mini|hochkant=1.4|Karte The Road From LONDON to the LANDS END aus dem 1675 erschienenen Straßenatlas Britannia. Bei seinen „strip maps“ projiziert Ogilby die einzelne Straße mitsamt allen Wegmarken auf einen imaginären Papierstreifen und erzählt damit gleichsam den Reiseverlauf zwischen Anfangs- und Endpunkt für den Betrachter nach. John Ogilby (* November 1600 in oder bei Edinburgh; † 4. September 1676 in London) war ein schottischer Tänzer, Tanzmeister, Impresario, Übersetzer klassischer Epen und Fabeln, Dichter, Buchhändler, Verleger, sowie königlicher Zeremonienmeister, Buchdrucker und Kosmograph.
Ogilbys frühe Karriere als Tänzer endete bereits 1621, als er einen Unfall erlitt und von diesem Zeitpunkt an auf einem Bein lahm war. Danach kam Ogilby nach Irland, wo ihn der englische Statthalter Thomas Wentworth als Tanzmeister und Schreiber engagierte. Er gründete mit dem Werburgh Street Theatre Dublins erstes Theater und war von 1638 an als Master of the Revels für die Vergabe von Lizenzen für Masques und Theateraufführungen in Irland zuständig.
Nach Ausbruch des Bürgerkriegs in England 1641 wurde sein Gönner Wentworth auf dem Schafott hingerichtet und das Schauspielhaus in Dublin geschlossen. Daraufhin kehrte Ogilby nach England zurück, lernte Latein und Griechisch und übersetzte Vergil, Äsop und Homer ins Englische. Mit den Aesopicks, einer auf den Fabeln Äsops basierenden und durch eigene Geschichten erweiterten satirischen Verserzählung, kritisierte Ogilby die politischen und gesellschaftlichen Zustände in England.
Seine Werke ließ Ogilby von Künstlern wie Wenzel Hollar oder Francis Cleyn illustrieren. Durch ästhetisch aufwendig gestaltete Ausgaben erwarb er sich ein Renommee, das ihm unter anderem den Auftrag verschaffte, den Krönungsfestzug Karls II. durch die Londoner City im Jahr 1661 in einem Prachtband zu dokumentieren (The Entertainment of … Charles II). Als Verleger gehörte Ogilby zu den Pionieren der Subskription im englischen Verlagsgeschäft des 17. Jahrhunderts.
Im Jahr 1671 gründete Ogilby eine eigene Druckerei und konzentrierte sich auf die Herausgabe geographischer Werke. Am bekanntesten wurde der 1675 veröffentlichte Atlas Britannia. Mit seiner spezifischen Art der Darstellung bestimmte Ogilbys Britannia Straßenpläne bis weit ins 18. Jahrhundert und gilt heute als Meilenstein in der Entwicklung von Straßenatlanten.
Leben und Werk
Herkunft und Jugend mini|Ogilbys Horoskop, erstellt von Elias Ashmole. Auf seinen Geburtsort angesprochen, gab Ogilby in späteren Jahren an, er wolle ihn nicht offenlegen, damit – wie im Falle Homers – mehrere Orte das Recht für sich beanspruchen könnten, ihn ihren Sohn zu nennen.MS. Aubrey 8, fol. 46, zitiert in Clark, Brief Lives, Band 2, S. 99–105. Vgl. hierzu auch Van Eerde: John Ogilby. S. 15. Allgemein wird angenommen, dass Ogilby in oder nahe bei Edinburgh geboren wurde.Van Eerde: John Ogilby. S. 15. Allerdings weisen die Taufregister von Edinburgh laut Katherine Van Eerde, der maßgeblichen Biographin Ogilbys, für die Jahre um 1600 keinen Ogilby aus.Van Eerde: John Ogilby. S. 15.
Ein von Ogilbys Freund Elias Ashmole erstelltes Horoskop (Abbildung) enthält in der Mitte die Angabe
Nov. 17, 1600, 4 A.M. Mr. Jo. Ogilby of Kellemeane, 10 myles north from DundeeBodleian Library, Oxford: Ashmolean 332, f. 35v. Ein zweites Horoskop ist auf den 20. Dezember 1653 datiert. Katherine Van Eerde nimmt an, dass beide Horoskope zur selben Zeit entstanden sind. Van Eerde, John Ogilby, Fußnote 2 zu Kapitel 1, S. 153.
Folgt man Ashmole, so wurde Ogilby also in einem Ort namens ‚Kellemeane‘ zehn Meilen nördlich von Dundee geboren. Während Ogilbys Biographin Van Eerde diesen Ort nicht identifizieren konnte,Van Eerde, John Ogilby. S. 15. nimmt Margret Schuchard an, dass es sich dabei um den kleinen Ort Kirriemuir handelt.Schuchard, John Ogilby. S. 16.
