miniatur|Ludwig Stollwerck, 1918
Ludwig Philipp Albert Stollwerck (* 22. Januar 1857 in Köln; † 12. März 1922 ebenda) war ein deutscher Unternehmer. Von 1883 bis 1922 leitete er die Schokoladenfabrik Gebr. Stollwerck in Köln. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit war Stollwerck ein Förderer neuer Techniken; so entwickelte er den ersten Schokoladen-Verkaufsautomaten und organisierte die ersten Filmvorführungen in Deutschland.
Leben Herkunft und Ausbildung miniatur|Schokoladentafel von Stollwerck um 1890
Ludwig Stollwerck wurde als zweitjüngster Sohn des Kölner Schokoladenproduzenten Franz Stollwerck geboren. Er absolvierte die Volksschule in Köln, anschließend von 1868 bis 1873 die hohe Bürgerschule (Realgymnasium) im Hofmann’schen Internat in St. Goarshausen, teilweise zusammen mit seinem jüngeren Bruder Carl. Wie seine Brüder wurde er früh in die Firmengeschäfte einbezogen. 1873 trat er im Alter von 16 Jahren als Lehrling in das Familienunternehmen ein. Er erhielt die für Franz Stollwercks Söhne übliche Ausbildung im eigenen Betrieb und bei befreundeten Firmen im In- und Ausland „zur Erlernung der fremden Sprache, zur Erweiterung des Gesichtskreises und zur Vervollkommnung seiner Kenntnisse“. Zu seinen ersten Aufgaben gehörte es, die Geschäftsbeziehungen in Frankreich, England und den USA zu pflegen und auszubauen.Gustav Laute: Biografie Ludwig Stollwerck. 1950.
Unternehmerisches Wirken Auf seinen Auslandsreisen achtete er ganz besonders auf ausländische Werbe- und Produktstrategien und wendete diese später auf Stollwerck-Produkte an. Während seiner Ausbildung beim österreichischen Kaufmann Franz Hartl in London, der schon seit den 1860er Jahren Stollwerck-Produkte in England vertrieb, knüpfte er Kontakte zu William Lever (Lever Bros., später Unilever), Gilbert Bartholomew (Diamond Match) und George Cadbury. 1878 war er im Londoner Handelshaus Kühner, Hendschell & Co. tätig. Er wurde 1879 von seinem Bruder Albert Nikolaus (* 1840) in den Außendienst des Familienunternehmens eingearbeitet und 1881 von seinen Brüdern als Teilhaber in das Unternehmen aufgenommen. Er war für die Werbung der Firma zuständig und trat als Repräsentant der Gebr. Stollwerck auf Gewerbeausstellungen auf. Nach dem plötzlichen Tod von Albert Nikolaus, dem ältesten der Stollwerck-Brüder, im April 1883 übernahm Ludwig Stollwerck den Vertrieb für die Schokoladenfabrik.
Unter Ludwig Stollwerck entwickelte sich ein weltweites Filialnetz mit zahlreichen Niederlassungen und neuen Produktionsbetrieben in Berlin (1886), Pressburg/Bratislava (1896), London (1903), Stamford (USA) (1905, enteignet 1918) und Kronstadt/Brașov in Siebenbürgen (1922). Zu Ludwig Stollwercks wichtigsten Erfolgsprinzipien zählten Produktqualität, Innovation und Effizienz. 1884 gewann er den Chemiker Josef Cosack für die Gründung des ersten chemischen Laboratoriums in einer Schokoladenfabrik. Im selben Jahr erfuhr er von der Zollbehörde, dass diese außerstande war, die Zölle auf die verschiedenen Bestandteile von Schokolade zu berechnen. Daraufhin entwickelte er gemeinsam mit seinem Bruder Peter-Joseph ein Berechnungsverfahren und beantragte Zollrückvergütungen für alle Stollwerck-Exportwaren. Im weiteren Verlauf dieses Zollrückvergütungsverfahrens erbaute er 1888 im Kölner Rheinauhafen die „Ausfuhrfabrik“. Hier wurden unter Zollaufsicht alle Exportwaren produziert, für die Zölle rückvergütet wurden. Dies war Pionierarbeit, die er nicht nur für die Schokoladenindustrie leistete.Bruno Kuske: 100 Jahre Stollwerck-Geschichte 1839-1939. Köln 1939.
