Das KZ-Außenlager Saulgau war ein Außenlager des KZ Dachau und bestand von August 1943 bis April 1945 in der oberschwäbischen Stadt Saulgau im heutigen Baden-Württemberg.
Die etwa 400 Häftlinge des Außenlagers, das von dem Unternehmen Luftschiffbau Zeppelin unterhalten wurde, produzierten Einzelteile des Aggregats 4; einer Rakete, die unter der Propagandabezeichnung „Vergeltungswaffe 2“ bekannt wurde.
Geschichte Entstehung des Außenlagers Das Außenlager Saulgau entstand ab August 1943 im Zuge der Verlagerung kriegswichtiger Betriebe aus Friedrichshafen, einem Zentrum der Rüstungsindustrie des nationalsozialistischen Deutschen Reiches. Die Entscheidung zur Verlagerung der Rüstungsproduktion fiel vermutlich im zweiten Quartal 1943 und dürfte durch einen britischen Luftangriff am 21. Juni 1943 beschleunigt worden sein, bei dem auch die Zeppelinwerke in Friedrichshafen getroffen wurden. Die Zeppelinwerke produzierten Einzelteile des Aggregats 4, seit Juni 1943 auch unter dem Einsatz von KZ-Häftlingen, die im dortigen Außenlager untergebracht waren.
Als neuer Standort für die Produktion von Einzelteilen für das Aggregat 4 wurde das knapp 50 Kilometer nördlich von Friedrichshafen gelegene, ländlich geprägte Saulgau ausgewählt. Die dort ansässige Erntemaschinenfabrik Bautz hatte 1942 die „Binderhalle“, eine Produktionshalle für Bindemäher, errichtet, die für die Produktion der Raketenteile geeignet erschien. Die Firmenleitung von Bautz wandte sich anfänglich gegen die Umwidmung ihres Betriebes, gab dann aber dem Druck von Gestapo, ihres eigenen Aufsichtsratsvorsitzenden, örtlicher NSDAP-Funktionäre sowie der Zeppelinwerke nach.Knoll, Saulgau, S. 477. Aus Sicht des nationalsozialistischen Regimes war die Produktionsverlagerung nach Saulgau erfolgreich: Die Nutzung der Fabrik in Saulgau zur Raketenproduktion entging der britischen Luftaufklärung; bis Kriegsende kam es zu keinen Luftangriffen auf Saulgau.
Im August 1943 wurden die ersten 50 Häftlinge vom Außenlager Friedrichshafen nach Saulgau verlegt. Zunächst mit Umbauarbeiten in der Binderhalle von Bautz beschäftigt, wurden die Häftlinge wenige Wochen später zum Bau des Außenlagers in Saulgau eingesetzt. Das auf eine Kapazität von 600 Häftlingen ausgelegte Lager wurde in unmittelbarer Nachbarschaft zum Werksgelände von Bautz zwischen zwei Ausfallstraßen errichtet. Auf einem rechteckigen Gelände entstanden vier Baracken als Unterkünfte für die Häftlinge, eine Küchenbaracke, eine Waschküche sowie ein Kohlenlager. Das Lager war mit doppeltem, zeitweise elektrisch geladenem Stacheldraht umzäunt. In den vier Ecken befanden sich 4,5 Meter hohe Wachtürme, auf denen sich ständig bewaffnete Posten aufhielten. Außerhalb des Lagers entstand eine Baracke für die Wachmannschaft der SS. Der Aufbau des Lagers war im Dezember 1943 beendet.
Häftlinge, Wachmannschaft und Haftbedingungen In der Produktionsphase zwischen Januar 1944 und März 1945 befanden sich etwa 350 bis 430 KZ-Häftlinge in Saulgau. Einer Aufstellung vom 13. Januar 1945 zufolge waren von den 433 Häftlingen 364 aus politischen Gründen in „Schutzhaft“; 34 Häftlinge wurden von der SS als „Asoziale“ klassifiziert und weitere 35 als „Kriminelle“. Ein Drittel der Häftlinge stammte aus der Sowjetunion, ein Viertel waren deutsche Staatsangehörige, ein Fünftel kam aus Polen. 48 Häftlinge waren Funktionshäftlinge, die von der SS als Aufseher im Arbeitseinsatz oder zu anderen Kontroll-, Ordnungs- und Verwaltungsaufgaben gegenüber Mitgefangenen eingesetzt wurden.Zahlenangaben bei Knoll: Saulgau. S. 479. Metzler: Kommandosache. S. 77 f.