Ogilby hat nur wenige Jahre seiner Jugend in Schottland verbracht. Van Eerde vermutet, dass die Familie bald, nachdem Jakob VI. von Schottland 1603 als Jakob I. den englischen Thron bestiegen hatte, nach London übergesiedelt ist.Van Eerde, John Ogilby. S. 16. Im Jahr 1606 erwarb Ogilbys Vater das Londoner Bürgerrecht und gleichzeitig die Mitgliedschaft in der im 14. Jahrhundert gegründeten Merchant Taylors’ Company, eine der Livery Companies der City of London.Merchant Taylors Guild Records, IV, 1595–1607, f. 246r. Dazu Van Eerde, John Ogilby. S. 16 sowie Schuchard, John Ogilby. S. 17f. Laut John Aubreys Kurzbiographie in seinem Werk Brief Lives verschwendete Ogilbys Vater sein Vermögen und wurde 1612 aufgrund seiner Schulden im King’s Bench Prison inhaftiert.Hinweise zu John Ogilby finden sich in Aubreys Brief Lives, Band 2, S. 99–105, und seinen Letters by Eminent Men and Lives of Eminent Men, Band 3, S. 466–470. Zum Quellenwert ist anzumerken, dass Aubrey Fakten zum Teil inkorrekt und widersprüchlich wiedergibt. Durch einen Lotteriegewinn gelang es dem gerade zwölfjährigen John Ogilby noch im selben Jahr, die Gläubiger seines Vaters auszuzahlen und ihn damit aus dem Schuldgefängnis freizukaufen.
Tanzmeister mini|Entwurf eines Kostüms für ein Maskenspiel der Stuartzeit (Inigo Jones, frühes 17. Jahrhundert). mini|Tochter des Niger – Kostümentwurf von Inigo Jones für The Masque of Blackness
Kurz nach der Freilassung seines Vaters begann Ogilby eine Tanzausbildung bei John Draper in der Londoner Gray’s Inn Lane. Van Eerde vermutet, dass sich Ogilbys Familie auch nach der Freilassung des Vaters in einer finanziell schwierigen Lage befand und der junge Ogilby sich deshalb zu einer Ausbildung als Tanzmeister entschloss.Van Eerde, John Ogilby. S. 17.
Es spricht einiges dafür, dass Ogilby beim Tanzen eine ausgesprochene Begabung bewies. Er absolvierte seine Lehrzeit in fünf Jahren und damit in kürzerer Zeit als den vorgeschriebenen sieben. Anschließend gründete er seine eigene Tanzschule. Bald darauf wurde der Herzog von Buckingham auf ihn aufmerksam und engagierte ihn für ein Maskenspiel zu Ehren Jakobs I.
Der Herzog von Buckingham war für die Ausrichtung prunkvoller Maskenspiele bekannt. Den Text für die Aufführung im Jahr 1621 gab Buckingham bei dem Bühnenautor Ben Jonson in Auftrag, den Jakob I. seit Jahren als Maskenspielautor schätzte. Aufgeführt wurde das Stück Die verwandelten Zigeuner (engl. The Gypsies Metamorphosed) auf Buckinghams festlich hergerichtetem Landsitz Burley-on-the-Hill. Buckingham und seine Höflinge schlüpften in die Rolle von Zigeunern, lasen den zuschauenden Mitgliedern des Hofes aus der Hand und sagten schließlich auch dem alternden König eine schmeichelhafte Zukunft voraus.Vgl. hierzu Schuchard, John Ogilby. S. 16f. Dieser war begeistert und bat darum, das Stück noch zweimal sehen zu können. Bei einer dieser Aufführungen fand John Ogilbys Tanzkarriere ein jähes Ende. Er zog sich eine Bänder- oder Knorpelverletzung im Knie zu und lahmte für den Rest seines Lebens auf einem Bein.
Auch nach seinem Unfall blieb Ogilby dem Tanzen treu, allerdings in gewandelter Rolle: In den 1620er und 30er Jahren arbeitete er als Tanzlehrer auf dem Gut des Landedelmanns Robert Hopton in Witham, Somerset, und knüpfte weitere Beziehungen zu Personen am Hofe. Vermutlich mit Hilfe dieser Beziehungen erhielt er 1633 eine Anstellung bei Sir Thomas Wentworth. Einen Monat nachdem Wentworth vom König zum Statthalter von Irland ernannt worden war, folgte Ogilby ihm nach Dublin und unterrichtete Wentworths Kinder sowie Wentworths junge und gesellschaftlich unerfahrene Frau.Vgl. hierzu Schuchard, John Ogilby. S. 22 sowie Van Eerde, John Ogilby. S. 22.
Schauspieldirektor Als Statthalter von Irland kümmerte Wentworth sich nicht allein um die Verwaltung des Landes, er schuf auch seinen eigenen Hof nach dem Vorbild des Königshofes in London. Zu einem solchen gehörte auch ein Theater, und so erhielt Ogilby die Befugnis, das erste Theater Irlands zu errichten.
