Die Amerikaschleiereule (Tyto furcata) ist eine Art aus der Gattung der Schleiereulen, die in fünf Unterarten in Nord- und Südamerika sowie in der Karibik vorkommt. Sie galt lange als eine Unterart der Schleiereule, wird aber in jüngerer Literatur auf Basis neuerer genetischer Erkenntnisse als eigenständige Art angesehen.König et al., S. 209
Merkmale mini|links|Flugbild von T. f. pratincola, Südkalifornien Die Amerikaschleiereule weist sehr viele Gemeinsamkeiten mit der auch in Mitteleuropa vorkommenden Schleiereule auf. Sie ist eine verhältnismäßig große Art. Die Nominatform erreicht eine Körperlänge von 38 Zentimetern und wiegt zwischen 387 und 500 Gramm.König, S. 212 Die Weibchen sind etwas größer als die Männchen. Ansonsten besteht kein auffälliger Geschlechtsdimorphismus.
In ihrem Verbreitungsgebiet kommen mehrere weitere Arten der Schleiereulen vor. Die Hispaniolaschleiereule unterscheidet sich von der Amerikaschleiereule unter anderem durch den aschgrauen Gesichtsschleier. Die Kleine Antillen-Schleiereule ist ebenso wie die Hispaniolaschleiereule auffallend kleiner und hat ein dunkleres Gefieder mit einer bräunlichen Unterseite. Die Curaçao-Schleiereule dagegen ist goldbraun auf der Körperoberseite und weiß auf der Unterseite.
Verbreitung und Lebensweise mini|hochkant|Das Verbreitungsgebiet der Amerikaschleiereule (lila) Das Verbreitungsgebiet der Amerikaschleiereule reicht von British Columbia bis nach Mexiko, Zentralamerika, Kuba, Jamaika, Bahamas, Bermuda und Hispaniola. In Südamerika reicht das Verbreitungsgebiet von Kolumbien und Venezuela bis nach Tierra del Fuego. Es handelt sich überwiegend um Standvögel, selbst die nördlichen Populationen bleiben während der kalten Jahreszeit in ihren Brutarealen.König et al., S. 211 Strenge Winter führen hier dazu, dass die Bestände immer wieder stark zurückgehen. Auch darin gleicht die Amerikaschleiereule der Schleiereule der Alten Welt.
Unterarten Die folgenden Unterarten werden zur Amerikaschleiereule gerechnet: Unterart Verbreitungsgebiet Unterscheidungsmerkmale der einzelnen Unterarten Tyto furcata furcata
(, 1827)Coenraad Jacob Temminck (1827), Tafel 432 & Text. Kuba, Isla de la Juventud, Caymaninseln, Jamaikasiehe Beschreibung oben T. f. pratincola
(, 1838)Charles Lucien Jules Laurent Bonaparte (1838), S. 7.Nord- und Zentralamerika. Die südliche Verbreitungsgrenze verläuft im Osten Guatemalas und Nicaraguas. Verbreitungsschwerpunkt ist der Süden der USA und der Norden Mexikos.Mit einer Flügellänge von bis zu 370 Millimetern und einer Gesamtlänge von fast 430 Millimetern handelt es sich um eine sehr große Schleiereule. Die Oberseite der Tiere ist hell- bis dunkelorange, manchmal mit grauen Beimischungen, die Unterseite ist schwachorange bis weiß und mit markanten braunen Spitzen gezeichnet. T. f. tuidara
(, 1829)John Edward Gray (1829), S. 75.Brasilien und Argentinien vom Amazonasgebiet bis zur Südspitze PatagoniensUnterart ähnelt in ihrem Aussehen der Mitteleuropäischen Schleiereule, hat allerdings längere Beine. T. f. hellmayri
& , 1937Ludlow Griscom (1937) u. a., S. 421.Surinam, Französisch-Guayana und Guyana sowie der Norden BrasiliensDie Oberseite dieser Form ist dunkelgrau bis -braun mit blassgrauen Flecken. Die Unterseite ist schwach rostbraun mit unregelmäßigen braunen kreuzförmigen Flecken. Auch der Schleier ist blassbraun. T. f. contempta
(, 1898)Ernst Hartert (1898), S. 500.Peru, Ecuador, Venezuela und KolumbienDie Unterart ist hell gefärbt und unterseits weiß mit schwarzen Sprenkeln, manche Individuen sind allerdings auch rostgelb auf der Bauchseite. Ansonsten ähnelt sie der Brasilianischen Schleiereule in der Zeichnung.T. f. guatemalae
(, 1874)Robert Ridgway (1874), S. 200westliche Guatemala bis Panama und das nördliche KolumbienÄhnlich wie die dunklere T. f. pratincola, aber die OPberseite gleichmäßiger und die Unterseite gröber gesprenkelt.T. f. bondi
& , 1978Kenneth Carroll Parkes u. a. (1978), S. 486Bay Island nördlich von HondurasAnscheinend kleiner und blasser als die T. f. pratincolaT. f. niveicauda
& , 1978Kenneth Carroll Parkes u. a. (1978), S. 483Isla de la JuventudSehr variabel, tendiert aber oben zu blassem Orange-Gelbbraun mit graubraunen Flecken, unten zu Weiß mit wenigen Flankenflecken. Die weißlichen Armschwingen bilden einen blassen Bereich auf dem geschlossenen Flügel.T. f. bargei
(, 1892)Ernst Hartert (1898), S. XIII.Niederländische AntillenÄhnlich wie Nominatform, aber kleiner und mit kürzeren Flügeln.T. f. punctatissima
( & , 1838)John Gould (1838) u. a., S. 34 Tafel 4.GalapagosinselnAuf der Oberseite klein, mattbraun mit einigen verstreuten dunkelweißen Flecken. Die Unterseite ist goldgelb bis weiß mit bräunlichen Wellenlinien oder feinen dichten Flecken.