Die Wachmannschaft bestand aus maximal 30 SS-Angehörigen, von denen vermutlich 40 % Volksdeutsche waren. Zudem waren vier Wachhunde vorhanden. Schutzhaftlagerführer war SS-Obersturmführer Georg Grünberg, der die gleiche Funktion auch im Außenlager Friedrichshafen und später im KZ-Außenlager Überlingen-Aufkirch ausübte und nur tageweise in Saulgau anwesend war. Hans Nikol Sengenberger war als Oberscharführer Lagerführer. Sengenbergers Führungsstil war nach späteren Häftlingsaussagen von persönlichen Schikanen und Einschüchterungen gekennzeichnet; in der Lagerhierarchie förderte er die kriminellen Häftlinge.Metzler: Kommandosache. S. 141 f. Am 1. Dezember 1944 wurde Sengenberger durch den SS-Hauptsturmführer Ludwig Geiß abgelöst, zuvor Lagerkommandant im KZ-Außenlager Germering. Geiß wird von Häftlingen als Ausnahmeerscheinung in der SS geschildert und als „korrekt“, „mitfühlend“, „hochanständig“ und „human“ charakterisiert.Metzler: Kommandosache. S. 143. Beim Eintreffen in Saulgau verbot er den Wachmannschaften jegliche Brutalität und Schikane; in der Folgezeit kaufte er zusätzliche Lebensmittel ein und besorgte Medikamente für die Häftlinge.
Als Lagerältester, die höchste Position, die ein Häftling erreichen konnte, fungierte ein 1911 geborener Uhrmacher, der nach mehreren Vorstrafen 1935 wegen Diebstahls zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war und ab 1940 als krimineller Häftling im KZ Dachau inhaftiert war. Dort war er Versuchsperson bei den Malariaversuchen des KZ-Arztes Claus Schilling. Als Lagerältester genoss er besondere Vorrechte wie ein eigenes, geräumiges Zimmer. Gedeckt von der SS konnte der Lagerälteste in Saulgau ein brutales Regime etablieren; in Berichten der Häftlinge wird er für viele Fälle der Anordnung von Prügelstrafe verantwortlich gemacht.Metzler: Kommandosache. S. 115 f. mini|hochkant|Stadtmuseum Bad Saulgau: V2-Halbschale wohl aus der Produktion 1945 In Saulgau wurden Teile der beiden Treibstofftanks und die sogenannten Halbschalen des Aggregats 4 produziert. Zwei Halbschalen dienten zur Außenverkleidung des Mittelstücks des Aggregats 4. In der Binderhalle arbeiteten gleichermaßen Zivilbeschäftigte wie auch KZ-Häftlinge unter Aufsicht von Industriemeistern der Firma Bautz. Die Friedrichshafener Zeppelinwerke behielten die Produktionsverantwortung. Von Januar bis Ende September 1944 wurden 1179 Halbschalen produziert, insgesamt dürfte für etwa die Hälfte der V2-Raketen Halbschalen aus Saulgau verwandt worden sein.Zahlenangaben bei Knoll: Saulgau. S. 478. Metzler: Kommandosache. S. 198 ff. Die in Saulgau produzierten Raketenteile wurde per Bahn in das KZ Dora-Mittelbau transportiert, wo die Endmontage des Aggregats 4 erfolgte. Einer Liste vom 13. Januar 1945 zufolge wurden 372 KZ-Häftlinge bei der Produktion eingesetzt, hiervon waren 213 Hilfsarbeiter und 159 Facharbeiter, überwiegend aus metallverarbeitenden Berufen.Metzler: Kommandosache. S. 191f. Auch während der elfstündigen Schichten in der Binderhalle wurden die Häftlinge von Kapos und Wachposten geschlagen oder unter dem Einsatz von Wachhunden misshandelt; der Produktionsleiter ohrfeigte die Gefangenen oder verweigerte ihnen die Zwischenmahlzeit.Metzler: Kommandosache. S. 145 ff. Materialmangel unterbrach zeitweise die Produktion der Raketenteile. In diesen Zeiten wurden die Häftlinge für andere Arbeiten eingesetzt, insbesondere bei Bauarbeiten für die Stadt Saulgau, aber auch bei der Suche nach Blindgängern nach Luftangriffen im Umland von Saulgau.