Unter Ogilbys Aufsicht entstand das Werburgh Street Theatre in direkter Nähe von Dublin Castle. Die größte Herausforderung hierbei war, gute Schauspieler und Musiker in das ferngelegene Dublin zu locken. Dabei kam Ogilby der Zufall zu Hilfe: Aufgrund einer schweren Seuche mussten alle Londoner Theater zwischen Mai 1636 und Oktober 1637 schließen, und so konnte Ogilby, der ausgezeichnete Beziehungen zur Theaterwelt in London besaß, zahlreiche renommierte Künstler für sein Theater in Dublin engagieren.
Einige der während dieser Zeit aufgeführten Stücke stammten aus der Feder von bekannten Bühnenautoren wie Thomas Middleton, John Fletcher und Ben Jonson. Chefdramaturg des Theaters in der Werburgh Street war aber James Shirley. Shirley führte eine Reihe seiner älteren Stücke erneut auf und schrieb während seiner Zeit in Dublin mindestens drei neue (Rosania, The Royal Master und St. Patrick for Ireland), die im Werburgh Street Theatre uraufgeführt wurden. Mit The Merchant of Dublin schrieb auch Ogilby ein neues Stück, das zwar aufgeführt, aber nie gedruckt wurde.Van Eerde, John Ogilby. S. 23.
Im Jahr 1638 berief Wentworth Ogilby zum Master of the Revels für Irland; als solcher war Ogilby für die Vergabe von Lizenzen für Maskenspiele und Theateraufführungen zuständig. Ohne diese Lizenzen war keine Form der öffentlichen Unterhaltung erlaubt, und die Lizenzgebühren flossen in Ogilbys Taschen.
Übersetzer und Dichter Im Jahr 1641 fand Ogilbys Aufstieg ein jähes Ende. Im Mai wurde sein Gönner Wentworth nach kurzem Prozess wegen Hochverrats im Tower von London hingerichtet. Nur wenige Monate später brach der Aufstand der katholischen Iren in Dublin aus, und Irland versank im Bürgerkrieg. Aus Ogilbys Werburgh Street Theatre wurde im Laufe der Kriegswirren ein Pferdestall der städtischen Miliz.Schuchard, John Ogilby. S. 31.
Irgendwann in den 1640er Jahren verließ Ogilby Irland und kehrte nach England zurück.Schuchard, John Ogilby. S. 33, geht davon aus, dass Ogilby im Sommer 1647 nach London zurückkehrte. Laut Van Eerde, John Ogilby. S. 27, ist das genaue Jahr seiner Rückkehr nicht bekannt. Zunächst ging er nach Cambridge, wo er an der Schule seines Freundes James Shirley Latein- und Griechischunterricht nahm.Die Angaben zu Ogilbys Fremdsprachenkenntnissen gehen auseinander: Van Eerde, John Ogilby. S. 16 geht – Aubrey folgend – davon aus, dass Ogilby bereits in jungen Jahren Sprachkenntnisse in Latein besaß und diese dann in späteren Jahren auffrischte; Schuchard, John Ogilby. S. 36, gibt an, Ogilby habe erst während seiner Theaterzeit in Dublin mit dem Erlernen der lateinischen Sprache begonnen. Beide stimmen darin überein, dass Ogilby frühestens in den 1640er Jahren Griechischkenntnisse erwarb. Für das Jahr 1648 ist sein Aufenthalt in London belegt.Van Eerde, John Ogilby. S. 27. Wovon er dort zunächst seinen Lebensunterhalt bestritt, ist nicht bekannt.
Im März 1650Schuchard gibt als Heiratsdatum den Februar 1651 an. Van Eerde, John Ogilby. S. 27, konnte anhand der Tauf-, Heirats- und Sterberegister des Parish St. Peter-le-Poor belegen, dass es sich tatsächlich um den 14. März 1649 [1650 nach dem Gregorianischen Kalender] handelt. heiratete er ChristianSchuchard, John Ogilby. S. 33, gibt den Vornamen von Ogilbys Frau fälschlich als ‚Christiana‘ wieder. Der Name ‚Christian‘ war so ungewöhnlich, dass sie in einem späteren Testament Ogilbys als ‚Catherine‘ aufgeführt wird. Van Eerde, John Ogilby. S. 28, vermutet, dass ihre Familie den Puritanern angehörte. Hunsdon, die wohlhabende Witwe von Thomas Hunsdon, einem Mitglied der Londoner Merchant Taylors’ Company. Christian Hunsdon war vermutlich nur wenige Jahre jünger als ihr zum damaligen Zeitpunkt fünfzigjähriger Ehegatte. Sie hatte drei Kinder aus erster Ehe, und es wird allgemein angenommen, dass sie ein Vermögen in die Ehe mitbrachte, das der gerade aus Irland geflüchtete Ogilby dringend für seine Tätigkeit als Übersetzer und Schriftsteller benötigte.Van Eerde, John Ogilby. S. 28 sowie Schuchard, John Ogilby. S. 33.
Vergil