mini|hochkant|My Lady is a Widow and Childless. Gemälde von Marcus Stone (1840–1921)
Die Eltern-Kind-Beziehung ist die soziale und emotionale Beziehung zwischen einem Elternteil und dem eigenen Kind. Sie ist eine häufig untersuchte Zweierbeziehung (Dyade). Man unterscheidet manchmal nach dem Geschlecht des Elternteils Mutter-Kind-Beziehung und Vater-Kind-Beziehung sowie zusätzlich nach dem Geschlecht des Kindes Vater-Sohn-Beziehung, Mutter-Tochter-Beziehung, Vater-Tochter-Beziehung, Mutter-Sohn-Beziehung. Ist der Sohn oder die Tochter erwachsen, wird meist eine der letztgenannten Bezeichnungen verwendet.
In der Familientherapie und -soziologie werden die beiden Eltern-Kind-Beziehungen auch zusammen mit der elterlichen Paarbeziehung als Vater-Mutter-Kind-Beziehung und somit als Triade (Dreierbeziehung) betrachtet.
Es handelt sich bei der Eltern-Kind-Beziehung von Beginn an um eine ungleiche Beziehung: der Säugling ist in seinem Überleben von der Beziehung zu Mutter, Vater oder betreuender Bezugsperson existenziell abhängig, wobei im Verlauf von Kindheit und Adoleszenz eine zunehmende Individuation stattfindet. In westlichen Gesellschaftsformen sind im Allgemeinen die Eltern vorrangig für die Erziehung des Kindes verantwortlich, und das Kind bleibt bis zur Volljährigkeit in elterlicher Obhut. So sind Eltern-Kind-Beziehungen im Zusammenspiel mit anderen Faktoren wie der Geschwisterkonstellation, Vorbildern, Peer Groups und Einfluss der Massenmedien prägend für die Entwicklung des Kindes.
Psychologie und Sozialwissenschaften Die Eltern-Kind-Beziehung und allgemeiner die Familie als Entwicklungskontext sind Gegenstand der Entwicklungspsychologie. Die Beziehung ist ebenfalls Gegenstand der Psychologie, Sozialpsychologie, Pädagogik und anderer Gesellschaftswissenschaften.
Psychologie und Medizin Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung Haim Omer und Arist von Schlippe betonten die Bedeutung der elterlichen Präsenz als Voraussetzung dafür, dass sich das Kind sicher und aufgehoben fühlen kann. Diese Präsenz sei gerade auch dann wichtig, wenn Kinder sich nicht an eine von den Eltern angebotene Orientierung halten. Erfüllt ein Elternteil hingegen stets die Wünsche des Kindes oder zieht er sich zurück, so lasse er das Kind innerlich in einem leeren Raum zurück.Vortrag von Anita Schächter, beschrieben durch Ursula Richner: , Zeit-Fragen (zeit-fragen.ch), Nr. 13/14 vom 3. April 2007 (Link nicht mehr verfügbar; Version aus dem Internet Archive vom 14. Oktober 2007)
miniatur|Vater mit Tochter
Aufgrund der Abhängigkeit eines Säuglings von der Interaktion mit der betreuenden Person und aufgrund der Art der Interaktion werden insbesondere Regulationsstörungen im Säuglingsalter als eng mit der Eltern-Kind-Beziehung verknüpft angesehen. Täglicher Umgang beim Stillen bzw. Füttern, Tragen, Wickeln usw. tragen zur Beziehung mit dem Säugling bei. Die Beziehung und Bindung zwischen Eltern und Kind, auch genannt, beruht ab Geburt auf vorsprachlicher Interaktion und Kommunikation, die zu einem großen Teil intuitiv geschehen. Der sensiblen postpartalen Phase wird eine wichtige Bedeutung für die Bindung zwischen Mutter und Kind zugeschrieben. Teils setzen Hebammen – zum Beispiel nach Kaiserschnitt oder nach einer frühen Trennung von Mutter und Kind – das Brigitte Meissner entwickelte „Babyheilbad“ Anja Nischelwitzer: Babyheilbad nach Brigitte Meissner - Postpartales Bonding fördern: Hat das Babyheilbad nach sekundärer Sectio caesarea Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung?, VDM-Verlag, 2015, ISBN 978-3-639-87291-0. im Wochenbett und darüber hinaus ein, um die Bindung zu festigen.