Zeitzeugeninterviews zufolge war den Einheimischen die Rüstungsproduktion bekannt. Die KZ-Häftlinge transportierten Raketenteile auf Handwagen durch Saulgau, da die Teile zur Sicherung gegen Luftangriffe dezentral gelagert wurden. Das Außenlager war nicht von einer Mauer umgeben, so dass von zwei Ausfallstraßen Einsichtmöglichkeiten auch auf den Appellplatz bestanden. Appelle dauerten bis zu drei Stunden unter ständigem Strammstehen, auch bei Dauerregen oder hochsommerlichen Temperaturen.Zahlenangaben bei Knoll: Saulgau. S. 479 f. Metzler: Kommandosache. S. 146. Zwei Frauen aus Saulgau unterhielten tote Briefkästen, mit deren Hilfe KZ-Häftlinge Nachrichten an ihre Angehörigen senden konnten, ohne dass diese der Postzensur unterlagen.Metzler: Kommandosache. S. 158.
Aus den erhaltenen Unterlagen über das Außenlager Saulgau lässt sich kein klares Bild über Fluchtversuche von Häftlingen gewinnen. Vermutlich gab es etwa zehn, zum Teil erfolgreiche Fluchtversuche. Übereinstimmenden Zeitzeugenberichten zufolge stöberte 1944 eine Menschenmenge aus Landwirten, Volkssturm, Frauen und Schülern einen entflohenen Häftling in einem Wald bei Boos auf. Der Häftling entzog sich seiner Festnahme durch Suizid; zuvor war er durch einen aus der Menge abgefeuerten Schuss am Fuß verletzt worden.Metzler: Kommandosache. S. 166 f.
Die Ernährung der Häftlinge war von Eintönigkeit, zu knappen Portionen und minderwertigen, teilweise angefaulten Nahrungsmitteln gekennzeichnet. Das Frühstück bestand aus 200 Gramm Brot pro Häftling und Tee, in der Binderhalle gab es vormittags eine Brotzeit mit etwas Wurst und Margarine; das Mittagessen war in der Regel eine Steckrübensuppe, zum Abendessen gab es abwechselnd Suppe oder ein kaltes Vesper. Aus Hunger nahmen Häftlinge Zugriff auf das Futter der Wachhunde oder Kartoffellieferungen, die für die Betriebsküche von Bautz bestimmt waren. Angestellte von Bautz versuchten auf teilweise illegalem Wege, den Häftlingen zusätzliche Nahrungsmittel zukommen zu lassen.Metzler: Kommandosache. S. 150 ff. Trotz besserer sanitären Verhältnissen als in anderen Konzentrationslagern gelang es in Saulgau nicht, die Läuse- und Wanzenplage in den Häftlingsbaracken unter Kontrolle zu bringen. Bis März 1945 starben sechs Häftlinge in Saulgau, Todesursache waren Krankheiten oder Arbeitsunfälle. Im Vergleich zu den Außenlagern Friedrichshafen und Überlingen-Aufkirch, aber auch in denen des Unternehmens Wüste an der Schwäbischen Alb, gelten die Haftbedingungen in Saulgau als etwas günstiger. Als Ursache wird die Bedeutung gesehen, die das nationalsozialistische Regime den „Vergeltungswaffen“ beimaß:
Bekannte Häftlinge mini|hochkant|Stadtmuseum Bad Saulgau: Häftlingskleidung von Ivan Matijašić; der rote Winkel weist ihn als politischen Häftling aus. Ivan Matijašić wurde 1916 in Kroatien geboren. Weil er jugoslawischen Partisanen ärztliche Hilfe geleistet hatte, wurde er im Herbst 1943 in seiner Heimatstadt Pazin verhaftet und kam über Triest am 16. Januar 1944 in das KZ Dachau und im Juni nach Saulgau. Hier trat er die Nachfolge des verstorbenen Häftlingsarztes an. Vielen Häftlingen konnte er das Leben retten. Nach der Befreiung des Lagers am 23. April 1945 wurde Matijašić zum Chefarzt des Saulgauer Kreiskrankenhauses ernannt. Im August desselben Jahres kehrte er in seine kroatische Heimat zurück.Informationstafel 2811 in der KZ-Gedenkstätte Dachau; August 2013
Endphase als Lazarettlager Die Verlegung von 151 Häftlingen von Saulgau in das Außenlager Überlingen-Aufkirch am 25. Februar 1945 führte zu einem Rückgang der in Saulgau produzierten Raketenteile. Endgültig eingestellt wurde die Produktion am 30. März. Am 4. April sollten 254 Häftlinge per Zug in das KZ Dora-Mittelbau verlegt werden. Wegen Luftangriffen wurde dieser Zug ins KZ Dachau umgeleitet, wo er am 8. April ankam. Viele Häftlinge aus Saulgau nahmen an den Todesmärschen von Dachau Richtung Tirol teil, einigen gelang dabei die Flucht.