Die Großsteingräber im Haldensleber Forst (häufig auch inkorrekt als Großsteingräber im Haldenslebener Forst bezeichnet) sind eine größere Gruppe jungsteinzeitlicher megalithischer Grabanlagen, die auf einer Fläche von etwa 20 km² auf den Gemeindegebieten von Haldensleben, Hohe Börde und Altenhausen im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt liegen. Zu den noch erkennbaren 78 Großsteingräbern gehören weitere 38, über die gesicherte Zeugnisse vorliegen, die aber primär im 19. und 20. Jahrhundert zerstört wurden. Damit weist der Forst eines der dichtesten Vorkommen von Megalithanlagen in Europa auf. 20 Gräber wurden bisher archäologisch untersucht.

Forschungsgeschichte 19. Jahrhundert Die Erforschung der Großsteingräber im Haldensleber Forst begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1864 wurde der Aller-Verein gegründet. Unter Leitung von dessen erstem Vorsitzenden Gustav Maass (1830–1901) wurden in den folgenden Jahren 50 Großsteingräber und 70 Hügelgräber erfasst und kartiert. Es erfolgte aber keine Publikation der Forschungsergebnisse.

In den 1890er Jahren widmete sich der Gymnasialdirektor Philipp Wegener (1848–1916) den Gräbern. Er führte 1895 eine Grabung auf dem vorgeschichtlichen Siedlungsplatz Rosmarienbreite durch. Zwischen 1896 und 1898 folgten Grabungen an wohl sieben Großsteingräbern. Wegener publizierte seine Forschungen allerdings nur unvollständig.Philipp Wegener: Beiträge zur Kenntniß der Steinzeit im Gebiet der Ohre. 1896Philipp Wegener: Zur Vorgeschichte von Neuhaldensleben und Umgegend. 1896.

20. Jahrhundert Der Zoologe und Botaniker Wilhelm Blasius (1845–1912) publizierte 1902 eine erste systematische Übersicht von 82 Gräbern mit Lage- und Baubeschreibungen.Wilhelm Blasius: Die megalithischen Grabdenkmäler bei Neuhaldensleben. 1902.

Der Bäckermeister und Heimatforscher Karl Stuhlmann (1878–1950) fertigte in den 1930er Jahren Grundrisszeichnungen im Maßstab 1:100 von 102 Fundstellen an, von denen 89 nach heutigem Kenntnisstand als Großsteingräber zu bewerten sind. Seine Arbeit fasste er 1934 in einem Manuskript zusammen.Karl Stuhlmann: Grundriß-Zeichnungen und einige Lagepläne der Hünengräber bei Neuhaldensleben. 1934.

Etwa zeitgleich mit Stuhlmanns Arbeiten führten Paul Grimm (1907–1993) und Franz Niquet (1910–1986) vom Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) (damals Landesanstalt für Volkheitskunde) Grabungen an den beiden Großsteingräbern DÖN 5 und DÖN 13 durch, von denen nur die erstere 1935 durch Niquet in einem kurzen Bericht publiziert wurde.Franz Niquet: Untersuchung eines Hünengrabes bei Dönstedt, Kreis Neuhaldensleben. 1935.

Durch die Erweiterung des Steinbruchs in Dönstedt wurden 1958/59 Untersuchungen an den Gräbern DÖN 8 und DÖN 9 nötig, die von Friedrich Schlette (1915–2003), Joachim Preuß (1927–2018) und Alexander Häusler (* 1930) vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg durchgeführt wurden. Ausführliche Grabungsberichte wurden von Schlette 1960 und 1962 publiziert.Friedrich Schlette: Untersuchung von Großsteingräbern im Haldenslebener Forst. 1960.Friedrich Schlette: Die Untersuchung einer Großsteingrabgruppe im Bebertal, Haldenslebener Forst. 1962.

