mini|Seit 2013 das neue Logo des Vereins
Centropa ist ein international tätiges Oral-History- und Bildungsinstitut, das sich mit jüdischer Geschichte im 20. Jahrhundert befasst. Centropa wurde im Jahr 2000 mit Büros in Wien und Budapest gegründet. Zur Zeit unterhält Centropa Büros in Wien, Budapest, Hamburg und Washington, D.C. Seit 2026 befindet sich das Hauptbüro in Hamburg.
Centropa dokumentiert jüdische Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts und verwendet die daraus entstandenen Interviews, Fotografien und Dokumente für digitale Archive, Filme, Ausstellungen, Publikationen und Unterrichtsmaterialien. Ein Schwerpunkt liegt auf der jüdischen Alltags- und Familiengeschichte in Mittel- und Osteuropa, auf dem Balkan, im Baltikum und in Gebieten der ehemaligen Sowjetunion.
Zwischen 2000 und 2009 führte Centropa 1.230 Interviews mit älteren Jüdinnen und Juden in 15 europäischen Ländern. Im Zuge des Projekts wurden 25.664 private Familienfotografien und Dokumente digitalisiert. Im Jahr 2023 wurde die Centropa-Sammlung vom United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington, D.C. übernommen.
Geschichte
mini|Pal und Erno Friedmann im Urlaub in Bad Ischl, 1911
Das Oral-History-Projekt Centropa entstand im Jahr 2000. Ziel war es, die Erinnerungen älterer jüdischer Menschen in Mittel- und Osteuropa, auf dem Balkan, im Baltikum und in Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu dokumentieren.
Zu den Gründern des Projekts gehörten Edward Serotta sowie die Historikerinnen Eszter Andor und Dora Sardi. Ausgangspunkt war die Idee, nicht ausschließlich Erinnerungen an den Holocaust zu dokumentieren, sondern jüdische Lebensgeschichten über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg festzuhalten. Die Befragten berichteten daher unter anderem über Kindheit, Familie und Alltag, religiöse und kulturelle Traditionen, Verfolgung und Holocaust sowie über ihr Leben nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Interviews wurden zwischen 2000 und 2009 durchgeführt. Centropa interviewte dabei 1.230 ältere Jüdinnen und Juden in 15 Ländern. Anders als bei vielen videobasierten Zeitzeugenprojekten wurden die Interviews nicht gefilmt. Sie wurden als Audio aufgezeichnet, digitalisiert und transkribiert. Gleichzeitig digitalisierten die Interviewteams private Fotografien und Dokumente der Befragten und hielten die dazugehörigen Erinnerungen und Erläuterungen fest.
Insgesamt umfasst das Archiv 1.230 Interviews und 25.664 digitalisierte Familienfotografien und Dokumente. Die Interviews wurden in mehreren Sprachen geführt; mehr als tausend wurden ins Englische übersetzt.
Seit 2005 nutzt Centropa die Archivmaterialien zudem für thematische Internetangebote, Filme, Wanderausstellungen, Bildungsprogramme und illustrierte Bücher. Später kamen unter anderem Dokumentarfilme, digitale Stadtrundgänge und Podcasts hinzu.
Im Jahr 2023 übernahm das United States Holocaust Memorial Museum die Centropa-Sammlung. Das Museum beschreibt sie als eine Sammlung von 1.230 Audiointerviews in elf Sprachen mit annähernd 40.000 Seiten Transkriptionen sowie rund 25.000 privaten Fotografien und Dokumenten. Centropa verwendet die Materialien weiterhin für seine Bildungs- und Medienarbeit.
Organisation
Centropa besteht aus mehreren rechtlich selbstständigen Organisationen. In Österreich ist Centropa als Verein unter dem Namen Zentrum zur Erforschung und Dokumentation jüdischen Lebens in Ost- und Mitteleuropa registriert. In Deutschland besteht der Verein Zentrum für Jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e. V. mit Sitz in Hamburg. In Ungarn besteht die Centropa Alapítvány, in den Vereinigten Staaten das Central Europe Center for Research and Documentation, Inc. als gemeinnützige Organisation.
Centropa unterhält Teams in Hamburg, Wien, Budapest und Washington, D.C. Seit 2026 ist Fabian Rühle Executive Director von Centropa. Er arbeitet im Hamburger Büro und hatte zuvor das europäische Bildungsprogramm der Organisation aufgebaut.
Die Arbeit wird von Historikern, Pädagogen, Journalisten und Medienschaffenden getragen und richtet sich insbesondere an Schulen, Bildungseinrichtungen, Museen und Akteure der historisch-politischen Bildung.