In der Eltern-Kind-Interaktion können Interaktions- und Kommunikationsmuster auch generationsübergreifend wirksam werden: eigene Kindheitserfahrungen der Eltern beeinflussen sie durch vielfältige, oft unbewusste Wirkmechanismen. So gibt es Hinweise, dass Mütter desto feinfühliger auf ihr Baby reagieren, umso besser sie die Betreuung durch die eigene Mutter einschätzen, und dass ihre diesbezügliche Einschätzung mit messbaren Eigenschaften des Gehirns korreliert.P. Kim u. a.: Perceived quality of maternal care in childhood and structure and function of mothers' brain. In: Developmental Science. Juli 2010, Band 13, Nr. 4, S. 662–673, PMID 20590729.
Wenn die Selbstregulation des Säuglings problematisch ist, ist eine besonders hohe elterliche Feinfühligkeit oder intuitive elterliche Kompetenz erforderlich. Frühkindliche Regulationsstörungen entstehen in der Regel multifaktoriell durch ein Zusammenwirken biologischer Risikofaktoren von Seiten des Kindes, psychosozialer Bedingungen von Seiten der Eltern und mangelnder Unterstützung seitens des sozialen Umfeldes.
Die Bindungstheorie unterscheidet zwischen mehreren Bindungstypen, die die Art der Bindung zwischen Bezugsperson(en) und Kind charakterisieren und die Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. Die verschiedenen Bindungseinstellungen elterlicher Bezugspersonen gehen dabei gehäuft mit bestimmten Bindungstypen der Kinder einher (siehe: Adult Attachment Interview, Zusammenhänge zwischen der Bindung Erwachsener und kindlichen Bindungstypen).
Die Eltern-Kind-Beziehung wird durch viele Faktoren beeinflusst. Im ersten Lebensjahr ist eine möglichst große Übereinstimmung zwischen Eltern und Kind bedeutsam. Diese wird im Fit-/Misfit-Modell von Remo H. Largo als „Passung“ bezeichnet angelehnt an das Modell des goodness of fit (Passung von Temperament und Umgebung) von Thomas und Chess. Diese Passung entwickelt sich im Laufe der frühen Eltern-Kind-Interaktionen. ISBN 978-3-946692-07-2, S. 10. Von Thomas und Chess eingeführten Temperamentsdimensionen sowie ihr goodness of fit-Modell werden weithin als wissenschaftliche Basis für Untersuchungen des Temperaments von Kindern eingesetzt.
Ein Review mehrerer Studien von 2003 bis 2013 zeigte auf, dass durch häufiges Schreien eines Säuglings die Eltern-Kind-Bindung leiden kann und bei den Eltern Gefühle wie Hilflosigkeit und Wut aufkommen können. Der physische und psychische Stress könne zudem zu elterlichen Reaktionen führen, die dem Kind schaden. Eltern solle Gelegenheit gegeben werden, mit anderen Personen über ihre Gefühle zu sprechen, um die Auswirkungen des Schreiens auf die Eltern-Kind-Bindung zu begrenzen. Eine Studie wies nach, dass das Schreien von 9 Monate bis sechs Jahre alten Kindern Lärm im Bereich von 99 bis 120 Dezibel entsprechen kann und empfahl zwecks Gehörschutz und Gewaltprävention die Verwendung von Ohrenstöpseln durch Eltern und Erzieher.
Studien zufolge ist die Qualität der Kommunikation zwischen dem Baby bzw. Kleinkind und seiner Bezugspersonen ein entscheidender Faktor für die Entwicklung des Kindes. Die Art, wie Eltern auf ihre Kinder einwirken, wenn diese Furcht verspüren, hat einen Einfluss auf die spätere Entwicklung dissoziativer Symptome. Auch hat die elterliche Reaktion auf die Bedürfnisse des Kindes in der frühen Kindheit eine tiefgehende Wirkung auf die Entwicklung der Identität und auf das Stressreaktionsmuster des Kindes.Zitat: „The first clinical implication of the theory and research reviewed in this article is that the capacity of attachment figures for modulating fearful arousal in a responsive dialog with the child has a major impact on the development of dissociative symptoms over time. A second clinical implication is that traumatic events are often discrete occurrences, whereas disturbed parental affective communications are often an enduring, day-in-day-out feature of the childhood years. In contrast to a more discrete traumatic event, the parent’s responses to the child’s foundational needs for comfort and soothing are worked into the fabric of identity from a very early age. They are also worked into the fabric of the child’s biologic stress regulation.“ Zitiert aus: K. Lyons-Ruth, L. Dutra, M. R. Schuder, I. Bianchi: From infant attachment disorganization to adult dissociation: relational adaptations or traumatic experiences? In: The Psychiatric clinics of North America. Band 29, Nummer 1, März 2006, S. 63–86, viii, , PMID 16530587, (Review). Eltern gestalten in ihrer Funktion als Organisationsinstanz direkt/aktiv oder indirekt/passiv den Bindungsaufbau des Kindes zum anderen Elternteil mit, was als elterliche Bindungspflege bezeichnet wird.