Im Anschluss an diese Grabungen stellte der Bodendenkmalpfleger Bruno Rahmlow eine Liste mit 86 erhaltenen und 48 bekannten zerstörten Großsteingräbern zusammen und verzeichnete ihre Lage auf vergrößerten Messtischblättern.Bruno Rahmlow: Untersuchungen zur Bestandsaufnahme der Großsteingräber im Kreisgebiet. 1960; ergänzt durch Bruno Rahmlow: Nachtrag zu den Untersuchungen zur Bestandsaufnahme der Großsteingräber im Kreisgebiet. 1961 und Bruno Rahmlow: Untersuchungen zur Bestandsaufnahme der Großsteingräber im Kreisgebiet Haldensleben – 2. Nachtrag. 1971. Seine Arbeit diente der Unterschutzstellung der Anlagen.

In den 1960er Jahren fanden umfangreiche Vermessungen der Großsteingräber im Haldensleber Forst durch Mitarbeiter des Landesmuseums für Vorgeschichte statt. Diese sind aber weder publiziert noch öffentlich zugänglich.

Aufgrund der Erweiterung des Steinbruchs in Bebertal wurden zwischen 1966 und 1969 Untersuchungen an fünf weiteren Gräbern (ALV 14, ALV 33, ALV 39, ALV 40, ALV 42) nötig, die unter Leitung von Joachim Preuß erfolgten. Preuß publizierte hierzu 1970 erste VorberichteJoachim Preuß: Ausgrabung von Megalithgräbern im Haldenslebener Forst. 1970.Joachim Preuß: Ausgrabung von Megalithgräbern im Haldenslebener Forst – Vorbericht. 1970. und 1973 einen ausführlichen Grabungsbericht.Joachim Preuß: Megalithgräber mit Alttiefstichkeramik im Haldenslebener Forst. 1973.

Durch die ehrenamtliche Tätigkeit von Walter Saal seit den 1950er Jahren und von Siegfried Kuhnert seit den 1990er Jahren wurden im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) zahlreiche Pläne und Skizzen der Gräber zusammengetragen sowie Konkordanzlisten erstellt.

21. Jahrhundert Erste umfangreiche digitale Erfassungen der Anlagen führten in den 2000er Jahren Thomas Witzke und Reinhard Möws auf ihren privaten Websites durch.

mini|Ausgrabung am Großsteingrab Küsterberg im August 2010 Weitere Untersuchungen erfolgten zwischen 2009 und 2013 im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Schwerpunktprogramms SPP 1400: Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung als Kooperationsprojekt zwischen dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Eine erste 2009 von Matthias Lindemann geleitete Untersuchung des Fundplatzes HUN 15 ergab, dass es sich hierbei nicht um ein Großsteingrab, sondern um einen neuzeitlich umgestalteten Grabhügel handelt. Am ausführlichsten wurde Grab HUN 14 („Küsterberg“) in den Jahren 2010 und 2012–13 unter Leitung von Kay Schmütz untersucht. Weitere Grabungen erfolgten 2011–12 am Großsteingrab DÖN 10 unter Leitung von Barbara Fritsch und 2012 am Großsteingrab AHA 34 unter Leitung von Christoph Rinne. Rinne leitete außerdem zwischen 2010 und 2013 sowie 2016 die Neuvermessung aller Großsteingräber im Haldensleber Forst. 2019 legte er hierzu eine Publikation vor, in der er die Anlagen auch einer Revision unterzog und mehrere bislang für Großsteingräber gehaltene Fundstellen aus dem Bestand aussonderte.Christoph Rinne: Die Megalithgräber im Haldensleber Forst. 2019.

Das Grab DÖN 11 wurde 2014 von Karin Schwerdtfeger untersucht. Anlass hierfür war der Bau einer Ortsumgehung, durch den das Grab größtenteils zerstört worden wäre. Auch nach einer Änderung des Bebauungsplans und der Verlegung der Straßentrasse wurde nach Baumfällungen festgestellt, dass immer noch ein bedeutender Teil des Hünenbetts von den Baumaßnahmen betroffen war.Karin Schwerdtfeger: Ein Großsteingrab bei Bebertal, Lkr. Börde. 2021, S. 278.

Bisher sind 20 Anlagen oder deren Reste untersucht. Die Forschungen ergaben, dass die neolithischen Anlagen von den Trägern der Tiefstichkeramik, einer Gruppe der Trichterbecherkultur (TBK), errichtet wurden. Ihre Siedlungen fanden sich am Probsthorn (1977 entdeckt) und auf der Rosmarienbreite, südwestlich bzw. nordöstlich der Stadt Haldensleben.

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