Archiv
Das Oral-History-Archiv entstand im Rahmen des Projekts Jewish Witness to a European Century (deutsch etwa Jüdische Zeitzeugen eines europäischen Jahrhunderts). Es enthält lebensgeschichtliche Interviews, Fotografien und persönliche Dokumente zur jüdischen Alltags- und Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts.
Eine Besonderheit des Projekts ist die Verbindung lebensgeschichtlicher Interviews mit privaten Familienfotografien. Die Bilder dienen nicht lediglich als Illustrationen, sondern werden durch die Erinnerungen der Interviewten in ihren familiären und historischen Zusammenhang eingeordnet. Während der Gespräche wurden die Befragten nach den auf den Bildern dargestellten Personen, ihren Familien, Berufen, Schulen sowie nach ihrem alltäglichen Leben gefragt.
Die Interviews behandeln das Leben vor dem Zweiten Weltkrieg ebenso wie den Holocaust und die Nachkriegszeit. Dazu gehören unter anderem Erfahrungen jüdischer Familien unter kommunistischer Herrschaft sowie gesellschaftliche und politische Veränderungen gegen Ende des 20. Jahrhunderts.
Die Sammlung umfasst 1.230 Audiointerviews. Nach Angaben des USHMM wurden sie in elf Sprachen aufgenommen und ergeben zusammen annähernd 40.000 Seiten Transkriptionen. Hinzu kommen rund 25.000 Fotografien und persönliche Dokumente.
Bildungsarbeit
Seit Mitte der 2000er-Jahre bereitet Centropa Teile des Archivs für die Bildungsarbeit auf. Seit 2005 entstanden auf Grundlage der Interviews und Fotografien thematische Internetangebote, multimediale Filme, Wanderausstellungen, Bildungsprogramme und Bücher.
Seit 2007 arbeitet Centropa verstärkt mit Pädagogen an Bildungsprogrammen für Schulen in Europa, den Vereinigten Staaten und Israel. Aus ausgewählten Interviews entstanden biografische Kurzfilme, bei denen Fotografien aus dem Archiv mit den Lebensgeschichten der Interviewten verbunden werden.
mini|Centropa Summer Academy 2018
Centropa organisiert regionale und internationale Fortbildungen für Lehrkräfte. Dazu gehört die Centropa Summer Academy, bei der Pädagogen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen, sich mit jüdischer Geschichte und dem Holocaust beschäftigen und Methoden des biografischen und historischen Lernens diskutieren.
Bei Seminaren und Fortbildungen werden zudem jüdische historische Stätten besucht und Unterrichtsmaterialien entwickelt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf grenzüberschreitenden Schülerprojekten, bei denen Jugendliche die jüdische Geschichte ihrer Heimatorte erforschen und ihre Ergebnisse in digitalen Formaten präsentieren.
Zu den von Centropa verwendeten Formaten gehören neben Unterrichtsmaterialien und Kurzfilmen auch Dokumentarfilme, Podcasts, Ausstellungen, Bücher und digitale Stadtrundgänge.
Projekte
Neben dem Zeitzeugenarchiv betreibt Centropa internationale Bildungs- und Erinnerungsprojekte. Dazu gehören Wanderausstellungen, lokale Geschichtsprojekte, thematische Bildungswebsites sowie grenzüberschreitende Projekte mit Jugendlichen und Lehrkräften.
Das Centropa Jewish Network (CJN) dient der Vernetzung jüdischer Schulen in Europa und Israel.
Mit dem Projekt Trans.History wurden interdisziplinäre Bildungsangebote für Pädagogen, Jugendliche und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen aus der Ukraine und der Republik Moldau entwickelt und mit Austauschformaten für deutsche Pädagogen verbunden.
Weitere Projekte beschäftigen sich unter anderem mit jüdischem Leben auf dem Balkan, in der Ukraine und der Republik Moldau sowie mit der lokalen jüdischen Geschichte verschiedener Städte und Regionen Europas. Die Ergebnisse werden unter anderem als Filme, Podcasts, Ausstellungen, grafische Erzählungen und digitale Rundgänge veröffentlicht.
Ausstellungen
mini|Schauwände einer Centropa-Ausstellung in Litauen, November 2012
Seit 2005 entwickelt Centropa Wanderausstellungen mit unterschiedlichen thematischen und geografischen Schwerpunkten. Dabei werden Fotografien und Lebensgeschichten aus dem Archiv mit historischen Karten und erläuternden Texten verbunden.