Tyto perlatus lucayanus , 1913Joseph Harvey Riley (1913), S. 153–154 wird heute als Synonym zu T. f. pratincola betrachtet. Tyto alba subandeana , 1938Leon Hugh Kelso (1938), S. 1–2 als Synonym zu T. f. guatemalae, Tyto alba zottae , 1938 und Tyto alba hauchecornei , 1940Otto Kleinschmidt (1940), S. 60 zu T. f. tuidara sowie Strix stictica , 1904 zu T. f. contempta.
Etymologie und Forschungsgeschichte mini|links|Tafel zur Originalbeschreibung illustriert von Jean-Gabriel Prêtre Die Erstbeschreibung der Amerikaschleiereule erfolgte 1827 durch Coenraad Jacob Temminck unter dem wissenschaftlichen Namen Strix furcata. Als Verbreitungsgebiet gab er Mexiko, die Antillen und Kuba an. Das Typusexemplar hatte Eduard Friedrich Poeppig gesammelt.Zum Publikationsdatum siehe Edward Clive Dickinson (2001). 1828 führte Gustaf Johan Billberg die Gattung Tyto ein, da Strix , 1809 für die AmerikaschleiereuleMarie Jules César le Lorgne de Savigny (1809), S. 113. bereits durch Strix , 1758Carl von Linné (1758), S. 92 belegt war.Gustaf Johan Billberg (1828), Tabelle A Der Begriff leitet sich von ab.Tyto The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling Der Artname »furcata« hat seinen Ursprung in .furcata The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling Hellmayri ist Carl Eduard Hellmayr (1878–1944) gewidmet, bondi James Bond (1900–1989), bargei Charles Augustinus Henry Barge (1844–1919), zottae Ángel Rafael Zotta (????–1951) und hauchecornei Friedrich Franz Ernst Adolf Hauchecorne (1894–1938). Guatemalae bezieht sich auf Guatemala, lucayanus auf Lucaya und subandeana auf den Fuss der Anden. Pratincola hat seinen Ursprung in und pratincola The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling, tuidara in der Tupi-Sprache Suindára, Tuindára für ein nicht essenden Vogeltuidara The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling, contempta in contempta The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling, niveicauda in und niveicauda The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling, punctatissima in punctatissima The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling und stictica in bzw. .stictica The Key to Scientific Names Edited by James A. Jobling Alfred Laubmann hatte für sein Werk Die Vögel von Paraguay keinen Balg zur Verfügung. In der Literatur betrachtete er Aves nocturnas de rapiña de la lechuza von Félix de AzaraFélix de Azara (1802), S. 210–214. als möglichen Nachweis für das Land. Außerdem sah er in Puerto Pinasco im Departamento Presidente Hayes durch Alexander WetmoreAlexander Wetmore (1926), S. 199. und im Departamento Alto Paraná durch Arnaldo de Winkelried BertoniArnaldo de Winkelried Bertoni (1914), S. 44. gültige Nachweise. Laubmann nannte die Unterart T. f. tuidara für Paraguay.Alfred Laubmann (1939), S. 232
Amerikaschleiereule als Neozoon Auf Hawaii wurden Amerikaschleiereule ab 1958 von hawaiianischen Landwirtschaftsministerium zur Bekämpfung von Ratten, welche in Zuckerrohrfeldern Schäden anrichteten, freigelassen. Zunächst nur auf den Inseln Hawaii, Kauaʻi und Oʻahu, breiteten sie sich dann auf die anderen größeren Inseln aus. Ab 1980 stellte man fest, dass das Neozoon Seevögel fängt. Hauptsächlich wurden von der Amerikaschleiereule Weißkappennoddis und Bulwersturmvögel gefangen. Unter den weiteren sechs Arten waren auch die sehr seltenen Newellsturmtaucher und Hawaiisturmvögel. Ab 2015 startete man mit Erlaubnis von US Fish and Wildlife Service ein Bekämpfungsprogramm. Die Bekämpfung der Amerikaschleiereule wird als wichtiger Baustein zum Schutz der Seevögel auf Hawaii angesehen.Eike Hartwig: Eingeführte Eule geht auf falsche Nahrung. Seevögel 41, 2020, H. 2: 24–25.
Literatur
Weblinks
Belege
Anmerkungen
Kategorie:Schleiereulen