zu lassen.Eine Abschrift des Entwurfs des Interessengemeinschaftsvertrages findet sich in: Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte. Piper-Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 84ff. Ab 1923 firmierte das Unternehmen als Hochtief Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbauten vorm. Gebrüder Helfmann. Nach Stinnes’ Tod am 10. April 1924Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 81. und dem Zerfall des Stinnes-Konzerns (aufgrund der Inflation wurde das Aktienkapital im Zeitraum 1920 bis 1923 von 3 Mio. auf 83 Mio. Mark erhöht)Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 90. geriet auch Hochtief in Zahlungsschwierigkeiten.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 111f. Hierbei hatte auch die Hyperinflation negative Auswirkungen auf die Baukonjunktur. Die Hochtief-Aktien des Stinneskonzerns wurden von RWE und AEG übernommen, wobei das Gesellschaftskapital beider Unternehmen an Hochtief bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gleich blieb.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 113.
Hochtief in der Zeit des Nationalsozialismus Die Strukturen des Nationalsozialismus beeinflussten ab 1933 auch die Geschäftstätigkeit von Hochtief.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 123. Der Vorstandsvorsitzende Eugen Vögler trat 1937 in die NSDAP ein und war als Führer der Wirtschaftsgruppe BauManfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 129f. und Ehrenbannführer der Hitlerjugend tätig. Der Konzern selbst entließ bis 1935 alle Juden im Aufsichtsrat oder an anderen verantwortlichen Stellen.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 134–143.
Als Bauunternehmen profitierte Hochtief von der Wirtschaftserholung und umfangreichen Bauaufträgen des Staates. Hierzu zählten zunächst zivile Objekte wie der Ausbau der Reichsautobahnen,Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 157–160. die Kongresshalle Nürnberg und das Deutsche StadionManfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 161. auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Ab 1937 wirkte Hochtief unter Leitung der Organisation Todt an der Errichtung des WestwallsManfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 169. mit und beteiligte sich in den folgenden Jahren am Bau des Führerbunkers und wesentlicher Militäreinrichtungen. Ab 1939/1940 beschäftigte Hochtief auf den Baustellen in zunehmendem Maße Zwangsarbeiter.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 181–195.
Seine Unternehmensgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus hat der Konzern nach eigener Aussage selbstkritisch erforscht und im Jahr 2000 in einem Buch veröffentlicht.
Wiederaufbau und neuere Geschichte mini|Historischer Eingang der ehemaligen Unternehmenszentrale (Hochtiefhaus) mini|Sitz des Konzerns in Essen
1945–1966 Nach dem Zusammenbruch 1945 hatte Hochtief neben dem Auslandsgeschäft auch die ostdeutschen Niederlassungen verloren.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 205–207. Unter der Leitung des neuen Vorstandsvorsitzenden Artur Konrad wurde die Arbeit fortgesetzt.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 218. Das Wirtschaftswunder begann mit dem Wiederaufbau Deutschlands, von dem die Bauindustrie aufgrund der starken Zerstörungen besonders profitierte. Nach der Währungsreform 1948 begannen für Hochtief die „Wirtschaftswunderjahre“. Bereits Anfang der 1950er Jahre begann auch der Wiederaufbau des Auslandsgeschäftes.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 259–268.
Zu den ersten Auslandsaufträgen nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten eine Reihe von Energieinfrastruktur-Bauwerken in der Türkei sowie Brücken und Hüttenwerke in Ägypten. 1951/1952 baute Hochtief als erstes Auslandsprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg die Nilbrücke Mansourah in Ägypten. 1952 begann der Bau der Wasserkraftanlage Sariyar, 1953 der der Kraftzentrale Izmir. 1954 beteiligte sich Hochtief an einer Gesellschaft für Hafenbau in Kandla, Indien.Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte, Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 260f.
Große internationale Bekanntheit erlangte das Unternehmen durch die Versetzung des Felsentempels von Abu Simbel (November 1963 bis September 1968, Planung Walter Jurecka, vormals Leiter der Auslandsabteilung und zu der Zeit von der TU Wien beurlaubt) und des Mandulis-Tempels von Kalabscha (1961 bis 1963).Manfred Pohl, Birgit Siekmann: Hochtief und seine Geschichte. Piper Verlag, München 2000, ISBN 3-492-04270-8, S. 267. Diese UNESCO-Weltkulturerbe mussten wegen der Errichtung des Assuan-Staudamms versetzt werden.Terence Spencer: The Race to Save Abu Simbel Is Won. In: Life. 2. Dezember 1966.
1967–1989 mini|Bosporus-Brücke in Istanbul