Die Ausstellungen sind für den Einsatz unter anderem in Schulen, Bibliotheken, Museen und Kulturzentren konzipiert. Thematische Ausstellungen entstanden zu verschiedenen Aspekten der jüdischen Geschichte Mittel-, Ost- und Südosteuropas, darunter zu Litauen, Ungarn, Spanien, Bosnien und Herzegowina, Österreich, Polen und Rumänien.
Filmografie
Centropa veröffentlicht Dokumentarfilme und biografische Kurzfilme, die auf den Interviews und Materialien des Archivs beruhen. Zu den veröffentlichten Produktionen gehören unter anderem:
Dokumentarfilme Maps, Central Europe and History Survival in Sarajevo – Friendship in a Time of War The Krakow Slideshow Jewish Soldiers in the Austro-Hungarian Army El Otro Camino: 1942 A Life not Lived – The Jews of the Mosel Valley The Ladino Ladies' Club Epilogue – The Ones I Lost Eliezer Papo – Jews, the Balkans & History Aunt Rosie's Kitchen Searching for Hope: The Sarajevo Haggadah Peter Ginz and the Boys of Vedem
Biografische Filme
Österreich Herbert Lewin – Stories of my Life Leo Luster – The Past is Another Country Max Uri – Looking for Frieda, Finding Frieda Kitty and Otto Suschny – Only a Couple of Streets away from Each Other Kurt Brodmann – The Story of the Brodmann Family Lilli Tauber – A Suitcase full of Memories
Tschechien und Slowakei Jindrich Lion – My Escape from Prague Dagmar Lieblova – From Bohemia to Belsen...and back again Ernest Galpert – Growing up Religious Katarina Lofflerova – The Importance of a good Vacation
Deutschland Zahor – Remember Rosa Rosenstein – Living with History Erna Goldmann – From Frankfurt to Tel Aviv A Life not lived – The Jews of the Mosel Valley
Ungarn Introduction on Hungarian Jewish History Miksa Domonkos – The Mayor who worked in Hell Mariann Szamosi – The Women who taught me Everything Judit Kinszki – Love on a Paper Airplane Miklos Braun – The Wedding Photo Laszlo Nussbaum – Europe without Borders Jozsef Faludi – An Orthodox Childhood Panni Koltai – 3 Generations, 6 Weddings Piroska Hamos – Life on the Danube
Polen Teofila Silberring – So that Memory doesn't Die Mieczyslaw Weinryb – My Town of Zamosc The Krakow Slideshow
Rumänien Juci Scheiner – Love on a Motorcycle Aunt Rosie's Kitchen
Serbien Matilda Kalef – Three Promises
Bosnien und Herzegowina Hana Gasic – My Spanish Bosnian Life
Nordmazedonien Beno Ruso and Roza Kamhi: The Years make their Own
Bulgarien Leonita Arditi – An Actress looks Back Matilda Albuhaire – A Sephardic Family Story Larry and Rosa Anzhel – Married Twice in a Lifetime The History of Bulgarian Jewry during the Holocaust
Kroatien Rifka and Elvira – Coming of Age in a Time of War
Türkei Guler Orgun – A Turkish-Jewish-Muslim Tale
Griechenland Renée Molho – A Bookstore in Six Chapters
Ukraine Haya-Lea Detinko – Surviving Stalin's Gulag Return to Rivne – A Holocaust Story Arnold Fabrikant – Jewish Soldier's Red Star The Bogoslav Slideshow
Republik Moldau The Story of Ivan Barbul The Story of Tamara Koblik
Litauen The Centropa Lithuanian Slideshow Rana Malkhanova – A World Destroyed, a World to Remember
Publikationen
Tanja Eckstein, Julia Kaldori (Hrsg.): Wie wir gelebt haben: Wiener Juden erinnern sich an ihr 20. Jahrhundert. Mandelbaum Verlag, Wien 2008. Ruth Ellen Gruber (Hrsg.): To Begin Again: Jewish Life in Central and Eastern Europe since the fall of Communism in 1989. Centropa, 2009. Kinszki Imre 1901–1945. Fotográfiák / Photographs. Centropa, Wien / Vintage Galéria, Budapest 2009. Vienna Stories: Viennese Jews remember the 20th century in words and pictures. Centropa, Wien 2013. The Balkan Jewish Source Book. Centropa, Wien/Washington 2014. The Vienna Jewish Source Book. Centropa, Wien 2014.