Einem systematischen Review zufolge, der Studien mit einem Untersuchungszeitraum von bis zu 24 Monaten nach der Geburt betrachtete, gehören die emotionale Bindung der Mutter zum Fötus während der Schwangerschaft (pränatale Bindung) und ihre Bindung zum Kind kurz nach der Geburt zu den Faktoren, die eine enge Bindung zum Säugling in späteren Lebensphasen vorhersagen.
Es gibt diverse Ansätze der Schwangerschaftsbegleitung, die Elemente der Psychotherapie einbeziehen und darauf zielen, die Beziehung zum Kind bereits prä- oder perinatal zu unterstützen und späteren Bindungsstörungen vorzubeugen. Hierzu zählen das „Ulmer Modell“ (Elterngruppe, Einzelpsychotherapie, Hausbesuch und Feinfühligkeitstraining nach der Geburt)K. H. Brisch; G. Schmücker; S. Betzler; A. Buchheim; B. Köhntop; H. Kächele, Das Ulmer Modell. Präventives psychotherapeutisches Interventionsprogramm nach der Geburt eines kleinen Frühgeborenen: Erste Ergebnisse. In: Frühförderung interdisziplinär. Band 18, Nr. 1, 1999, S. 28–34 (Zusammenfassung). ebenso wie die „Bindungsanalyse“ nach Jenő Raffai und die Haptonomie.Traudel Simon: Klinische Heilpädagogik (= Praxis Heilpädagogik.). Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-021484-2 (Abschnitt „3.1.3 Methodische Ansätze“). Die heutige Geburtshilfe sieht mehrere Maßnahmen vor, um in der „goldenen Stunde“ nach der Geburt das Bonding zu fördern.
Einfluss psychischer Störungen und körperlicher Erkrankungen Eine psychische Störung eines Elternteils belastet Kinder und Jugendliche, insbesondere wenn sie die Krankheitssymptome und die Probleme der Eltern als unberechenbar und verwirrend erleben, und Studien zufolge haben Kinder psychisch kranker Eltern tendenziell ein erhöhtes Risiko, später selbst psychisch zu erkranken, so auch Kinder von Eltern mit posttraumatischer Belastungsstörung.
Die Weitergabe von Traumata von einer Generation zur nächsten in Form sogenannter transgenerationaler Traumata wurde insbesondere im Zusammenhang mit Kriegssituationen erforscht und bildet einen wesentlichen Bestandteil der Friedens- und Konfliktforschung.
Auch eine körperliche Erkrankung eines Elternteils kann die Beziehung beeinflussen, die Kinder psychisch belasten und sich nachteilig auf die kindliche Entwicklung auswirken. Nach Ansicht von Ärzten des Hamburger Universitätsklinikums wäre ein familienorientiertes Behandlungs- und Betreuungskonzept geeignet, den spezifischen Gefährdungen und Bedürfnissen von Kindern kranker Eltern gerecht zu werden. (Siehe auch: Depressionen bei Kindern als Folge elterlicher Depressionen.)
Familienkonstellationen Laut den Ergebnissen von Befragungen von Eltern, aber auch von Kindern und Jugendlichen, haben Soziologen und Geschwisterforscher festgestellt, dass in vielen Familien die Zeit und Zuneigung der Eltern ungleich auf die Geschwister verteilt ist. Psychologen zufolge hat die Erfahrung, ein bevorzugtes Kind („Lieblingskind“) oder aber benachteiligt gewesen zu sein, teils langfristige Folgen auf das weitere Leben.
Die Psychoanalyse hat Erklärungsmuster für asymmetrische Bindungen eines Kindes zu Mutter und Vater entworfen (siehe hierzu auch: Ödipuskomplex nach Sigmund Freud und Elektrakomplex nach C. G. Jung).
Familienberatung und -therapie Elterntrainings werden als Möglichkeit angesehen, die Beziehung von Eltern und Kind positiv zu gestalten und die verbale und nonverbale Kommunikation in der Familie zu beeinflussen.