1885 brachte Stollwerck als erster Großbetrieb Eichelkakao auf den Markt. Dieses war schon seit Jahrzehnten in wechselnden Zusammensetzungen von Apothekern als Mittel gegen Verdauungsstörungen von Babys hergestellt worden. 1883 begannen unter der Federführung des Berliner Chemikers Hugo Michaelis (1852–1933) umfangreiche Untersuchungen in Berliner Kinderkliniken. Sie ergaben, dass die Gerbsäure von Eicheln Durchfälle sicher stoppen konnte – und damit eine der Hauptursachen für die damals hohe Säuglingssterblichkeit. Dr. Michaelis’ Eichelkakao war eine durchaus wohlschmeckende Mischung von Kakao, Mehl, Zucker und gerösteten Eicheln. Stollwercks Konkurrenten zogen rasch nach, doch das Kölner Unternehmen konnte seine Marktführerschaft erfolgreich behaupten.https://uwe-spiekermann.com/2019/03/25/mittel-gegen-den-massentod-zur-geschichte-des-eichelkakaos/
miniatur|hochkant=0.75|Stollwerck-Automat „Merkur“ von 1889
1886 sah Ludwig Stollwerck während einer USA-Reise die ersten Münzautomaten und war von der Idee fasziniert, Stollwerck-Produkte durch „selbsthätige Verkaufsautomaten“ verkaufen zu lassen. Gleich nach seiner Rückkehr verhandelte er mit der Hamburger Niederlassung der London Automatic Machine Co. Ltd. über die Herstellung von Stollwerck-Automaten. Die Verhandlungen scheiterten, da man ihm kein Gebietsmonopol einräumen wollte. Am 25. Mai 1887 schloss er mit der Berliner Firma Max Höcker & Co. den ältesten bekannten Vertrag über die Aufstellung des Verkaufsautomaten „Rhenania“.Museum Rheinzabern: Sonderausstellung „Gut Verpackt“, Mai bis September 2002.
Gemeinsam mit dem Ingenieur Max Sielaff aus Berlin und dem Metallbauer Theodor Bergmann aus Gaggenau entwickelte Stollwerck danach den Verkaufsautomaten „Merkur“, der ab 1889 aufgestellt wurde und bereits das von Max Sielaff patentierte Münzprüfsystem sowie mehrere Warenschächte enthielt. Der leistungsfähigste Automat der Serie „Merkur“ hatte später zwölf Warenschächte, kostete 495 Mark und enthielt eine von Ludwig Stollwerck patentierte Spieluhr.Bernardo Friese: Die Geschichte von Max und Johanna Sielaff. Firmengeschichte, Auszüge aus Zeitungsberichten unter https://maxsielaff.de/
Die „Automatie“ bildete nun Ludwig Stollwercks neue Vertriebsform für Schokolade und viele weitere Produkte. 1893 waren es bereits 15.000 Automaten, in denen Stollwerck-Schokolade von „stummen Verkäufern“ verkauft wurde. 1890 wurden 18 Millionen Tafeln Schokolade allein über Automaten abgesetzt. Neben der Schokoladenproduktion sicherte sich Stollwerck ein zweites unternehmerisches Standbein mit der Gründung der Deutschen Automatengesellschaft Stollwerck & Co. (DAG) im Jahr 1894. Über die DAG ließ Ludwig Stollwerck weitere Automaten für andere Produkte wie Fahrkarten, Parfüm oder Toilettenpapier entwickeln. Auch die ersten Automatenrestaurants wurden in Berlin von der DAG eingerichtet.Wolfgang König: Geschichte der Konsumgesellschaft. Steiner, Stuttgart 2000, ISBN 3-515-07650-6, S. 174.
miniatur|Stollwerck Sparautomat „Victoria“ von 1905 miniatur|Stollwerck-Haus in Köln 1906 miniatur|Stollwerck-Phonograph mit „sprechender Schokolade“ miniatur|Stollwerck-Vorzugsaktie von 1907
Ludwig Stollwerck erbrachte auch auf anderen Gebieten Pionierleistungen. 1893 setzte er erstmals in Deutschland das Emailschild für Reklamezwecke ein. Die Möglichkeit, ein „witterungsbeständiges Dauerplakat“ für die Außenwerbung zu schaffen, hatte ihn fasziniert. Die ersten „Reklameplakate im Zuckerguß-Verfahren“ ließ er bei Schulze & Wehrmann in Elberfeld produzieren, dem ersten industriellen Emaillierwerk für Reklameschilder in Deutschland. Schon bald wurden die Emailleschilder zu einem herausragenden Markenzeichen von Stollwerck; das 1895 gefertigte Schild „Stollwerck Chocolade & Cacao“ ist heute ein gesuchtes Sammelobjekt.
Auf Stollwercks Betreiben wurde das Unternehmen 1902 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Alle Aktien blieben bis zum Tod Ludwig Stollwercks in Familienbesitz. Die Gebr. Stollwerck AG verfügte über Aktiva von 19,6 Millionen Mark, davon waren 5,1 Millionen Mark oder 26,5 % als Fremdkapital ausgewiesen. Aus dem Privatvertrag, den die Gebrüder zur Gründung der Aktiengesellschaft schlossen, geht hervor, dass die Kapitalgeber ausschließlich Familienmitglieder waren. Neben Inhaberaktien wurden am 17. Juli 1902 Vorzugsaktien (zu je 1000 Mark; 5 Millionen Mark Emissionsvolumen) ausgegeben.
Das Unternehmen hatte damals 2085 Beschäftigte und trieb 762 Produktionsmaschinen mit Dampfmaschinen einer Leistung von 1700 PS an. Stollwerck hatte rund 28.000 Abnehmer für etwa 150 Fabrikatgruppen mit über 10.000 Einzelartikeln.Gustav Pohle: Probleme aus dem Leben eines industriellen Großbetriebes. Dissertation, 1905.
Ludwig Stollwerck wurde im selben Jahr zum Königlich Preußischen Kommerzienrat ernannt und setzte sich firmenintern mit seiner Auffassung durch, entgegen „patriarchalisch-familienegoistischer Auffassungen“ einen Stab leitender Mitarbeiter zu schaffen und diesen Verantwortung in der Leitung der Geschäfte zu übertragen. Erstmals in der Unternehmensgeschichte ernannte Ludwig Stollwerck Prokuristen und erarbeitete einen detaillierten Restrukturierungsplan. Die Reformen, die er bei ausländischen Geschäftsfreunden kennengelernt hatte, waren eine grundlegende Voraussetzung für die neue Aktiengesellschaft. Er führte eine neue Form der Buchhaltung ein, die sowohl Analysen der Waren als auch der Abnehmer nach ihrer Ertragsbedeutung ermöglichte. Dieses von ihm „Kartensystem“ genannte Verfahren, das schon um die Jahrhundertwende eine Vielzahl der Anforderungen heutiger Management-Informationssysteme (MIS) erfüllte, bezeichnete Ludwig Stollwerck als einen seiner größten Erfolge.
Die Karteikarten enthielten die Erfolgskennzahlen aller Abteilungen des Unternehmens nach Waren und Verdienstgruppen getrennt und über Monate, Quartale und Jahre aufgeschlüsselt. Die Geschäftsleitung und alle Abteilungsleiter erhielten so einen statistischen und buchhalterischen Überblick über die aktuelle Geschäftsentwicklung als Entscheidungsgrundlage für das tägliche Handeln. Ludwig Stollwercks Kartensystem erregte in der Geschäftswelt großes Aufsehen und er empfing zahlreiche Führungskräfte großer Unternehmen, die sich über dieses Kartensystem informieren wollten.Gustav Laute: Biografie Ludwig Stollwerck. In: Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsbiographien. Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster 1950.
Das Automatengeschäft wuchs rasant. In Amsterdam und Brüssel entstanden Niederlassungen; ebenso in Paris. Tochterunternehmen in England, Belgien und Österreich-Ungarn folgten. Die Niederlassungen in den Nachbarländern wurden aus der Kölner Exportfabrik beliefert. Als die Ausfuhr nach England durch gestiegene Zölle unwirtschaftlich wurde, entschloss Ludwig Stollwerck sich 1903 zur Gründung der englischen Fabrikation Stollwerck Brothers Ltd. in der Nile Street in London. Die Fabrik wuchs schnell auf 400 Beschäftigte, konnte die Erwartungen aber nie erfüllen. Hauptursache waren relativ große Preisunterschiede zu den Konkurrenten, die aus den hohen Qualitäts- und Reinheitsanforderungen der Stollwerck-Produkte resultierten. Während Stollwerck z. B. ausschließlich erstklassige, aber teure Kakaobutter verwendete, mischten die Konkurrenten billiges Hammelfett bei. Später wurden umsatzträchtige Produkte wie Stollwerck-Likörbonbons in England verboten. Als die britische Regierung zu Beginn des Ersten Weltkrieges die hohen Zölle auf die Rohstoffe senkte, entschieden sich die Brüder Stollwerck 1914 für die Schließung der englischen Fabrik.Antje Hagen: Deutsche Direktinvestitionen in Großbritannien 1871–1918. Franz Steiner Verlag, 1997.
Mit der Herausgabe der Stollwerck-Sammelbilder für das Sammelalbum No. 7 im Jahr 1904 sorgte Ludwig Stollwerck für eine neue Sensation, denn die Bilder waren die ersten gedruckten „Naturfarbenphotographien“ im neuen Dreifarbensystem von Adolf Miethe. Das Sammelalbum gilt als das erste durchgehend mit Farbfotos publizierte Buch in Deutschland, wahrscheinlich sogar das erste in Europa.Aus Deutschlands Gauen. (= Stollwerck-Sammelalbum, No. 7.) Gebr. Stollwerck, Berlin/Pressburg/New York 1904.